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Kurze Geschichten

Johnny II


Unkorrigierte Leseprobe
© Rolf Robert
Frankfurt 2003

Am Samstag machte ich mich mit Johnny zusammen auf den Weg zur Thingstätte. Johnny hatte mir am Tag zuvor noch extra einen Zettel zur Erinnerung unter der Tür durchgeschoben. Wir gingen zu Fuß und auf dem Weg über den Neckar und hoch zum Heiligenberg, hielt mir Johnny einen Vortrag über die Thingstätte. Ich hatte den Namen irgendwie mit den Ritualen alter Germanen in Zusammenhang gebracht. Johnny erzählte mir aber, dass die Thingstätte erst 1934 durch die Nazis angelegt worden ist. Bei der Einweihung waren über 20.000 Menschen und der Propagandaminister Goebbels höchstpersönlich anwesend.
„Stell dir vor“, meinte Johnny keuchend, denn der Anstieg zum Heiligenberg hatte es in sich, vor allem für einen Raucher und Gelegenheitskiffer, „Goebbels hat in Heidelberg zum Dr. phil promoviert“.
„Dann gab es schon damals behinderte Studenten in Heidelberg gegeben“, meinte ich mit einem etwas sarkastischen Unterton.
„Wie meinst du das?“, fragte Johnny und war stehen geblieben um etwas Luft zu holen. Um uns herum stiegen Hunderte von Menschen ebenfalls zu Thingstätte hoch.
„Ja Goebbels hatte doch einen verkrüppelten Fuß. So einen Klumpfuss. Als er 1914 versucht hat sich als Kriegsfreiwilliger zu melden, wurde er als wehruntauglich abgelehnt. Er trug orthopädische Schuhe und hat auf Fotos immer versucht sein Bein zu verstecken.. Sieht ja auch nicht gut aus, so ein arisch, teutonischer Propagandaminister mit schwarzen Haaren und einem Klumpfuss wie der Teufel. Wegen seiner vielen Weibergeschichten zu Schauspielerinnen hatte er auch den Spitznamen ‚Bock von Babelsberg. Das passt doch auch perfekt zu dem Klumpfuss. 1945 hat er sich dann selbst die Kugel gegeben“, beendete ich meinen kleinen Vortrag.
Johnny sah mich erstaunt an, „was du alles weißt. Woher hast du das?“.
„Irgendwo gelesen, dann vergessen und jetzt ist es mir wieder eingefallen. Das geht mir öfter so, dass ich etwas weiß, aber nicht weiß, dass ich es weiß. Weißt du, wie ich meine? Ich weiß nicht, dass ich es weiß, bis ich ein Stichwort höre. Anhand dieses Stichworts finde ich dann einen Faden und daran zerre ich dann mein Wissen an Tageslicht. Wie auf einem Jahrmarkt, an der Bude zum Schnürchenziehen. Vorne hängen die Schnürchen herunter und hinten die Gegenstände dazu. Ziehst du an einem Schnürchen, bewegt sich der zugehörige Gegenstand und du hast gewonnen oder verloren. So ähnlich funktioniert mein Gehirn. Denke ich mir einfach so. Manchmal ziehe ich auch Nieten.“
Johnny hatte sich einen dicken Joint angesteckt und paffte wild in die laue Abendluft. „Ich muss mich schon mal in Stimmung bringen“, meinte er entschuldigend.
Wir standen oberhalb von Heidelberg wie auf einem Balkon und schauten auf den Neckar  und die Altstadt hinunter. Gegenüber lag das erleuchtete Heidelberger Schloss.
„Weißt du, dass viele Menschen aus der ganzen Welt hierher kommen um das zu sehen. Und du stehst hier und dröhnst dir die Birne mit einem Joint zu. Du bist mir vielleicht ein Kulturbanause.“
„Ficken und besoffen sein, ist des kleinen Mannes Sonnenschein“, lallte Johnny laut, „und jetzt stürmen wir den Berg hinauf zu Sex, Drugs and Rock’n Roll.“
Er packte mich mit seiner Zange am Kragen und zerrte mich unter dem Gelächter der Menge den Berg hinauf.
Die Thingstätte sah aus wie ich es mir vorgestellt hatte, eine Mischung aus römisch/griechischem Theater und Opferstätte eines nordischen Barbarenstammes. Die Ränge waren schon gut gefüllt, die Stimmung schien einem ersten Höhepunkt durch Selbstanimation entgegen zu treiben. Unten auf der Bühne stimmte ein Rockformation mir unbekannten Namens die Elektrogitarren und hauchte immer wieder ein monotones „Eins, zwei, drei“ in die Mikrofone, die noch sehr zur Rückkopplung neigten. Nach dem Stand der Dinge zu urteilen, würde sich der Beginn der Rockfete sicher etwas nach hinten verschieben.
Johnny schien jemand zu suchen, denn er war am oberen Rand der Naturtribüne stehen und ließ,  wie er immer sagte „seinen Schweif über die Menge blicken“. Dann schien er fündig geworden zu sein, hakte sich bei mir unter und zog mich mit sich mit, mitten durch das Gewusel von hin- und herlaufenden Menschen, immer weiter nach unten zur Bühne. Dort versperrte uns vor einem rotweißen Absperrband ein finster dreinblickender, in schwarzes Leder gekleideter Rocker mit Metallnieten an den Handschuhen den Zutritt.
„Zutritte nur für Behinderte“, meinte er herablassend und fügte dann genüsslich hinzu, „und Solche die es werden wollen.“
Johnny riss den rechten Arm hoch und hielt ihm seinen Haken unter die Nase, „reicht das, oder willst du die andere Hand auch noch sehen?“ Der Rocker trat erschrocken einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. „Ist OK“, sagte er dann und hob das Absperrband hoch, damit Johnny durch konnte. „Und was ist mit dem“, wollte der Rocker wissen und zeigte mit seinem Nietenhandschuh auf mich.
„Das ist der Pfleger von der Rollstuhlfahrerin mit den langen blonden Haaren da drüber. Wenn ihr Pfleger nicht dabei ist, kippt die uns in einer halben Stunde um“, erwiderte Johnny und winkte dabei der Blonden im Rollstuhl. Sie winkte lachend zurück und ich winkte auch, obwohl ich keine Ahnung hatte wer das ist. „OK“, meinte der Rocker, „aber passt auf, dass uns hier keiner umfällt und den Notarzt braucht.“ Dann winkte er uns beide durch und im Vorbeigehen hörte ich noch wie er zu Johnny sagte: „Und kiffen ist hier auch verboten“.
Aber Johnny hatte das nicht mehr gehört. Er eilte auf die blonde Rollstuhlfahrerin zu, warf sich auf die Knie und umarmte gleich den ganzen Rollstuhl.
„Das ist Mandy“, sagte er stolz und über seiner Schulter konnte ich unter einer blonden wilden Mähne ein paar wunderschöne blaue Augen lächeln sehen. Johnny stand auf und hob das Mädchen, das immer noch seinen Hals umarmte, wie eine Feder aus dem Rollstuhl. Wie an einer Marionette baumelten ihre Beine schlaff nach unten. Mandy strahlte mich an, „und du bist Rolf. Nach allem was mir Johnny schon von dir erzählt hat, habe ich mir dich älter vorgestellt.“ Dabei streckte sie mir ihre Hand hin, während Johnny sie auf den Armen trug wie ein kleines Kind. Ich nahm ihre Hand. Sie war klein, fest und warm. Ich fühlte mich spontan zu Mandy hingezogen.
„Komm lass mich wieder runter. Ich bin doch zu schwer für dich“, sagte sie dann zu Johnny, der sie vorsichtig wieder in den Rollstuhl setzte.
„Du bist mir nicht zu schwer, das weißt du. Ob ich dich auf den Armen oder im Herzen trage spielt doch keine Rolle. Du bist keine Last für mich, ganz im Gegenteil.“
Mandy lachte auf, küsste ihre Handfläche und hauchte Johnny den Kuss zu. Johnny setzte sich neben Mandys Rollstuhl auf den Boden und deutete mir mich daneben zu setzen.
Mandy hatte ihre Hand auf seinen Kopf gelegt und kraulte durch Johnnys dichtes schwarzes Haar während sie sich mit anderen Rollstuhlfahrern unterhielt. Johnny lehnte sich mit dem Rücken etwas gegen ihren Rollstuhl. Man konnte ihm förmlich ansehen, dass er glücklich war. Dann meinte er zu mir: „Mandy ist ein Schatz. Sie ist mein Schatz. Schau dir dieses Lachen an, die Augen, der Mund, dieses Gesicht. Ich kann mich nicht satt sehen. Mir wird immer ganz warm wenn ich sehe oder an sie denke. Ich könnte sie auffressen. Sie ist einmalig. Wunderschön. War mal aktive Sportlerin! Schwimmen!“
Dann verstummte er abrupt und sah gedankenverloren zur Bühne, wo die Musiker immer noch dabei waren ihre Instrumente zu stimmen.
„Bis zu ihrem Unfall“, fügte er dann hinzu. Er sagte das aber mehr zu sich, als zu mir.
Ich konnte den Schmerz und die Traurigkeit in seiner Stimme hören, „sie ist in einen See gesprungen. Von einem Bootssteg. Kopfsprung. Mit Anlauf. Erste wollte sie sein. Vor den Anderen, die mit ihr zum Baden gegangen waren. Eine ausgelassene, fröhliche Gruppe von Schülern die mit ihren Lehrern einige Tage in einem Landschulheim verbrachten. Mandy war die Schnellste, rannte als Erste über den Bootssteg und sprang kopfüber in den See.“
Als ich den Kopf hob, sah ich, dass Mandy uns zuhörte. Ihre Hand fuhr weiter über Johnny Haar, der wie ein großer Hund, wie ein Bernhardiner, neben ihrem Rollstuhl saß  und sich kraulen ließ. Als Johnny, ohne seinen Blick von den Musikern auf der Bühne zu wenden, weitererzählte, trafen sich unsere Blicke. Mandy hatte tiefblaue Augen, klar und frisch. So rein, dass man glaubte bis auf den Grund sehen zu können. Und doch war da etwas Unbekanntes, etwas Geheimnisvolles, etwas Hintergründige, wie mit einem Schleier verhüllt. Da war etwas was mich erschreckte.
Ich hatte das Gefühl, als würde Mandy meine Gedanken lesen, während ich Johnnys weiterer Erzählung zuhörte.
„Sie sprang als erste ins Wasser, aus vollem Lauf, mit langen blonden fliegenden Haaren. Es muss wunderschön ausgesehen haben, wie sie beim Absprung die Arme über den Kopf gerissen hat, sich elegant und kraftvoll vom Bootssteg abstieß und sich langgestreckt in die Luft erhob. Die Fingerspitzen weit voraus, als wollte sie in den Himmel greifen, Beine und Zehen gerade durchgedrückt, so wie es die Kampfrichter beim Turmspringen sehen wollen, bevor sie ihr Täfelchen mit den Bestnoten hochhalten. Alles war perfekt, der Anlauf, der Absprung, die Körperhaltung, die Flugbahn, das Eintauchen ins Wasser ohne dass es spritzt. Alles perfekt. Bestnote. Ich kann das richtig vor mir sehen. Ich höre das stumme Staunen der Zuschauer, ergriffen von so etwas Schönem. Ich kann sehen wie sie aufspringen, die Arme hochreißen,  vor Begeisterung applaudieren. Ich sehe die Kampfrichter in einer seltenen Einigkeit Bestnoten vergeben. Und alle warten darauf, dass dieser wunderschöne Körper mit der gleichen Eleganz, aus den kleinen Wellen auftaucht, die er beim Eintauchen hinterlassen hat. Sie warten darauf dass die Springerin lachend auftaucht, den Triumph auf dem Gesicht, die Arme grüßend aus dem Wasser hebt, der begeisterten Menge zuwinkt und deren Ovationen glücklich entgegennimmt. Der Augenblick des Siegers. Der Moment des höchsten Glücks. Alle warten darauf. Doch nicht geschieht. Die kleinen Wellen verlaufen sich in der Weite des Sees, einige brechen sich leise plätschernd am Ufer. Dann ist es still. Zu still. Totenstill. Ratlosigkeit steigt in die Gesichter. Sorge macht sich breit. Erste Rufe schallen über das Wasser. Bewegung erfasst die ersten Menschen; sie rennen zum Ufer oder über den Bootssteg und dann bleiben sie abrupt stehen. Ein Stöhnen dringt aus ihren offenen Mündern, die heftig atmend versuchen Luft in ihre Lungen zu pumpen. Ausgestreckte Hände mit ausgestreckten Finger deuten aufgeregt ins Wasser, wo eben ein lebloses Etwas zur Wasseroberfläche treibt, mit einem leisen Blubb aus dem Wasser auftaucht und hilflos auf dem Wasser treibt. Lange blonde Haare breiten sich auf der Wasseroberfläche aus und glitzern in der Sonne. Rufe nach Hilfe, nach einem Arzt schallen über das Wasser. Beherzte Männer und Frauen springen und rennen ins Wasser. Sie müssen nicht schwimmen, sie können stehen, das Wasser ist nicht tief. Dort wo die Springerin im Wasser treibt, geht es ihnen gerade bis zur Brust oder bis zum Hals.“
Johnny verstummt mit einem tiefen Seufzer tief irgendwo in seinem Inneren. Dann hebt sich sein massiger Brustkorb unter einem heftigem Atemzug.
Mandy hat ihre Hand zärtlich auf Johnny Wange liegen. Tränen laufen über ihr Gesicht. Sie blickt mir genau in die Augen, weicht meinem Blick nicht aus. Dann lächelt sie traurig, wischt sich mit der anderen Hand die Tränen aus den Augen und zieht schniefend die Nase hoch.
Dann zuckt sie wie entschuldigend mit den Schulter, lacht kurz und sarkastisch auf. „Ich weiß nicht ob es so war“, meint sie dann, „ich hab es nicht gesehen. Johnny kann das aber so wunderschön erzählen, dass ich immer wieder zu Flennen anfange. Ich bin gesprungen, das weiß ich noch, und irgendwie bin ich auch ins Wasser gekommen, das weiß ich auch noch. Dann bin ich irgendwo angestoßen und dann weiß ich nichts mehr. Aufgewacht bin ich im Krankenhaus. Aber das war erst einige Tage später. Ich lag im Koma. Beim Sprung ins Wasser, bin ich mit dem Kopf gegen einen Stein am Seegrund geprallt, weil das Wasser nicht tief genug war. Ich war ein Jahr vorher schon mal dort und bin oft vom Steg ins Wasser gesprungen, aber das hatte der See mehr Wasser. Ich habe mir bei Aufprall eine inoperable Schädigung des Rückenmarks zugezogen. Querschnittslähmung nennt das der medizinische Laie, Paraplegie der Fachmann, Lähmung der unteren Körperhälfte insbesondere der beiden Beine. Dabei habe ich noch Schwein gehabt. Hätte mit Tetraplegie noch schlimmer kommen können. Da bist du nur noch Kopf und hast keinen Einfluss mehr auf deinen restlichen Körper. Bei mir geht das noch bis hier.“
Dabei zeigte sie mit der Hand auf ihren Unterleib und lächelte mich etwas anzüglich an. Sie schien wirklich Gedanken lesen zu können.
„Die letzten Jahre haben sie mich von einer Rehabilitationsmaßnahme zur anderen geschickt. Jetzt bin ich seit einem Jahr in Heidelberg im Reha-Zentrum zur Berufsausbildung. Und da habe ich diesen Gangster hier kennengelernt.“
Mandy deutete mit dem Finger auf Johnny Kopf, der sich noch immer regungslos gegen ihren Rollstuhl lehnte. Die Musiker hatten endlich die richtige Töne auf ihren Gitarren gefunden und hämmerten die ersten Akkorde. Der Lärm war unbeschreiblich. „Beim Kartenspielen in der Kantine“, schrie Mandy durch den Lärm und ich musste mich anstrengen um sie noch verstehen zu können, „er bescheißt und betrügt wie ein Weltmeister. Und er hat keinerlei Skrupel dabei. Er wäre ein guter Falschspieler geworden.“
Johnny hatte bei ihren letzten Worten den Kopf gehoben und blickt zu ihr hoch. Sie griff mit der Hand in seine Haare und zerrte und schüttelte ihn liebevoll. Dann wollte sie noch etwas sagen, aber ihre Worte gingen in dem einsetzenden, stampfenden Rhythmus von „Born to be wild“ unter, den die Leadgitarre und Schlagzeug jetzt über die Thingstätte fetzten. Johnny sprang auf, packte mit seinen nicht mehr vorhanden Händen die Luftgitarre am Hals, ließ seine nicht mehr vorhandenen Finger die Akkorde mitspielen und spätestens als der dröhnende Bass einsetzte, der Herzmuskulatur und Atemrhythmus der Zuschauer durcheinander brachte, da hatte Johnny der echte Gitarre, deren Klang aus den Lautsprechern dröhnte, die Show gestohlen. Er spielte perfekt, sein Körper lebte jeden Ton, krümmte, drehte, verbog sich, wirbelte herum. Und seine Lippen formten lautlos den Text:

„Get your motor running, head out on the highway,
Looking for adventure in whatever comes our way.
Yeah, darling, gonna make it happen,
Fire all of your guns at once and explode into space.
Like a true nature child we were born, born to be wild.
We can climb so high, I never wanna die.
Born to be wild, born to be wild.“

Die letzten, wehmütig kreischenden Akkorde, spielte er auf den Knien liegend, mit den Zähnen in die Saiten seiner nicht vorhandenen Gitarre beißend. Dann fiel er hintenüber und blieb mit abgeknickten Beinen, wie ein Mann ohne Beine, auf dem Rücken liegen.
In den frenetischen Jubel der Zuschauer, der anerkennenden Schlussakkorde und Schlagzeugwirbel von der Bühne und die gellenden Pfiffe hinein, sprang er mit einem Satz auf, schüttelte wild den Kopf, dass ihm die verschwitzten schwarzen Haare um den Kopf flogen und verneigte sich tief vor seinem Publikum. Als er die Arme hochriss, seine Armstümpfe wie eine Trophäe in den nächtlichen Abendhimmel reckte, steigerte sich der Lärm der Zuschauer ins Unbeschreibliche. Johnny. Während auf der Bühne die Gitarren die ersten Takte von „Whole Lotta Love“ suchten und fanden, trat Johnny rasch an Mandy Rollstuhl, hob sie wie eine Feder hoch und wirbelte sie wie der Werfer eines Diskus durch die Luft. Dann hielt er sie auf ausgestreckten Armen, wie ein Schamane sein Opfer an die Götter hoch und den im zunehmenden Dunkel der Dämmerung verschwindenden Reihen der Zuschauer entgegen, zog sie dann an sich und küsste sie lange mitten auf den Mund, während es aus den Lautsprechern dröhnte:

„A way down inside,
ahh, honey you need it,
I'm gonna give you my love,
I'm gonna give you my love
Ohh.“

Es war ein Erlebnis das ich niemals vergessen werde, das sich in mir einbrannte für ewige Zeiten. Johnny, dieser Bulle von einem Mann der keinem Streit aus dem Weg ging, ja ihn manchmal geradezu suchte und provozierte, behindert und verkrüppelt an den Händen, zeigte Mandy auf eine einzigartige Weise seine Liebe.
Was war dagegen schon Romeo und Julia?
 Nach dem Abend auf der Thingstätte wurden Johnny und Mandy zu einem festen Bestandteil meines Lebens. Wir verbrachten regelmäßig die Wochenenden miteinander, zogen durch die Kneipen, besuchten Veranstaltungen und hatten dank Mandys Rollstuhl immer gute Plätze, meist war der Eintritt frei oder preisgünstiger. Bald wurde mir klar, dass Mandy und Johnny keine sexuelle Beziehung zueinander hatten. Mandy wusste dass Johnny in regelmäßigen Abständen Besucher des Heidelberger Freudenhauses am Güterbahnhof war. Einmal warteten Mandy und ich auf der anderen Straßenseite bis Johnny wiederkam. Mandy hatte darauf bestanden, sie wollte das einmal aus der Nähe sehen und nicht nur vom Hörensagen wissen. Sie versuchte Johnny dazu zu bewegen, dass er eine der ‚Damen‘ mitbringt, damit sich Mandy mit ihr unterhalten könnte.
„Ich hätte tausend Fragen an sie“, meinte Mandy während wir vor dem Puff auf Johnny warteten. „Was denn für Fragen“, wollte ich wissen, „soll sie dir etwas darüber erzählen, welche Techniken sie anwendet, oder was?“
„Quatsch“, erwiderte Mandy, „typisch Mann. Du hättest lieber mit Johnny mitgehen sollen. Ich will doch nicht wissen, welche Technik sie verwendet oder wer oben und wer unten liegt. Ich will wissen, was sie fühlt, warum sie das macht und ob sie es mit jedem macht. Und ich will wissen, ob es Spaß macht.“
Ich sah sie erstaunt an. Mandy lachte kurz auf. „Guck nicht so dumm. Ich weiß das nicht, aber es würde mich interessieren. Ich habe nicht viel sexuellen Erfahrung. Vor meinem Unfall war ich zu jung und hatte nur meinen Sport im Kopf. Für Jungs war da keine Zeit. Meine Jungfräulichkeit habe ich irgendwann an einen meiner Sportkameraden verloren. Es war vorbei, bevor ich wusste, dass es überhaupt angefangen hat. Und nach meinem Unfall, das kannst du  mir glauben, hatte ich kein Interesse an Sex. Etwa zwei Jahre nach dem Unfall, war ich in der Reha in Karlsruhe. Da habe ich zum ersten Mal zugelassen dass mich jemand sexuell anfasst. Ich war ein bisschen betrunken. Alle Rollstuhlfahrer versuchen irgendwann mal ihre Probleme mit Alkohol zu lösen. Ich auch. An dem Abend hatte ich einfach zu viel gesoffen. Ich fühlte mich gut. Als die Kantine schloss bin ich noch mit einer anderen Rollstuhlfahrerin auf deren Zimmer gefahren. Sie hatte noch Sekt im Kühlschrank. Wir haben auf ihrem Zimmer weitergemacht. Da ist es dann passiert. Sie hatte ihre Lähmung weiter oben wie ich, konnte zwar die Beine nicht bewegen, aber sonst war sie ganz fit. Sie hat mich langsam abgefüllt und dann verführt. Ich habe so getan, als ob ich es nicht merken würde, aber eigentlich wollte ich wissen, wie das ist, wenn man mit einer Frau schläft. Und ich wollte wissen ob ich etwas dabei spüre. Sie war zärtlich und hatte Erfahrung. Sie machte das sicher nicht zum ersten Mal. Aber ich habe nichts gespürt. Es war OK, aber ich habe nicht gespürt. Sie hat mir gezeigt, wo ich sie berühren und streicheln soll und das habe ich dann auch gemacht. Ich habe gesehen und gefühlt wie sie einen Orgasmus hatte. Ich war irgendwie stolz auf mich, dass ich einem anderen Menschen Zärtlichkeit und Sexualität geben kann, obwohl ich ein Krüppel bin. Aber ich selbst habe nichts gespürt. Deshalb möchte ich wissen, was die Damen da drüben in dem Haus spüren, wenn sie sich ficken lassen. Jeder Mann muss doch anders sein, oder? Wie ist das bei dir? Was spürst du wenn du deine Freundin fickst? Was ist das für ein Gefühl? Macht das Spaß?“
Sie brach ab und lachte nochmals laut auf. „Das war jetzt ne blöde Frage. Natürlich macht das Spaß, sonst würde Johnny ja sicher nicht auch noch Geld dafür bezahlen und alle Männer danach verrückt sein, oder?“
Ich zuckte nichtssagend mit den Schultern. Was sollte ich mit meiner Erfahrung auch dazu sagen?
„Ich habe mit der anderen Rollstuhlfahrerin eine Zeitlang eine Art intimes Verhältnis gehabt. Dabei habe ich die weibliche und sie die männliche Rolle übernommen. Sei war so ein Typ wie Martina Navratilova, so ein bisschen männlich herb. Nach einigen Monaten wurde ich dann in eine andere Rehabilitationsklinik verlegt und die Affäre war zu Ende. Aber ich habe dann einige Wochen später einen jungen Pfleger verführt, der im Krankenhaus seinen Wehrersatzdienst leistete. Er schon länger ein Auge auf mich geworfen und ich wusste, dass er scharf auf mich ist. Als er an einem Wochenende Dienst hatte, habe ich ihn auf mein Zimmer gerufen. Er war furchtbar aufgeregt, aber er hatte schon einen unübersehbaren Ständer als er ins Zimmer kam. Ich war nackt und hatte mich unter der Bettdecke schon in die richtige Position zum Ficken gebracht. Das ist nicht einfach wenn du deine Beine nicht bewegen kannst, das darfst du mir glauben. Als er ins Zimmer trat und leise die Tür hinter sich schloss, schlug ich die Bettdecke zurück und ihn hat fast der Schlag getroffen. Vermutlich hatte er sich gedacht, dass er mit mir nur ein bisschen Knutschen und Fummeln kann. Aber ich wollte gleich zur Sache kommen. Der arme Kerl hat fast die Hosentüre nicht aufgebracht und als den Schwanz draußen hatte, wusste nicht was er machen sollte. Ich habe ihm ein Präservativ aus meiner Nachttischschublade gegeben und ihm gesagt, dass er mich jetzt ficken kann. Das hat er dann getan und nach einer halben Minute war alles vorbei. Er ist von mir runtergefallen, wie ein nasser Sack, hat sich aus dem Bett gerollt, die Hose hochgezogen nachdem er den Schwanz samt Präservativ wieder eingepackt hatte und ist mit einem schlechten Gewissen im Gesicht wortlos durch die Tür verschwunden. Das war‘s. Ich habe körperlich nichts dabei gespürt, aber trotzdem hatte ich ein vollkommen neues Gefühl. Ich hatte das Gefühl von Macht. Ich hatte etwas was er wollte, wonach er scharf war. Das war etwas Neues für mich. Ich genoss es. Und als er zwei Tage später abends wieder in mein Zimmer kam, das lies ich mich von ihm wieder ficken. Von da an kam er bei jeder Gelegenheit in mein Zimmer, meist wortlos, zog die Bettdecke weg, spreizte mir die Beine auseinander, damit er gut beikam und steckte mir seinen Schwanz rein. Über drei Monate ging das so. Er wurde immer forscher. Er fickte mich von vorne, von der Seite und von hinten. Wie er gerade wollte und wie er Lust hatte und dann verschwand er wieder. Ich ließ ihn gewähren, ich fasste ihn nie an und wir sprachen kein Wort dabei. Nach einigen Wochen brachte er einen anderen Pfleger, auch einen Ersatzdienstleistenden in gleichem Alter mit. Von da an fickten sie mich zu zweit. Erst der eine, dann der andere. Wenn der erste durch das Zusehen noch mal einen Ständer bekommen hatte, steckte er ihn auch noch mal rein. Sie zogen sich nie aus, machten, wenn sie wenig Zeit hatten nur die Hose auf, oder wenn es etwas länger dauern konnte, dann ließen sie Hose und Unterhose bis zu den Knien runter. So ging das wieder einige Wochen und ich hatte nichts dagegen, es war mir egal. Meist war ich auch am Abend nicht mehr ganz nüchtern und habe das meiste gar nicht mehr richtig mitbekommen. Dann eines Abends, jeder hatte seinen Schwanz schon mal rein gesteckt und ich dachte, dass sie jetzt gleich gehen würden, da haben sie mich auf den Bauch gelegt und dann meine Beine auseinander gezogen. Ich dachte sie wollten jetzt noch mal, aber eben nur von hinten, wie die Hunde. Aber dann sah ich wie sie sich mit Vaseline die Schwänze dick einschmierten und dann den überschüssigen Rest an und zwischen meinen Pobacken verteilten. Ich überlegte noch, ob ich protestieren sollte, aber da war es schon zu spät. Einer hatte sich bereits hinter mich gekniet und begonnen seinen Schwanz in meinen Hintern zu stecken. Zuerst spürte ich nichts, aber dann war da ein plötzlich ein Ziehen. Je weiter er seinen Schwanz rein steckte, desto intensiver wurde dieses Gefühl. Als er ganz drin war und er sich mit seinem Körpergewicht auf mich legte, das spürte ich ihn. Ich spürte wie sich sein harter Schwanz in mir bewegte und ich Gefühle hatte. Es war nicht unangenehm, es tat nicht weh und ich fing an es zu genießen. Aber da war es schon vorbei und er rutschte mit einem komischen Seufzer von mir runter.  Dann hat mich der andere Kerl in den Po gefickt, dann haben sie mich zugedeckt und sind verschwunden. Ich habe die halbe Nacht wachgelegen und versucht mich an dieses Gefühl zu erinnern.
Als sie zwei Tage später wiederkamen um mich wieder zu ficken, beide, gleichzeitig von vorne und hinten, da habe ich sie rausgeworfen. Als sie nicht gehen wollten, habe ich um Hilfe gerufen und das halbe Wohnheim zusammengebrüllt. Die beiden Kerl haben fluchtartig mein Zimmer verlassen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schnell sich eine männliche Erektion verflüchtigen kann und wie schnell Männer die Hose hochziehen und abhauen können.“
Mandy holt tief Luft und zog genießerisch die warme Nachtluft ein. Dann kramte sie aus ihrer Jackentasche ein kleines Döschen, schüttelte daraus ein weißes Pulver auf ihren linken Handrücken, hob die Hand zur Nase und schnupfte, wobei sie sich mit dem Zeigefinger der anderen Hand ein Nasenloch zuhielt. Dann sah sie zu mir hoch, lächelte mich mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht an und fragte: „Schockiert? Du sagst ja gar nichts! Was ist los?“ und ohne auf eine Antwort zu warten fuhr sie fort, „wo bleibt denn Jonny. Da dauert ja ewig. Wahrscheinlich bekommt er wieder keinen hoch.“
Ich starrte sie an und deutete auf ihre Jackentasche in der das Döschen mit dem weißen Pulver wieder verschwunden war. „Was ist das“, wollte ich wissen, „ist das Schnupftabak? Wo hast du das her?“
Wieder lachte Mandy auf, aber jetzt  war ein anderer Ton in ihrem Lachen. Ein gefährlicher Unterton, ich konnte das fast körperlich spüren.
„Es geht dich zwar nichts an,“ meinte sie dann, „aber das habe ich von Johnny. Er hat es aus Amerika mitgebracht. Als er in Woodstock war. Hat er dir das nicht erzählt? Das Zeug hilft echt. Wenn es dir nicht gut geht, dann nimmst du einfach eine Prise und schon ist die Welt wieder in Ordnung. Willst du auch mal?“
Ich schüttelte fast angewidert den Kopf. „Nein, danke“, stieß ich hervor und hoffte dass Johnny endlich zurückkommen würde. Aber von Johnny war noch nichts zu sehen. Auf der anderen Seite der Straße hielt ein Polizeiauto und zwei Beamte stiegen aus. Sie sahen seltsam aus in ihren Uniformen unter dem roten Licht, das an der Außenseite des Bordells brannte.
„Schnupft Johnny das Zeug auch“, wollte ich wissen während ich die Ereignisse auf der anderen Straßenseite beobachtete. Einige Männer verließen fluchtartig das Gebäude.
„Nein“, sagte Mandy, „Johnny schnupft das Zeug nicht.“ Und bevor ich „Gott sei Dank“ denken und sagen konnte, fügte sie hinzu, „Johnny raucht es.“
„Was?“, stieß ich entsetzt hervor, „was raucht Johnny?.
„Weißt du das wirklich nicht, oder tust du jetzt nur so. Das wissen doch alle.  Johnny raucht Crack. Er dealt mit dem Zeug. Er hat jede Menge davon aus den USA mitgebracht. Johnny lebt davon. Oder hat er dir auch die Story von seinem Vater, dem berühmten Chirurg, erzählt, der ihm jede Woche einen Scheck schickt?“
„Ja“, sagte ich kleinlaut und enttäuscht, „das hat Johnny mir erzählt. Und ich habe es ihm geglaubt“.
„Johnny ist kein schlechter Mensch. Glaub mir. Johnny hat einen guten Kern. Sein Unfall, die Folgen und die Zeit danach hat Johnny so werden lassen. Johnny wäre ohne den Unfall sicher ein guter Bauer geworden. Johnny war glücklich. Er liebt das Land, die Felder und die Tiere. Aber was soll ein Bauer ohne Hände machen? Er kann sich nur die Kugel geben. Johnny ist von zuhause, wo sie ihn bemuttert und versorgt haben, abgehauen. Er wollte seinem Vater den permanenten Anblick seines nutzlosen Stammhalters ersparen. Nutzlos nicht nur für die tägliche Arbeit auf dem Feld. Auch noch nutzlos als Erzeuger von Enkelkindern, denn welche  Bauerntochter heiratet schon einen Mann ohne Hände.“ 
Mandy holte kurz Luft, während sie den zweiten Polizeiwagen beobachtet, der mit quietschenden Reifen schräg auf der Fahrbahn vor dem Bordell stehen geblieben war. Mehrere Polizeibeamte stürzten aus dem Fahrzeug und in das Gebäude. Vom zuckenden Licht der Polizeifahrzeuge angelockt sammelte sich langsam eine kleinere Menge Neugieriger vor dem Gebäude und auf der Straße.
„Scheint irgendwas passiert zu sein“, meinte Mandy, lachte wieder kurz dieses eigentümlich Lachen und fuhr fort, „vielleicht hat da einer eine Nummer geschoben und konnte dann nicht bezahlen. Kann man Nutten eigentlich vergewaltigen?“
„Ich weiß nicht, ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Aber Gedanken mache ich mir jetzt langsam um Johnny“, antwortete ich.
„Um Johnny brauchst du dir keine Gedanken machen, dem passiert nichts. Aber wenn du unbedingt willst, kannst du ja mal rüber gehen und nachsehen. ich würde ja selber gerne gehen, aber ich denke mich würden sie nicht reinlassen. Auch nicht wenn ich ihnen sagen würde, das ich auf der Suche nach einer neuen Arbeitstelle bin. Oder sind sie etwa anderer Meinung?“, sagte sie zu dem Mann der sich neben uns an den Straßenrand gestellt hatte und ebenfalls neugierig das Geschehen auf der anderen Straßenseite beobachtet. Man sah ihm an, dass er schon etliches getrunken hatte und nicht mehr ganz sicher auf den Beinen war.
Der Betrunkene sah Mandy zuerst verständnislos an. Dann hellte sich sein Blick auf und er strahlte Mandy an, bevor er los lallte: „Du arbeitest da drüber? Ich hab dich da noch gar nicht gesehen. Siehst ja richtig schnuckelig aus. Willst du mir für dreißig Mäuse einen blasen? Du sitzt genau in der richtigen Höhe. Guck ich hab das Geld wirklich.“ Dabei begann er an seiner Hose herumzunesteln. Wieder fand Mandy das ausgesprochen lustig und fing an zu lachen. Ich wollte den Betrunkenen gerade zurechtweisen, als drüben auf der anderen Seite die Tür den Bordells aufging und einige Polizisten erschienen. Sie drängten die Menge um den Eingang zurück und bildeten eine Art Spalier bis zu ihrem Fahrzeug. Aus den umliegenden Gaststätten rannten die Leute zusammen und bildeten schnell eine undurchdringliche Wand vor dem Puff. Uns war durch den Mannschaftswagen der Polizei die Sicht verdeckt. Mandy konnte aus ihrer Position sowieso nichts mehr sehen.
„Was ist los da drüben“, wollte sie wissen, „was passiert da jetzt?“.
Der Betrunkene suchte immer noch nach dem Geld in seiner Hosentasche und schwankte dabei hin und her.
„Die Bullen haben einen Drogendealer hochgenommen“, hörte ich jemand in der Nähe sagen, „so einen Typen hast du noch nicht gesehen. Hat keine Hände und kommt vollgekifft bis unter die Haarwurzeln zum Bumsen ins Puff. Weil er keinen hochkriegt, hat er sich da drüber ein Pfeifchen mit Crack angezündet. Da hat die Nutte die Polizei gerufen. That’s life. Jetzt bringen sie ihn zuerst mal in den Knast, in den Faulen Pelz, da kann er seinen Rausch ausschlafen. So schnell kommt der nicht mehr raus. Die Bullen und die MP sind ihm wohl schon länger auf der Spur. Er soll harte Drogen an amerikanische GI’s verkauft haben.“
Ich sah Mandy an, die mit erschrockenen Augen zu mir hochblickte. Sie hatte alles gehört. Sie tat mir leid. Ich wusste nicht was ich tun sollte und sah mich hilflos um.
„Bring mich bitte weg von hier. Bring mich bitte nach Hause“, flüsterte sie leise. Der Rollstuhl schien plötzlich riesengroß zu sein. Viel zu groß für Mandy, die sich zusammenkauerte wie ein kleines Kätzchen, dem kalt ist und dem die Mutter fehlt.
Ich packte den Betrunkenen, der immer noch in seinen Taschen nach dem Geld suchte, das er vermutlich längst durch die Gurgel gejagt hatte und stieß ihn beiseite. Er protestierte noch schwach, bevor er stolperte und in den Rinnstein fiel. Ich fuhr den umstehenden Menschen mit Mandys Rollstuhl in die Beine und bahnte mir einen Weg durch die Menge. Hinter mir hörte ich Fluchen und Schimpfworte, aber niemand wagte es uns aufzuhalten, oder gar zur Rechenschaft zu ziehen. Johnny hatte recht, als Behinderter kannst du dir fast alles erlauben ohne dass es Konsequenzen für dich hat.
Mandy sprach kein Wort mehr. Auf meine Fragen gab sie keine Antwort. Sie saß nur zusammengesackt in ihrem Rollstuhl und starrte schweigend vor sich hin. Ich brachte Mandy zurück in die Rehablitationsklinik und übergab sie dem diensthabenden Pfleger. Ich versuchte mich von Mandy zu verabschieden, aber sie nahm mich nicht Kenntnis. Sie war nicht ansprechbar, hatte die Verbindung zur Außenwelt abgeschnitten. Der Pfleger bemerkte, dass mit Mandy etwas nicht stimmte und lies sich meine Personalien geben, bevor er Mandy übernahm und mit ihr hinter einen pendelnden Glastüre verschwand. „Ich kümmere mich um sie“, hörte ich ihn noch sagen, bevor er mit ihr verschwand. Kurz musste ich daran denken, was die anderen Pfleger mir Mandy gemacht hatten und wollte ihn daran hindern. Aber da war er schon verschwunden.
Langsam und in Gedanken ging ich durch die Nacht zurück zum Studentenwohnheim. Unterwegs bekam ich das eindeutige Angebot einer ‚Dame‘, die mich ansprach und „Schlappschwanz“ nachrief, als ich darauf nicht reagierte.
Im Studentenwohnheim brannte Licht auf allen Fluren. Mitbewohner standen herum und diskutierten. Einer von ihnen packte mich am Arm und zerrte mich aus dem Licht. „Die suchen dich“, zischte er, „die Bullen sind oben. Die durchsuchen dein Zimmer. Und das Zimmer von Johnny. Die Bullen wissen, dass ihr befreundet seid. Hau bloß ab. Sonst gehst du auch in den Knast.“
Ich riss meinen Arm los und ließ ihn stehen. War mir doch egal, dass sie mich suchten. Ich hatte nichts verbrochen. Und das mit Johnny konnte sich auch nur um einen Irrtum handeln. Die paar Joints, das bisschen Gras für den Hausgebrauch, dafür geht man nicht in den Knast. Und wenn dann nur kurz. Ich stieg die Treppe hoch und die Menschen machten mir Platz. Ich hörte sie tuscheln und hinter mir reden. Als ich in den Flur mit meinem Zimmer einbiegen wollte, hielt mich ein Polizist in Uniform auf. „Hier können Sie nicht durch. Hier findet eine polizeiliche Ermittlung statt.“
Ich blieb vor ihm stehen und sah ihn mir langsam von unten nach oben an. Er war etwa so alt wie ich und versuchte angestrengt Selbstsicherheit auszustrahlen. Um diesen Eindruck zu verstärken hatte er sich extra einen Oberlippenbart wachsen lassen. Aber das half ihm nicht viel. Er wirkte trotzdem wie ein Milchbubi, dem seine Mama erlaubt hatte ein wenig vor dem Haus zu spielen. Ich fühlte mich plötzlich uralt. Und ich wurde wütend. Ich spürte wie in mir eine Wut hochstieg. Eine kalte, agressive, böse Wut. Eine Wut, die auf Blut und Gewalt aus war. Eine Wut, die ihren Ursprung in Enttäuschung und Verzweiflung hatte. Meine kleine heile Welt, die aus Freundschaft, Glück, Studium und Ordnung bestand, war heute Nacht zusammengebrochen.
Ich wollte gerade in das polizeiliche Milchgesicht vor mir schlagen und ihm ein bleibendes Andenken für seine weitere Zukunft hinterlassen, als eine kräftige Stimme hinter mir sagte: „Was ist hier los, was suchen Sie hier. Haben sie nicht gehört, was der Kollege zu Ihnen gesagt hat?“ Ich drehte mich um und duckte mich dabei zusammen, wie ein Boxer der dem Schlage seines Gegners ausweicht um dann zurückzuschlagen. Vor mir stand ein älterer Polizist der aussah wie mein Vater. Ich sah ihn dastehen, wie mein Vater immer dastand, wenn er vom Dienst nach Hause kam. Etwas erschöpft, dunkle Ränder der Müdigkeit unter den Augen. Aggressiv und schlagbereit um jeden Widerspruch, jedes noch so kleine Vergehen durch körperliche Züchtigung im Keime zu ersticken.
„Ich wohne hier“, sagte ich fast entschuldigend, „ich wohne da hinten. Da.“ Und zeigte mit dem Finger in den hellerleuchteten Flur, wo uniformierte Polizisten und Personen in Zivilkleidung standen.
„Wie heißen Sie?“, wollte der ältere Bulle wissen, „können Sie sich ausweisen?“
Ich schüttelte stumm den Kopf.
„Mein Kollege hat dich was gefragt und wenn du gefragt wirst, dann hast du gefälligst zu antworten. Ist das klar?“, schnauzte mich das Milchgesicht hinter mir an.
Ich sah dem älteren Polizisten, der mich so sehr an meinen Vater erinnerte an, sah denn Unmut in seinem müden Gesicht und spürte die Verärgerung über seinen jungen Kollegen.
„Soll ich mich jetzt umdrehen und diesem Rotzlöffel eine auf Maul hauen?“, fragte ich.
„Das würde ich lieber nicht tun. Das bringt Ihnen nur Ärger ein. Außerdem ist dazu jetzt auch zu spät“, meinte er und seine Stimme hatte einen warmen Unterton angenommen. Er hatte mit ‚spät‘ sicher nicht die Uhrzeit gemeint. Um seine müden Augen bildeten sich kleine Lachfältchen.
„Wo haben Sie Ihren Ausweis“,  wollte er dann wissen.
„Da hinten in meinem Zimmer“, sagte ich nun auch wieder friedlich geworden, „im Zimmer in der Schublade zum Schreibtisch“.
„Da gehört er auch hin“, machte sich der Jungbulle wieder bemerkbar.
„Soll ich doch?“, fragte ich den Älteren, „ich hätte gute Lust dazu, heute Nacht noch eine erzieherische Maßnahme nachzuholen, die von den Eltern offensichtlich versäumt wurde.“
„Kommen Sie mit“, meinte er und zu seinem jüngeren Kollegen, „lass uns mal durch.“
Wir gingen wie Vertraute nebeneinander her den hellerleuchteten Flur entlang.
„Ist es nicht schön für unsere Bundesrepublik Deutschland und ihre Zukunft, wenn es jetzt möglich ist, dass sich auch Mitbürger mit einem etwas niedrigeren Intelligenzquotienten um die Aufnahme in den gehobenen Polizeidienst bewerben können“, sagte ich leise. Er lachte kurz auf und ich wusste, dass er mich verstanden hatte.
Die Beamten, die auf dem Flur vor meinem Zimmer standen, sahen uns entgegen. „Das ist der Herr, den sie suchen“, meinte mein Begleiter und blieb stehen, „er sagt sein Ausweis sei in der Schreibtischschublade.“
„Den haben wir schon gefunden“, erwiderte einer der Beamten in Zivil und zog meinen Ausweis aus der Innentasche seines Jacketts. Er warf einen kurzen Blick auf den Ausweis und blickte mich dann prüfend an. Dann nickte er mit dem Kopf. „OK, kommen Sie mit. Wir haben ein paar Fragen Sie.“
Er lies mich in mein Zimmer vorgehen. Es sah aus als hätte eine Bombe eingeschlagen. Alles war durchwühlt. Sogar Bett und Schrank hatten sie auseinander genommen. In der Toilette hörte ich jemand rumoren und fluchen.
„Sie können die Prozedur abkürzen, wenn Sie uns sagen wo es ist“, meinte der Beamte und deutete mir an mich auf das Bett zu setzen, während er sich gegen den Schreibtisch lehnte. In der kleinen Toilette hörte ich wieder jemand fluchen, er hatte sich offensichtlich den Kopf am Waschbecken gestoßen.
„Also wenn sie nicht mit uns kooperieren wollen, dann dauert es halt länger. Ich habe Zeit. Das ist mein Beruf. Ich mache den ganzen Tag nichts anderes und ich werde auch noch dafür bezahlt“, meinte er nach einer kurzen Pause.
„Sicher nicht gut, aber es muss trotzdem ein interessanter Job sein“, grinste ich ihn an, „lassen Sie sich ruhig Zeit“ und als ich sah wie er rot anlief, fügte ich noch schnell hinzu „ich habe heute auch nichts anders mehr vor“.
Er machte den Mund auf um etwas zu sagen, als die Tür zur Toilette aufging und ein weiterer Beamter in Zivil erschien. Als er mich sah, stockte er kurz, sah dann seinen Kollegen an und schüttelte leicht mit dem Kopf. Also war er umsonst auf dem Boden meiner Toilette herumgekrochen und hatte sich den Schädel am Waschbecken angeschlagen.
„Wollen sie jetzt mit uns zusammenarbeiten, oder nicht?“, meinte der Typ am Schreibtisch nochmals. „Wenn sie in der Lage sind mir verbal zu erklären, was sie eigentlich von mir wollen, denn gerne. Wenn sie das allerdings nicht können, dann holen Sie vielleicht besser einen Ihrer Kollegen. Und jetzt hätte ich gerne einmal ihren Dienstausweis gesehen, damit ich überhaupt weiß mit wem ich es zu tun habe und wie ich sie richtig ansprechen soll, Herr Polizeiratshauptoberfeldwebel“, sagte ich, stand vom Bett auf, damit er nicht so auf mich heruntersehen konnte und verschränkte die Arme vor der Brust.
Von der Toilettentür her kam ein kurzer Lacher.
Es war der Beamte, der in der Toilette gesucht hatte. Er rieb sich mit der einen Hand die schmerzende Stirn auf der sich unter einem roten Fleck zusehends eine Beule bildete. Er zog seinen Dienstausweis aus der Brusttasche, hielt ihn mir kurz so dicht unter die Nase, dass ich gar nichts lesen konnte. Der schien wesentlich cleverer zu sein als sein Kollege vom Typ Schreibtischtäter.
„Sie wohnen hier“, wollte er wissen und ich nickte mit dem Kopf.
„Wenn ich Sie frage, dann antworten Sie bitte mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘. Das erleichtert uns Beiden die Sache ungemein. Haben Sie das verstanden?“
„Ja“, sagte ich artig. Auf den Typ musste ich aufpassen. Ich würde mir die Würmer aus der Nase ziehen lassen und kein Wort zuviel sagen
„Wohnen Sie hier?“, fing er wieder von vorne an.
„Ja“.
„Seit wann?“
„Seit August letzten Jahres“
„Was machen Sie hier in Heidelberg?“
„Ich studiere.“
Er verzog das Gesicht.
„Was?“
„Was, was?“, wollte ich wissen.
„Was Sie studieren will ich wissen“, meinte er ungehalten.
„Ich studiere Informatik und Betriebswirtschaft im ersten Semester“, sagte ich und konnte ihm ansehen, dass er nicht wusste was Informatik war.
„Kennen Sie den Herrn, der das Zimmer neben ihnen bewohnt“, fragte er dann weiter.
„Auf welcher Seite?“, wollte ich wissen und musste innerlich lachen. Junge, dachte ich mir, ich beschäftige mich im Studium mit Programmierung und dem Aufbau von logischen Schaltungen. Ich kann logisch denken. Sicherlich besser wie du. Stell mir noch so ein paar ungenaue Fragen und ich schicke dich in eine Endlosschleife. Deadlock heißt das in der Programmierung.
Der Kripobeamte dachte kurz nach, dann deutete er mit dem Finger auf die Wand hinter sich und meinte dann, „Kennen Sie ihren Zimmernachbarn auf dieser Seite?“
„Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß, „den habe ich nur ein- oder zweimal flüchtig auf dem Flur gesehen.“
Ich sah die Zweifel im Gesicht meines Gesprächspartners. Dann erhellte sich seine Gesicht, denn er hatte seinen Fehler bemerkt.
„Ich meine den Zimmernachbarn auf dieser Seite“, dabei zeigte er mit dem Finger auf die Wand hinter sich.
„Den kenne ich“, sagte ich und schwieg.
„Seit wann kennen Sie ihn?“
„Seit August letzten Jahres, als ich hier einzog.“
„Haben Sie ihn vorher schon gekannt?“
„Nein.“
„Wissen was er hier in Heidelberg macht?“
„Er studiert, soviel ich weiß.“
„Was studiert er?“
„Das weiß ich nicht. Vielleicht Psychologie.“
„In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihm?“
„Wie meinen Sie das?“
„Sind Sie mit ihm befreundet?“
„Ja.“
„Wie gut sind Sie mit ihm befreundet?“
„Wie meinen Sie das?“
„Kennen Sie ihn näher?“
„Wie meinen Sie das?“
„Ich stelle hier die Fragen. Sie geben die Antworten!“, fauchte er mich an.
„Dann stellen Sie Ihre Fragen genauer und präziser. Dann bekommen Sie von mir auch genaue Antworten und wir sind schneller fertig. Also was wollen Sie wissen?“, gab ich zurück. 
„Kennen Sie ihn näher“, wiederholte er seine Frage.
„Ungenau, Frage abgelehnt“, gab ich zurück, „wenn Sie wissen wollen ob wir schwul sind, dann fragen Sie auch danach“
„Das habe ich nicht gesagt“, wehrte er sich.
„Dann wollen Sie es auch nicht wissen, oder?“, gab ich süffisant zurück. Ich sah wie sein Blutdruck stieg. Bevor er mir antworten konnte, setzte ich nach.
„Was suchen Sie hier eigentlich in meinem Zimmer? Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl? Vernehmen Sie mich hier als Zeuge als Täter? Welche Beschuldigung wird gegen mich erhoben? Wer kommt für die von Ihnen angerichteten Verwüstungen auf?  Wer war alles hier drin?. Womöglich wurde hier auch noch gestohlen. Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich mich jetzt mit meinem Rechtsanwalt in Verbindung setze“.
Der Beamte vom Schreibtisch mischte sich wieder ein. „Wir machen das jetzt ganz einfach. Sie kommen morgen früh um neun Uhr ins Polizeipräsidium zur Vernehmung. Wenn Sie meinen, dass Sie einen Anwalt brauchen, dann bringen Sie ihn mit. Ihren Ausweis nehme ich mit, den können Sie sich morgen früh ebenfalls auf dem Präsidium abholen, nachdem wir miteinander gesprochen haben. Gute Nacht.“
Dann nahm er seinen Kollegen am Arm und machte die Türe zu meinem Zimmer von außen zu.

© Rolf Robert
Frankfurt 2003

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