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Kurze Geschichten

Hombostel II


Unkorrigierte Leseprobe
© Rolf Robert
Frankfurt 2003

Am nächsten Morgen weckte mich der Hahn, der mit seinem Schrei die Stille des neuen Tages zerriss. Aus den Wiesen dampfte die Feuchtigkeit und über dem nahegelegenen Wald schwebten Nebelfetzen. Kurz danach drangen durch das kleine Fenster die Geräusche eines erwachenden Dorfes.
Siggi war schon wach und ich hörte wie er polternd die Treppe hochstieg und die Tür zu seinem Zimmer aufriss. „Auf geht’s, Frühstück ist fertig. Alle warten schon auf dich. Wir fahren dann gleich nachher zu meinem Kumpel und fangen mit der Reparatur an. Ist schon alles hingerichtet. Heute Abend um acht steigt dann die Party draußen bei der Waldhütte. Wir treffen uns mit den anderen vorher unten im Dorf. Also raus jetzt aus den Federn. Du hast noch fünf Minuten.“
Dann riss er mir die Bettdecke weg und polterte wieder die Treppe hinunter.

Nach einem kurzen Frühstück mit Lindeskaffee, Bauernbrot und Margarine stiegen wir in die Ente und fuhren die Straße hinunter ins Dorf. Durch das offene Tor einer Baustoffhandlung, in der Sand, Kies, Steine und Holz in wirren Haufen rumlag, rollten wir direkt vor einen baufälligen Schuppen neben dem ein alter Hanomag abgestellt war.
Alte, verrostete Baumaschinen, zwischen denen Gras und Unkraut wucherte, standen herum. Ein junger Mann in einer verölten und schmutzigen Arbeitshose und einem Hemd mit bis zu den Oberarmen hochgerollten Ärmeln kam uns entgegen. Er packte Siggi an den Armen und es sah aus als wollten sie miteinander ringen, dabei schrieen sie sich in einer mir bislang unbekannten Sprache an und hieben sich gegenseitig auf die Schultern.
Komische Bräuche hatten die hier! Dann schien das Begrüßungsritual beendet zu sein, denn der junge Mann kam auf mich zu. Um ihn auf Abstand zu halten streckte ich ihm meinen Arm mit der geöffneten Hand entgegen und sagte: „Grüß Gottle“. Er stutzte kurz, drückte mir aber die Hand dabei zusammen, dass mir Hören und Sehen verging und hieb mir dann mit der anderen Hand auf die Schulter.
Er sagte etwas in seiner Mundart, was ich als so etwas ähnliches wie „schön dass ihr hier seid“ und dann „auf gehts, pack mers“ verstand.
Wir schoben die Ente neben den Hanomag und begannen die Fußmatten zu entfernen und die Sitze auszubauen. Dabei unterhielten sich Siggi und Franzl, so hieß der junge Mann, weiter in einer Sprache von der ich nur Bruchstücke verstand.
Als die Ente entkernt war, konnte man das gesamte Ausmaß der Katastrophe erkennen. Nicht nur das gesamte Bodenblech war brüchig und hatte Löcher wie ein Schweizer Käse. Auch am Rahmen hatte der Rost im Laufe der Zeit schon richtig gefressen. Das sah nicht gut aus. Wir sahen uns betreten an. „Jo mei“, stöhnte Franzl auf und Siggi meinte „ja, leck mich Arsch“.
Mir wurde ganz schlecht, als ich daran dachte, dass wir mit diesem Ding gestern auf der Autobahn mit 110 km/h an den holländische Sattelschleppern vorbeigedüst waren.
Ich sah meine Reparaturkollegen an und sah die Ratlosigkeit in ihren Gesichtern. „Kannst du das Schweißen?“, wollte Siggi wissen.
„Wenn du mir zeigst, wo man überhaupt noch was anschweißen kann. Hast du denn überhaupt soviel Blech?“, gab ich zurück, „das sieht nicht gut aus. Wenn wir die letzten verrosteten Teile jetzt auch noch rausnehmen, dann bricht uns das Auto in der Mitte auseinander. Für mich ist es sowieso ein Rätsel, warum das bisher nicht längst passiert ist. Wir müssten zuerst die tragenden Teile reparieren, das Bodenblech alleine nützt gar nichts. Schau hier zum Beispiel, am Rahmen da muss ich das Blech fest schweißen und jetzt guck die das mal an.“ Dabei stach ich mit dem Schraubenzieher auf den Querholm ein und brach glatt durch, „das ist wie Papier, das bricht uns beim Schweißen unter den Fingern weg. Das bringt nichts, so geht das nicht. Wir müssen zuerst die tragenden Teile reparieren, aber wie?“
Franzl stand dabei und hatte uns zugehört. Im Gegensatz zu mir schien er zu verstehen was ich sagte. Plötzlich fing er an wie wild auf Siggi einzureden. Ich sah wie Siggi den Kopf schüttelte und irgendetwas erwiderte. Es war eine wilde Diskussion von der ich nur Bruchstücke verstehen konnte. Begleitet war das Ganze von wilden Handbewegungen und Andeutungen. Dann begann Franzl mit der Schuhspitze etwas in den Dreck des Hofes zu kratzen. Die Diskussion nahm an Lautstärke zu. Gestik und Mimik der Beiden auch. Siggi schüttelte immer wieder den Kopf. Franzl zeigte wild mit den Händen auf dem Hof herum. Dann malte er wieder in den Dreck des Bauhofes. Diesmal hatte er sich hingekniet in nahm einen Stock als Zeichengerät. Ich konnte in seiner Zeichnung die Form der Ente erkennen und darunter eine Art Gerüst. Siggi sagte etwas, was ich als „du spinnst ja“ interpretierte, während Siggi mit dem Schuh die Zeichnung von Franzl auswischte.
Franzl lies sich nicht beirren, er schien über eine besondere Art von angeborener Sturheit zu verfügen. Er fing wieder an zu zeichnen und immer wieder hörte ich das Wort „Hombostel“. Ich zündete mir eine Zigarette an, setzte mich auf den Boden und lies die Beiden diskutieren. Die verbale Gegenwehr von Siggi wurde schwächer, vermutlich resignierte er gegenüber soviel Sturheit. Oder Siggi fing an zu begreifen, dass dieses Auto nicht mehr zu reparieren war. „Schöne Scheiße“, dachte ich, „warum trifft es eigentlich immer die, die es sich nicht leisten können? Ausgerechnet Siggi, ausgerechnet jetzt, wo er sowieso kein Geld hat. So ein Scheiß!“
„Was meinst du dazu?“, riss mich Siggi aus meinen Gedanken, „was meinst du? Geht das? Meinst du wir kriegen das hin?“ Hoffnung hörte ich aus seiner Stimme aufkeimen. „Was kriegen wir hin?“, wollte ich wissen, „ich bin eurer seltsamen Sprache nur bedingt mächtig. Verstanden habe ich nur Bahnhof und Hombostel. Kannst du mir jetzt vielleicht erklären um was es eigentlich geht?“
„Franz hat eine Idee. Er ist davon überzeugt dass es geht. Er kennt sich schließlich damit aus, er macht das ja fast jeden Tag. Nur halt nicht an einem Auto.“ Dabei sah er Franz nach, der sich in Richtung Schuppentür entfernte und gleich darauf mit drei Flaschen Bier zurückkam. Franz hielt mir eine der Flaschen hin und nickte mich mit dem Kopf an. Ich schüttelte den Kopf, „es ist erst kurz nach neun Uhr am Samstag Morgen. Da trinkt man noch kein Bier. Da bin ich ja besoffen bis am Abend.“
Franz nickte mich noch mal an, hielt mir die Flasche hin und sagte „Auf“ oder so ähnlich. Er schien keinen Widerspruch zu dulden.  Also nahm ich die Flasche und zog die Luft ein. Das konnte ja heiter werden. Wir standen um die Ente herum, schlugen den Verschluss der Bierflaschen auf, stießen die Flaschen zusammen und setzten zum ersten Zug an. „Der erste Schluck ist immer der Beste“, sagte ich und musste an Johnny denken, der dann immer die ganze Flasche ausgesoffen hat.
„Stimmt“, sagte Franz, der mich tatsächlich zu verstehen schien.
„Also was machen wir jetzt“, wollte ich wissen, während ich die geöffnete Bierflasche auf der Leiste abstützte, „auf was habt ihr euch bei eurer Diskussion verständigt?“
„Wir betonieren“, sagte Siggi und Franz nickte zustimmend mit dem Kopf. 
„Wir machen was?“, stieß ich hervor, „ich glaub ihr spinnt. Du kannst doch ein Auto nicht betonieren. Wie soll das denn gehen? Ihr seid doch bescheuert. Oder wollt ihr mich verarschen?“.
Dann lachte ich kurz auf und sah zu Franz hinüber. Der sah zuerst prüfend in den Hals seiner halbvollen Bierflasche, nahm dann einen kräftigen Schluck, rülpste und sagte: „Naaa.“
„Die Idee ist gar nicht so schlecht“, hörte ich Siggi sagen, „etwas ungewöhnlich, aber nicht schlecht. Und sie hat wesentliche Vorteile.“
„Und das wären?“, wollte ich wissen und sah Siggi dabei streitlustig, „welche Vorteile sollen das denn sein? Das ist doch Schwachsinn!“
Ich sah, dass sich die Idee in Siggis Kopf festgesetzt hatte und er jetzt nach Argumenten suchte um sein kostbares Auto retten zu können.
„Jetzt hör doch einfach nur mal zu. Also wir bocken die Ente hoch und machen darunter einen Unterbau aus Schaltafeln wie sie zum Betonieren im Hoch- und Tiefbau verwendet werden.  Dann schneiden wir Stahlmatten und Moniereisen passend zu und legen sie als Bewehrung auf die Schaltafeln. Danach füllen wir das Ganze mit schnelltrocknendem Beton auf. Wenn das Ganze ausgetrocknet ist streichen wir es mit Bitumenteer von untern und oben an. Dann merkt kein Mensch mehr, dass das kein Bodenblech ist. Außerdem verbindet sich der Beton ideal mit den Resten der tragenden Teile zu einem Ganzen und stabilisiert das ganze Auto. Einfach ideal. Einfach genial“.
Dabei sah Siggi zu Franz und hob die Bierflasche zum Zuprosten. Franz strahlte stolz und erwartete auch von mir entsprechendes Lob.
„Und wer soll das alles machen. Ich habe keine Ahnung vom Betonieren. Du etwa?“, versuchte ich ein letztes Mal Siggi umzustimmen.
„Nein, ich nicht, aber er“, meinte Siggi und zeigte mit der Bierflasche auf Franz, „Franz ist der Profi, der hat das gelernt und macht das jede Woche. Und außerdem haben wir das ganze Material da, was wir dazu zu brauchen. Und, das darf man nicht vergessen, es kostet nichts. Oder?“.
Franz nickte grinsend mit dem Kopf und sagte „Joo“
„Also machst du mit?“, wollte Siggi wissen.
Ich nickte ebenfalls, trank ein Schluck Bier, rülpste und sagte: „Joo! Aber nur unter einer Bedingung.“
Siggi sah mich. „Was für eine Bedingung?“
„Ich will wissen was ‚Hombostel‘ ist“, grinste ich und sah erstaunt dass Siggi und Franz zu Lachen anfingen. Sie wollten gar nicht mehr aufhören und hielten sich gegenseitig fest um nicht umzufallen. Ich wartete geduldig mit vor der Brust verschränkten Armen bis die Beiden sich wieder beruhigt hatten. Siggi hatte sich verschluckt und klopfte sich immer wieder mit der Faust der rechten Hand auf den Brustkorb, „Hom..... Hombostel, das ist ...., Hombostel ist .... Also Hombostel“, stieß er zwischen seinen Hustenanfällen hervor.
Ich wartetet geduldig bis er wieder bei Atem war.
„Also“, fing Siggi wieder an, „also Hombostel ist ein Spitzname. Das ist mein Spitzname seit ich denken kann. Seit der Schulzeit. Alle die mich hier kennen sagen nur Hombostel zu mir. Ich glaube manche kennen noch nicht mal meinen richtigen Namen. Bist du jetzt zufrieden?“.
Ich nickte gnädig und stellte mir vor, was wohl unsere Projektkollegen in München zu diesem ungewöhnlichen Namen sagen würden.
Siggi sah mich an und schien meine Gedanken zu lesen. „Ich warne dich, wenn du das irgendwo herum erzählst ist es aus mit unserer Freundschaft.“
Jetzt lachte ich und prostete ihm mit den kümmerlichen Resten in meiner Bierflasche zu.

Den Rest des Tages verbrachten wir damit die Bodenbleche fachmännisch in die Ente einzubetonieren. Siggi und ich schnitten unter der Anleitung von Franz die Moniereisen und Gittermatten zu. Franz mischte im Betonmischer, unter Zusatz allerlei Zutaten einen schnellhärtenden Beton an. Der Rest war ein Kinderspiel. Von unten sorgten die Schaltafel für eine glatte Oberfläche und von oben besorgte das Franz mit einer Maurerkelle. Am späten Nachmittag waren wir fertig. Jetzt musste unser Kunstwerk nur noch trocknen.
Voller Stolz standen wir um die hochgebockte Ente und diskutierten bei weiteren Bierflaschen, die Franz aus dem Schuppen anschleppte, den Einsatz von schnelltrocknendem Beton im Automobilbau. Jetzt verstand ich auch Franz viel besser als am Morgen. Entweder hatte sich mein Ohr an die Mundart von Franz gewöhnt, oder meine Zunge hatte zwischenzeitlich, unterstützt durch mehrere Flaschen Bier, Zugang zu den hier üblichen Redewendungen und Kraftausdrücken gefunden.

Die Party am Abend war ein voller Erfolg.
Wir gingen zu Fuß direkt über die Äcker zur Waldhütte. Es gab ein Lagerfeuer und jede Menge Bier aus dem Fass. Irgendwo röstete ein Schwein oder Ferkel auf einem Grill vor sich hin. Außer dem Licht des Lagerfeuers war es stockdunkel. Es gab genügend zu Essen und zu Trinken. Und genügend Mädchen waren auch da. So genau konnte man zwar nicht sehen wie hübsch sie waren, es war ja dunkel und sobald man eine im schwachen Licht des Lagerfeuers gefunden hatte, zog man sich mit ihr sowieso etwas mehr zurück. Man musste nur aufpassen, wo man dabei hintrat, um keinen der Liegenden ernsthaft zu verletzten.
Auch mir gelang es an diesem Abend eines der weiblichen Wesen für mich zu begeistern. Sie trug ein Dirndl mit einem Mieder, was die ganze Angelegenheit sehr vereinfachte. Nach kurzer Zeit hatte ich festgestellt, dass sie nicht besonders viel reden wollte und dass man nicht in den Ausschnitt des Dirndls zu greifen brauchte um an die verbotenen Früchte zu kommen, sondern einfach das Mieder öffnete, oder unter den Rock griff, wenn das Mädchen nichts dagegen hatte.
Ich hatte Glück, denn meine hatte nichts dagegen, ja sie half mir auch noch dabei, denn ich hatte weder Erfahrung im Öffnen von Miedern, noch im Hochheben von Röcken und Beseitigen von Schlüpfern. Überhaupt hatte ich wenig Erfahrung, nicht nur mit Miedern, sondern auch mit den Mädchen die sie trugen. Aber was ich schon immer über Sex wissen wollte, das konnte ich in dieser Nacht erfahren und ausprobieren.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag, nachdem wir in Hombostels Ente erfolgreich ein neues Bodenblech einbetoniert hatten, hatte ich mehr Sex als in meinem ganzen Leben zuvor. Erst gegen Morgen, in der feuchten Kühle des neuen Tages ließen die Aktivitäten etwas nach. Auch der Alkohol trug sicher seinen Teil dazu bei.
Siggi und ich schliefen unseren Rausch am Ufer eines kleinen, morastigen Waldsees aus. Im Laufe des Sonntag Morgens, nachdem die Kirchenglocken die Gläubigen zu Gott gerufen hatten, kamen auch die ersten Mädchen wieder, die aus Gründen der Anständigkeit und Keuschheit einige Stunden der Nacht unter dem elterlich Dach verbringen mussten. Obwohl ich jetzt sah, dass das Mädchen vom Vortag, das jetzt kein Dirndl mehr trug, einen leichten Überbiss und schlechte Zähne hatte, tat dies meiner Begehrlichkeit keinen Abbruch. Was aber am Samstag im Alkoholnebel und in vollkommener Dunkelheit geschehen war, geschah jetzt bei vollem Tageslicht und vollem Bewusstsein. Zuerst bei einem Bad im Waldsee, dann anschließend auf einer kleinen Lichtung mitten in einer Anpflanzung von jungen Tannen, aus denen sicher mal Weihnachtsbäume werden sollten. Störend wirkten hier nur die vielen Ameisen und Stechmücken. Als die junge Dame am späten Nachmittag nach Hause musste, weil die Patentante zum Kaffee trinken kam, machte ich mich auf die Suche nach Hombostel. Am kleinen Waldsee war er nicht, vermutlich hatte er sich auch mit seiner Auserwählten in die Büsche zurückgezogen. Ihn in dieser Gegend zu suchen, war aussichtslos, ich hätte mich sicher nur verlaufen. Also stellte ich mich nach reiflicher Überlegung an das Ufer des Waldsees und rief einen Namen der seinen Besitzer so unverwechselbar machte: „Hombostel!“, schallte es über das Wasser, das sich auf der anderen Seite des Sees im Schilfrohr verlief.
„Hoooommboooostelll!“, wieder und immer wieder, bis endlich nach einer guten halben Stunde neben mir das Unterholz zu brechen und zu knacken anfing. „Mensch, hör endlich auf“, waren die ersten Worte, als Siggi durch das Gebüsch brach, „das hält ja kein Mensch aus. Du hast mir jetzt gerade den letzten Fick verdorben.“
Dann starrte er mich an und fing an zu lachen.
„Was lachst du denn so blöd?“, wollte ich wissen, „du siehst auch nicht gerade gesund aus.“
„Du bist total verstochen und dein ganzes Gesicht ist angeschwollen. Überall rote Mückenstiche und rote Flecken. Du siehst schlimm aus.“
„Du aber auch, du solltest dich mal im Spiegel sehen. Hast du in einem Ameisenhaufen gelegen? Und die Haare sind voller Tannennadeln. Und deine Klamotten sehen aus als hättest du wochenlang in einer Erdhöhle gehaust.“
„Das Kompliment kann ich dir aber zurückgeben. Du siehst auch nicht gerade aus als würdest du aus der Dusche kommen.“
Einträchtig marschierten und stolperten wir nebeneinander her in Richtung Heimat. Alleine hätte ich das Bauernhaus von Siggis Familie nicht mehr gefunden und wäre sicher irgendwann über die nahe Zonengrenze geraten.
Wir schlichen von hinten ans Haus und von dort direkt in die Waschküche und stellten uns unter das eiskalte Wasser aus dem Gartenschlauch um den schlimmsten Schmutz zu beseitigen. Während ich noch dabei war, mein schmerzendes Gesicht mit dem kalten Wasser zu kühlen, kam Siggi mit frischen Kleidern zurück, die er aus seinem Zimmer geholt hatte.
Die Oma war im Wohnzimmer über ihrem Strickzeug eingeschlafen. Die Mutter war auf dem Friedhof an Vaters Grab. Und die Geschwister waren irgendwo im Dorf unterwegs. Wir holten uns aus dem Herd einige Scheiben Schweinebraten, die vom Mittagessen übrig geblieben war und belegten damit ein paar Bauernbrote. Das Ganze spülten wir mit einem kräftigen Schluck Most runter und machten uns dann zu Fuß auf den Weg ins Dorf um nach unserer Ente zu sehen.
Franz wartete bereits auf uns, hatte sich in einen Sandhaufen gesetzt und trank Bier aus der Flasche.
„Wo seid ihr denn gestern abgeblieben“, wollte er in seiner seltsamen Sprache wissen. Siggi und ich sahen uns nur grinsend an. „Der Kavalier genießt und schweigt“, sagte ich dann und merkte wie meine Gesichtshaut beim Sprechen spannte. „Du schaust vielleicht lustig aus, wenn du den Mund aufmachst. Is wohl besser wenn der Kavalier schweigt“, lachte Franz und stand auf.
„Schaut net guat aus“, meinte er dann und ich glaubte zuerst dass er mich damit meint, „der Beton ist net hart gnuag. Ihr könnts mit dem Auto net foarn. Der Beton muas no an Dag trocknen.“
Ich schaute Siggi fassungslos an, „das geht nicht, wir müssen morgen auf dem Projekt in München sein, sonst gibt es Ärger. Was machen wir jetzt?“
Siggi dachte nach, dann meinte er; „Also wenn der Franz sagt, dass es net geht, dann geht’s net. Er sagt des sicher net nur zum Spass.“
Franz nickte heftig zustimmend und hielt mir wieder eine Flasche Bier hin, die er aus seinem unerschöpflichen Reservoir aus dem Schuppen geholt hatte. Ich schüttelte den Kopf.
„Aber was machen wir dann? Wir müssen irgendeine Erklärung abgeben, wenn wir beide nicht auf dem Projekt erscheinen. Wir können Ihnen ja was vorlügen, oder einfach einen Tag Urlaub nehmen“, schlug ich vor.
Jetzt schüttelte Siggi mit dem Kopf, während er die Flasche Bier nahm, die Franz jetzt ihm anbot, nachdem ich abgelehnt hatte. In dieser Region, so dicht an der Zonengrenze musste man zwangsläufig zum Säufer werden.
„Dann weiß ich was wir machen“, sagte ich, „wir machen das ganz einfach. Wir sagen einfach die Wahrheit. Das ist nach meiner Erfahrung immer das Beste. Einfach die Wahrheit sagen, auch wenn es ganz unglaublich klingt. Dass wir die Ente betoniert haben, glaubt uns doch sowieso keiner. Aber dass wir das Wochenende nicht untätig herumgesessen haben, sieht man uns auf hundert Meter Entfernung an. So wie wir aussehen. Wir machen das so. Ich rufe gleich morgen früh den Projektleiter an und sage ihm, dass wir zusammen dein Auto repariert haben und mit der Reparatur nicht fertig geworden sind. Und dass wir jetzt hier am Arsch der Welt festsitzen und erst einen Tag später kommen. Dann soll er selbst entscheiden, ob wir einen Tag Urlaub nehmen müssen oder nicht. Einverstanden?“
Siggi nickte zustimmend, setzte sich in den Sandhaufen neben Franz und dann die Flasche an die Lippen.
„Hast du mir jetzt auch noch ein Bier?“, wollte ich von Franz wissen. Der scharrte kurz neben sich im Sandhaufen und brauchte eine Flasche Bier zum Vorschein. „So bleiben sie immer schön kühl“, grinste er, „und außerdem merkt mein Alter nix davon.“
„Und wenn hier mal einer Sand holt?“, gab ich zu bedenken.
„Hier hat keiner Sand geholt, seit ich hier als Kind gespielt habe. Das ist mein Sandhaufen und da wagt sich keiner dran. Schließlich bin ich der Juniorchef hier.“
Ich nahm die Flasche Bier und setzte mich neben Franz ebenfalls in den Sandhaufen, „ wie viel Arbeiter habt denn im Betrieb?. Ich meine außer dir und deinem Vater.“, wollte ich wissen, während ich versuchte den Sand vom Verschluss meiner Flasche zu bekommen.
„Niemand“, lachte Franz, „koan Oanzigen.“
Er fand den Witz so gut dass er nach hinten in den Sand fiel und sich am Bier verschluckte. Hombostel und ich stimmten in sein ansteckendes Lachen ein, tranken Bier und sahen der Ente zu wie der Beton ihres neuen Bodenbleches in Sonne trocknete.

Am Montag Morgen rief ich beim Projektleiter in München an und erklärte ihm unsere Lage. Wie erwartet, interessierte er sich mehr für die Frage, wie man ein Bodenblech betoniert, als für die Mitteilung, dass er jemand anderen mit Kaffee kochen und mit dem Heranschaffen der bedruckten Papierberge aus dem Rechenzentrum beauftragen musste.
Der Tag zusätzliche Trocknung hatte dem Beton gut getan, wie uns Franz versicherte. Er hatte die Klopfprobe schon gemacht und war überzeugt, dass der Beton jetzt belastet werden konnte ohne Schaden zu nehmen.
Zusammen mit Siggi entfernten wir die Schalung und stellten die Ente wieder auf ihre Räder. Mir fiel auf, dass sie etwas tiefer stand als vorher, ich konnte mich aber auch täuschen. Wirt strichen den Unterboden dick mit Bitumen ein, damit man den Beton nicht mehr sah. Auch von innen wurde die Bodenplatte gestrichen. Dann wurden die Sitze montiert und die Fußmatten wieder ins Auto gelegt.  Fertig. Da stand sie unsere Ente und außer dem Bitumengestank im Innenraum erinnerte nichts an diese denkwürdige Reparatur.
Stolz stand Hombostel neben seiner Ente. „Komm wir machen eine Probefahrt. Einmal durchs Dorf bis hoch zur Bundesstraße und wieder zurück. Einfach nur gucken ob alles OK ist.“
Siggi startete den Motor. Vertraute Geräusche klangen über den Hof. Kotflügel und Motorhaube klapperten wie vorher auch. Der Motor tackerte wie vorher auch und am Scheppern des Auspuffs hatte sich auch nicht geändert.
Siggi legte krachend mit der Krückstockschaltung den ersten Gang ein, während ich auf meiner Seite das Fenster nach oben klappte, denn der Bitumengestank im Innern war unerträglich. Die Ente machte ihren üblichen Satz nach vorne als Siggi die Kupplung kommen ließ und wir auf das Hoftor zurollten. Dann folgte knirschend der zweite und dritte Gang und wir fuhren gemächlich über die Dorfstraße. In den Kurven neigte sich die Ente wie vorher auch, nur schien mir das langsamer zu sein als vorher. Ich konnte mich aber auch täuschen. Wir tuckerten gemächlich den Berg hinaus, Siggi wollte den vierten Gang nehmen, entschied sich dann aber doch wieder für den dritten Gang. „Alles OK?“, schrie ich durch den Lärm. „Ja, alles OK. Nur ein bisschen lahm ist sie. Aber das liegt vermutlich daran , dass der Motor noch nicht richtig warm ist“, schrie Siggi zurück.
Wir erreichten die Einmündung zur Bundesstraße, wendeten dort in einem Waldweg und fuhren wieder zurück. Jetzt lief das Teil wie eine Eins, es hatte wohl doch daran gelegen, dass der Motor noch nicht warm war. Ein Blick auf den Tacho zeigte die Nadel zitternd mit heftigen Ausschlägen bei 120 km/h. Ich hob die Hand mit dem Daumen nach oben und lachte, denn es wäre vergeblich gewesen diesen unbeschreiblichen Lärm zu übertönen. Siggi hielt das Lenkrad umklammert, ich sah wie die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten, denn die Ente hatte noch keine Servolenkung. Die ersten Linkskurve nahmen wir mit Bravour, die Ente neigte sich wie immer bedenklich zur Kurvenaußenseite und vor meinem Fenster raste das Gras vorbei. Dann kam die Rechtskurve, die Ente neigte sich in die andere Richtung und über mir war der Himmel. Wer jemals mit einer Ente gefahren ist, kennt diese Situation genau. Sieht zwar schlimm aus, ist aber halb so wild. Ich habe noch keine Ente gesehen, die deswegen umgefallen wäre.

Mit mehr als 100 km/ erreichten wir das Ortsschild. Das war vielleicht doch ein bisschen schnell und ich schaute Siggi fragend von der Seite an. Doch er starrte stur gerade aus. Dann sah ich, dass er sich mit den Armen am Lenkrad festhielt und den rechten Fuß mit aller Kraft auf das Bremspedal stemmte. Die Ente schien das aber wenig zu beeindrucken. Nur langsam verringerte sich ihre Geschwindigkeit. Um ein Haar hätten wir auch die Einfahrt zur Baustoffhandlung nicht bekommen. Kurz vor Franzes Sandhaufen blieb die Ente knirschend in einer riesigen Staubwolke stehen. Es roch stark nach Bitumen und Asbest. Siggi stellte den Motor ab und mit einem letzten Schütteln folgte die Ente seinem Befehl. Der Motor knisterte, auf meiner Seite fiel zum wiederholten Male das Klappfenster herunter und schlug schmerzhaft gegen meinen Ellenbogen.
„Und“, wollte ich wissen, „wie war’s zum Fahren. Macht sich das neue Bodenblech bemerkbar?“
„Und ob“, meinte Siggi, während er tief Luft holte, „und ob. Vor allem beim Bremsen. Das Ding ist so schwer wie ein Lastwagen und liegt auf der Straße wie ein tiefergelegter Ferrari. Ich muss mir das mal von außen ansehen, ob man das auch sehen kann.“
Dann stieg er aus und als ich ihm folgen wollte rief er: „Bleib mal sitzen, ich will was gucken.“ Dann ging er in die Hocke und verschwand aus meinem Sichtfeld. „Jetzt steig mal aus“, rief er dann und ich tat wie mir geheißen. Siggi hockte auf der Fahrerseite der Ente am Boden und schien sich auf einen bestimmten Punkt zu konzentrieren. „Jetzt steig noch mal ein“, rief er. Wieder tat ich wie mir geheißen. Draußen blieb es still. „Kann ich jetzt wieder aussteigen, hier drin stinkt’s dass dir die Haare ausfallen,“ rief ich nach draußen. Als keine Antwort kam stieg ich aus und ging um die Ente herum. Siggi saß auf dem Hintern am Boden und hatte den Kopf in die Hände gestützt. „Was ist los?“, wollte ich wissen.
„Wie viel wiegst du?“, fragte er statt einer Antwort zurück.
„Wieso? Das weiß ich nicht genau. Warum?
„So ungefähr. Es kommt nicht auf das Kilo an. Sechzig bis siebzig Kilo, kommt das so ungefähr hin?“
Ich nickte stumm.
„Dann haben wir ein Problem“, meinte Siggi, „und weißt du warum?“.
Ich konnte mir denken warum, aber ich schüttelte den Kopf und scherzte, „Nein, aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen!“
„Die Ente ist zu schwer, es ist egal ob du einsteigst oder aussteigst. Sie muckst sich keinen Millimeter. Es ist ihr egal ob jemand drin sitzt oder nicht. Schau dir mal von hinten die Räder an. Guck mal genau hin. Siehst du, dass die Räder oben weiter nach innen stehen als unten. So etwa.“ Dabei hielt er seinen Unterarm senkrecht aber leicht schräg nach oben.
„Du meinst einen negativen Sturz wie bei einem Rennwagen, damit er eine bessere Straßenlage hat.“
„Ganz genau. Die Ente hat jetzt eine absolut geile Straßenlage und sie ist schwerer zu bremsen, das habe ich schon auf der Straße gemerkt. Ach komm, scheiß drauf. Wenn man es nicht weiß, fällt es fast nicht auf. Wir machen morgen unseren TÜV und dann bis dass der Tod uns scheidet. In zwei Jahren verdiene ich so viel Kohle, dass ich mir einen Porsche leisten kann.“
Siggi stand auf und klopfte sich den Staub von der Hose ab.
„Komm wir räumen hier das Baumaterial auf, das wir gebraucht haben. Sonst bekommt Juniorchef Franz Ärger mit seinem Senior. Und dann kehren wir noch ein bisschen den Hof und hinterlassen einen guten Eindruck als Dankeschön für das kostenlose Baumaterial. Dann wird es gerade richtig zum Abendessen bei Muttern. Morgen müssen wir früh raus. Ich will der Erste beim TÜV sein und dann ab nach München“.

Wir kehrten den Hof und tranken mit Franz noch ein Abschiedsbier auf dem Sandhaufen.

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