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Kurze Geschichten

Hombostel I


Unkorrigierte Leseprobe
© Rolf Robert
Frankfurt 2003

Die Zeit in Heidelberg hatte ihre Schönheit und Sorglosigkeit verloren.
Immer wieder traf ich in der Stadt auf schmerzliche Erinnerungen. Sah blonde Rollstuhlfahrerinnen oder große, dunkel gekleidete Männer und zuckte erschrocken zusammen. Ich bewegte mich mit meinem geklauten Fahrrad nur noch in dem Bereich zwischen dem Studentenwohnheim und der Universität. Kommilitonen ging ich aus dem Weg. Haare und Bart wurden lang und länger, die Hosen immer ausgebeulter. Kneipentouren durch die Heidelberger Altstadt konnte ich emotional und finanziell nicht mehr durchstehen. Auch Freunde wollte ich keine mehr. Wenn sie gehen tut es nur weh. Soviel hatte ich in meinem Leben bisher gelernt.

Mein Studium war mir wichtig. Semester um Semester paukte ich und lernte. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich mir als Programmierer und Operator. Ich arbeitete nur nachts, da war es in den Rechenzentren ruhig, kühl und man wusste nicht, ob es draußen Sommer oder Winter war. Die Maschinen liefen und summten. Auf den Konsolen flackerten die Lichter, die Magnetbänder zuckten, vor und zurück, die Drucker spieen Unmengen von Papier aus. Ich fühlte mich wohl und geborgen in den Rechenzentren. Wenn ich nicht an der Computerperipherie die Maschinen mit Magnetbändern, Lochkarten und Papier fütterte, saß ich ihm Kontrollraum, sah den flackernden Lichtern zu, die wie die Lichter einer Lichtorgel zum Takt einer stummen Melodie aufleuchteten und den Raum in ein geheimnisvolles Licht tauchten, wie den Kommandostand eines Raumschiffes das durch die Galaxien reist.
Und dann war es endlich soweit.
Ich hatte meinen Abschluss geschafft, mit Auszeichnung. Ich war jetzt Betriebswirt und Informatiker.
Meinen ersten Job fand ich bei einer kleinen Unternehmensberatung in Villingen am Rande des Schwarzwaldes. Das Zimmer im Studentenwohnheim gab ich auf. Mein altes Fahrrad, das mir viele Jahre treue Dienste getan hatte, stellte ich wieder auf dem Platz vor dem Heidelberger Bahnhof ab. Ich hatte ein Stück Karton auf den Gepäckträger geklemmt und darauf geschrieben: „Dieses Fahrrad hat mich nie im Stich gelassen! Es ist ein gutes Fahrrad! Möge es seinem neuen Besitzer ebenso viel Freude bereiten, wie mir. Lebwohl Fahrrad!“
Ich war mir sicher, dass es bald einen guten Herrn finden würde.
Der Umzug in meine neue Bleibe, war die Angelegenheit eines Tages und eines alten VW-Busses, den ich mir von einem Kommilitonen geborgt hatte. Eigene Möbel hatte ich keine. Den meisten Platz in meiner neuen Zweizimmerwohnung benötigten die Schallplatten. Noch immer hielt ich meine und Johnnys Platten fein säuberlich getrennt. Falls er einmal zurückkommen sollte, konnte ich ihm jederzeit seine Platten wiedergeben. An der Wand über den Platten hing ein „Bild“ von einer Luftgitarre. Eigentlich war es eine aufgeblasene Luftmatratze in Gitarrenform. Aber für mich war es eine Luftgitarre.
Die Umstellung vom Studentenleben zum Arbeitsleben brachte auch einige Schwierigkeiten mit sich. Ich war es gewohnt für mich alleine zu arbeiten, irgendwo in Ruhe und zurückgezogen. Nach einem festen Plan, mit einer festen Zeiteinteilung.
Mein Aussehen hatte ich bereits vorher an die neue Lebensweise angepasst. Die Haare waren kurz, fast militärisch kurz. Der Bart war ab. Aber mir fehlten noch die richtigen Utensilien für meinen neuen Beruf. Mit meiner alten speckigen Lederaktentasche, mit der ich Heidelberg Papiere von da nach da befördert hatte, konnte ich hier nicht auftauchen. Und mit abgenagten Bleistiftstummeln oder billigen Werbekugelschreibern konnte ich hier auch nicht an Besprechungen teilnehmen. Nach einigen Monaten sollte ich meinen ersten Kundentermin wahrnehmen und hatte immer noch keine passende Krawatte zu meinen Baumwollhemden Marke „kanadischer Baumfäller“ gefunden.
Die gleichen Probleme schien ein anderer junger Mann zu haben, der auch ziemlich neu in der Firma zu sein schien. Wir begegneten uns meist am Morgen, beim Betreten des Firmengebäudes. Er kam mit dem Auto, einem Citroen 2CV älteren Baujahrs und ich kam zu Fuß. Wir sahen uns an, sagten „Hallo“ und gingen unserer Wege. Vor einigen Wochen hatten wir an der gleichen internen Schulungsveranstaltung für neue Mitarbeiter teilgenommen, aber dabei kein Wort miteinander gewechselt.
Und jetzt sollten wir uns in den nächsten vier Wochen auf unser erstes gemeinsames Kundenprojekt vorbereiten. Ich rief den neuen Kollegen an und schlug ihm vor dass wir uns zum Mittagessen in der Kantine treffen sollten, damit wir unsere weiteren Aktivitäten koordinieren könnten.
Er wartete am Eingang der Kantine auf mich und sagte „Hallo“. Er war etwa so groß wie ich, aber kräftiger, muskulöser in der Figur. Er trug die gleiche Art Cordhosen wie ich und ähnliche Hemden und Schuhe. Nur seine Haare waren dunkler und länger als meine. Vom Typ her schien er genauso wortkarg zu sein wie ich. Das konnte ja heiter werden, aber immer noch besser mit jemand zusammenzuarbeiten der das Maul nicht aufbringt, als mit jemand der einem blutige Ohren redet.
Wir musterten uns gegenseitig skeptisch und vorsichtig. Andere Mitarbeiter gingen an uns vorbei in die Kantine. „Wollen wir auch?“, fragte ich und zeigte mit dem Kinn in Richtig Essensausgabe.
„Joo“, sagte er mit einer kräftigen, dunklen Stimme, die zu seinem karierten Holzhackerhemd passte. Er machte aber keine Anstalten sich in Bewegung zu setzen. Also ging ich vor und er schloss sich mir an.
Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass er immer hinter mir war und sich das gleiche Essen auswählte wie ich. Als wir einen freien Platz zum Essen gefunden hatten und uns an den Tisch setzten, hatten wir das gleiche Essen auf dem Teller. Sogar die Getränke waren gleich.
„Das Essen ist gut hier“, sagte ich um ein Gespräch in Schwung zu bringen.
„Joo“, meinte er und blickte auf seinen Teller, als hätte er ihn noch nie vorher gesehen.
„Guten Appetit“, sagte ich und das gleiche „Joo“, kam von ihm zurück.
„Du bist auch neu hier, gell“, wollte ich wissen und wählte bewusst die etwas vertraulichere Form der Frage in schwäbischer Sprache.
„Joo“, kam zwischen den Zähnen hervor, die gerade ein Stück Roulade in Rotkraut zerkleinerten.
„Ist das dein erster Job hier nach dem Studium?“
„Joo.“
„Hast du auch Informatik studiert?“
„Joo.“
„Gefällt es dir hier?“
„Joo.“
„Sagst du eigentlich immer nur ‚Joo‘ oder kannst du auch noch was anderes sagen?“
„Joo.“
Ich legte das Besteck neben den Teller und stützte die Ellenbogen auf dem Tisch ab.
„Du willst mich wohl verarschen, oder was?“
„Joo.“
Ich starrte ihn an, denn diese Antwort hatte ich jetzt nicht erwartet.
Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme über der Brust. Dann grinste er mich an.
„Du kommst dir wohl sehr gut vor? Zu dir braucht man anscheinend nur fünfmal hintereinander ‚Joo‘ zu sagen und schon glaubst du, dass du es mit einem Deppen zu tun hast. Kann ich jetzt auch mal was fragen?“
„Joo“, gab ich zurück und er fing an zu lachen. Dann hielt er mir die Hand hin und sagte: „Ich heiße Siegfried. Und du?“
Ich sagte „Joo“, nahm seine Hand und drückte fest zu. Er zuckte mit keiner Wimper.
„Freut mich dich kennen zulernen, Joo“, meinte er dann und drückte seine Hand ebenfalls fest zu. Es tat höllisch weh, er hatte eine Bärenkraft im Arm. Wir grinsten uns an und quetschten uns gegenseitig die Hände zusammen. Dann gab ich als erster auf.
„Lass gut sein, ich heiße Rolf.“, sagte ich und spürte wie der Druck seiner Hand nachließ, „willst du noch einen Nachtisch?“
„Was gibt es denn?“
„Pudding.“
„Nein danke, den kannst du mir nachwerfen. Dieses Wackelzeug habe ich schon als Kind gehasst.“
„Das war gerade ein ganzer Satz den du gesprochen hast. Das ist ja Klasse. Mit dir kann man sich ja richtig unterhalten.“
Er nickte mit dem Kopf und sagte: „Kann man, kann man. Aber Sprache ist ein Mittel der Kommunikation um Informationen auszutauschen. Und wenn man keine Informationen hat, dann sollte man besser den Mund halten, statt nur rumzulabern und Sprechblasen zu produzieren. Meine ich, jedenfalls. Siehst du das auch so?“
„Joo“, brummte ich und nickte mit dem Kopf.
Fast gleichzeitig fingen wir beide schallend zu lachen an, als hätten wir uns gerade einen guten Witz erzählt. Andere Mitarbeiter sahen zu uns herüber. Wir fingen an Aufmerksamkeit zu erregen.
„Komm lass uns gehen, sonst fallen wir noch wegen übertriebener Arbeitsfreude auf. Ich muss heute noch paar Sachen erledigen. Können wir uns um sechs Uhr an deinem Auto treffen?“, fragte ich.
„Joo“, gab er grinsend zurück und stand auf, nahm sein Essenstablett und ging.
Ich sah ihm nach und wusste damals nicht, dass es der Beginn einer Freundschaft war.
 In den nächsten Wochen verbrachten wir die meiste Zeit zusammen.
Zuerst gingen wir gemeinsam einkaufen. Alles was der angehende Unternehmensberater so braucht um standesgemäß beim Kunden aufzutreten. Wir brauchten beide wirklich alles. Schuhe, Socken, Hemden, Krawatten und Anzüge. Einfach alles.
Als wir alles hatten, war mein Konto geplündert, überzogen und alle Ersparnisse draufgegangen. Siegfried ging es ähnlich. Aber er war es im Gegensatz zu mir gewohnt. Sagte er jedenfalls, denn bei ihm kamen ja noch die Kosten für das Auto dazu, das er sich vor etwa einem Jahr für achthundert Mark gekauft hatte.

Zum Glück für uns beide erhielten wir von der Firma einen Reisekostenvorschuss als es mit der Projektarbeit losging. Wir kamen nach München zu einem großen Chemiekonzern und hatten die Aufgabe bei der Einführung eines neuen Rechnungswesens mitzuarbeiten.
Nach zwei Tagen war uns klar, dass wir in der Projekthierarchie ganz unten standen. Unter uns gab es eigentlich nichts mehr. Unsere Mitarbeit bei der Einführung von neuen Informationstechnologien in einem Weltkonzern hatten wir uns anders vorgestellt. Wir arbeiteten im vierten Stock in einem Firmengebäude in der Nähe des Englischen Gartens. Das Rechenzentrum lag ebenerdig auf der anderen Straßenseite. Unsere Zeit verbrachten wir damit, für die anderen Projektmitarbeiter Programmlisten aus dem Rechenzentrum zu holen und über die Straße zu tragen, Kaffee zu kochen, Pizza und Zigaretten zu holen, den Kühlschrank aufzufüllen und Geschirr zu spülen.
Ich weiß nicht mehr wie oft am Tag ich zum Rechenzentrum ging. Vier Stockwerke runter, über die Straße ins Rechenzentrum an den Ausgabeschalter und die ausgedruckten Programmlisten abholen.
In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so dicke Listen gesehen. Ganze Kartons von bedruckten grünweiß gestreiften Endlospapier habe ich über die Straße, die Treppen hoch und in den vierten Stock geschleppt. Und das alles in Anzug und Krawatte. Im Laufe des sechsmonatigen Projekts habe ich sicher einige Tonnen Papier bewegt. Beim Paketdienst der Deutsche Bundespost wäre ich sicher besser aufgehoben gewesen.
Vom eigentlichen Projekt haben wir nur etwas mitbekommen, wenn mal keine Listen zu holen waren und wir an den Projektbesprechungen teilnehmen durften. Wir mussten dazu nicht nur den Besprechungsraum herrichten und dafür sorgen, dass genügend Papier auf dem Flipchart war, die Filzschreiber alle funktionierten, Kaffee und frische Tassen auf dem Tisch standen und genügend Stühle für alle da waren. Seltsamerweise waren es immer zu wenig Stühle. Anschließend durften wir dann die Protokolle schreiben und fühlten uns als richtige Berater, bis wir merkten, dass die anderen Kollegen einfach keine Lust hatten die Protokolle selbst zu schreiben.
Untergebracht waren wir ganz in der Nähe des Firmengebäudes in einem kleinen Hotel Garni ohne Aufzug. Die Zimmer ganz oben unter dem Dach in der Mansarde, mit Dachfenster. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stellte, konnte ich einige Münchner Hausdächer und den blauen Himmel sehen. Siegfried hatte das Zimmer neben mir. Die Zimmer wurden über die gleichen Wasser- und Abwasserleitungen versorgt. Wenn einer von uns unter der Dusche stand, konnte sich der andere nur die Zähne putzen, weil nicht genügend Wasser aus der Leitung kam. Wenn ich die Toilette spülte, wurde auch Siggis Toilette abgesaugt. Mit einem infernalischen gurgelnden und rumpelnden Geräusch raste unser Abwasser durch die alten Rohre nach unten, bis es irgendwo in der Münchener Kanalisation aufschlug. Wir konnten es noch lange hören, bevor es vom gluckernden und glucksenden Frischwasser übertönt würde, das sich durch die verkalkten Rohre seinen Weg in den Spülkasten suchen musste. Nach einigen Tagen kannten wir die Geräusche des Hauses und den Zeitablauf unserer Mitbewohner auswendig.
Siggi und ich gewöhnten uns rasch einen synchronisierten Tagesablauf an. Wir standen fast gemeinsam auf. Er etwas schneller als ich. Wenn er duschte, putzte ich die Zähne. Fing seine Wasserspülung an zu gurgeln, war ich mit dem Duschen an der Reihe. Den Gang zum Frühstück koordinierten wir durch Klopfen an die Wand. Gemeinsam traten wir dann auf den engen Flur, prüften noch gegenseitig den einwandfreien Sitz der Krawatte und stiegen absichtlich polternd die endlosen Treppen zum Frühstücksraum hinunter und einem neuen langweiligen Arbeitstag entgegen.
Nach einigen Wochen war Siegfried und mir klar, dass wir nur die Projektdeppen für die anderen waren. Hier würden wir sicher nichts lernen. Der einzige Vorteil für uns war, dass die Übernachtungskosten von der Firma bezahlt wurden und wir außerdem zum Gehalt Reisekosten erstattet bekamen. Mit der ersten Gehaltszahlung konnte ich so mein überzogenes Konto wieder ausgleichen. Bei Siggi war das nicht so gut, wie er mir eines Abends beim Bier und Leberkäse mit Spiegelei erzählte. Sein Auto, die Ente, fraß ein immer größeres Loch in seinen Geldbeutel. Er hatte sich die Ente vor etwa einem Jahr für achthundert Mark gekauft und seitdem folgte eine Reparatur der anderen.
„Verstehst du was von Autos?“, wollte Siggi wissen und nahm langen Schluck aus seinem Bierglas.
„Joo“
„Hast du am Wochenende Zeit?“
„Joo“
„Kannst du mir helfen, die Ente durch den TÜV zu bringen?“
„Joo“
„Kannst du autogen schweißen?“
„Joo“.
„Gut?“
„Joo“
„Sicher?“
„Joo. Warum?“
„Das Bodenblech ist durchgerostet. Ich muss ein neues Bodenblech einbauen, sonst komme ich mit meiner Knutschkugel nicht mehr durch den TÜV. Kannst du sowas machen?“
„Joo. Aber ich will mir das vorher mal ansehen. Hast du ein Schweißgerät und einen Platz wo man das machen kann?“
Siggi überlegte kurz, dann meinte er, „wir können das bei einem von meinen Kumpels machen. Sein Vater hat ein Baugeschäft. Und eine Werkstatt haben die auch. Ich ruf ihn mal an und frage ob das geht. Dann fahren wir am Wochenende hin und machen das, pennen können wir bei meiner Mutter, die wohnt da gleich um die Ecke und am Montag fahren wir gleich beim TÜV vorbei und fertig. Was meinst du dazu?“
„Hört sich gut an. Eigentlich wollte ich ja das Wochenende in meinem Ferienhaus in der Toscana verbringen. Aber jetzt machen wir daraus eben ein Oldtimerwochenende in ....“, hier stockte ich, „wo wohnst du denn überhaupt?“
„In der Nähe von Hof, direkt an der Zonengrenze. Weißt du wo das ist?“, sagte er und trank sein Bier aus.
Ich riss den Mund auf und gähnte laut. „Keine Ahnung. Ist auch egal. Du wirst es schon finden, wenn du da mal gewohnt hast. Willst du noch ein Bier, oder können wir jetzt gehen. Ich bin hundemüde und das Kreuz tut mir weh von diesen Scheißlisten, die wir da jeden Tag über die Straße schleppen müssen. Weißt du eigentlich was das ist? Hast du dir das mal angesehen?“
Siggi nickte, „ja, ich hab mir das mal angesehen. Das sind Programme. Geschrieben in Assembler, das ist eine Programmiersprache für Großrechnersysteme von IBM und Siemens. Ich habe an der Uni nur Fortran, Algol und etwas Basic gelernt. Von Assembler habe ich keine Ahnung. Du?“
Ich schüttelte den Kopf, „da kenne ich mich nicht aus. Programmierung war nicht mein Paradefach. Außerdem hasse ich diese Lochkartenstanzer und ihr lautes Geratter. Und den Dozenten für Programmierung konntest du bei uns durch die Pfeife rauchen. Der kannte das nur in der Theorie. Sein Fach nannte er auch ‚Programmierungstechnik‘, wir nannten es ‚Maiers Märchenstunde‘. Richtig Programmieren kann ich nur in Cobol und in Basic.  Warum willst du das eigentlich wissen?“
Siggi gab mir keine Antwort. Er grinste mich nur an und meinte dann, „ich habe da so eine Idee. Jetzt lass uns aber zuerst die Sache mit der Ente erledigen. Komm und jetzt geht’s ab in die Heia. Morgen müssen wir wieder an unserer Karriere als Datenträger arbeiten.“
Gemeinsam gingen wir zum Hotel zurück und stiegen bewusst laut polternd die unzähligen Stufen bis zu unseren Mansardenzimmern hoch.
Und wieder war ein Tag vollbracht.

Am Freitag machten wir uns zeitig mit der Ente auf in Richtung Hof.
Siggi hatte alles arrangiert. Sogar eine Party mit Bier und Mädchen sollte es am Samstag Abend geben.
Wir hielten mit der vollbepackten Ente im nachmittäglichen Münchner Verkehr gut mit und fuhren auf die Autobahn Richtung Nürnberg. Mit Vollgas und der gesamten Leistung der 16 PS starken Motörchens donnerten wir mit der Höchstgeschwindigkeit von etwas 80 km/h über die wellige Autobahn. Jede Steigung war eine Herausforderung, an der uns die Lastwagenfahrer laut hupend überholten, bevor wir dann am nächsten Gefälle Rache nahmen und mit Vollgas, knapp 10 km/h schneller als sie,  an ihnen vorbeisegelten. Bis zur nächsten Steigung.
Motorenlärm und Fahrtwind war unbeschreiblich. Anfangs unterhielten wir uns noch über das kommende Wochenende und die Reparatur. Ich hatte mir das Bodenblech angesehen, oder das was davon noch übrig war. Als ich die Fußmatten hochhob konnte man auf die Straße blicken. Teilweise faustgroße Löcher klafften da im Bodenblech. Man musste schon genau aufpassen wo man als Beifahrer die Füße hinstellte. Hinter dem Fahrersitz, vor der Rückbank war gar kein Blech mehr im Boden. Dort war nur noch Fußmatte. Aber wir würden die Ente wieder zusammenschweißen und durch den TÜV bringen, da war ich mir sicher und wenn wir dazu mehrere Bleche übereinander schweißen müssten.
Irgendwann bin ich dann wohl eingeschlafen. Der Lärm des Motors, das Schaukeln der Ente, die warme Luft, die aus den Heizungsklappen blies und sich, wegen der eingerosteten Klappen nicht abstellen ließ und die bayrische Volksmusik aus dem alten Röhrenradio, das immer nur den stärksten Ortssender empfangen konnte, bildeten ein betäubendes Gemisch.
Wach wurde ich erst als die Ente mit einem Ruck zum stehen kam und die schlagartige Stille wie ein Messer in mein Hirn drang. Ich zuckte hoch und riss die Augen auf. Wir standen vor einem älteren niedrigen Bauernhaus mit angebautem Stall. Aus einem der Fenster fiel durch die Gardinen gelbliches Licht auf den Hof. Über dem Stalltor brannte ein schmutzige Funzel um die im Laufe der Jahre Tausende von Mücken ihr Leben gelassen hatten. Vor dem Haus war in der Dunkelheit nur ein kleiner Garten mit einem verrosteten Maschendrahtzaun zu erkennen. Irgendwo in der Nähe bellte ein Hund.
Ich sah Siggi von der Seite her an. „Was ist?“
„Wir sind da“, sagte er und rieb sich mit den Händen die müden Augen, „wir sind da. Hier wohnt meine Mutter mit meinen Geschwistern. Hier habe ich auch gewohnt, bevor ich in die große, weite Welt ging. Der Bauernhof gehört meiner Oma. Wir wohnen hier seit mein Vater tot ist“.
Die Tür zum Bauernhaus ging auf, das Licht aus dem Flur strömte ins Freie und an der Außenwand ging eine Lampe an.
„Wie du siehst haben wir hier sogar elektrischen Strom“, meine Siggi, vermutlich weil er den Schock in meinem Gesicht gesehen hatte, „wir haben auch Toilette im Haus und fließend Wasser. Aber nur kalt, auch im Badezimmer. Geheizt wird mit Holz und Brikett. Aber nur in den Wohnraum und Küche. In den Schlafzimmern gibt es gar keine Heizung. Im Winter hast du hier die Eisblumen innen am Fenster.“
Dann stieg er aus und ging der Frau entgegen, die in der Tür des Bauernhauses stand. Sie umarmten sich kurz und sahen dann zu mir her. Siggi winkte und rief: „Komm rein, wir essen zuerst und räumen das Gepäck erst später aus. Und als er sah, dass ich meine Aktentasche mitnehmen wollte, fügte er hinzu, „du kannst alles im Auto lassen, hier kommt nichts weg.“
Ich ging auf die Frau zu und während Siggi einen Schritt auf dei Seite machte, hielt ich ihr artig die Hand hin. „Guten Abend, ich hoffe ich mache Ihnen nicht zuviel Umstände, wegen der Übernachtung.“ Sie lächelte kurz, während sie meine Hand festhielt. Ihre Hand war schwielig und hart, ihre Händedruck fest. Die Haare waren grau und einige Strähnen hatten sich im Laufe des Tages aus dem Knoten gelöst, den sie am Hinterkopf trug. Ich stellte mir vor, wie sie wohl mit langem, offenen Haar aussah. Sie hielt meine Hand fest und sah mir wie prüfend ins Gesicht. „Kommen Sie herein, das Essen ist fertig. Ich habe es im Ofen warm gestellt, weil ich schon früher mit euch gerechnet hatte.“
Dann lies sie meine Hand los, sah Siggi an wie nur eine Mutter ihren Sohn ansehen kann und meinte: „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, ob was passiert ist.“
„Was soll denn passieren, Mama? Mit dieser Knutschkugel kannst man doch nicht schneller als 100 km/h fahren. Du immer mit deiner Angst. Ich pass doch auf, habe ich dir doch versprochen. Und jetzt habe ich Hunger. Was gibt es denn?“
„Das weißt du doch. Das was es immer gibt, wenn du mal wieder nach Hause kommst. Dein Lieblingsessen. Und jetzt kommt erst mal rein.“
In der Küche war es warm und roch nach Essen. Im Herd knisterte ein Feuer. Um einen Tisch mit einer Eckbank saßen drei Kinder und eine alte Frau, die die Lesebrille abnahm um mich besser sehen zu können.
Siggi gab der alten Frau die Hand und begrüßte sie mit den Worten „wie geht es euch?“
Etwas verlegen war ich in der Mitte der Küche stehen geblieben und merkte wie die Kinder mich neugierig anstarrten. Zwei Jungen und ein Mädchen. Alle jünger als Siggi.  Ich gab der alten Frau die Hand und setzte mich dann auf einen der freien Stühle. Dann herrschte verlegene Stille, während Siggis Mutter am Herd hantierte und kurze Zeit später das Essen vor uns auf den Tisch stellte. Es gab Leberkäse mit Kartoffelbrei und Salat. Dazu selbstgemachten Most. Ich hatte schon lange nicht mehr so gut und deftig gegessen.
Während dem Essen erzählte Siggi von unserer Arbeit, von unserem Hotel und unserem Leben in München. Wir lachten viel und alberten herum. Es war ein schöner Abend und ich fühlte mich wohl in dieser kleinen Familie, die es sicher nicht leicht hatte. 
Später holten wir unsere Sachen aus dem Auto, stiegen eine steile Treppe im Haus hinauf unters Dach in Siggis Zimmer. Es war klein und niedrig. Licht und Luft kam nur durch eine kleines Fenster am Giebel, durch das man auf einige Bäume und Wiesen sehen konnte.
Wir rauchten noch eine Zigarette und pafften den Rauch durch das offene Fenster, durch das kühlfeuchte Nachtluft ins Zimmer strömte.
Als ich meine Zigarettenkippe durch das Fenster schnippsen wollte, hielt mich Siggi zurück. „Du bist hier auf einem Bauernhof. Hier musst du mit sowas vorsichtig sein. Sonst fackelst du dir noch die eigene Bude über dem Kopf ab. Man merkt, dass du nicht auf dem Land aufgewachsen bist. Ich habe hier meine Jugend verbracht und kenne jeden Baum und Bach in der Gegend. Als mein Vater starb, sind wir hierher zu meiner Großmutter gezogen. Es war eine schwierige Zeit für meine Mutter. Mit vier Kindern, ohne Mann und ohne Geld. Ich war der Älteste und habe geholfen wo ich konnte. Trotzdem war es schwer, ist es auch jetzt noch. Mein Studium hat sich meine Mutter wirklich vom Mund abgespart. Jetzt helfe ich ihr, so gut ich kann, aber ich verdiene noch zu wenig. Es reicht halt hinten und vorne nicht. Ich muss unbedingt mehr Geld verdienen.“
Dann schwieg er, schien nachzudenken und lachte dann kurz auf: „Komm lass uns schlafen gehen, ich bin müde und morgen müssen wir früh raus, wenn wir die Ente reparieren wollen.“

© Rolf Robert
Frankfurt 2003

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Die Verlobte

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Harry

Johnny I

Johnny II

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Hombostel I

Hombostel II

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