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Kurze Geschichten

Johnny III


Unkorrigierte Leseprobe
© Rolf Robert
Frankfurt 2003

Ich schlief schlecht in dieser Nacht auf meinem zerwĂŒhlten Bett. Ich trĂ€umte von Johnny und von Mandy. Mandy sah ich immer mit ihrem Rollstuhl an einem Abgrund entlang fahren. Johnny stand auf der anderen Seite und winkte mit seinen ArmstĂŒmpfen. Ich versuchte vergeblich Mandy aufzuhalten, als sie mit ihrem Rollstuhl in Richtung auf den Abgrund rollte. Doch so sehr ich mich anstrengte ihren Rollstuhl festzuhalten, er war zu schwer und zog mich immer nĂ€her an den Abgrund. Dann sprang ich auf und wollte Mandy aus dem Rollstuhl heben, doch sie saß nicht drin. Der Rollstuhl war leer. Ich sah Mandy Anlauf nehmen und auf den Abgrund zu rennen. Dann sprang sie ab. Wie bei einem Kopfsprung flog Mandy durch die Luft auf die andere Seite der Schlucht und Johnny fing sie mit seinen Armen auf. Gemeinsam winkten und lachten sie mir zu. Sie sahen glĂŒcklich aus. Dann waren sie plötzlich verschwunden.
Ich zuckte schweißgebadet aus dem Schlaf hoch und hörte noch meinen eigenen Abschiedsschrei durchs Zimmer hallen. Im Nebenzimmer klopfte jemand gegen die Wand. Es war nicht Johnnys Seite.
„Arschloch“, schrie ich die Wand an und das Klopfen hörte auf.

Am nĂ€chsten Morgen rief ich einen Studienkollegen an und fragte ihn nach der Adresse eines guten Anwalts. Nach anfĂ€nglichem Zögern nannte er mir einige Namen. Ich rief in den Kanzleien an, aber so frĂŒh am Morgen war noch keiner der AnwĂ€lte im BĂŒro. Ich sollte mich doch spĂ€ter wieder melden.
Also machte ich mich alleine auf den Weg ins PolizeiprĂ€sidium und ĂŒberlegte kurz ob ich das mit meinem gestohlenen Fahrrad machen, oder lieber zu Fuß gehen sollte. Ich entschied mich gegen das Fahrrad und ging zu Fuß. Ich war zu frĂŒh dran und ging durch den Park. Auf einer Parkbank saß ein Ă€lterer Herr, vermutlich Rentner oder Rechtsanwalt, der noch nicht in seine Kanzlei wollte und las in der Rhein-Neckar-Zeitung.
Unterhalb der Titelzeile stand in großen Buchstaben: „Drogendealer im Studentenmilieu gefasst.“
Ich spĂŒrte wie es mir den Boden unter den FĂŒssen wegzog. Ich setzte mich auf die Parkbank gegenĂŒber und versuchte aus dieser Entfernung mehr zu lesen. Aber die Entfernung war zu groß. Der Rentner beobachtete mich misstrauisch. Ich stand auf, ging zu ihm hinĂŒber und fragte ihn höflich, ob er mir wohl einen Teil seiner Zeitung ausleihen wĂŒrde. Er sah mich an, als wollte ich ihn ausrauben oder hĂ€tte ihm ein unsittliches Angebot gemacht, stand empört auf,  warf die Zeitung auf die Parkbank und entfernte sich schnellen Schrittes. Ich nahm die Zeitung hoch und las den Artikel mit dem Drogendealer durch. Es stand nicht viel drin, außer dass die Polizei gestern bei einer Razzia im Rotlichtmilieu der Stadt einen seit lĂ€ngerem gesuchten Drogendealer verhaftet hatte, der beschuldigt wird Haschisch und harte Drogen wie Kokain, Crack, LSD und andere verbotene Rauschmittel an amerikanische MilitĂ€rangehörige verkauft zu haben. Der Beschuldigte wurde dem Haftrichter vorgefĂŒhrt und musste die Nacht im Faulen Pelz verbringen. Bisher konnten aber noch keine grĂ¶ĂŸeren Mengen an Drogen gefunden werden. Die Ermittlungen dauerten noch an.
Ich legte die Zeitung zur Seite. Das war vielleicht nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte. Die Polizei hatte bei der Durchsuchung von Johnnys Zimmer offensichtlich nichts oder nicht viel gefunden. Und bei mir konnten sie auch nichts gefunden haben, dessen war ich mir sicher. Jetzt musste ich nur die Vernehmung ĂŒberstehen, ohne mich reinlegen zu lassen und Johnny in die Pfanne zu hauen. Ich billigte Johnnys Verhalten nicht, aber er war auch mein Freund. Ich ĂŒberlegte mir meine Strategie fĂŒr die Vernehmung und wollte gerade von der Parkbank aufstehen um mich auf den Weg ins PrĂ€sidium zu machen, als mein Blick durch auf die Zeitung fiel, die jetzt mit dem Lokalteil nach oben neben mir auf der Parkbank lag.
„Tod im Reha-Zentrum. Junge Rollstuhlfahrerin setzt sich den goldenen Schuss. Die Serie von gewaltsamen Toden im Reha-Zentrum hat ein weiteres Opfer gefordert. Nachdem sich letzte Woche ein blinder Mann aus dem Fenster seines Zimmers im 9. Stock gestĂŒrzt hatte und sich dabei tödliche Verletzungen zuzog, handelt es sich bei der jungen Frau um einen weitere Drogentote. Es wird vermutet, dass die junge Frau, die sehr zurĂŒckgezogen lebte, mit einer Überdosis Heroin ihrem Leben ein Ende bereitete. NĂ€heres war zum Redaktionsschluss noch nicht bekannt.“
Ich spĂŒrte wie der Boden unter mir nachgab. Meine Beine knickten ein, mein Magen revoltierte und wĂŒrgte mein spĂ€rliches FrĂŒhstĂŒck nach oben. Ich hing ĂŒber der Parkbank und kotzte mir meine Innereien aus dem Leib. Es riss mir die Kiefer auseinander um MagensĂ€ure, Galle, Schleim, Essensreste begleitet von einem fĂŒrchterlichen GerĂ€usch, das aus meinem tiefsten, seelischen Innern kam,  hinter eine Heidelberger Parkbank zu kotzen.  Dann verlor ich das Bewusstsein. Ich kam wieder zur mir, als mehrere Menschen tatenlos um mich herumstanden und sich gegenseitig gute RatschlĂ€ge gaben. Ich ignorierte sie, stĂŒtze meinen Kopf in die HĂ€nde und weinte bitterlich. So saß ich noch, unfĂ€hig aufzustehen, oder mich zu bewegen, als die Polizei kam und mich ansprach. Als Antwort kotzte ich ihnen ĂŒber die Schuhe und begann zu lachen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Als sie mich an den Armen packten und versuchten mich von der Parkbank hochzuziehen, pisste ich mir in die Hose.
Sie fĂŒhrten mich ĂŒber die Strasse zum nahegelegen PrĂ€sidium und riefen von dort einen Krankenwagen an. Die SanitĂ€ter untersuchten mich und gaben ihre Diagnose ab. Ich war nĂŒchtern, stand nicht unter Drogen oder sonstigen Psychopharmaka. Hatte keine Verletzungen und war ansprechbar.
Ich war kein Fall fĂŒrs Krankenhaus und außerdem stank ich bestialisch. Sie empfahlen mir ein Taxi zu nehmen und nach Hause zu fahren. Ob ich genug Geld hĂ€tte wollten sie noch wissen. Ich nickte, sie fĂŒhrten mich bis zum Gehweg vor dem PolizeiprĂ€sidium und ließen mich dort vor einer roten FußgĂ€ngerampel stehen. In mir war alles leer. Ich sah Mandy im Kopfsprung ĂŒber die Schlucht direkt in Johnny Arme fliegen. Als ein großer Lastwagen dicht vor mir vorbeidonnerte, wollte ich einen Schritt nach vorne machen, aber jemand hielt mich am Arm fest. Als ich den Kopf drehte, stand neben mir eine Ă€ltere Frau und schĂŒttelte den Kopf. „Machen Sie das nicht, junger Mann. Das ist keine Lösung. Ich weiß das. Sie dĂŒrfen mir das glauben. Kommen Sie ich bringe Sie nach Hause. Wo mĂŒssen Sie denn hin?“
„Ins Studentenwohnheim“, flĂŒsterte ich. Und als ich merkte, dass sie mich nicht verstanden hatte, noch einmal, aber diesmal lauter „ins Studentenwohnheim.“
Die alte Frau fĂŒhrte mich ĂŒber Straße, trotzte all den neugierigen Blicken der Menschen die uns entgegenkamen und brachte mich bis an die TĂŒr vom Studentenwohnheim. Dort blieb sie stehen, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter und sagte: „Weiter gehe ich nicht mit. Sonst denken die Leute noch wir hĂ€tten was miteinander. Und das kann ich mir nicht leisten. In meinem Alter muss man auf seinen guten Ruf achten.“
Dann entfernte sie sich kichernd ĂŒber ihren eigenen Scherz lachend und verschwand um die Ecke.
Ich schloss mich in meinem Zimmer ein, zog die VorhÀnge zu und wollte mit niemand mehr sprechen.
Etwa eine Woche spĂ€ter kam die Polizei und hat mich zwangsweise zur Vernehmung gebracht. Ich habe ihnen erzĂ€hlt was sie wissen wollten. Viel war es ohnehin nicht. Sie erwĂ€hnten Mandy mit keinem Wort. Vielleicht wussten sie auch gar nichts von ihr. Und wenn ja, dann war das gut so. Von Johnny wĂŒrden sie ohnehin nichts erfahren.
Mein Leben normalisierte sich im Laufe der nĂ€chsten Wochen zwar, aber nichts war mehr wie es vorher war. Ich hatte den Verlust von Freunden erfahren und ich hatte Angst, dass mir das wieder passieren wĂŒrde. Ich hielt mich fern von allen Kommilitonen. Konzentrierte mich auf das Studium und ging allem anderen aus dem Weg. Aus den Zeitungen konnte ich erfahren, dass Johnny zwar wegen Drogenhandel angeklagt wurde, aber da keine grĂ¶ĂŸeren Mengen Drogen gefunden worden waren, mussten sie Johnny nach einigen Tagen bis zur Verhandlung auf freien Fuß setzen. Ich wartete vergeblich darauf, dass Johnny in seinem Zimmer auftauchen wĂŒrde. Er kam nicht. Keine laute Rockmusik mehr, kein sĂŒĂŸlicher Rauch mehr aus seinem Zimmer. Nichts.  Nur Stille. Ich saß in meinem Zimmer und horchte in die Stille. Als es an meiner TĂŒre klopfte, fuhr ich erschreckt zusammen und bekam Herzklopfen. „Johnny“, dachte ich sprang auf und riss voller Freude die TĂŒr auf. Draußen standen zwei MĂ€nner. Einen davon kannte ich aus meiner Vernehmung auf dem PolizeiprĂ€sidium. Der andere war mir unbekannt. „Was wollen Sie den noch“, schnauzte ich die Beiden an und machte Anstalten die TĂŒre wieder zu schließen. „Entschuldigen Sie bitte die Störung“, sagte der den ich bereits kannte. Es war ein Ă€lterer Herr mit Stirnglatze und einer gelblichen Gesichtshaut. Entweder hatte er eine kranke Leber, oder er soff oder beides. „WĂŒrden Sie bitte mit uns mitkommen. Wir benötigen ihre Hilfe“, sagte er langsam, fast verlegen.
„Sie brauchen meine Hilfe? Wozu denn, ich habe ihnen alles gesagt, was Sie von mir wissen wollten. War das nicht genug? Was wollen Sie denn jetzt noch? Um was geht es denn diesmal?“, antwortete ich unhöflich.
„Es geht um ihren Zimmernachbarn. Es geht um ihren Freund"“ sagte der andere Beamte und trat verlegen von einem Bein auf das andere, als wĂŒrde er sich gleich in die Hose pissen.
„Es geht um Johnny?“, stieß ich hervor, „wo ist er?. Haben Sie ihn gefunden?“
Der Glatzkopf nickte. „WĂŒrden Sie jetzt bitte mitkommen? Jetzt gleich. Wir nehmen Sie mit dem Wagen mit.“
„Einen Moment“, sagte ich, „ich muss mir nur schnell etwas ĂŒberziehen. Ich komme gleich“, rief ich aus dem Zimmer, wĂ€hrend ich rasch meine Jacke griff. Dann nahmen mich die beiden MĂ€nner in die Mitte und wir gingen die Treppen hinunter zum Auto. Ich setzte mich nach hinten und versuchte wĂ€hrend der Fahrt mehr ĂŒber Johnny zu erfahren. Die MĂ€nner gaben sich ziemlich wortkarg und wollten oder durften nicht reden.
Nach kurzer Fahrt hielt der Wagen in der Heidelberg Innenstadt vor einem GebĂ€ude, das ich nicht kannte. „Klinikum der UniversitĂ€t Heidelberg“ stand auf einem Schild neben dem Eingang, darunter ein Text den ich nicht lesen konnte. „Ist Johnny krank?“, wollte ich wissen, „hatte er einen Unfall? Macht er eine Entziehungskur? Jetzt sagen Sie doch endlich was, verdammt noch mal!“
Der Glatzkopf versuchte mich am Arm zu nehmen und mich die Treppe hinaufzufĂŒhren. Ich schĂŒttelte unwillig seine Hand ab und sagte: „Lassen Sie das, nehmen Sie sofort ihre Hand weg. Ich habe Ihnen nicht erlaubt mich anzufassen.“
Er zog seine Hand zurĂŒck, als hĂ€tte er sich verbrannt. „Dann kommen Sie bitte mit“, sagte er dann und betrat das GebĂ€ude vor mir. Als die schwere EingangstĂŒre hinter uns schmatzend ins Schloss fiel, wurde es angenehm ruhig. Der LĂ€rm der Stadt war nur noch gedĂ€mpft zu hören. „Wie in einer anderen Welt“, dachte ich, „mitten in der Stadt, aber trotzdem weit weg.“
„Bitte nehmen Sie Platz und warten Sie hier“, sagte der Glatzkopf, deutete auf eine Holzbank an der Wand und verschwand durch eine TĂŒr an der Seite des Flurs. Es war still. Der zweite Kripobeamte stand einige Meter von mir entfernt, hatte die HĂ€nde auf dem RĂŒcken verschrĂ€nkt und wippte auf den Zehspitzen ungeduldig hin und her. Vermutlich sollte er verhindern, dass ich die Flucht ergriff. Ich rechnete mir gerade aus, wer von uns beiden wohl schneller an der TĂŒr wĂ€re, als der Glatzkopf mit einem Mann in weißem Mantel, vermutlich ein Arzt, erschien. „Kommen Sie bitte mit“, sagte er zu mir und zu dem Beamten der auf mich aufgepasst hatte; „Sie können hier warten.“
Wir gingen den Gang entlang und der Arzt öffnete eine TĂŒr am Ende des Flurs. „Gestatten Sie, dass ich vorgehe“, meinte er und ging ohne meine Antwort abzuwarten durch die TĂŒr. Der Raum dahinter war hoch und kĂŒhl. In der Mitte des Raumes stand eine fahrbare Krankentrage, wie sie fĂŒr den Transport von Patienten zum und in den Operationssaal verwendet wurden. Mir wurde mulmig zu Mute, ich fĂŒhlte mich nicht wohl. Irgendetwas war hier nicht in Ordnung. Der Arzt war neben die Krankentrage getreten und deutete mir zu ihm zu kommen. Ich machte zwei Schritte nach vorne, blieb dann abrupt stehen und spĂŒrte wie meine Beine anfingen zu wackeln. Auf der Bahre lag eine mĂ€nnliche Person mit schwarzen Haaren. Auf der Bahre lag Johnny. Sein Gesicht war bleich und sah aus wie mit Wachs ĂŒberzogen. Die Augen waren geschlossen. Um seinen Hals zog sich ein blauschwarzer Streifen. Ich starrte Johnny an und spĂŒrte wie die KĂ€lte in mir hochstieg und nach meinem Herzen griff. „Kennen Sie den Toten, können Sie ihn identifizieren“ hörte ich den Arzt sagen. Ich gab ihm keine Antwort sondern starrte Johnny an. Unser kurzes gemeinsames Leben zog an mir vorbei. Ich sah ihn in seiner WohnungstĂŒre stehen und „Arschgesicht“ zu mir sagen. Ich sah ihn mit seinen abgerissenen HĂ€nden liebevoll Schallplatten auflegen und Luftgitarre spielen. Ich sah ihn geschickt einen Joint drehen und nebenher begeistert von Woodstock erzĂ€hlen. Und ich sah ihn Mandy in der Luft herumwirbeln und unter dem Applaus der Menge mitten auf den Mund kĂŒssen.
„Können Sie den Toten identifizieren“ hörte ich den Arzt nochmals sagen. Ich nickte stumm und die TrĂ€nen liefen mir ĂŒber das Gesicht. „Kennen Sie seinen Namen“, wollte der Arzt wissen und ich schĂŒttelte den Kopf. Nein, seinen richtigen Namen kannte ich nicht. FĂŒr mich war er immer Johnny Cash gewesen und wĂŒrde es auch immer bleiben. Ich sah wie der glatzköpfige Kripobeamte dem Arzt ein Zeichen gab und hörte dann wie sich dieser entfernte. Der Kripobeamte blieb am Kopfende der Bahre, genau mir gegenĂŒber stehen und schwieg. Er hatte die HĂ€nde wie zum Gebet gefaltet. Jetzt ist Johnny bei seinen HĂ€nden, dachte ich und musste lĂ€cheln. Jetzt hatte er es geschafft, jetzt war er wieder komplett. Jetzt konnte er wieder richtig Gitarre spielen Jetzt konnte er auch Mandys kleine, feste warme Hand in seine HĂ€nde nehmen und fĂŒr immer festhalten. Jetzt war er fĂŒr immer bei Mandy. „Gut gemacht Johnny“, dachte ich und fing laut an zu weinen. Der Kripobeamte trat zu mir und legte mir den Arm um die Schulter und fĂŒhrte mich mit leichtem Zwang aus dem Raum. Diesmal ließ ich ihn gewĂ€hren. Draußen setzte er mich wieder auf die Holzbank und setzte sich neben mich.
„Kann ich Ihnen noch ein paar Fragen stellen“, wollte er dann leise wissen. Ich nickte wortlos. „War das Ihr Freund, der im Studentenwohnheim im Zimmer neben ihn wohnte.“
Ich nickte. Dann fiel mir ein, dass einem Kripobeamten ein Kopfnicken als Antwort nicht genĂŒgt. „Ja“, fĂŒgte sich deshalb hinzu. „Ja, das ist er. Das ist Johnny Cash.“
Der Kripobeamte schrieb etwas in ein kleines Notizbuch, dann kam seine nĂ€chste Frage: „Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?“
„Als Sie ihn verhaftet haben. Damals im Bordell in Heidelberg. Ich stand auf der anderen Straßenseite und habe zugesehen. Seitdem habe ich nichts von ihm gehört und gesehen. Er hat sich nach seiner Entlassung nicht mit mir in Verbindung gesetzt und ist auch nicht in seiner Wohnung aufgetaucht.“
Der Kripobeamte schrieb auch das in sein Notizbuch. Als er fertig war, hob ich den Kopf und sah ihn an. „Darf ich Sie auch mal was fragen.
Er nickte und legte sein Notizbuch neben sich auf die Bank.
„Wo haben Sie ihn gefunden. Wo war er die ganze Zeit? Wissen Sie das?“
Er nickte nochmals, sah dann kurz zu seinem Kollegen, der immer noch auf seinen Zehenspitzen wippte und auf eine Stelle in der Stelle in der Wand zu starren schien. Dann dachte anscheinend kurz nach, ob er gegen irgendwelche Polizeivorschriften verstieß und begann zu erzĂ€hlen.
„Johnny“, sagte er und fĂŒgte dann entschuldigend hinzu, „ich nenne ihn jetzt einfach mal so. Also Johnny ist nach seiner Entlassung aus dem GefĂ€ngnis verschwunden. Wie wir wissen ist zum Grab seiner Freundin gefahren. Er hat sich dort mehrere Tage aufgehalten. Er wurde von Besuchern dort gesehen. Er hat dort wohl auch auf dem Friedhof geschlafen und ist immer in der NĂ€he des Grabes geblieben. Schließlich haben sich Besucher und Angehörige bei der Friedhofsverwaltung beschwert und die hat die Polizei gerufen. Aber als die kamen, war er schon weg. Er muss dann wieder zurĂŒck nach Heidelberg sein. Wie, wissen wir nicht.  Gestern Abend haben SpaziergĂ€nger seine Leiche gefunden. Er hatte sich erhĂ€ngt. Wann genau kann ich erst sagen, wenn wir den Obduktionsbefund haben. Mehr weiß ich im Moment auch nicht. Tut mir leid“. Dann schwieg er verlegen und außer dem Quietschen der Gummisohlen seines zehenwippenden Kollegen war nichts zu hören.
„Wo hat er sich erhĂ€ngt?“, fragte ich flĂŒsternd, „wo haben Sie ihn gefunden?“
„Oben an der ThingstĂ€tte auf dem Heiligenberg, ziemlich weit unten an der BĂŒhne“.
„Da wo er zum letzten Mal glĂŒcklich war“, murmelte ich leise und der Kripobeamte sah mich verstĂ€ndnislos an.
„Da wo er zum letzten Mal glĂŒcklich war“, sagte ich laut. Das Quietschen der Gummisohlen hörte abrupt auf.
Ich stand auf. „Ich möchte jetzt nach Hause. Ich möchte jetzt alleine sein. Oder wollen Sie noch etwas von mir?“
Er schĂŒttelte den Kopf, griff in seine Jackentasche und hielt mir einen Briefumschlag hin, „das ist fĂŒr Sie“.
Ich streckte zögernd die Hand aus. „Was ist das?“
„Das ist fĂŒr Sie. Das ist der Abschiedsbrief von Johnny. Er ist an Sie adressiert und fĂŒr Sie bestimmt. Ich musste das Original bis zum Abschluss der Ermittlungen zu den Akten nehmen. Das ist eine Kopie.  Das Original kann ich Ihnen erst spĂ€ter ĂŒberlassen. Ich denke es ist jetzt wichtig fĂŒr Sie, dass Sie wissen, dass Johnny sehr viel von Ihnen gehalten hat. Es tut mir leid, dass alles so gekommen ist. Ich habe einen Sohn im gleichen Alter. Der ist auch nicht gerade ein Musterknabe, aber im Herzen ein lieber Kerl.“
Dann verstummte er, schaute auf den Boden und zog schniefend der Rotz durch die Nase hoch.
Ich nahm den Brief, drehte mich um und ging durch die schwere EingangstĂŒre hinaus in die Sonne und den StraßenlĂ€rm. „Sollen wir Sie noch nach Hause fahren?“, hörte ich ihn noch rufen, doch da war ich schon weg und die TĂŒre fiel hinter mir ins Schloss. Ich umklammerte den Brief und rannte los. Rannte durch die Straßen. Nur weg von hier, fort. Ziel- und orientierungslos rannte ich durch die Straßen und Gassen der Heidelberger Altstadt. Dann ĂŒber den Neckar. Hoch auf den Philosophenweg wo ich erschöpft stehen blieb. Genau gegenĂŒber lag das Schloss in der Abendsonne. Ich setzte mich auf eine Parkbank und betrachtete lange den zerknitterten und verschwitzten Briefumschlag in meiner Hand, bevor ich ihn aufriss. Ich sah die krakelige Handschrift von Johnny und sah wie er mit seinem Greifhaken den Kugelschreiber einklemmte.
Oben links stand mein Name und meine Adresse.
Der eigentliche Brief begann mit der Anrede
„hallo arschgesicht. so habe ich dich genannt, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe. tut mir leid, damals habe es eben nicht besser gewusst. bist ein patenter Kerl, ein bisschen spießig halt, aber sonst in ordnung. ich wollte wir hĂ€tten mehr zeit fĂŒr uns gehabt, aber es hat wohl nicht sein sollen. ich geh jetzt gleich zu mandy. du weißt warum. such dir aus meinen sachen aus, was du brauchen kannst, den rest gib weg oder schmeiss ihn in den mĂŒll. tut mir leid dass jetzt alles so gekommen ist. pass auf dich auf und halte meine schallplatten in ehren. sonst komme ich zurĂŒck und trete dich in den arsch. leb wohl freund und denke manchmal an mich und mandy.
bis bald. dein johnny.
Die TrĂ€nen flossen ĂŒber mein Gesicht. Tropfen fielen auf das Papier und ließen die Tinte verlaufen.. Der Brief verschwamm vor meinen Augen. Ich weinte meinen ganzen Schmerz gegen die RĂŒckenlehne einer Parkbank auf dem Philosophenweg.
Ein Song von Dave Davis fiel mir ein, den ich in alkoholseliger Stimmung mit Johnny zusammen oft gehört und gesungen hatte, Johnny immer mit der Luftgitarre in den HÀnden:
„My makeup is dry and it cracks on my chin
I'm drowning my sorrows in whiskey and gin
The lion tamer's whip doesn't crack anymore
The lions they won't bite and the tigers won't roar
So let's all drink to the death of a clown

Ich sprang auf, suchte und fand die Melodie zum Text, packte Johnnys Luftgitarre und ließ sie ihre wehmĂŒtigen Töne herauskreischen. Und als die Luftgitarre zum letzten traurigen Akkord erklang,  schrie ich meinen Schmerz voller Verzweiflung in die Dunkelheit hinĂŒber zum hellerleuchteten Heidelberger Schloss,
„Lets all drink to death of a Clown. Bye bye Johnny, bye bye“.

Dann war es still und ich wieder allein. Die Welt hatte es nicht bemerkt.
Unten im Tal floss das Wasser den Neckar hinab, als wĂ€re nichts geschehen. In den Kneipen diskutierten und soffen die Studenten wie seit Jahrzehnten. Die Touristen wĂŒrden auch morgen wieder durch die Altstadt hetzen und Heidelberg durch die Objektive ihrer Kameras betrachten.
Nichts und doch alles hatte sich verÀndert.
Ich sah Menschen an mir vorĂŒbergehen,  wĂ€hrend ich in der hereinbrechenden Dunkelheit auf der Bank saß und Johnny Brief in der Hand zerknĂŒllte.
Die Verlobte ging an mir vorbei. Dann Heidi. Zimbes und Regula. Harry. Marianne und ihr Schwestern. Und Johnny und Mandy. Alle gingen sie vorbei, verschwanden in der Dunkelheit und ich blieb alleine zurĂŒck.
Was war aus meinen Traum geworden?
Wie konnte es jetzt mit mir weitergehen?

Ein Haus wollte ich bauen.
Und Kinder möchte ich haben, mindestens zwei.
Ein Junge und ein MĂ€dchen.
Ein Junge wie ich einer war, einfach ein richtiger Lausbub halt, dem ich Vater und Freund sein kann
Das MÀdchen wie seine Mutter, fröhlich und neugierig. Dunkelhaarig, schlank und sportlich.
Und eine Frau möchte ich haben, fĂŒr mich. Eine, die ich lieben kann und die mich liebt und versteht. Eine Partnerin und Freundin fĂŒrs tĂ€gliche Leben und Überleben, zum Zuhören und Trösten, zum Lachen und Weinen und gegen das Alleinsein. Eine frauliche, zĂ€rtliche und erotische Frau.
Einfach eine Frau, die gerne Frau ist.
Warm und weiblich weich muss sie sein. Und ehrliche freundliche Augen, bei denen man bis auf den Grund der Seele sehen kann, muss sie haben.
Und dann war er wieder da. Mein Lieblingstraum.
Ein großer, grĂŒner Rasen vor einem wunderschönen weißen Haus im strahlenden Sonnenschein. Lachende Kinder, ein Junge und ein MĂ€dchen, rennen mit einem Ball ĂŒber den Rasen und winken mir dabei zu. Eine schöne, schlanke Frau mit dunklem halblangen Haar tritt aus dem Haus. Sie hat eine frauliche Figur aber kein Gesicht. Ich gehe auf sie zu und nehme sie in den Arm. Sie schmiegt sich an mich und dreht sich dann in meinen Armen, bis ich hinter ihr stehe. Gemeinsam stehen wir und sehen den spielenden Kindern zu.

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Die Verlobte

Zimbes

Harry

Johnny I

Johnny II

Johnny III

Hombostel I

Hombostel II

Hombostel III

Schnellkasse