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Kurze Geschichten

Harry


Unkorrigierte Leseprobe
© Rolf Robert
Frankfurt 2003

FrĂŒh am nĂ€chsten Morgen machten wir uns auf den Weg zum TruppenĂŒbungsplatz nach Grafenwöhr
Wir waren zu dritt, der Fahrer ein Jungfuchs der gerade erst seine Grundausbildung und den FĂŒhrerschein gemacht hatte. Er schiess sich vor lauter Respekt vor mir und dem Stabsunteroffizier fast in die Hose. Der StUffz war ein Zeitsoldat von der schlimmsten Sorte. Gleich nach dem Abitur fĂŒr zwölf Jahre verpflichtet, kaum Ă€lter als ich. Dumm und arrogant. Aus diesem Material werden Helden gemacht. Mann, hatte der es wichtig! In der Kompanie hatten wir ihm den Spitznamen Judy gegeben, denn er hatte einen eigenartigen, affenartigen Gang mit schwingenden Armen. Als wir zum ersten Mal tanken mussten, da meinte Judy ich solle ihm aus der Raststelle was zu Essen holen. Ich tat als hĂ€tte ich das nicht gehört und ging erst mal zum Pissen. Als ich zurĂŒck kam, lehnt er lĂ€ssig am unserem MAN und ich sah ihm schon von weitem an, das er jetzt Ärger machen wĂŒrde. Der Fahrer stand auf der anderen Wagenseite und tankte noch immer. In so einen MAN passt halt schon was rein, das dauert.
Gerade als ich den Fuß auf die unterste Sprosse der Leiter stellen wollte um zum FĂŒhrerhaus hochzusteigen, fauchte er mich von der Seite an. „Hey, habe ich was von Aufsitzen gesagt?“. Ich nahm den Fuß betont langsam wieder von der Sprosse und stand direkt vor ihm auf dem Boden. Ich merkte es war ihm zu nah, aber er konnte nicht nach hinten ausweichen.  „Hast du was gesagt, Judy? Pass mal auf, weißt du was das hier ist?“, dabei zeigte ich auf das Maßband das ich zusammengerollt am Revers meiner Uniformjacke trug, „das sind die Tage die ich noch beim Bund bin und meine Zeit mit solchen Arschlöchern wie dir verbringen muss. FĂŒr jeden Tag noch einen Zentimeter. So ein langes Maßband fĂŒr deine restlichen Tage hier, das gibt es gar nicht. Du bist ein armes Schwein, dass dir nichts besseres einfĂ€llt als nach dem Abi zum MilitĂ€r zu gehen. Und jetzt geh mir aus der Sonne und lass mich in Ruh. Sonst quetsch ich dir die Eier ab. Einzeln!“.
Dabei packte ich ihn im Schritt und tat was ich ihm bereits verbal angekĂŒndigt hatte. Seine Augen traten vor und wurden groß. Er hatte wirklich Angst um seine HodenbĂ€llchen. Panik stand in seinen Augen und so jemand sollte andere Menschen fĂŒhren.
„Ich zeige Sie an, dafĂŒr gehen Sie in den Bau. Das ist ein tĂ€tlicher Angriff auf einen Vorgesetzten. Das hat Konsequenzen. DafĂŒr werde ich sorgen“, stieß er hervor, wobei ihm vor lauter Aufregung der Speichel ĂŒber das Kinn lief und der Angstschweiß auf der Stirn stand.
„NatĂŒrlich, stimmt alles. Du hast recht. DafĂŒr gehe ich in den Bau. Aber erst musst du Anzeige erstatten und deinen Vorgesetzten erklĂ€ren, wie dir ein niedriger Dienstgrad mitten auf einer Autobahnraststelle am helllichten Tag die Eier zusammenquetschen konnte ohne dass es jemand gesehen hat. Das macht sich sicher hervorragend in deiner Personalakte. Du hast immerhin noch etwa zehn Jahre Bundeswehrkarriere vor dir. Oder willst du als StUffz entlassen werden?“.
Ich nahm die Hand langsam von seinen Hoden und merkte wie er ausatmete und sich entspannte. Dann nahm ich eine Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche und bot ihm eine Zigarette an.  Als der wehrpflichtige Fahrer um die Stoßstange des MAN kam, sah es aus als wollten wir gerade eine Zigarette zusammen rauchen.
„Hey, das ist eine Tankstelle, hier ist Rauchen verboten“, rief er uns erschreckt zu. Na prima, daran wĂŒrde er sich bei einer spĂ€teren Zeugenaussage sicher genau erinnern. Judy hatte anscheinend den gleichen Gedanken. Ich nickte ihm unmerklich zu, lĂ€chelte leicht und steckte die Zigaretten wieder ein. Dann stieg ich nach oben ins FĂŒhrerhaus. Judy hatte jetzt nichts mehr dagegen.

Wir trafen mit unserem Lastwagen erst spÀt am Abend in Grafenwöhr ein und mussten eine Weile suchen, bis wir die richtige Kompanie gefunden hatten. Ich hatte bereits im MAN vorgeschlafen, wÀhrend sich die beiden anderen beim Fahren abgewechselt hatten.
Jetzt standen wir in der Schreibstube der Kompanie vor einem verschlafenem gorillaartigem Hauptgefreiten und wollten wissen, wo wir die Nacht ĂŒber untergebracht werden. Er gĂ€hnte erst mal ausgiebig, kratzte sich dann am RĂŒcken und meinte dann: „Woher soll ich das wissen, wir hatten hier heute alle HĂ€nde voll zu tun, die ganze Kompanie umzuquartieren. In der uns zugeteilten Baracke, die uns von den Amerikanern ĂŒbergeben wurde, waren massenhaft LĂ€use. Die Baracke musste gerĂ€umt und desinfiziert werden. Wir können erst in drei oder vier Tagen wieder rein. Bis dahin ist unsere Kompanie ĂŒber das ganze GelĂ€nde verteilt worden. Jedes Bett ist belegt. Ich hab keine Ahnung wo ihr pennen könnt. Unsere Offiziere sind in einem Hotel in der Stadt untergebracht.“
Und an Judy gerichtet meinte er dann: „Da kann ich fĂŒr Sie vielleicht noch ein Zimmer bekommen. Wenn Sie wollen rufe ich da gleich mal an.“
Judy nickte heftig.
„FĂŒr euch Kameraden kann ich leider gar nichts tun. Sorry, ihr mĂŒsst selbst gucken, wo ihr bleiben könnt.“
Judy wollte noch was sagen, aber ich winkte ab. „Ich mach das schon, ich kĂŒmmere mich auch um unseren Jungfuchs. Wir sehen uns dann morgen FrĂŒh. Gute Nacht“.
Dann packte ich den Wehrpflichtigen am Arm und zog ihn aus der Schreibstube. „Wo sollen wir denn jetzt hin“, meinte er weinerlich.
„Na auf den Laster natĂŒrlich. Hinten auf der Pritsche liegt ein Tarnnetz. Das ist eine prima Matratze. Schlafsack drauf und fertig ist das Himmelbett. Jetzt brauchen wir nur noch einen schönen, ruhigen und gĂŒnstig gelegenen Parkplatz“.
„FĂŒr was gĂŒnstig gelegen“, wollte er wissen.
„FĂŒr das was wir anschließend machen, wenn hier alle weg sind.“

Kurze Zeit spĂ€ter waren wir auf dem Weg zur Kantine, grĂ¶ĂŸer als eine Turnhalle. Überall stand MilitĂ€rpolizei. Mitten durch die Kantine war ein dickes Seil gespannt. Links davon saßen die deutschen Soldaten, rechts davon die amerikanische GI’s. Am Seil entlang stand jede Menge amerikanische MP und deutsche FeldjĂ€ger. Es war ein unbeschreiblicher LĂ€rm. Aus riesigen Lautsprechern tönte amerikanische Rockmusik und auf einer Theke hĂŒpften zwei mĂ€ĂŸig bekleidete MĂ€dchen herum. Die Stimmung war auf einem Siedepunkt, es war laut, verqualmt, aggressiv und stank fĂŒrchterlich nach Alkohol, Urin und Kotze. WĂ€ren die MĂ€dchen von der Theke gefallen, hĂ€tte es vermutlich ein Massenvergewaltigung gegeben und keiner hĂ€tte sich am nĂ€chsten Morgen noch daran erinnert.
Ich schnappte den gaffenden Jungfuchs am Kragen und steuerte auf ein freies PlĂ€tzchen zu. Ich stieß den Jungfuchs auf die Bank und setzte mich daneben. Mein GegenĂŒber stierte mich mit trunkenen blutunterlaufenen Augen an, dann sagte er lallend: „Hier sitzt schon jemand“.
„Ja“, sagte ich, „jetzt. Wo gibt es hier was zu Trinken?“
„Hier sitzt mein Freund. Mein bester Kumpel. Du kannst dich hier nicht hinsetzen. Das ist sein Platz“, beharrte der Betrunkene.
„Wenn er wieder kommt stehe ich auf, versprochen. Und jetzt sag mir wo ich was zu trinken bekomme. Willst du auch noch ein Bier?“
Der Betrunkene schien angestrengt nachzudenken. Sein Kopf kippte unkontrolliert vor und zurĂŒck. Ich zeigte mit dem Finger auf sein Maßband, das er wie ich am Revers trug.
„Wie viel noch“, wollte ich wissen. Er versuchte mit den Augen meinem ausgestreckten Finger zu folgen. Dabei kippte ihm der Kopf auf die Seite. Er verlor das Gleichgewicht und fiel gegen seinen rechten Nachbarn. Zusammen rissen sie die ganze Bank und die restlichen Mitglieder ihrer Gruppe mit zu Boden. Die FeldjĂ€ger warteten noch ein bisschen, dann kamen sie und schickten die Jungs zuerst an die frische Luft und dann in die Baracke zum Rausch ausschlafen. Ich gab dem Jungfuchs etwas Geld und schickte ihn zum Bier holen. Als er endlich zurĂŒck kam stellte er zwei halbvolle KrĂŒge auf den Tisch und legte ein paar amerikanische MĂŒnzen daneben.
„Was ist das fĂŒr Geld?“, wollte ich wissen.
„Das ist das Wechselgeld. Man zahlt in Deutsch Mark fĂŒr ein halbvolles Bier und bekommt außerdem das Wechselgeld noch in Dollar zu einem miserablen Wechselkurs zurĂŒck. Das ist doch ein GeschĂ€ft“, meinte der Jungfuchs und nahm den ersten Schluck. Danach war das Glas fast leer. Ich steckte das MĂŒnzgeld in die Tasche und stand auf.  Der Jungfuchs wischte sich den Schaum vom Mund und schaute mich fragend an. „Ich geh mal einen Schluck Wasser in die Ecke stellen. Bin gleich wieder zurĂŒck. Pass in der Zwischenzeit auf mein Bier auf.“ Er nickte zustimmend.

Ich ging in Richtung auf die Toilette und sah mich dabei unauffĂ€llig um. Ich musste mit einem Amerikaner reden. Ich brauchte Zigaretten. In großen Mengen. Wenn ich schon mal mit dem eigenen Lastwagen in Grafenwöhr war, dann wollte ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich musste einen Amerikaner finden, der mir die Zigaretten verkauft. Die Amis bekamen die Zigaretten viel billiger. Da ließ sich ganz schön Geld verdienen. Aber es war strafbar. Ein Zollvergehen, denn auf den amerikanischen Zigaretten war keine deutsche Tabaksteuer und keine Mehrwertsteuer.
Die Toilette war sicher der falsche Platz fĂŒr eine Kontaktaufnahme. Daher schlenderte ich ein bisschen in der NĂ€he des Seils in der Mitte des Saales herum und tat so, als wĂŒrde ich jemand suchen. Von der MP und den FeldjĂ€gern wurde jeder misstrauisch beĂ€ugt der in die NĂ€he des Seils kam. Es hatte hier schon heftige MassenschlĂ€gereien zwischen den Nationen gegeben. Ich verfolgte mit den Blicken einen farbigen Amerikaner, der aussah wie Harry Belafonte. Er ging durch eine offene TĂŒr an der Stirnseite des Saales. Dann verschwand dort auch ein Deutscher. Da konnten Deutsche und Amis rein. Das war die Gelegenheit. Ich steuerte zielsicher auf diese TĂŒre zu und mimte ein bisschen den Betrunkenen. Falls etwas schief gehen sollte, wĂŒrde ich zumindest mildernde UmstĂ€nde bekommen. Hinter der TĂŒr war ein Spielcasino mit einarmigen Banditen an den WĂ€nden. Mein Harry Belafonte stand vor einer dieser Maschinen, warf MĂŒnzen ein und zog dann den Hebel nach unten. Die Rollen setzten sich in Bewegung und blieben dann nacheinander stehen. Wenn er gewonnen hatte, fielen unten MĂŒnzen aus dem GerĂ€t, die er dann oben wieder einwerfen konnte. Tolles System. Und von jedem Idioten zu verstehen. Ich stellte mich neben Harry und schaute ihm zu. Er hat kein GlĂŒck. Als er wieder verlor schlug er mit der flachen Hand gegen das GerĂ€t.
Ich sagte „Bullshit“.
Er sah mich fragend an und sagte „German?“.
Ich nickte mit dem Kopf.
„Where do you come from?“
Amerikaner kennen meist nur zwei Orte in Deutschland. Der eine ist Frankfurt und der andere Heidelberg. Das hat nichts mit Geografie zu tun. In Frankfurt ist ihr grĂ¶ĂŸter Flughafen und in Heidelberg ihr Headquarter. Ich entschied mich spontan. „Heidelberg“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Jetzt musste er anbeißen. Wenn ich jetzt das GesprĂ€ch am Laufen halten konnte, dann war er mein Mann.
„You are really from Heidelberg?“. Er lehnte sich lĂ€ssig gegen den Spielautomaten und sah mich etwas misstrauisch von oben bis unten an. Dann holte er eine Schachtel Marlboro aus der Tasche und bot mir eine Zigarette an.
„Yes, I am“, sage ich, wĂ€hrend ich den Rauch inhalierte, „I lived in Heidelberg for more than ten years. I visited the school there.”
“What are doing here, how long do you stay here?”, wollte er wissen.
„Well, drinking beer, smoking cigarettes and try to waste my time until I can exit the army. I just arrived today and will stay until next weekend.“

Wir unterhielten uns noch eine Weile und ich war mir sicher, das ist mein Mann. Ich zog nun meinerseits meine zerknautschte Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche und hielt sie ihm hin. Er lachte und zeigte dabei ein paar prĂ€chtige weiße Zahnreihen.  Er schĂŒttelte den Kopf und zeigte auf seine Schachtel Marlboro.
„This is the better one, isn’t it“.
Er hielt mir die ganze Schachtel hin.
„For you, you are a nice guy. You are OK“.
Jetzt war es soweit. Jetzt musste ich aufpassen, dass er anbiss.
„Thanks, you too. But I need more than one box.“
Ich sah wie er seine lÀssige Haltung aufgab und sich vorsichtig umblickte.
„How many?“, wollte er wissen. Er hatte angebissen.
„As much as possible, as soon as you can“, sagte ich leise zurĂŒck. Er ließ sich nichts anmerken, hatte mich aber eindeutig verstanden.
„I check it out. I will be here again tomorrow, at 9.00 p.m.”, sagte er und ich merkte dass er misstrauisch und vorsichtig war. Das war ein gutes Zeichen. Er war sich nicht sicher, ob ich ihn verpfeifen wĂŒrde. Und umgekehrt war ich es auch nicht. Ich musste das GeschĂ€ft abschließen, sonst wĂŒrde er morgen eventuell versuchen einen RĂŒckzieher zu machen.
„I need four packages now“, sagte ich, „do you have some?“
„Not here“. Und nach einer kurzen Pause fĂŒgte er hinzu, „come to my car at the back of the building. I will wait there for you in fifteen minutes.“
Er klopfte mir wie einem guten Freund gegen den Oberarm und ging zurĂŒck in den LĂ€rm und Gestank  der betrunkenen Soldaten. Ich suchte meinen Jungfuchs in dem GetĂŒmmel. Er war schon ganz nervös und wirkte richtig erleichtert als er mich sah. „Wo warst du denn so lange; ich habe schon gedacht du kommst gar nicht mehr.“
Ich setzte mich hin und nahm einen Schluck aus meinem Bierkrug. Es schmeckte schal und abgestanden wie Pferdepisse. Ich sah mich vorsichtig um, zog ich seinen Kopf ĂŒber den Tisch und sagte leise: „Pass auf, wir trinken jetzt unser Bier aus und stehen dann auf. Du gehst mit mir zum Ausgang und bis vor die Halle. Dort bleibe ich irgendwo stehen und gehe wie zum Pissen in die BĂŒsche und du wartest dort. ZĂŒnde dir eine Zigarette an und tue so als wĂŒrdest du warten, bis ich fertig bin. Bleib so stehen, dass man dich von der Halle aus sehen kann. Wenn du fertig geraucht hast und ich noch nicht zurĂŒck bin, gehst du langsam in Richtung auf unseren LKW. Wenn wir uns treffen sollten und ich bin nicht allein, dann tue so als wĂŒrdest du mich nicht kennen. Geh einfach weiter. Und wenn du mich siehst und ich renne, dann frag nicht lang und renne auch. Hast du das verstanden?“.
Er nickte erstaunt und fragte „Warum?“.
„Das erklĂ€r ich dir spĂ€ter“, sagte ich und stand auf.

Ich ging durch die Halle und drehte mich erst nach der TĂŒr zu ihm um. Er war dicht hinter mir. Wir gingen weiter und ich sah auf die Uhr. Noch knapp fĂŒnf Minuten. Ich suchte mit den Augen eine geeignete Stelle, wo ich mich verdrĂŒcken konnte. Dann blieb ich stehen und sagte laut: „Ich muss pissen.“
Ich sah noch wie der Jungfuchs in die Tasche griff und eine Schachtel Zigaretten herauszog. Dann schlug das GebĂŒsch hinter mir zusammen. Ich orientierte mich kurz und ging dann zuerst vom GebĂ€ude weg und dann parallel dazu, bis ich den Parkplatz sehen konnte. Es waren nur noch wenige Autos dort geparkt. Ich ging vorsichtig weiter und konnte dann Harry Belafonte erkennen, der die Heckklappe eines riesigen Straßenkreuzers geöffnet hatte und dort herumhantierte. Ich trat aus dem GebĂŒsch und ging ĂŒber den Parkplatz. Wenn sie mich jetzt erwischten war das nicht schlimm. Aber wenn ich erst die Zigaretten hatte, dann wurde es fĂŒr mich gefĂ€hrlich. Ich rĂ€usperte mich leicht und sah wie sich Harry aus seiner leicht gebĂŒckten Haltung am Kofferraum aufrichtete.
„May I help you, Sir“, sagte ich leise.
„Come on, hurry up. Give me the money.“
„No, you give me the cigarettes first.“
„No, no, I’m not crazy. You give me the money first.“
Ich zog das Geld aus der Tasche und zeigte es ihm.
„Show me the cigarettes“.
Harry griff hinter sich in den Kofferraum. Mein Puls raste vor Anspannung. Hinter Harrys RĂŒcken kamen vier Stangen Marlboro zum Vorschein. Ich gab ihm das Geld und er rechte mir die Zigaretten. Dann standen wir beide wie zwei erschöpfte Boxer vor uns und grinsten uns an. Ich hielt die Zigaretten an die Brust gepresst und er hatte die Hand mit dem Geld in die Hosentasche geschoben. Plötzlich verĂ€nderte sich sein Gesichtsausdruck. Mit der freien Hand schlug er den Kofferraumdeckel zu und verschwand blitzartig zwischen den Fahrzeugen im Dunkeln. Ich stand noch mit den Zigaretten auf dem Parkplatz als auch ich den Jeep kommen hörte. Das war das MotorengerĂ€usch eines amerikanischen Willy Jeeps wie die MilitĂ€rpolizei ihn fuhr. Ich rannte so schnell ich konnte auf das GebĂŒsch zu, als sich die Scheinwerfer des Jeeps durch das Dunkel des Parkplatzes fraßen. Jemand musste mich noch gesehen haben, denn ein Stimme rief „Stop“ und dann noch mal „Stop“.
Ich rannte durch das GebĂŒsch. Die Zigaretten vor der Brust, wie einen kostbaren Schatz. Zweige peitschten mir ins Gesicht. Kurz verlor ich die Orientierung. Hinter mir hörte ich den Motor des Jeep aufheulen als sich die RĂ€der knirschend Halt im Kies des Parkplatzes suchten. Und ich rannte, wie ich noch nie in meinem ganzen Leben gerannt war. Wie ein Hirsch auf der Flucht vor der Meute brach ich durch das GebĂŒsch. Zuerst hektisch, voller Angst und Panik. Dann plötzlich leicht und frei. Meine Augen hatten sich an das diffuse Zwielicht gewöhnt. Ich begann den Zweigen und Hindernissen auszuweichen, schlug Haken nach rechts und links. Stolperte einmal kurz als sich der Boden unter mir absenkte. Aber ich wusste, es war der Lauf des Siegers. Sie wĂŒrden mich nicht erwischen. Mich nicht.
Aus den Augenwinkeln sah ich den Jungfuchs in Richtung Laster marschieren. Er hatte seine Zigarette ausgeraucht und sich weisungsgemĂ€ĂŸ auf den Heimweg gemacht. Ich lief auf ihn zu und rief: „Renn.“ Er reagierte blitzschnell und schloss rasch zu mir auf und gemeinsam rannten wir durch die Dunkelheit. Ich hielt ihm zwei Pakete Zigaretten hin und lachte. Er nahm die Pakete wie ich in die Hand und wie zwei StaffellĂ€ufer mit den StĂ€ben in der Hand rannten wir ĂŒber den TruppenĂŒbungsplatz von Grafenwöhr. Hinter uns wurde das GerĂ€usch des Jeeps leiser und leiser.
Sie hatten unsere FĂ€hrte verloren.
Wir waren entwischt.
Die Nacht war wunderbar, wir lagen in den SchlafsĂ€cken auf der Pritsche des MAN, blickten in den Sternenhimmel und unterhielten uns leise. Der Rauch einer schwer erkĂ€mpften Marlboro stieg in Kringeln in den samtfarbenen Himmel. Regula und der Geruch ihrer BrĂŒste fiel mir ein. Jetzt mĂŒsste man den Jungfuchs gegen eine paarungswillige SiebzehnjĂ€hrige eintauschen können Ich drehte mich etwas auf die Seite um der stĂ€ndig wachsenden Erektion mehr Platz zu lassen.
„Woran denkst du“, hörte ich den Jungfuchs sagen. „Nichts besonderes“, gab ich zurĂŒck, ich konnte ja nicht sagen, dass ich gerade in Gedanken dabei war die Freundin meines besten Freundes zu ficken. „Was machst du nach dem Bund? Du bist ja bald fertig. Du wirst im nĂ€chsten FrĂŒhjahr entlassen, das sind ja nur ein paar Monate, bis dahin. Was machst du dann?“
Ich dachte lange nach. Ja was mache ich nach dem Bund. ZurĂŒck in meinen erlernten Beruf als Schlosser will ich nicht mehr. ZurĂŒck zu meinen Eltern will ich auch nicht mehr. Der Ärger mit meinem Vater wĂ€re vorprogrammiert.
Um den Jungfuchs nicht so lange auf eine Antwort warten zu lassen, sagte ich einfach „ich weiß es nicht“. Aber er gab keine Antwort mehr. Kurze Zeit spĂ€ter hörte ich nur noch leichte SchnarchgerĂ€usche.
Ich lag noch lange wach und dachte zum ersten Mal ĂŒber mein Leben nach. Wenn ich entlassen werde, bin ich fast zwanzig Jahre alt. Und dann? Was mache ich dann? Wie soll es dann weitergehen? Was will ich  eigentlich vom Leben?

Einen interessanten Beruf, der mir Freude macht, möchte ich haben. Einen Beruf mit dem man auch gutes Geld verdienen kann.
Ein Haus möchte ich bauen.
Und Kinder möchte ich haben, mindestens zwei.
Ein Junge und ein MĂ€dchen.
Ein Junge wie ich einer war, einfach ein richtiger Lausbub halt, dem ich Vater und Freund sein darf.
Das MÀdchen wie seine Mutter, fröhlich und neugierig. Dunkelhaarig, schlank und sportlich.
Und eine Frau möchte ich haben, fĂŒr mich. Eine, die ich lieben kann und die mich liebt und versteht. Eine Partnerin und Freundin fĂŒrs tĂ€gliche Leben und Überleben, zum Zuhören und Trösten, zum Lachen und Weinen und gegen das Alleinsein. Eine frauliche, zĂ€rtliche und erotische Frau.
Einfach eine Frau, die gerne Frau ist.
„Und BrĂŒste muss sie haben“, meinte die Erektion in meiner Hose und wurde wieder grĂ¶ĂŸer. „Nicht zu klein, so eine ordentliche MĂ€nnerhand voll. So dass man spĂŒrt, dass es eine richtige Frau ist, wenn man die Arme um sie legt. Warm und weiblich weich muss sie sein. Und riechen muss sie auch gut. So wie es zwischen Regulas BrĂŒsten riecht“, sagte die Erektion begierlich und fing an zu pochen.
Vor meinen Augen zogen pornografische Szenen vorbei. Frauen mit weit gespreizten Schenkeln. Liegend, gebĂŒckt, stehend, von hinten und vorne. Und immer wieder Regula in den Halteschlaufen auf der RĂŒckbank des VW-KĂ€fers.
 Am nĂ€chsten Morgen meldete ich mich schon vor dem FrĂŒhstĂŒck auf der Schreibstube. Wir sollten erst mal Essen gehen und warten, bis die Kompanie zum Schießen auf das ÜbungsgelĂ€nde abgerĂŒckt war. In etwa zwei Stunden sollten wir wiederkommen.
Nach einem ausgiebigen FrĂŒhstĂŒck erkundete ich zusammen mit dem Jungfuchs die Gegend. Bei dieser Gelegenheit erledigten wir auch die morgendliche Notdurft. Das war so eine Art kollektives Abkacken. IntimsphĂ€re gab es da keine. Einfach eine Art ĂŒberdachter langer Bank, u-förmig angeordnet mit Löchern zum reinscheißen. Praktisch und ĂŒbersichtlich. Wenn alles besetzt war, wartete man halt in der Mitte des U, solange bis irgendwo ein Loch frei wurde. Der Umgangston war rĂŒde und bewegte sich nur im Bereich der FĂ€kalsprache. Es wurde geschoben, gedrĂ€ngelt, geschrieen, geraucht, gekackt, gefurzt und gestunken.
Das war garantiert die einzige Toilette auf der nicht  onaniert wurde. Und wenn, dann konnten mehr als zwanzig Leute zusehen.
Der Jungfuchs war entsetzt. „Hier scheiß ich nicht!“, schrie er durch den LĂ€rm, „ich nicht“.
Ich fing an zu lachen: „Glaubst du, du bekommst hier eine Extrawurst gebraten. Du bist auf der militĂ€rischen Karriereleiter ganz unten. Tiefer geht’s gar nicht mehr. Du bist der SchĂŒtze Arsch. Denkst du hier interessiert sich irgendein Schwein fĂŒr deine IntimsphĂ€re oder deinen regelmĂ€ĂŸigen Stuhlgang. ErkĂ€mpfe dir ein Loch und kack dir den Darm leer oder verrecke irgendwann an Verstopfung. Und noch ein Tipp: Wenn du als einer der letzten hier erwischt wirst und zu spĂ€t zum Appell kommst, dann kannst du die ganze Scheiße hier auch noch saubermachen. Hast du das kapiert?“
Er nickte resigniert und schaute sich um. Dann wollte er sich blitzschnell auf ein vor uns freiwerdendes Loch setzen, dessen bisheriger Besitzer sich gerade die Hose hochzog. Ich packte ihn mit den einen Hand am Kragen und deutete wortlos mit der anderen Hand auf mein Maßband am Revers. „Alter geht vor Schönheit, Freund. Zuerst ich und dann erst du. So ist das hier. Du bist in der Hackordnung noch ganz unten. Du musst noch viel lernen“.
„Willst jetzt scheißen oder ÂŽnen Vortrag halten“, mischte sich ein kleiner Gefreiter von den Panzergrenadieren ein, dem der Kot sichtbar bis unter die AugenrĂ€nder stand.
Ich trat einen kleinen Schritt zur Seite und machte das Loch frei aus dem es fĂŒrchterlich stank. „Komm Junge ich lass dich vor, du bist ja ein echter Notfall.“ Dankbar riss er sich eilig die Hose herunter und ließ sich erleichtert auf das Loch fallen. „Poooaaaaaahhhh“, das war in letzte Sekunde, stöhnte er. Ich stand neben ihm und blickte auf seine zwischen den Beinen hĂ€ngende Unterhose. „Das war schon zu spĂ€t, oder kann Baumwolle rosten?“
Er beugte sich leicht vor und folgte meinem Blick. Dann grinste er mich an und meinte trocken: „Sieht fast so aus als hĂ€tte ich meine Tage bekommen. Wieder vier Wochen lang umsonst gefickt“.
Dann schien er sich mental auf Darm und Anus zu konzentrieren und fing an zu drĂŒcken. In seinem Gesicht erschien ein gequĂ€lter Ausdruck und die Halsmuskulatur wurde dicker.
„Du siehst aus wie ein kackender Kater im Freien“.
Er schaute mich nur blöde fragend an.
„Der bekommt beim Kacken auch `nen steifen Schwanz und diesen starren. glasigtrĂŒben Blick ins Unendliche. Wie du!“
„Ach leck mich doch!“
„Bist du schon lange hier?“
„Ja, schon zu lange. Ich hab die Schnauze voll“
„Und wie kann man hier am besten ĂŒberleben? Wie lĂ€uft das hier? Wer hat hier das Sagen“
„Das machen alles die Amis. Wenn du was brauchst, von den Amis bekommst du alles. Aber nur gegen Dollar. Wenn du keine Dollar hast, bist du hier auf Erbseneintopf und Kommisbrot angewiesen. Die Amis haben alles und können alles beschaffen. Die können hier raus und rein. Auf der anderen Seite vom Sportplatz ist eine Straße. Dort gibt es einen amerikanischen Supermarkt mit Waschsalon. Die Amis verkaufen dir alles. Nur die deutschen Offiziere wollen uns hier enthaltsam bei Wasser und Brot und feldmĂ€ĂŸigen Bedingungen schikanieren. Bei den Amis ist spĂ€testens um 18:00 Uhr der Krieg zu Ende. Nur unsere Idioten geilen sich hier auf, faseln vom Feind aus Rotland und rennen dann noch im Kampfanzug durch die Gegend. Die einzige Abwechslung ist die amerikanische Kantine, da kannst du dich bis 22:00 Uhr unter Aufsicht besaufen. Da hĂŒpfen auch ein paar Girlies auf ÂŽner Tanztheke rum. Die kann’ste nur angucken. Aber die wissen ganz genau, dass sie von vielen geilen Jungs jeden Abend gedanklich besamt werden.  Ich bin froh, wenn ich hier raus bin. So und jetzt kann’ste dein Platz wieder haben. Mach’s gut Kumpel und steck ihn fĂŒr mich mit rein, wenn du vor mir wieder draußen bist“.
Er zog die Hose hoch und verschwand.
Ich setzte mich und dachte nach. Vor mir auf dem Boden lag ein Blatt benĂŒtztes Toilettenpapier. Der Jungfuchs hatte sich in der Zwischenzeit ein Loch auf der anderen Seite ergattert und winkte herĂŒber. Der Junge war OK.
Wir trafen uns wieder am Ausgang.
„Und jetzt“, meinte er fragend wĂ€hrend er sich eine Zigarette anzĂŒndete, „was machen wir jetzt?“
„Wir schauen uns unauffĂ€llig die Gegend an und verbessern unser Informationsnetzwerk.“

Wir marschierten zuerst zu unserem MAN und dann zum Supermarkt und Waschsalon. Ich tauschte zuerst mal Deutsch Mark gegen Dollar. Meine Geldreserve schrumpfte merklich. Ich musste dringend die vier Stangen Marlboro wieder zu Geld machen.
WĂ€hrend dann im Waschsalon amerikanisches Waschmittel mit den feuchten Erinnerungen an Regula vom gestrigen Abend kĂ€mpfte, sah ich mich im Supermarkt um. Es war alles da. Zumindest alles was MĂ€nner zum Leben und Überleben brauchen. Sogar PrĂ€servative und Einhandzeitschriften waren verfĂŒgbar. Die ĂŒblichen Verkaufspreise fĂŒr Zigaretten waren wichtig fĂŒr mich. Ich kalkulierte meine Handelsspanne. Wenn ich knapp unter dem offiziellen Verkaufspreis blieb, lag ich knapp bei 100 Prozent. Wenn ich jeden Tag alle Zigaretten verkaufen konnte, dann war ich in der Lage am Abend bei Harry die doppelte Menge zu beschaffen. Innerhalb von fĂŒnf Tagen konnte ich so einen Vorrat von mindestens sechzig Stangen Zigaretten aufbauen und nach unserer RĂŒckkehr zu den ĂŒblichen Preisen verkaufen. Mindestens tausend Mark wĂŒrde mir das bringen. Bei achtzig Mark Sold im Monat konnte ich die gut brauchen.

Ich investierte noch ein Eis in mich und den Jungfuchs, holte die Uniformhose aus der Waschmaschine und warf einen prĂŒfenden Blick darauf. Es war nichts mehr zu sehen; amerikanisches Waschmittel ist stĂ€rker als deutsches Sperma.

Am Sportplatz hatte eine amerikanische Kompanie Sportunterricht. Wir setzten uns in die Sonne und sahen zu. Ich wollte mir gerade eine Zigarette anstecken als eine Stimme neben wir sagte: „Hi guy, nice to see you. How are you? Everything OK?“ Ich fuhr herum, verbrannte mir die Finger und verschluckte mich am Rauch. Neben mir hockte, auf Schuhspitzen und Fersen balancierend, Harry Belafonte und grinste mich an. Er war in Uniform und sah aus wie ein MilitĂ€rpolizist.
Ach du Scheiße, fuhr es mir durch den Kopf. Jetzt haben sie mich. Das war alles nur eine Falle. Der hat mich reingelegt. Ade Profit. Ade Wohlstand. Willkommen Kittchen.
Ich hustete den letzten Rest Rauch aus meiner Lunge um Zeit zu gewinnen, bevor die Handschellen zuschnappen. Die letzten Sekunden in Freiheit. Komme ich in einen amerikanische oder in eine deutsche Arrestzelle?
Harry wartete geduldig, bis ich mich abgehustet hatte und klopfte mir mit der Hand auf den RĂŒcken. Dann fragte er noch einmal, „everything OK? You had no problems yesterday?. Er warf einen prĂŒfenden Blick auf den Jungfuchs, der aufmerksam zuhörte und uns beobachtete. „No, we had no troubles yesterday night. We are young, fast and we are Germans. We are much faster than Willy Jeeps”. Ich hatte die Betonung bewusst auf das ‘wir’ gelegt.
Harry stand auf und lachte. Man sah ihm seine Erleichterung förmlich an. Ich stand ebenfalls auf, denn im Sitzen hatte ich das GefĂŒhl an einem Wolkenkratzer hoch sehen zu mĂŒssen. Wir boten uns gegenseitig Zigaretten an und rauchten die ersten ZĂŒge schweigend.
Dann begann Harry mich systematisch auszufragen. Er wollte alles wissen. Einheit, Dienstgrad, Vor- und Nachname. Dauer und Zweck meines Aufenthalts und die Unterbringung hier in auf dem TruppenĂŒbungsplatz.
Ich zeigte auf der andere Seite vom Sportplatz auf den MAN, den wir dort auf einer Wiese geparkt hatten. „That’s my Home and my Castle“, und als er mich unglĂ€ubig ansah, zur BekrĂ€ftigung nochmals,,yeah really, I’m not joking“.
Dann wollte er wissen, wo ich Englisch gelernt hatte. „Basics and small talk in school, all the others at AFN Radio, American Forces Network Europe, AFN Stuttgart.“ Ich hielt mir die Nase zu und ahmte die nĂ€selnde Stimme eines Sprechers vom AFN nach: „At the sound of the last tone it will be seventeen hours, it’s time for Hillbilly Guesthouse. You are listening to AFN Stuttgart.“
Harry zeigte beim Lachen zwei Reihen erstklassiger weißer ZĂ€hne, schlug sich auf den Schenkel und mir auf den RĂŒcken. Und nach einem kurzen Blick auf seine Uhr, „you’re a good guy. See you later“.
Dann drehte er sich um und ging zu einem amerikanischen Willy Jeep mit langer Antenne am Heck, die wegen ihrer LĂ€nge vorn am KotflĂŒgel angebunden war und wie ein Henkel aussah, an dem man das Fahrzeug hochheben und wegwerfen konnte. Er stieg ein, hob noch mal die Hand zum Gruß, trat das Gaspedal durch und verschwand hinter einer kleinen Staubwolke.
„Wer war denn das?“, wollte der Jungfuchs wissen und starrte mich fragend an, „ist der bei der MilitĂ€rpolizei? Woher kennst du den? Und was war mit dem Radio in Stuttgart?“.
„Meinst du nicht, dass das zu viele Fragen auf einmal sind. Es reicht, wenn du weißt, dass ich einen farbigen Amerikaner bei der MilitĂ€rpolizei kenne. Und jetzt ist Schluss mit Faulenzen. Jetzt wird gearbeitet, wir gehen jetzt rĂŒber und melden uns auf der Schreibstube. Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“.

Den restlichen Tag bis zum Feierabend verbrachten wir damit die Ersatzteile vom MAN abzuladen, Übergabeprotokolle zu erstellen und zusammen mit dem Schreibstubenhengst die MaterialĂŒbergabelisten zu unterschreiben. Ein Riesenaufwand und absolut unnötig, denn erstens sollten wir morgen die Teile selber einbauen und zweitens wer sollte sich schon die Ersatzteile unter den Nagel reißen. Es gibt sicher wenig Leute, die zuhause einen Panzer in der Garage stehen haben oder an ihrem VW einen Zusatzscheinwerfer in der Farbe nato-oliv montieren wollen.
Wir waren fast fertig und ich in Gedanken schon bei meinem abendlichen Treffen mit Harry, als der Schreibstubenhengst so ganz nebenbei erwĂ€hnte, dass ich mich noch beim Feldwebel der Kompanie auf der Schreibstube melden sollte. Auf meinen erstaunt ĂŒberraschten Blick antwortete er nur mit einem gleichgĂŒltigen Achselzucken. So kurz vor Dienstschluss zum Kompaniefeldwebel verhieß nichts Gutes, sondern meist Ärger und Zusatzdienst.
Mit gemischten GefĂŒhlen und argwöhnisch wie ein Wolf in fremden Revier betrat ich wenig spĂ€ter die Schreibstube. Ich salutierte und meldete mich zackig zur Stelle, stand stramm und versuchte einen möglichst guten Eindruck zu machen, was sonst nicht so meine Art war.
Der Spieß war ein dicker Mann, sah eher aus wie ein Gastwirt, der nach Figur und Nase zu urteilen, auch sein bester Kunde war. Er hatte das Ende seiner militĂ€rischen Karriereleiter lĂ€ngst erreicht und er wusste das auch. Entweder war er deswegen verbittert und bösartig geworden oder machte nur noch Dienst nach Vorschrift und drĂŒckte auch mal ein Auge zu. Er sah mich lange an und mir gingen alle meine TodsĂŒnden durch den Kopf. Dann fiel mir Judy und die angedrohte Kastration seiner Hoden ein. Sollte dieses kleine DreckstĂŒck die Sache doch gemeldet haben? Der Feldwebel stĂŒtzte sich mit den Armen schwer auf der Theke auf, die in einer GaststĂ€tte Wirt und GĂ€ste trennt, hier aber die Grenze zwischen Vorgesetzten und Untergebenen markierte.
Endlich machte der Spies den Mund auf. „Jetzt lass mal die Luft ab, Junge und entspann dich. Du bist jetzt noch keine vierundzwanzig Stunden hier auf dem TruppenĂŒbungsplatz und schon interessieren sich die Amerikaner fĂŒr dich. Kannst du mir mal erklĂ€ren was du angestellt hast?“
Mir fiel ein Stein vom Herzen. Judy hatte mich nicht verpfiffen und die Sache mit den Zigaretten war auch nicht aufgeflogen, sonst wÀre die MP hier gewesen.
Ich grinste den Spieß an und zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung“.
Der Spieß sah auf mein Maßband am Revers und dann auf meine Uniform ohne Rangabzeichen.
„Komm Junge verkauf mich doch nicht fĂŒr dumm. Ich kenn deine Akte zwar nicht, aber du wirst bald entlassen und bist immer noch SchĂŒtze. Also bist du entweder saudumm oder du hast etwas angestellt. Ich glaube nicht dass du dumm bist, ganz im Gegenteil. Also, was hast du angestellt?“
„Ich habe in der Grundausbildung zuerst den Empfang meines Gewehres und dann auch noch das Gelöbnis verweigert. Das Gewehr hat mir einige Tage Bunker eingebracht und seit der Verweigerung des Gelöbnis habe ich den Eindruck, dass man jetzt nicht mehr so richtig weiß was man mit mir beim Bund eigentlich noch anstellen soll.“
„Ja jetzt versteh ich. Du hattest gedacht, das reicht fĂŒr eine frĂŒhzeitige Entlassung aus dem MilitĂ€rdienst. Aber dem war nicht so, du bist immer noch da, aber eigentlich doch nicht da. Und solange du keinen Scheiß machst, interessiert und kĂŒmmert sich keiner um dich und du hast deine Ruhe. Aber warum hast du eigentlich nicht gleich auf Kriegsdienstverweigerer gemacht? Das wĂ€re doch viel einfacher gewesen.“
„Ich wĂ€re doch nie damit durchgekommen. Religiöse GrĂŒnde hatte ich keine und ethische GrĂŒnde kann man nicht beweisen. Das Argument keine Menschen töten zu wollen, hĂ€tte unweigerlich zum Entzug des FĂŒhrerscheins gefĂŒhrt. Wer schießt kann töten und wer Auto fĂ€hrt kann auch töten, das ist die Logik des Systems. Und außerdem dauert der Wehrersatzdienst sechs Monate lĂ€nger, deshalb bin ich hier“.
„Und jetzt bist du stolz auf dein Maßband am Revers, siehst Licht am Ende des Tunnels und glaubst du hast deine Zeit hier vergeudet, oder?“
„Das habe ich nicht gesagt. Die Einberufung zum Wehrdienst hat mein Leben beeinflusst und mich vor einer großen menschlichen Dummheit bewahrt. Ich habe viel gelernt hier. Nicht als Soldat, sondern als Mensch. Ich bin vorher immer mit dem Kopf durch die Wand gegangen, immer direkt los auf’s Problem. Hier habe ich erfahren, dass die kĂŒrzeste Verbindung zwischen zwei Punkte keine Gerade ist. Umwege und etwas Diplomatie fĂŒhren schneller und sicherer ans Ziel. Ich habe erfahren wie ich unter Druck und Stress reagiere und wo meine eigenen eigentlichen StĂ€rken sind. Hier habe ich auch Kameradschaft erfahren und ganz nebenbei einen Haufen Idioten kennengelernt. Ich weiß noch nicht was ich nach dem Bund mache, aber mir ist nicht Bange vor meiner Zukunft.“
„Na das passt ja gut, denn ich kann dir sagen was du machen wirst, solange du hier bist“, grinste er, „die Amis haben dich als Dolmetscher fĂŒr die Ordnungspolizei hier auf dem TruppenĂŒbungsplatz angefordert. Das ist eine Gruppe von Soldaten, immer zwei Amis und ein Deutscher, die mit dem Willy Jeep im GelĂ€nde unterwegs sind und darauf achten, dass die verschiedenen hier trainierenden Einheiten sich an die ihnen zugeteilten ÜbungsrĂ€ume halten und sich nicht gegenseitig eliminieren, oder gar auf ziviles GelĂ€nde schießen. Auch das hat es hier schon gegeben. Auf jeden Fall heißt das fĂŒr dich, dass du das goldene Los gezogen hast. Kein Manöver, kein großer Dreck, zivile hygienische Bedingungen, keine große körperliche Anstrengung, gute Verpflegung bei den Amis, Schlafen im normalen Bett, den ganzen Tag im Jeep unterwegs und legalen Zugang zu billigen amerikanischen Zigaretten und sonstigen Waren. Also, mach’s gut. Pack deine Sachen. Die Amis holen dich um fĂŒnf hier ab. Und jetzt zieh Leine.“
Ich knallte die Hacken zusammen, drĂŒckte das RĂŒckrat durch und riss den rechten Arm zu einem ordentlichen militĂ€rischen Gruß hoch und brĂŒllte „Jawohl Herr Hauptfeldwebel“.
Dann rannte ich in Richtung MAN, raffte meine Sachen zusammen und stopfte alles in den Rucksack. Nach kurzem Überlegen ließ ich die vier Stangen Marlboro fĂŒr den Jungfuchs zurĂŒck.
Dann rannte ich zurĂŒck zur Schreibstube und kam gerade noch rechtzeitig an um Harry Belafonte mit seinem Willy Jeep die Straße heraufbrausen zu sehen. Ich stellte mich an die Straße und hielt wie ein Anhalter den Daumen hoch. Harry bremste abrupt, der Jeep rutschte noch ein StĂŒck, dabei wĂ€re er mir fast ĂŒber die Zehen gefahren und blieb dann leicht schrĂ€g zur Fahrbahn stehen. Harry grinste breit, und kratzte sich mit den Fingerspitzen mehrfach durch die krausen Haare. „Hi guy, nice to see you, how are you? Welcome on board.“
Ich strahlte ihn an wie ein Kind den Weihnachtsmann und brachte keinen Ton heraus.
Harry hielt mir die Hand hin: „Welcome on board, now you are part of the team.“

Ich ergriff seine Hand, zog mich daran in den Jeep und warf den Rucksack auf den RĂŒcksitz. Harry legte krachend den Gang ein, wendete auf der Straße und fuhr der untergehenden Sonne entgegen. Die Luft war warm und der Fahrtwind zerrte in meinen Haaren. Ich legte den Kopf ganz in den Nacken und sah die Baumwipfel an uns vorĂŒberrasen, bis mir schwindelig wurde. Dann riss ich die Arme hoch und stieß den geilsten Tarzanschrei aus, der jemals zwischen Fichtelgebirge und FrĂ€nkischer Alb zu hören war.
Harry lachte schallend, gab Zwischengas und hieb den nÀchsten Gang ein. Der Jeep beschleunigte mit einem Ruck und ich flog mit ihm wie ein Albatros in die Freiheit.
 Die nĂ€chsten fĂŒnf Tage gehörten zu den schönsten meines bisherigen Lebens. Ich lernte eine andere Art von Leben kennen. Die Art der Amerikaner Dinge anzupacken war neu fĂŒr mich. Da gab es keine Bedenken, kein Zögern, kein langes Diskutieren. Was gemacht werden musste wurde gemacht. Der Umgangston war freundlich aber bestimmt. Zuerst kam das Team und dann erst das Teammitglied. Der Erfolg des Teams stand ĂŒber dem eigenen Erfolg.
Als ich Harry meinen Plan mit den Zigaretten erzĂ€hlte sah er mich erstaunt an. Dann erklĂ€rte er mir, dass ich mein Ziel in fĂŒnf Tagen mit sechzig Stangen amerikanischer Zigaretten die Heimreise anzutreten doch viel einfacher erreichen könnte. Es wĂ€re doch Unsinn und dazu auch noch viel zu gefĂ€hrlich die Zigaretten zuerst auf den TruppenĂŒbungsplatz zu bringen und dann wieder hinauszuschmuggeln. Einfacher wĂ€re es doch die Zigaretten erst bei der Heimreise nach dem Verlassen des ÜbungsgelĂ€ndes aufzuladen.
Ich dachte nach und kam zu dem Schluss, dass Harry Recht hatte. Das Problem war nur, dass ich kein Geld hatte um die Zigaretten zu bezahlen. Wir lösten dieses Problem ganz einfach.
Harry und seine Freunde besorgten ganz legal die Zigaretten. Ich ĂŒbergab die Zigaretten an den Jungfuchs. Der verkaufte die Zigaretten tagsĂŒber innerhalb der Kompanie. Am Abend trafen wir uns im Casino. Der Jungfuchs gab mir das Geld abzĂŒglich seiner Verkaufsprovision. Besonders gut lief das GeschĂ€ft, nachdem auch noch Judy, unser StUffz in das GeschĂ€ft eingestiegen war. Manche Menschen muss man halt zuerst mal an den Eiern packen, bevor sie zur Besinnung kommen.
Am Vorabend unserer Abreise hatte ich das Geld fĂŒr die sechzig Stangen Zigaretten zusammen, die Harry in der Zwischenzeit bei sich zu Hause eingelagert hatte. Wir feierten unseren Abschied mit einem großen BesĂ€ufnis in der Kantine. Der Alkohol floss in Strömen. Als dann auch noch der Jungfuchs an den Spielautomaten den Jackpot knackte und dafĂŒr mit dreihundert Dollar belohnt wurde, gab es kein Halten mehr. Er schmiss eine Runde nach der anderen. Im Laufe des Abends wurden Souvenirs ausgetauscht. So verlor ich große Teile meiner BundeswehrausrĂŒstung. Statt einem Bundeswehrschiffchen hatte ich eine amerikanische BaseballmĂŒtze. Statt meinen Knobelbechern hatte ich amerikanische Fallschirmspringerstiefel. Und statt meinem Koppel hatte ich zwei amerikanische MilitĂ€runterhemden, die mir allerdings viel zu groß waren. Als ich dann auch noch meine Socken und die UnterwĂ€sche tauschen wollte und begann mich in der Kantine auszuziehen, hat mich Harry vorsorglich entsorgt und ins Quartier und ins Bett gebracht.

Am nĂ€chsten Morgen hatte ich einen BrummschĂ€del der Sonderklasse. Der Jungfuchs und Judy holten mich ab. Judy saß hinter dem Steuer, der Jungfuchs hing kreidebleich auf dem Beifahrersitz und wollte da auch wĂ€hrend der Fahrt sitzen bleiben. Denn erstens brauchte er viel frische Luft und zweitens ein offenes Fenster zum rauskotzen. Wir luden die Kiste mit den sechzig Stangen Marlboro auf die LadeflĂ€che. Harry und ich, wir gaben uns die Hand wie römische Gladiatoren und haben uns lange angesehen. Ich hatte TrĂ€nen in den Augen und musste ein paar mal den Rotz die Nase hochziehen.
Harry boxte mich zum Abschied noch mal richtig krĂ€ftig in die Seite, legte mir dann die Hand auf die Hand auf die Schulter und drĂŒckte zu. Ich sah den Abschiedsschmerz in seinen Augen.
„Thank you, thank you very much, Harry. I will never forget you. Hope to see you again“, und dann auf deutsch, „Leb wohl, mach gute Arbeit und pass auf dich auf“.
Harry zog mich wie ein Vater an seine Brust und ich hörte ihn einige Male heftig atmen. Dann hielt er mich mit beiden Armen von sich, sah mir noch einmal in die Augen und verwuschelte mir mit der Hand die Haare.
Dann öffnete er den Mund und ich höre ihn mit einem rollenden ‚R“ zum ersten Mal Deutsch sprechen und leise die Worte sagen: „Auf Wiedersehen“.

Ich stieg in den MAN und setzte mich in die Mitte zwischen Judy und den Jungfuchs. Harry trat einen Schritt zur Seite, damit er mich noch sehen konnte. Dann ruckte der MAN an und setzte sich langsam in Bewegung. Wir machten uns auf die lange Fahrt zurĂŒck zur Kaserne. Ich lehnte mich noch mal aus dem Fenster und drĂŒckte dabei dem Jungfuchs heftig auf die ohnehin geschundenen Eingeweide. Ich sah Harrys massige Figur immer kleiner werden und winkte, bis er nicht mehr zu erkennen war.

Ich habe Harry nie mehr „wiederrrgesehen“.

© Rolf Robert
Frankfurt 2003

Schreibmaschine - Gute, alte Mechanik, laut, schwer und zuverlÀssig

Die Verlobte

Zimbes

Harry

Johnny I

Johnny II

Johnny III

Hombostel I

Hombostel II

Hombostel III

Schnellkasse