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Kurze Geschichten

Johnny I


Unkorrigierte Leseprobe
© Rolf Robert
Frankfurt 2003

Der Umzug nach Heidelberg, war die Angelegenheit eines einzigen Wochenendes.
Viel hatte ich nun wirklich nicht mitzunehmen. Etwas Kleidung, ein paar kleinere Einrichtungsgegenstände und einige Schallplatten.
In Heidelberg hatte ich mich gegen eine eigene Wohnung entschieden und mich im Studentenwohnheim eingemietet. Das Zimmer war zwar nicht größer als ein Kleiderschrank mit Waschgelegenheit, aber dort würde ich mich sicher die wenigste Zeit aufhalten.
Obwohl das Semester erst im Herbst anfing, merkte ich schnell, dass Heidelberg eine Studentenstadt war. Auch fing ich an das etwas sorglosere Leben als angehender Student zu genießen. Morgens konnte ich länger ausschlafen und abends länger durch die Kneipen ziehen.
Die Stadt war in den Sommermonaten voller Touristen. Vor allem Amerikaner und Japaner. Die Amis in kleineren Gruppen oder Pärchen, meist ältere Herren mit Cowboyhut und Damen mir dicken säulenartigen Beinen in Bermudashorts, auf der Sightseeing-Tour “Europa in drei Tagen“, begleitet von vielen „wonderful“ und „how beautiful“.
Die Japaner immer in Rudeln mit mindestens 20 kleinen, eifrig schnatternden Personen beiderlei Geschlechts, bewaffnet mit Kamera und Reiseführer, die Kamera meist wie im Gesicht festgewachsen.
 
Ich hatte Zeit genug sie den Tag über zu beobachten, mich am Neckarufer und in der Altstadt herumzutreiben, dabei die Stadt ein bisschen kennen zu lernen und abends durch die vollen Kneipen zu ziehen.
Wie andere Bewohner dieser engen Stadt, eingequetscht zwischen Neckarufer und Königstuhl, hatte auch ich mir ein Fahrrad zugelegt. Nagelneu, mit allen Finessen, die man sich als fauler Radler nur wünschen kann. Nur der elektrische Hilfsmotor fehlte, dann wäre es fast ein Motorroller gewesen. Eine Woche später war mein Nobelhobel weg. Geklaut! Vor dem Bahnhof am helllichten Tag geklaut! Ich war fassungslos, konnte es erst gar nicht glauben und suchte den ganzen Bahnhofsvorplatz ab. Tausende von Fahrrädern standen da, der größte Teil davon aber uralt, wie vom Sperrmüll. Neue Räder gab es kaum und wenn, dann waren sie mit dicken Ketten an Laternenmasten befestigt.
„Ein neues Fahrrad am Bahnhof abgestellt?“, wollte der Polizist wissen, als ich meinen Verlust zur Anzeige bringen wollte, „wer macht denn so was?“
„Ich“, meinte ich kleinlaut, „es war ganz neu und ich habe es auch abgeschlossen“.
Der Polizist lachte, „mit einem normalen Fahrradschloss wahrscheinlich. Und jetzt ist es weg und Sie wollen Anzeige erstatten! Gegen Unbekannt natürlich, denn wenn Sie wüssten wer ihr Fahrrad geklaut hat, wären Sie ja sicher nicht hier. Haben Sie denn die technischen Daten des Fahrrads notiert. Farbe, Hersteller, Rahmennummer und so weiter?“
„Nein, habe ich nicht“, murmelte ich und wurde immer kleiner, „ich habe doch nicht damit gerechnet, dass es mir gestohlen wird.“
„Vor dem Bahnhof stehen fast nur gestohlene Fahrräder“, meinte der Polizist lächelnd, „da steckt System dahinter, keine böse Absicht. Jeder nimmt sich ein einfach ein Fahrrad und fährt dorthin wo er will. Da lässt er das Rad stehen. Wenn er zurückkommt und das Rad ist noch da, dann hat er Glück gehabt. Wenn nicht, nimmt er sich einfach ein anderes, das da gerade rumsteht. So funktioniert das hier in Heidelberg. Wenn wir hier alle festnehmen würden, die nicht mit ihrem eigenen Fahrrad unterwegs sind, dann müssten wir die halbe Stadt verhaften. Wollen Sie jetzt immer noch Anzeige wegen Fahrraddiebstahl gegen Unbekannt erstatten? Dann brauche ich jetzt ein paar Angaben von Ihnen. Name, Adresse, Beruf, Ausweisnummer und so weiter“.
„Ach lassen Sie mal gut sein,“ meinte ich resignierend, „ich schau lieber auf dem Bahnhofsgelände noch mal nach. Vielleicht habe ich es auch nur übersehen oder woanders abgestellt. Vielen Dank.“
Dankbar lies der Polizist sein Anzeigenformular wieder unter der Theke verschwinden und grinste mich noch einmal an. „Eine schöne Zeit in Heidelberg und ein erfolgreiches Studium wünsche ich Ihnen“, hörte ich ihn noch sagen als ich schon fast zur Tür raus war.
Ich ging in der anbrechenden Dämmerung zum Bahnhofsvorplatz, sah mich kurze Zeit suchend um und entschied mich dann für ein älteres, leicht angerostetes Damenfahrrad, das mir noch einigermaßen verkehrssicher erschien.
„Du sollst nicht stehlen“, ging mir durch den Kopf, als ich durch die warme Abendluft mit meinem ersten selbstgeklauten Fahrrad Richtung Studentenwohnheim radelte. Ich hatte kein schlechtes Gewissen, hatte ich doch zuvor ein nagelneues Fahrrad in den Kreislauf der Tauschräder eingebracht. Vielleicht, ging es mit durch den Kopf, würde ich ja während meines weiteren Studiums, mal die Gelegenheit haben mein eigenes Fahrrad zu entwenden.

Im Studentenwohnheim trafen jetzt, kurz vor Semesterbeginn, immer mehr Studenten ein. Es wurde zunehmend lauter und enger. Mein linksseitiger Zimmernachbarn schien eine Vorliebe für ganztägige laute Rockmusik zu haben. Da er meist meinen Geschmack traf, konnte ich mir das Anschalten meines eigenen Radios ersparen. Mein anfängliches Hämmern und Klopfen gegen die Wand, schien er zu überhören oder als unnötigen Taktwechsel des Schlagzeugers zu interpretieren.
Nachdem das Studium begonnen hatte, verstummte die Musik von nebenan. Es war wie ausgestorben, entweder war mein Nachbar ausgezogen oder er hatte sich einen total anderen Lebensrhythmus zugelegt. Tagsüber bekam ihn nie zu Gesicht. Nachts hörte ihn manchmal rumoren und husten. Offensichtlich war er Raucher, denn bei offenem Fenster konnte ich einen rauchartigen, eigentümlichen Geruch, der aus seinem Zimmer kommen musste, feststellen.
Ich ging meinem Studium nach und jobbte nebenher manchmal bei verschiedenen Firmen um meine finanzielle Situation etwas zu stabilisieren.

Irgendwann im Oktober 1969 schien mein unbekannter Zimmernachbarn seine Liebe für laute Rockmusik wieder entdeckt zu haben. Fast ohne Unterbrechung lief den ganzen Tag immer die gleiche Schallplatte. Kreischende Elektrogitarren und teilweise stakkatoartiges Schlagzeug pur. Nicht schlecht, aber auf Dauer nervig. Vor allem wenn man nebenher studieren will.
Ich beschloss spontan die Bekanntschaft meines Zimmernachbarn zu machen und stand deshalb eines späten Abends vor seiner Zimmertür und hämmerte mit den Fäusten dagegen. Es dauerte ewig, bis sich die Tür öffnete. Ein Geruch wie aus einer Kaschemme nach Rauch, Alkohol und fettigem Essen schlug mir entgegen. Der Raum war in blaurot zuckende Blitze einer Lichtorgel getaucht. Die Musik dröhnte aus dem Zimmer an dem Mann vorbei, der da ganz in Schwarz im Türrahmen stand. Ein Bulle von einem Mann. „Jonny Cash, The Man In Black“, fuhr es mir durch den Kopf. Nur die Gitarre fehlte. Im Mundwinkel hing lässig eine offensichtlich selbst gedrehte Zigarette. Ich sah wie er die Lippen bewegte, verstand aber wegen dem Krach aus dem Zimmer kein Wort. Ich deutete mit dem Finger der linken Hand auf mein Ohr und machte gleichzeitig mit der rechten Hand eine Drehbewegung.
Johnny nickte und verschwand im blitzenden Licht der Lichtorgel. Dann war es schlagartig still und dunkel. Johnny hatte die Rockmaschine samt Lichtorgel abgeschaltet. Vermutlich hatte er einfach den Stecker gezogen.
„Danke“, schrie ich in das Zimmer. Aus den umliegenden Zimmer kam lautes Beifallklatschen und Bravorufe.
Johnny erschien wieder in der Tür. Diesmal ohne Zigarette. „Was willst du?“, wollte er wissen, „gefällt dir meine Musik nicht?“.
„Doch natürlich, nur nicht immer die gleiche Musik. Leg doch mal was anderes auf, ich weiß doch dass du auch andere Musik hast. Nimm mal Chuck Berry oder Beatles oder Kinks oder Small Faces. Nimm einfach mal was anderes, Okay?“, sagte ich und wollte wieder gehen.
„Weißt du welche Gruppe das gerade war? Weißt du überhaupt was du gerade gehört? Hast du überhaupt eine Ahnung von Musik? Oder willst du hier nur rumstänkern?“
„Natürlich verstehe ich was von Musik“, wehrte ich mich, „ich hab selber Schallplatten. Aber bei deiner Lautstärke brauche ich meinen Plattenspieler gar nicht erst einzuschalten. Den Strom kann ich mir sparen. Du unterhältst mit deiner Lautstärke hier das ganze Wohnheim, nicht nur unsere Etage. Hat dir eigentlich noch keiner gesagt, dass uns das langsam auf den Wecker geht?“
Johnny trat auf den Flur heraus und ich rechnete jede Sekunde damit, dass er nach mir schlagen würde. Dann hob er die rechte Hand und zog eine Tabakbeutel aus der Brusttasche seines Hemdes. Er hielt mir den Beutel hin und sagte: „Hier halt mal“.
Ich starrte auf die Hand oder das was davon übrig war. Johnny hatte anstatt der rechten Hand einen Metallhaken oder eine Art Metallzange, wie ein Seeräuber, dem man die Hand abgehackt hatte.  Er drückte mir den Tabakbeutel in die Hand und fischte mit dem Metallhaken aus der Hosentasche ein Heftchen mit Zigarettenpapier.

„Willst du auch eine?“, wollte er wissen, während er das Heftchen zwischen den Zähne festhielt und ein Stück Zigarettenpapier herauszog. Ich schüttelte den Kopf. „Wäre es nicht einfacher für dich, wenn du dir fertige Zigaretten kaufen würdest“, wollte ich wissen.  Johnny lachte kurz und bitter auf. „Nein du Schlaumeier“, meinte er dann grinsend und hielt mir seine linke Hand unter die Nase. Da war keine Hand. Der Arm endete in einem Stumpf oberhalb des ehemaligen Handgelenks. Die Knochen des Unterarms, Speiche und Elle waren getrennt und bildeten eine Art Schere, die Johnny vor meinen Augen auf und zu klappte.  Johnny genoss offensichtlich meinen Schock und den Schreck den er mir im Gesicht ablesen konnte.
„Jetzt musst du mich fragen wie man damit onanieren kann“, meinte er dann und lachte laut auf.
„Dir gefällt es wohl andere Leute zu provozieren“, erwiderte ich, nach dem ich mich von meinem Schrecken erholt hatte.
„Genau, haarscharf getroffen. Ich mach den ganzen Tag nichts anderes, du Arschgesicht“. Sprach‘s, nahm mir den Tabakbeutel aus der Hand und schlug die Tür hinter sich zu. Sekunden später dröhnte die Musik wieder los. Mir schien es noch lauter als zuvor.
Einige Tage später, an den denen es im Nebenzimmer erstaunlich ruhig gewesen war, fand ich unter meiner Tür einen Zettel, der offensichtlich für mich dort durchgeschoben worden war.
„Einladung“ stand in einer etwas krakeligen ungelenken Schrift oben drüber. „Einladung zur Versöhnungsfete für Kenner der Rockmusik. Eigene Schallplatten und Getränke können mitgebracht werden. Samstag 20:00 Uhr nebenan“.

Am Wochenende war das Wohnheim meist leer und die Studenten entweder bei Mutti um die Wäsche zu wechseln oder bei der Freundin um die Körpersäfte auszutauschen.
Ich war am Samstag um 20:00 Uhr pünktlich mit Schallplatten und Bier unter dem Arm bei Johnny. Das Zimmer war aufgeräumt und gelüftet. Außerdem roch es nach Tannennadelextrakt aus der Sprühdose. Es roch als hätte jemand Gras im Wald geraucht.
Johnnys Zimmer war so groß wie meines, aber er hatte kaum Platz zum Sitzen oder Liegen. Überall Schallplatten. Unmengen von Schallplatten.
Nicht ohne Stolz meinte Johnny, „das ist meine große Liebe. Eigentlich wollte ich Gitarrist werden. Aber dann ...“
Er verstummte und hielt mir stattdessen eine geöffnete Flasche Bier hin.
„Auf gute Nachbarschaft“, sagte er, während er mit seiner Flasche, die er gekonnt in der Zange der rechten Hand hielt, mehrfach wie bei einem Ritual gegen meine Bierflasche stieß. Dann setzte er die Flasche an und lies laufen bis die Flasche leer war.
„Es geht doch nichts über den ersten Schluck“, meinte er dann grinsend, „komm setz dich hin. Du hast ja noch gar nicht getrunken. Gib mal her, lass mal sehen was du da an Musik mitgebracht hast“.
Während ich einen Schluck aus der Bierflasche nahm, zog er mir die Schallplatten unter dem Arm hervor. Ich beobachte ihn prüfend. Er behandelte die Schallplatten mit einer seltsamen Art von Würde und Vorsicht. Wie etwas leicht Zerbrechliches, etwas sehr Wertvolles. Geschickt hantierte er dabei mit seinen Armstümpfen. Drehte und wendete die Cover, nahm dann eine der Schelllackplatten aus der Hülle und legt sie auf den Plattenspieler. Mit dem Haken der rechten Hand legte er den Tonarm zielgenau auf. Buddy Holly und sein Titel ‚Rave on‘ füllten den kleinen Raum.
Johnny schloss die Augen und begann mit den nicht mehr vorhanden Händen Luftgitarre zu spielen. Es war ein seltsamer, bewegender Anblick. Die laute Musik, die ich in den letzten Monaten aus seinem Zimmer gehört hatte, bekam ein Gesicht, ein Herz und eine Seele.
Johnny lebte diese Musik, er inhalierte diese Musik wie den Rauch seiner Zigarette. Johnny lebte diese Musik und diese Musik belebte ihn. Ich hatte so etwas vorher noch nie gesehen.
„Du Guten sterben immer zuerst“, meinte Johnny als der Song zu Ende ging, „du weißt dass Buddy Holly tot ist?“
„Ja, am 3 Februar 1959 zusammen mit Ritchi Valens und The Big Bopper bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen“, sagte ich und nahm einen weiteren Schluck aus der Bierflasche.
Johnny sah erstaunt von dem Plattencover hoch und nickte mit dem Kopf, „du scheinst echt Ahnung zu haben. Den Todestag hätte ich nicht gewusst.“
„Kann ich mir mal deine Plattensammlung durchsehen“, wollte ich wissen, „und wo ist die Platte von der Gruppe, die du mir in den letzten Wochen so oft durch die Wand vorgespielt hast.“
„Du meinst Led Zeppelin? Willst du die wirklich hören? Ich dachte die magst du nicht.“
„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass du auch mal eine andere Platte auflegen sollst. Jetzt spiel mal das eine Stück, du weißt schon, das mit dieser irren Gitarre und dem Dampfhammerrhythmus. Dadududu dummdummdumm, dadududu dummdummdumm, dadududu dummdummdumm.“
Wenig später kreischte die Stimme von Robert Plant, dem Leadsänger der Gruppe Led Zeppelin, aus den Lautsprechern und ich hörte zum ersten Mal in meinem Leben „Whole Lotta Love“ .
Und wieder sah ich Johnny ohne Hände perfekt Luftgitarre spielen.
„Kannst du eigentlich richtig Gitarre spielen?“, wollte ich wissen, „äh, ich meine konntest du mal richtig Gitarre spielen“, fügte ich dann entschuldigend dazu. 
„Ich konnte ein bisschen spielen, so für das Lagerfeuer und die Jungschar hat es gereicht. Mein Traum war immer so Gitarre zu spielen wie Johnny Cash oder Klavier wie Little Richard. Aber dann...“, dabei hielt er die Hände hoch, drehte und wendete sie als hätte er sie noch nie gesehen. Er legte gekonnt eine weitere Platte auf. Diesmal Jimi Hendrix mit ‚Purple Haze‘.
Wir hörten Musik, später mit Rücksicht auf die Nachbarn, etwas leiser, tranken Bier bis zum frühen Sonntagmorgen, unterhielten uns und Johnny erzählte von seinem Trip nach Amerika und dem Festival in Woodstock.
„Weißt du,“ erzählte er und öffnete geschickt mit dem Haken seiner rechten Hand eine neue Bierflasche, „weißt du, ich hatte keine Ahnung von diesem Festival. Davon habe ich erst in Amerika gehört. Ich war zufällig in New York, als ich davon hörte. Das Festival war auf einer Wiese, etwa zwei Autostunden von New York entfernt. Ich wollte das unbedingt erleben und war drei Tage unterwegs um dahin zu kommen. Fast hätte ich es nicht geschafft, aber am 15. August 1969 war ich dann dabei. Es war großartig, obwohl es geregnet hat und alles im Schlamm versank. Die Musik war stark. Gruppen wie Ten Years After, Crosby, Stills, Nash & Young, The Who, Canned Heat, Jimi Hendrix, Santana, Creedence Clearwater, Janis Joblin, Blood, Sweat & Tears, Joe Cocker und Joan Baez. Die Stimmung war einfach einmalig. Du musst dir das mal vorstellen, Menschen überall, eine riesige Menge, mehrere Hunderttausend. Und die Musik! Wir haben gesoffen und gekifft. Ich war high und glücklich wie noch nie in meinem Leben. Seit ich zurück bin, sehe ich mein Studium lockerer und mein bisheriges Leben samt dem Unfall nicht mehr so verbissen. Früher habe ich immer daran gedacht, mich irgendwann mal aus im Vollrausch aus dem Fenster oder vor den Zug fallen zu lassen. Aber entweder war ich noch nüchtern genug um Angst zu haben oder schon so besoffen, dass ich nicht mehr stehen konnte. Seit Woodstock ist das anders. Es macht mir auch nichts mehr, dass die Mädchen einen großen Bogen um machen, sobald das da sehen.“
Er hielt seine Ersatzhände hoch und lachte.
„Kann ich ja irgendwo verstehen, dass sie nicht scharf darauf sind, dass ich ihren G-Punkt mit dem Ding da suche“,  fügte er hinzu und betrachtete ausgiebig seinen Enterhaken an der rechten Hand. „Dabei ist das Ding äußerst praktisch. Ich kann fast alles damit machen. Hier guck mal, ich kann damit Zigaretten drehen und Karten spielen. Ich kann sogar die Zigaretten mit einem Streichholz anzünden. Ich kann mich selbst versorgen, kann mich waschen und nach dem Scheißen den Arsch abputzen. Dazu brauche ich niemand. Aber ich werde nie eine Frau finden oder eine Familie haben. Ja, vielleicht wenn ich mal reich bin und meinen Vater beerbt habe. Weiber sollen ja auf Geld stehen. Ich glaub da nicht so recht dran, denn wenn ich hier im Puff auftauche überschlagen sich die meisten Nutten auch nicht gerade vor Begeisterung. Die letzte wollte sich von mir nur ficken lassen, wenn ich sie nicht anfasse. Willst du mal mitkommen ins Puff?“
Ich schüttelte den Kopf, der nach der vierten Flasche Bier schon ein bisschen schwer war. „Nein danke, kein Bedarf. Ich bin versorgt“, log ich.
„War ja nur ein Angebot. Ich hätte eine Runde für dich ausgegeben. Geld habe ich genug. Der Scheck von meinem Alten kommt immer pünktlich, ich kann da nicht klagen. Er schickt mir immer Geld und hofft, dass ich nicht nach Hause komme. Der alte Sack.“
Johnny sah mich an und erwartete anscheinend, dass ich nach dem Grund seiner negativen Einstellung zu seinem Vater fragte. Aber den Gefallen tat ich ihm nicht.
Wenn er wollte und wenn es wichtig war, konnte er mir das ja irgendwann mal erzählen.
„Was hat dich denn nach Heidelberg verschlagen“, wollte er dann wissen, „was machst du hier?“
„Im Gegensatz zu dir studiere ich hier“, sagte ich langsam, „soll ich dir jetzt auch ein paar Schwänke aus meinem Leben erzählen?“.
„Ja, wäre nicht schlecht. Nachdem ich jetzt schon mal damit angefangen habe, kannst du jetzt auch deine Lebensbeichte abgeben“, meinte Johnny trocken und hielt mir eine weitere Flasche Bier hin.
„Wo soll ich denn anfangen“, meinte ich zögernd, „meinst du nicht, dass ich für eine Lebensbeichte noch ein bisschen jung bin. Außerdem kenne ich dich doch gar nicht, beziehungsweise kenne ich dich noch nicht lange.“
„Dann lass einfach die Intimitäten weg, oder lüg mich einfach an. Ich höre gerne Geschichten. Ich habe mich schon lange nicht mehr mit jemand so unterhalten wie mit dir. Tut richtig gut. Du bist OK. Hab ich mir gleich gedacht als du vor meiner Zimmertür gestanden bist. Ich hatte schon früher damit gerechnet, dass du dich wegen dem Krach beschweren kommst. Hast ja auch lange genug gegen die Wand geklopft.“
„Das hast du gehört??? Ja das ist ja ein Ding!!! Warum hast du die Musik dann nicht leiser gemacht?“
Johnny lachte als er sagte, „warum auch, sonst hätte ich dich ja nicht kennengelernt.“
Nach einem langen Schluck aus der Bierflasche begann ich von mir zu erzählen. Und von Zimbes und Regula, von Harry, von Marianne, die jetzt irgendwann bald ihr Kind bekommen würde.
Wir erzählten und tranken Bier bis es draußen wieder hell wurde. Johnny war auf seinem Bett zusammen gesunken, am Haken der rechten Hand eine halbvolle Flasche und schlief  leise schnarchend vor sich hin.
Ich gab ihm einen leichten, fast zärtlichen Schubs, der genügte, um ihn auf das Bett sinken zu lassen, wo er einfach weiterschlief. Die Bierflasche hielt er weiter fest in seiner Klammer. Ich gab es auf, hinter den Schließmechanismus zu kommen und ließ ihn mitsamt Bierflasche in den Sonntagmorgen schlafen, bevor ich mich auf den Weg in mein eigenes Bett machte.
 Aus unserer Bekanntschaft entwickelte sich schnell eine Freundschaft. Johnny hatte tagsüber viel Zeit und erledigte für mich einige Behördengänge, holte Formulare ab und Bücher aus der Buchhandlung.
Abends zogen wir durch die Kneipen und gönnten uns einen Gute-Nacht-Trunk, danach hörten wir Musik, ganz leise um die anderen im Wohnheim nicht zu stören. Und Johnny stöberte für mich in den Schallplattenläden von Heidelberg nach Raritäten. Und ich schleppte ihn gegen Ende meines ersten Semesters mit in die Mensa zum Mittagessen. Er hatte sich dieses Erlebnis bisher entgehen lassen.
„Habe in der Heidelberger Mensa gegessen und eine Erfahrung fürs Leben gemacht“, meinte er danach, „das müssen wir aber nicht wiederholen. Dazu ist das Leben zu kurz, das will ich mir nicht noch mal antun. Aber am Wochenende ist eine Open-Air-Fete in der Thingstätte auf dem Heiligenberg. Ein absolutes Muss für jeden Musikfan und Gras gibt es auch genug. Du weißt schon, was ich meine.“ Johnny sah mich vielsagend an. Ich hatte schon längere Zeit den Verdacht, dass der seltsame Geruch seiner Zigaretten nicht nur vom Tabak verursacht wurde.
„Sag mal, kiffst du?“, wollte ich wissen. Johnny sah mich vorsichtig an. „Hättest du damit ein Problem?“, wollte er dann wissen.
Ich dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf, „nein ich hätte damit kein Problem. Es gefällt mir zwar nicht, aber Probleme habe ich damit nicht. Solange du nicht versuchst mich damit reinzuziehen. Lass das deine Angelegenheit sein, das hat mit unserer Freundschaft nichts zu tun. Du würdest sicher damit nicht aufhören, nur weil es mir nicht gefällt, oder?“
„Sicher nicht“, meinte er trocken, „lass einfach gut sein. Also gehst du trotzdem mit auf die Thingstätte, oder? Dann kannst du auch Mandy kennen lernen.“
„Mandy? Wer ist Mandy? Ich dachte du hast keine Freundin. Ich dachte immer du lebst wie ein Eremit und jetzt tun sich vor mir die Abgründe deiner Vielweiberei auf. Das ist ja ein starkes Stück“.
Ich wollte ihn weiter aufziehen und über seine heimliche Beziehung zu Mandy lästern, als ich den Ausdruck in seinem Gesicht bemerkte. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht beleidigen und Mandy auch nicht“, sagte ich stattdessen.
„Ich weiß“, antwortete er ernst, „warte einfach mal ab, bis du sie kennen lernst. Sie ist etwas Besonderes“.
Dann fing er an zu grinsen, dieses typische Johnny-Grinsen, spitzbübisch und von einem Ohr zum anderen. „Für Mandy würde ich meine rechte Hand geben“, meinte er dann und blickte auf den Haken an seinem rechten Armstumpf, „uups, oder habe ich das etwa schon?“
„Wie ist das denn eigentlich passiert?“, wollte ich wissen und Johnny sah mich an.
„Ich habe schon lange darauf gewartet, dass du das fragen wirst. Jeder andere hätte schon viel früher gefragt wie du. Die Neugier, die Sensationsgeilheit weißt du. Die Menschen können sich am Unglück Anderer richtig aufgeilen. Ich habe das am eigenen Leib kennengelernt. Jetzt lass uns irgendwo was trinken gehen und ich möchte mir in aller Ruhe einen Joint reinziehen. Das macht mir das Erzählen leichter. Ist nicht so einfach über sein Leben zu reden, wenn man ein Krüppel ist.“

Kurze Zeit später saßen wir im Vetter, einem urigen Studentenlokal mit eigen gebrautem Bier in der Heidelberger Altstatt, zwischen der Heilig Geist Kirche und Alter Brücke. Das Lokal war um diese Zeit noch fast leer. Erst gegen 17:00 Uhr kamen die ersten Gäste. Ab 19:00 Uhr bekam man hier keinen Platz mehr.  Wir saßen im hinteren Teil des Lokals in einer ruhigen Ecke und hatten uns die Spezialität des Hauses bestellt; selbstgebrautes Hefeweizen und eine große Pfanne Bratkartoffel.
Johnny nahm einen großes Schluck Hefeweizen und leerte das Glas fast in einem Zug. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Schaum vom Mund ab und setzte zum Sprechen an. „Ich weiß“, kam ich ihm zuvor, „der erste Schluck ist der Beste, du solltest dir mal einen anderen Spruch zulegen.“
Johnny grinste mich mit seinem typischen Grinsen an und zog sich die Pfanne Bratkartoffeln über den Tisch. „Was hast du dir zum Essen bestellt?“, wollte er dann frech wissen.
„Das ist eine Kartoffelpfanne für zwei Personen, du alter Fresssack. Du säufst und frisst für zwei. Du würdest glatt einen armen Studenten wie mich am Tisch verhungern und verdursten lassen“, sagte ich während ich mit der einen Hand versuchte die Pfanne wieder in die Mitte des Tisches zu ziehen und mit der anderen Hand mein Bierglas festhielt.
„Eigentlich wolltest du mir ja erzählen wie du zum Krüppel geworden bist. Eigentlich wolltest du meine Sensationslust befriedigen und nicht meine Kartoffeln wegfressen. Also lass jetzt die Pfanne los und bestell dir noch ein Bier.“
„Also gut, dann iss halt weiter, während ich dir erzähle wie es mich zerfetzt hat. Wenn dir dabei der Appetit vergeht, kann ich das auch nicht ändern. Ich werde jede winzige Kleinigkeit, jeden Blutstropfen, jeden Fleischfetzen und Knochensplitter einzeln erwähnen..“
Dann hob er den linken Arm, spreizte gekonnt seine Unterarmstummel und rief durch das Lokal „Noch zwei Weizen, bitte.“
„Ich wollte eigentlich keins mehr“, meinte ich während ich mit der Gabel nach den besonders knusprigen Bratkartoffelstücken suchte.
„Das ist auch nicht für dich; die Biere sind beide für mich. Schließlich soll ich jetzt meine Lebensbeichte ablegen. Das dauert länger und da brauche ich immer ein volles Glas Bier zur Sicherheit in der Nähe. Bist du soweit?“, wollte er dann von mir wissen. Ich nickte stumm mit vollem Mund.
„Also, das war so“, begann Johnny und nahm noch schnell einen Schluck aus meinem Bierglas, „das war an Sylvester vor sechs Jahren. Wir hatten zu der Zeit in der Schule im Chemieunterricht ein bisschen was über Sprengstoffe gelernt und da kam mir die Idee zu Sylvester die Neujahrskracher selbst herzustellen, so als eine Art Sparmaßnahme. In der Chemie hatten wir was von Natriumchlorat gehört und dass sich dieses Zeug auch in Unkrautvernichtern befindet. Also besorgte ich mir aus dem Gartenmarkt immer wieder Unkrautex in kleinen Mengen, damit keiner was merkt. Dann fing ich an meinen eigenen Riesenkracher zu bauen. Es sollte der absolute Knaller bei der Sylvesterfeier werden. Ich besorgte mir vom Flaschner ein Metallrohr, so circa sechs Zentimeter im Durchmesser und etwa 30 Zentimeter lang. Das ließ ich an beiden Ende mit einem Blechdeckel zuschweißen. Zuhause bohrte ich mit der Bohrmaschine meines Vaters ein Loch in den Deckel auf der einen Seite des Rohrs und füllte dann vorsichtig des pulverförmige Unkrautex ein. War gar nicht so leicht das Zeug durch das kleine Loch zu kriegen und ich habe lange dazu gebraucht. Das Loch verschloss ich dann mit einer selbstgemachten Zündschnur und fertig war der absolute Sylvesterkracher.“
Johnny unterbrach seine Erzählung kurz als die Bedienung die beiden Hefeweizen brachte. Sie war höchstens zwanzig Jahre alt und jobbte hier vermutlich um ihr Studium mitzufinanzieren. Als sie sich über den Tisch beugte, blickte er ihr erst ungeniert in den Ausschnitt, legte dann beide Unterarme mit seinen Armstümpfen auf den Tisch und fragte dann ganz lieb, ob sie wohl so nett wäre ihm eine Zigarette anzuzünden und sie ihm in den Mund zu stecken. Die Bedienung zögerte, blickte kurz zu mir, aber ich tat als hätte ich nichts gehört. „Bitte“, sagte Johnny und setzte sein schönstes Lächeln auf. Dabei hob er hilflos, wie zur Entschuldigung die Arme hoch. Die Bedienung nahm eine Zigarette aus der Schachtel, steckte sie Johnny vorsichtig in den Mund und gab ihm mit einem Streichholz Feuer. Johnny paffte ihr ein dicke Rauchwolke entgegen, lächelte sie nochmals an und sagte „Danke, vielen Dank. Das war sehr lieb von dir.“ Während der ganzen Zeit hatte er seinen Blick nicht aus ihrem Ausschnitt genommen. Als sie ging, sah er ihr nach und meinte zu mir, „süße Arschbacken hat sie auch noch, dazwischen würde ich mich auch ganz wohlfühlen“.
„Was sollte der Scheiß mit der Zigarette“, wollte ich wissen, „du kannst dir deine Joints sogar selbst drehen. Du brauchst doch niemand der dir eine Zigarette anzündet. Was war das für eine Tour, die du da gerade abgezogen hast?“
„Das war die Behindertentour. Niemand wird einem Behinderten einen Wunsch abschlagen oder gar eine Abfuhr geben. Das macht man nicht in unserer Gesellschaft. Hat dich schon mal ein Behinderter gefragt ob du ihm helfen kannst?“
Ich dachte kurz nach. „Ja, ein Rollstuhlfahrer hat mich mal gefragt, ob ich ihm eine Treppe runterhelfen kann.“
„Und?“
„Ich habe ihm geholfen, es hat ihn fast das Leben gekostet, denn er wäre dabei fast aus dem Rollstuhl gefallen und wenn nicht ein paar andere Passanten eingegriffen hätten wären wir zusammen die Treppe runtergestürzt. Dann würde ich heute wahrscheinlich auch im Rollstuhl sitzen und du könntest mich hier durch die Kneipen schieben.“
Johnny unterbrach sein Lachen, hielt die Hände hoch und fuchtelte damit in der Luft herum wie ein Cheerleader, "„wie denn?“ prustete er los, „aber wenn die Bedienung wieder kommt, frage ich sie, ob sie mit mir auf die Toilette geht und mir den Schwanz zum Pissen aus der Hose holt. Meinst du die macht das?“
Ich schüttelte den Kopf, doch als Johnny den Arm hob um die Bedienung zu rufen, verschluckte ich mich fürchterlich an einem Stück Bratkartoffel.
„Komm mach keinen Scheiß. Lass die Kleine in Ruhe. Erzähl mir lieber wie das mit deinen Armen weiterging.“
Johnny schickte noch einen letzten Blick zu der Bedienung, die gerade an einem anderen Tisch die Bestellung aufnahm. Das Lokal begann sich langsam zu füllen.
„Also, wo war ich stehen geblieben. Ach ja, bei der Zündschnur. Ich hatte genaue Berechnungen über die Länge der Zündschnur angestellt, denn ich brauchte ja genügend Zeit um das Ding anzuzünden und dann wegzurennen. Ich hatte ja nicht vor mich umzubringen. Am Sylvesterabend feierten wir mit meinen Eltern. Ich im Keller in der Bar mit Schulfreunden und Schulfreundinnen. Meine Eltern mit Verwandten und Bekannten im Wohnzimmer im Erdgeschoss. Kurz vor zwölf Uhr ging ich in die Garage, holte meinen selbstgebauten Kracher und versteckte ihn auf der Wiese neben meinem Elternhaus, so circa dreißig bis vierzig Meter vom Haus weg. Genau um Mitternacht wollte ich das Ding dann zünden. Kurz vorher kamen alle Gäste aus dem Haus, standen herum, tranken Champagner und wünschten sich gegenseitig alles Gute zum Neuen Jahr. Ich umarmte meiner Mutter, machte einen großen Bogen um meinen Vater, gab noch einigen Verwandten die Hand und wünschte ihnen Glück. Dann rannte ich zu meinem Kracher auf der Wiese und zündete mit einem Feuerzeug die Zündschnur an. Einige meiner Schulfreunde waren mitgekommen, staunten meinen Kracher an und rannten dann mit mir über die Wiese zurück um sich in Sicherheit zu bringen. Die anderen Gäste hatten bemerkt, dass auf der Wiese ein besonderes Ereignis stattfinden sollte. Johnny hat eine Rakete gebaut und die startet jetzt gleich, genau um Mitternacht. Alle starrten gespannt auf die Wiese. Nichts passierte. Die ersten Freunde fingen an zu lachen und machten dumme Witze. Die Kirchenglocken läuteten das neue Jahr ein und auf der Wiese blieb alles still. Jetzt lachten alle. Einige gingen ins Haus zurück um sich Mäntel oder noch etwas zum Trinken zu holen. Mein bester Freund klopfte mir auf die Schulter und hielt eine improvisierte Rede über Werner von Braun und das Raketenprogramm der Amerikaner. Meine Mutter trat neben mich und wollte tröstend den Arm um mich legen, doch ich wehrte sie unwirsch ab. Ich hatte mir mit dem Kracher eine solche Mühe gegeben, es sollte die absolute Überraschung zu Sylvester werden und dann so etwas. Auf der Wiese blieb alles still. Kein Rauch, kein Knall, kein Puff, kein Zischen, einfach nichts, nur Stille.
Unter der Haustür sah ich meinen Vater stehen. Obwohl sein Gesicht im Dunkeln lag, konnte ich seine Gedanken sehen. Wieder mal versagt, der Herr Sohn. Wieder mal Mist gebaut. Wieder mal bewiesen, dass er mit seinen Händen nichts Gescheites zu Stande bringt. Von einer Laufbahn als Chirurg, in den Fußstapfen seines Vaters, ganz zu schwiegen. Dann dreht sich mein Vater wortlos um und ging ins Haus zurück. Erst folgten ihm Einzelne, dann Grüppchen mit zwei oder drei Personen. Meine Schulfreunde standen noch herum, froren ein bisschen und rauchten noch schnell eine Zigarette, denn mein Vater hatte das Rauchen im Haus verboten. Ich stand etwas abseits, hörte aus den Sprachfetzen die zu mir herüber drangen, wie sie sich über meinen Kracher lustig machten und ich hörte ihr Gelächter. Da ging ich los schnurstracks über die Wiese auf den Kracher zu und hob ihn auf. Ich hielt den Kracher in den ausgestreckten Händen, trug ihn vor mir her und wollte damit zurück zum Haus gehen. Dann spürte ich plötzlich einen dumpfen Schlag, so eine Art Puff, wie beim Zauberer im Kindertheater. Ich stolperte zwar, ging aber mit ausgestreckten Armen weiter auf das Haus zu. Von irgendwo her hörte ich Schreie, alles wurde plötzlich ganz langsam. Die Menschen vor dem Haus bewegten sich im Licht der Laterne wie in Zeitlupe. Ich sah meinen Vater aus dem Haus kommen und erschrocken stehen bleiben. Hinter ihm kam meine Mutter und schlug die Hände vor das Gesicht. Ich ging weiter mit ausgestreckten Händen auf das Haus zu und trug den Kracher vor mir her. Ich verstand die ganze Aufregung nicht. Warum starrten mich denn alle so an. Gerade hatten sie noch über mich gelacht, hatten sich über mich und meinen Kracher lustig gemacht. Und jetzt starrten sie den Kracher an, als hätten sie so etwas noch nie gesehen. Mein Blick richtete sich auf meine Hände, aber ich konnte den Kracher nicht sehen. Und ich konnte meine Hände nicht sehen. Ich blieb stehen, drehte immer wieder meinen ausgestreckten Arme und suchte meine Hände. Dann wollte ich mich umdrehen, weil ich dachte, dass ich sie irgendwo auf der Wiese verloren hatte. Dabei verlor ich das Gleichgewicht und brach zusammen. Rücklings  lag ich auf dem Boden und blickte in den Sternenhimmel. Ich hatte noch nie so schöne Sterne gesehen. Alles war ruhig. Ich hörte nichts, ich fühlte nichts, ich war ganz leicht und schwebte über dem Boden. Und die Sterne waren wunderschön. Dann weiß ich nichts mehr. Ich bin dann wohl bewusstlos geworden.“
Johnny hielt in seiner Erzählung inne, drehte sich gedankenverloren eine Zigarette und zündete sie mit einem Streichholz an. Ich sah dass die Bedienung ihn beobachtete und anfing mit ihrer Kollegin zu tuscheln.
Ich wartete bis Johnny fertig war und den ersten Zug aus der Zigarette tief inhalierte. Dann neigte er den Kopf leicht auf die Seite und lächelte mich an.
„Tja, so war das. So war das damals, als ich meine Hände verlor. Es hat sie mir abgerissen oder so zerfetzt, dass sie amputiert werden mussten. Rechts genau am Handgelenk und links etwas über dem Handgelenk.“
Dabei hielt er den linken Unterarm hoch. „Die Trennung des Unterarms in Speiche und Elle wurde später durch eine Operation vorgenommen. Ich finde das sieht echt geil aus. Wenn ich eine Frau finden könnte, die auf Fist-Fucking steht, könnte ich ihr den Arm bis zum Ellenbogen reinschieben. Hat auch was für sich, oder?“
„Wenn du meinst, dann wird es wohl so sein“, meinte ich, denn es wäre sinnlos gewesen darüber jetzt mit ihm eine Diskussion anzufangen. Johnny gebrauchte diese verbalen Ausflüge in den Sexualbereich immer wieder um seine Mitmenschen zu brüskieren, zu erschrecken und zu provozieren.
„Die Bedienung hat übrigens bemerkt, dass du sie an der Nase herumgeführt hast und deine Zigaretten selbst anzünden kannst. Die Tour mit der Toilette brauchst du hier gar nicht mehr abzuziehen. Bei der Kleinen hast du es schon verschissen. Wie ging die Geschichte mit deinen Händen weiter?“
„Willst du das wirklich wissen? Es genügt dir wohl nicht, zu wissen wie es passiert ist. Du willst auch noch wissen was danach kam?“, fauchte mich Johnny an.
„Natürlich will ich das wissen. Bis hier her war ja noch alles OK. Jetzt wird es doch erst richtig interessant. So ohne Hände. Ich stelle mir das so vor“, gab ich kalt zurück.
Johnny blickte mich lange an.
„Du würdest einen guten Psychiater abgeben, statt dessen musst du so einen Scheiß wie Betriebswirtschaft studieren“, meinte er dann.
„Und Informatik“, fügte ich hinzu, „das wollen wir nicht vergessen.“
„Komm lass uns zahlen und nach Hause gehen, ich muss an die frische Luft. Ich glaube ich muss kotzen“, sagte er dann.
„Du musst nicht kotzen. Nicht nach nur fünf Hefeweizen. Du nicht. Du willst dich nur vor der weiteren Geschichte drücken. So war das nicht abgemacht. Ich gehe jetzt mit dir nach Hause. Ich muss an der Uni noch mein Fahrrad holen. Wenn es noch da, meine ich. Und dann gehen wir den ganzen Weg zu Fuß nach Hause. Auf dem Gepäckträger kann ich dich mit deiner Figur nicht transportieren. Außerdem hast du ja keine Hände um dich dort festzuhalten. Also gehen wir zu Fuß“. Ich winkte der jungen Kellnerin. Sie war sichtlich erleichtert, dass ich das Bezahlen übernahm.
„Du hast die Mentalität einer Dampfwalze, weißt du das? Kein bisschen Feingefühl. Keine Rücksicht auf behinderte Mitmenschen“, beklagte sich Johnny als wir auf die Straße traten.
„Du bist nicht behindert“, sagte ich, „du tust nur so und versteckst dich ein bisschen dahinter, dass du schon mal Teile von dir voraus ins Jenseits geschickt hast. Das ist Alles. Es gibt keinen Grund auf dich Rücksicht zu nehmen.“
Danach gingen wir eine zeitlang schweigend nebeneinander her. Ich holte an der Uni mein altes Fahrrad und dann machten wir uns auf den Weg zum Studentenwohnheim. Irgendwann fing Johnny an zu reden und paffte dabei weiße Atemwölkchen in die kühle Nachtluft.
„Aufgewacht bin ich erst nach ein paar Tagen. Meine Mutter saß an meinem Bett.  Ich wusste nicht wo ich bin und was passiert war. Erst allmählich fiel mir alles wieder ein. Außer an den Händen hatte ich noch Verletzungen im Bauchbereich, einen Metallsplitter im Oberschenkel, haarscharf an wichtigen männlichen Körperteilen vorbei. Man kann durchaus sagen, dass es mir um ein Haar den Sack abgerissen hätte. Du kannst jetzt durchaus ein bisschen Mitleid heucheln, das würde mir das Erzählen sehr erleichtern. Im Gesicht hatte ich keine Verletzungen, das war schon vor dem Unfall so hässlich. Auch die Augen hatten nichts abbekommen. Der Kracher ist mit seiner Hauptwucht nach rechts und links losgegangen. Wenn ich schon näher am Haus gewesen wäre, hätte es vermutlich Tote gegeben. So hat es zum Glück nur mich erwischt.  Nachdem die Wunden an den Armstümpfen abgeheilt waren, kam ich in die Rehabilitationsklinik. Dort wurden mir dann auch später die Prothesen verpasst. Der Haken an der rechten Hand ist eine geile Erfindung. Ich kann die Zange über einen Seilzug, der an der linken Schulter befestigt ist, bewegen. Wenn ich die Zange aufmachen will, muss ich nur die linke Schulter nach vorne bewegen. Mit der Zeit habe ich gelernt damit umzugehen, bis ich auch Karten spielen konnte. Ich habe betrogen was das Zeug hält, aber keiner hat sich getraut was zu sagen. Ich war halt behindert und da drückt man schon mal beide Augen zu. Du brauchst nicht zu sagen, ich weiß dass du das nicht machst. Finde ich ehrlich auch in Ordnung. Ist mir auch lieber so. Sag Arschloch zu mir wenn ich eines bin. Also, ich wurde durch die verschiedenen Rehabilitationsanlagen geschickt. Erst in die speziell für Kinder ausgestatteten, dann später in die Einrichtungen für Erwachsene. Ein paar Mal gab es Probleme, weil ich zuviel getrunken hatte, einmal bin ich mit meinem Haken einer Krankenschwester unter den Rock gefahren. Und den größten Aufruhr gab es, als ich mir während der Besuchszeit eine Nutte aufs Zimmer bestellt hatte und gerade als ich ihr meinen Schwanz reinstecken wollte kam die Oberschwester zur Tür rein. Das war vielleicht ein Theater. Bis zum Klinikdirektor ging die Sache hoch. Dem habe ich klargemacht, dass ich ein volljähriger Mann bin und keine Sache, die vom Institut und seinen Ärzten verwaltet wird. Danach habe ich auf eigenen Wunsch und Gefahr die Rehabilitationseinrichtung verlassen, habe mir eine Wohnung gesucht und eine Putzfrau eingestellt. Irgendwann bin ich dann auf die Idee gekommen, in Heidelberg zu studieren, weil ein Freund von mir hier in der Rehaeinrichtung eine Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann macht. Ich sollte dir Barney mal vorstellen. Ist echt ein patenter Kerl. Hat sich nur bei einem Autounfall mit achtzehn Jahren des Rückgrat gebrochen. Seitdem sitzt er im Rollstuhl und pisst permanent in eine Art Präservativ, weil er den Urin nicht mehr kontrollieren kann. Ich war mal mit ihm auf einer Sauftour und da hat er in seinem Suff erst gemerkt, dass der Präser voll war, als das Ding geplatzt ist. Er hat sich und den ganzen Rollstuhl vollgepisst. Es hat gestunken wie Bock und wir sind in hohem Bogen aus dem Lokal geflogen. Aber das kann er dir mal selber erzählen.“
Wir waren vor dem Studentenwohnheim angekommen und Johnny war etwas außer Atem. Er zog tief die kühle Nachtluft in die Lungen und meinte dann grinsend, „gutes Timing, was? Die Story hat gerade für den Nachhauseweg gereicht. Kommst du noch mit auf ein Bier auf meine Bude?“
Ich schüttelte, den Kopf. „Nein Johnny, ich habe für heute genug. Ich muss jetzt ins Bett. Im Gegensatz zu dir studiere ich ja wirklich und kann morgen früh nicht meinen Rausch ausschlafen.“
Johnny legte seinen rechten Arm um meine Schultern, ich passte ziemlich genau unter seine Achselhöhle, nahm mich fast liebevoll in den Schwitzkasten und drückte mich an sich. Dabei klapperte er mit dem Enterhaken genau vor meinem rechten Auge herum, das wie gebannt auf den Haken starrte.
„Weißt du“, meinte er dann, „du bist echt ein feiner Kerl. Ich habe keine Freunde mehr, die nicht selbst behindert sind. Aber mit dir kann ich mich super unterhalten. Du sagst, was du denkst und behandelst mich wie einen normalen Menschen. Das tut richtig gut. Außer dir traut sich das Keiner. Früher habe ich mich oft mit anderen Jungs gerauft und bin keiner Schlägerei aus dem Weg gegangen. Wenn ich jetzt in der Kneipe jemand provoziere, dann traut sich keiner mir Schläge anzudrohen. Die drehen sich alle um, gucken weg und tun so als hätten sie meine Verbalattacken nicht gehört. Die ignorieren mich einfach. Früher hätte sich das keiner getraut. Kaum hebe ich die Hände über den Tisch und die Leute sehen das da, schon haben sie Mitleid mit mir.“
Dabei fuchtelte er mir mit seinem Haken vor der Nase herum.
Ich schob seinen Arm ganz langsam weg und sagte grinsend: „Sieht aber auch scheißgefährlich aus, das Teil. Du könntest es dir vielleicht auch mal in einer anderen Farbe streichen lassen. Pink wäre nicht schlecht. So siehst du aus wie der Kapitän Hook aus Peter Pan. Weißt, dieser Piratenkapitän dem ein Krokodil die Hand abgebissen hatte und dabei auch seinen Wecker verschluckt hat. Kennst du die Geschichte?“
Johnny schüttelte den Kopf. Er schien mit den Gedanken bereits wo anders zu sein.
„Also ich geh jetzt ins Bett, mach‘s gut. Bis morgen“, sagte ich und drehte mich um.
Im Weggehen hörte ich noch wie Johnny mir nachrief: „Du kommst doch am Wochenende mit auf die Thingstätte.“ Und dann nach einer kurzen Pause, „Bitte.“
Ich hob eine Hand zum Einverständnis und versuchte mit der anderen Hand das Schlüsselloch an meiner Wohnungstüre zu finden. Mann, war ich fertig.
Diese Kneipentouren mit Johnny mussten die Ausnahme bleiben, sonst würde ich mein Studium nie beenden.

© Rolf Robert
Frankfurt 2003

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Johnny I

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Hombostel I

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