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Kurze Geschichten

Schnellkasse


Unkorrigierte Leseprobe
© Rolf Robert
Frankfurt 2003

Heute morgen war ich auf der Hauptversammlung einer Firma an der ich als Aktion├Ąr beteiligt bin. Der wertm├Ą├čige Verlust meines dazu eingesetzten Kapitals bewegte sich nahe der 100%-Marke und ich wollte einfach nur einmal sehen, was den Verantwortlichen als Erkl├Ąrung f├╝r diese Tatsache so alles einf├Ąllt. Nach zwei Stunden hatte ich dann das Handtuch geworfen und die St├Ątte der Selbstbeiweihr├Ąucherung von Vorstand und Aufsichtrat verlassen. Der Beschlussfassung zur erneuten Auflage eines Aktien-Options-Plans f├╝r leitende Angestellte, Vorstand und Aufsichtsrat hatte ich mich durch die Abgabe aller mir zur Verf├╝gung stehender Neinstimmen verweigert und die Hauptversammlung fr├╝hzeitig verlassen.

Jetzt brauchte ich dringend etwas zu essen.
Eigentlich wollte ich ja auf der Hauptversammlung essen, deshalb ist man ja schlie├člich auch Aktion├Ąr, doch dazu kam es aus oben genannten Gr├╝nden dann nicht mehr.
Ich war auf dem Weg nach Hause und wusste, dass der K├╝hlschrank nur ein geringes essbares Angebot enthielt. Deshalb entschloss ich mich noch schnell beim Supermarkt zu tanken und gleich was zum Essen zu kaufen.
Schon bei der Anfahrt zum Parkplatz latschte mir zweimal fast ein Rentner ins Auto. Entweder ganz in Gedanken verloren oder schon von fortgeschrittener Alzheimer befallen. Besonders niedlich finde ich immer diesen komischen Blick, wenn Sie aus ihrem Tran zwanzig Zentimeter vor der Sto├čstange wieder zu sich kommen.
Letztes Jahr hatte ich mal eine ├Ąltere Dame vor dem K├╝hler, die war so ├╝berrascht als sie mich endlich sah, obwohl ich da schon fast eine Minute mit laufendem Motor dicht hinter ihr stand, dass sie aus dem Stand einen Satz gerissen hat, mit dem sie leicht die Goldmedaille im Dreisprung bei den Olympischen Spielen h├Ątte gewinnen k├Ânnen. Und das in ihrem Alter!
Ich parkte meinen Wagen neben dem Eingang in einer besonders gro├čen Parkbucht, wo bestimmt niemand mit seinem Einkaufswagen zu dicht am Auto vorbei kommt. Die meisten Menschen k├Ânnen mit so einem Ding ja schlichtweg nicht umgehen. Meistens total ├╝berladen und von diesen kleinen Frauen mit einem vor den Bauch gebundenen Baby kaum zu bewegen und schon gar nicht zu steuern. Oft haben sie dann auch noch eine Kiste Bier und zwei Flaschen Whisky f├╝r den G├Âttergatten aufgeladen.
Dann gibt es die anderen, die den Einkaufswagen wie eine Ramme benutzen oder einfach in seiner L├Ąnge untersch├Ątzen. Das kennen Sie wahrscheinlich auch. Besonders beim Warten an der Kasse gibt es diese Zeitgenossen, die einem fortw├Ąhrend von hinten in die Waden fahren und dann so tun, als w├Ąren sie es nicht gewesen oder ihrem Kleinkind neckisch mit dem Finger drohen, "das darfst du aber nicht machen, da wird der Onkel b├Âse". Dabei w├Ąre der rotznasige Kleine noch nicht einmal stark genug, um alleine seinen heruntergefallenen Lolli aufzuheben.
Ich nahm keinen Einkaufswagen, wollte ja nicht gro├č einkaufen, nur was zum Essen, was schnell geht, ungesund ist, aber trotzdem gut schmeckt.
Dazu ├╝berholte ich alle Eink├Ąufer, gleich welchen Alters und welchen Geschlechts, die teilweise in den seltsamsten K├Ârperhaltungen ihren Einkaufswagen bewegten. Manche taten das mit dem ganzen K├Ârper und lehnten sich dabei auch noch so weit vor, dass sie mit dem Kopf fast im Wagen hingen. Nur noch ein kleiner, nat├╝rlich gut gemeinter Schubs meinerseits und sie w├╝rden kopf├╝ber in den Wagen fallen, wie ein Sack Kartoffeln. Andere hielten den Einkaufswagen an der Stange so weit von sich, als h├Ątten sie einen Haufen stinkender F├Ąkalien vor sich im Wagen. Und die ganz Guten steuerten ihren Wagen l├Ąssig, aber heftig schlingernd mit zwei Fingern oder zerrten das Ding mit einer Hand wie einen toten Hund hinter sich her.
Ich wich Ihnen aus, drehte und wendete mich, zog den Bauch ein und schl├╝pfte durch, t├Ąuschte rechts an um dann doch links vorbei zu huschen. Sagte artig ,Bitte' um vorbeigelassen zu werden und schob die Wagen zur Seite, die von ihrem derzeitigen Besitzer mitten im Weg geparkt worden waren, w├Ąhrend sie sich selbst kopf├╝ber bis zum Hintern in der Tiefk├╝hltruhe vergraben hatten, nur um wirklich die Packung Fischst├Ąbchen mit dem l├Ąngsten Haltbarkeitsdatum ergattern zu k├Ânnen.
Ich schaffte es in Rekordzeit bis zum K├╝hlregal f├╝r die schnelle K├╝che.
Mit einem kurzen Blick erfasste ich das Angebot an italienischen und amerikanischen Nahrungsmitteln, die garantiert jeder Depp zubereiten kann.
Da! Genau das richtige f├╝r mich.
Italienische Pasta, fixe foxe, musste nur in heisse Wassere schmeisse, duo minuto, finito.
Wieder sagte ich ,bitte' und schob zwei weibliche Teenager zur Seite, die ausgerechnet hier ihre Handys nach neuen SMS-Meldungen abfragen mussten. Auf meine Bemerkung "das ist hier ein Einkaufsmarkt und keine Telefonzelle", reagierten die Beiden gar nicht.
Aus dem Bund ihrer knappen H├╝fthosen quoll das ├╝berfl├╝ssige Fleisch, welches ihnen an der Oberweite noch fehlte. Was an dieser Art Kleidung sch├Ân sein sollte? Und dann noch die Hose so weit unten, dass sie sich beim Hinhocken eine Darmspiegelung machen lassen k├Ânnten, ohne die Hose auszuziehen. Und das ├╝ber dem Anus liegende Schn├╝rchen vom Tangastring w├Ąre f├╝r den Operateur sicherlich auch kein gro├čes Hindernis.
Ich griff mir die Pasta aus dem Regal, eine von weiter hinten, weil vorne ja immer die Sachen stehen die unbedingt weg m├╝ssen. Dabei war es mir gleichg├╝ltig, dass ich diese italienische Delikatesse gleich in der n├Ąchsten halben Stunde zu meiner Ern├Ąhrung einsetzen w├╝rde.
An der Kasse steuerte ich zielsicher die Schlange an, ├╝ber der das Schild ,Schnellkasse' von der Decke baumelt. ,Maximal 8 Artikel' stand darunter. Ich blickte zuerst vorwurfsvoll in den vollbeladenen Einkaufswagen des Herrn vor mir und dann so, dass er es auch merkte, hoch zum Schild. Dabei sah ich auch noch auf die Uhr, damit er au├čerdem noch merkt dass ich es eilig hatte. Aber er schien das Fach ,K├Ârpersprache' w├Ąhrend seiner Schulausbildung geschw├Ąnzt zu haben. Auch mit seinen Ohren stand es nicht zum besten, denn er war dem kleinen Hund der Dame die vor ihm wartete und den ganzen Einkaufswagen mit Hundefutter beladen hatte, mit seinen gro├čen Schuhen auf die kleinen Pfoten gestiegen. Da musste er schon l├Ąngere Zeit gestanden habe, denn der kleine Hund fipste aus dem letzten Loch, als h├Ątte er kaum noch Luft in der Lunge.
Die Besitzerin des Hundes, die sich gerade ausgiebig in einen Disput zwischen der Kassiererin und einer deutschst├Ąmmigen Frau mittleren Alters eingemischt hatte, erh├Ârte endlich ihren kleinen Liebling, bevor ihm die Luft ausging.
Sie gab dem Mann vor mir, der sich zwischenzeitlich mit dem Betrachten von nackten Br├╝sten und Hintern auf den angebotenen Erzeugnissen der Regenbogenpresse die Zeit vertrieb, einen heftigen Stoss, der ihn gegen mich geschleudert h├Ątte, w├Ąre ich nicht reaktionsschnell elegant und sportlich zu Seite gesteppt.
"Passen sie doch auf wo sie hintreten!", gellte es durch den Supermarkt und dann etwas leiser, aber immer noch so, dass es jeder ohne H├Ârrohr im Umkreis von mindest 50 Meter h├Âren konnte "mein armer Liebling!". Dabei riss sie ihre Handvoll Hund vom Boden hoch und quetschte ihn zwischen ihren ├╝ppigen Busen, wo das Fiepen ihres Lieblings in ein ersticktes Schniefen ├╝berging.
Ich n├╝tzte die Situation geschickt aus, r├╝ckte schnell um einen Platz vor und l├Ąchelte die Dame mit Hund im Mieder freundlich an. Der gesto├čene Herr hinter mir protestierte nur schwach ├╝ber seinen vollen Einkaufswagen hinweg, als ich ihm grinsend meine Pasta zeigte.
"Das ist die Schnellkasse", h├Ârte ich weiter hinten in der Schlange eine Frau sagen. "Und was ist daran schnell?", wollte ihr Begleiter wissen. "Da bildet sich besonders schnell eine Schlange", meinte ein pickelgesichtiger, kaugummikauender Halbw├╝chsiger, der beim Kauen das Maul immer so weit aufriss, dass man sein Rachenz├Ąpfchen und die schlechten Z├Ąhne sehen konnte.
"Entschuldigen Sie", h├Ârte ich die Dame mit dem Hund sagen, der sich zwischen den Br├╝sten etwas beruhigt zu haben schien und sich dort offensichtlich wohl f├╝hlte, was ich ihm nicht verdenken konnte. "Entschuldigen Sie", sagte die Dame noch mal und hielt mir ihren kleinen Liebling hin, "w├Ąren Sie bitte so nett und w├╝rden meinen kleinen Liebling mal kurz halten".
Ich zuckte zur├╝ck wie von der Tarantel gestochen und presste meine Pasta mit beiden H├Ąnden sch├╝tzend vor die Brust, "Warum? Kaufen Sie eigentlich Ihr Essen immer lebend?"
Sie hatte anscheinend einige Semester ,K├Ârpersprache' besucht und erkannte, dass ich ihre Handvoll Hund um gar keinen Preis halten wollte. An ihrem Blick konnte ich auch erkennen dass sie mich deshalb in die Sparte ,Kindersch├Ąnder und Tierqu├Ąler' eingeordnet hatte.
So stellte sie stattdessen ihren vierbeinigen Lebensgenossen auf dem F├Ârderband zwischen den dort liegenden Waren ab, wo er sich sofort f├╝r das Paket aus der Fleischabteilung zu interessieren begann, w├Ąhrend sich sein Frauchen wieder in die immer noch laufende Diskussion zwischen der Kassiererin und der deutschst├Ąmmigen Kundin einmischte, die gerade mit rollendem ,rrrrr' darauf beharrrrrrte, dass "dieserrrrr schene Bluse nicht kostet mehrrr als Eurrro drrreiundvierrrzig zusammen mit Kleiderrrrbiegl".
Die Kassiererin bestand darauf, dass der Preis an der Ware nicht inklusive Kleiderb├╝gel war und wollte den Kleiderb├╝gel aus der Bluse ziehen. Die deutschst├Ąmmige Dame, deren Geburtsort sicher irgendwo hinter dem Ural in einem Dorf mit unaussprechlichem Namen lag, riss entsetzt den B├╝gel samt Bluse an sich, die nach meinem Geschmack aussah als h├Ątte man sie aus einem St├╝ck Vorhangstoff mit Blumen gleich nach Ende des zweiten Weltkrieges aus den Restbest├Ąnden von Heinrich Himmlers ,Lebensborn e.V.' hergestellt.
W├Ąhrend die Kassiererin zum Mikrofon griff und wie beim Hausfrauensex unter einer 0190-Telefonnummer hauchte "Heerr Meieeer, biiiitteee Kassse Einsss", begann der Sechshundertgrammhund auf dem F├Ârderband sein K├Ârpergewicht durch den teilweisen Verzehr des Fleischpaketes samt Papier zu erh├Âhen.
Wir warteten immer noch darauf, dass Herr Meier den Notruf von Kasse Eins vernommen hat und zur Schlichtung des Blusenproblems heraneilt, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippte und sagte "Darf ich?" Ohne mich umzudrehen, denn ich wollte nicht verpassen, wie die Sache mit der Bluse ausging, schnauzte ich ├╝ber die Schulter ein unfreundliches "Wasss?" zur├╝ck.
"Darf ich bitte vorbeigehen?", sagte die Stimme hinter mir und ich drehte mich langsam um.
Hinter mir stand eine junge Dame - ich nenn sie jetzt einfach mal so-, ohne ihr zu nahe treten zu wollen. Mittzwanzigerin, Typ emsige Gesch├Ąftsfrau in dunkelblauem Hosenanzug mit dezenten Nadelstreifen, betriebsame Hektik im Gesicht und sorgf├Ąltig aufgemaltem Wangenrot. F├╝r meinen Geschmack zuviel Modeschmuck an Hals und H├Ąnden
"Warum?", wollte ich wissen und sah wie sie stutzte, "wenn Sie was gekauft haben, m├╝ssen Sie sich hinten anstellen. Vordr├Ąngeln gilt nicht. Schnellkasse hei├čt nicht, dass man sich hier mal schnell irgendwo reinmogeln kann."
"Ich habe nichts gekauft", rechtfertigte sie sich und machte Anstalten sich einfach an mir vorbeizuschieben. Aber Hallo, nicht mit mir. Breitbeiniger konnte John Wayne auch nicht stehen. Ich hielt meine Packung Pasta wie einen schussbereiten 45-Colt genau zwischen die Augen der dynamischen jungen Dame.
"Warum sind Sie dann ├╝berhaupt reingekommen, wenn sie gar nichts kaufen wollen? Glauben Sie wir stehen hier alle nur zum Spa├č und haben nicht Besseres zu tun, als immer nur Leute vorbeizulassen, die gar nichts gekauft haben! Vielleicht haben Sie doch was gekauft und wollen jetzt einfach nur nicht bezahlen, weil Sie glauben, Sie k├Ânnten jetzt hier die Situation ausnutzen und einfach so durchwitschen ohne dass die Kassiererin es merkt."
"Was erlauben Sie sich?", emp├Ârte sich die Dame, "sie sind ja nicht ganz dicht!"
"Doch, doch ich schon", gab ich zur├╝ck, "die Lache hier auf dem Boden, in der Sie gerade mit Ihren italienischen Designerschuhen stehen, ist von dem Hund der da auf dem F├Ârderband die Rinderpansen nach Art des Hauses frisst. Und nur weil der Herr hinter Ihnen das arme Tier fast zertreten hat; da h├Ątten Sie sich sicher auch vor Angst in die Hose gepinkelt."
Die Dame wurde unter ihren handgemalten Apfelb├Ąckchen kreidebleich und fuchtelte wie wild mit ihrem Autoschl├╝ssel vor meinem Gesicht rum "Sie... Sie...", stie├č sie dabei nach Worten ringend hervor.
"Ach Sie fahren nur einen Opel", grinste ich sie nach einem kurzen Blick auf den Autoschl├╝ssel an, "hier warten Sie mal." Dabei klemmte ich mir meine Pasta unter den Arm und zog nach kurzem Suchen ebenfalls meinen Autoschl├╝ssel aus der Tasche, "hier, sehen Sie mal! BMW, Siebener, Achtzylinder, vier Liter Hubraum, 270 PS, Lederausstattung und Klima, Verbrauch auf einhundert Kilometer garantiert nicht unter 17 Liter. Steht drau├čen gleich neben dem Eingang auf dem Parkplatz. Echt! Kein Witz! Wenn Sie warten, bis ich bezahlt habe, dann zeige ich ihn Ihnen gerne".
Die Dame - ich hatte mir ja gleich gedacht, dass sie gar keine ist - zischte etwas was sich wie "Arschloch" anh├Ârte, drehte sich um, dass mir die Hundepisse, in der sie immer noch stand, gegen die Hosenbeine spritzte und eilte davon. Entweder ging sie jetzt etwas kaufen, wie ich es ihr geraten hatte oder sie musste wegen einer pl├Âtzlich aufgetretenen Blasenschw├Ąche die Slipeinlage wechseln.
"Schade", sagte ich zu dem Herrn hinter mir, "ich h├Ątte ihr wirklich gerne mein Auto gezeigt."

Um ein Haar h├Ątte ich verpasst, wie der zwischenzeitlich herbeigeeilte Filialleiter Meier den Konflikt um den Damenblusenkleiderb├╝gel schlichtete. Die deutschst├Ąmmige Dame hielt die Bluse samt B├╝gel gegen ihren st├Ąmmigen K├Ârper - daher der Ausdruck deutschst├Ąmmig -, gedr├╝ckt. Der nette Herr Meier redete auf sie ein, wie auf ein krankes Pferd, aber sie schien pl├Âtzlich kein Wort Deutsch mehr zu verstehen. Erst als der nette Herr Meier sagte: "Na ja, ausnahmsweise d├╝rfen Sie den B├╝gel dann halt als Geschenk mitnehmen", verzog sich ihr Gesicht zu einem verstehenden L├Ącheln und sie legte einen F├╝nfeuroschein aus der Tasche, lie├č sich das Wechselgeld geben und verschwand triumphierend durch den Ausgang.
Das mach ich jetzt auch, dachte ich mir. Ich versteh jetzt auch nichts mehr. Ich versteh eigentlich gar nichts mehr. Vor allem versteh ich nicht, warum ich wegen einer Packung maschinell hergestellter italienischer Pasta zweifelhafter Herkunft f├╝r einen Euro und neunundachtzig Cents seit fast zwanzig Minuten neben einer Lache Hundepisse herumstehe und warte, bis eine deutschst├Ąmmige Dame aus Kasachstan mit einem kostenlos erworbenen Plastikkleiderb├╝gel endlich das Weite sucht.
"Ich wollte eigentlich meine Pasta noch essen, bevor das Verfalldatum erreicht ist", rief ich dem Filialleiter und seiner Kassiererin zu, die gemeinsam versuchten den kostenlos erworbenen Kleiderb├╝gel nebst kostenpflichtiger Bluse buchungs- und formgerecht nach den Vorschriften des deutschen Steuer- und Handelsrecht in die elektronische Ladenkasse japanischen Ursprungs einzugeben.
"Sie m├╝ssen eben warten, bis sie drankommen," rief mir der Filialleiter zu, ohne den Kopf von seinem Buchhaltungs- und Datenerfassungsproblem zu erheben.
Ich warf die Pasta, die eigentlich gar nichts daf├╝r konnte und sich in meinem Armen auch schon sichtlich wohlf├╝hlte und auf K├Ârpertemperatur erw├Ąrmt hatte, auf die Ladentheke. Der kleine Hund, der sich doch tats├Ąchlich schon durch das halbe Fleischpaket inklusive Verpackung gefressen hatte, erschrak sich dabei fast zu Tode und fl├╝chtete mit einem geblafften "wuff" und einklemmten Schwanz zwischen die dicken Oberarme seiner Besitzerin.
Das Problem der japanischen Ladenkasse mit dem deutschen Kleiderb├╝gel schien sich mittels Stornoschl├╝ssel des Filialleiters beheben zu lassen, den er gerade an einer Kette umst├Ąndlich aus einer seiner Hosentaschen kramte. Er musste sich dazu ziemlich tief in den Schritt fassen und das linke Bein etwas anheben um den Schl├╝ssel freizubekommen, was die Dame mit Hund vor mir mit gro├čem Interesse verfolgte.
Die Kassiererin hatte sich auf dem Stuhl in ihrem Mautk├Ąfig endlich wieder in Arbeitsposition gebracht. Wie eine Henne auf dem Gelege begrub sie die Sitzfl├Ąche unter sich und lie├č dabei das volumin├Âse Hinterteil wie die Taschen an einem Pferdesattel rechts und links herunterh├Ąngen.
Doch statt jetzt die zwischenzeitlich beachtliche Schlange entladungsgieriger Einkaufswagen z├╝gig abzuarbeiten, entpuppte sie sich als Weltmeisterin der Zeitlupe. Bei jedem D├Âschen Hundefutter, das sie vom Band in unendlich langsamer Bewegung ├╝ber den Scanner schleichen lie├č, erfolgte nach dem ,Beep' nochmals ein pr├╝fender Blick auf das Display der Ladenkasse.
Mir war nicht klar was das sollte. Vielleicht wollte sie die Preise auswendig lernen oder sie misstraute der japanischen Kasse, die eventuell aus einem kleinen D├Âschen deutschem Hundefutter preislich pl├Âtzlich einen japanischen Videorekorder machen k├Ânnte. Damit nicht genug, kontrollierte sie dann den Kassenbon noch einmal ganz langsam, damit ja nur kein Fehler passieren konnte.
Und als es dann endlich ans Bezahlen ging, wurde mir klar wo das Problem war.
Die Frau hatte einfach kein Gef├╝hl und kein Verst├Ąndnis f├╝r Zahlen. Vermutlich hatte sie auch den Zugang zur faszinierenden Welt der vier Grundrechenarten noch nie gefunden. Der angezeigte Rechnungsbetrag von vierundzwanzig Euro sechsundvierzig und die drei├čig Euro f├╝nfzig mit der die Hundebesitzerin bezahlen wollte, stellte sie vor ein gr├Â├čeres intellektuelles Problem. In der einen Hand den ausgedruckten Kassenbon und in der anderen Hand das Geld der Kundin starrte sie hilflos auf das Display der japanischen Ladenkasse. Man konnte ihr f├Ârmlich ansehen, wie die Mechanik ihres Gehirns arbeitete. "Stimmt etwas nicht?", wollte die Hundedame wissen und wartete auf ihr Wechselgeld, doch das Gehirn der Kassiererin hatte keine Kapazit├Ąt zur Formulierung und Ausgabe einer sprachlichen Nachricht mehr ├╝brig.
"Kann ich Ihnen helfen?", erkundigte ich mich vorsichtig bei der Kassiererin, doch sie h├Ârte mir ├╝berhaupt nicht zu. Statt dessen bewegte sie sich mit der unendlichen Schleichtigkeit einer ├╝bergewichtigen Mittvierzigerin und tippte mit kr├Ąftigem Tastendruck drei├čig Euro f├╝nfzig in die Tastatur. So richtig zufrieden schien sie anschlie├čend aber immer noch nicht zu sein, denn sie sa├č da und starrte noch immer auf das Geld, den Kassenbon und das Display, auf dem jetzt allerdings stand, dass sie genau sechs Euro und 4 Cents an die Kundin zur├╝ckgeben darf.
"Sind Sie sicher, dass ich Ihnen nicht helfen soll?", fragte ich nochmals voll Anteilnahme, aber sie ignorierte mich wieder.
Statt dessen stie├č sie pl├Âtzlich "Peeb├Ąck?" hervor.
"Bitte?", fragte verst├Ąndnislos die Hundedame, die anscheinend mit ihren Gedanken schon zu Hause gewesen war.
"Peeb├Ąck Karte?", sagte die Kassiererin nochmals.
"Nein", antwortete die Hundedame, die es jetzt verstanden hatte und sch├╝ttelte zur Best├Ątigung heftig den Kopf, "ich habe keine Payback Karte."
Jetzt schien sich der Ablauf des Geschehens rasant zu beschleunigen. Die Kassiererin z├Ąhlte akkurat das Geld der Kundin in die Kasse. Zuerst den Zwanziger, dann den Zehner und dann noch die beiden Zwanzigcentst├╝cke. Man sah ihr an, welche Anstrengung sie das kostete.
Ich war gespannt wie es jetzt weitergehen w├╝rde. Doch ich schien die Kassiererin untersch├Ątzt zu haben, denn sie griff beherzt in die Kassenschublade und entnahm ihr einen F├╝nfeuroschein. "Bravo, weiter so. Du schaffst es", dachte ich bei mir. Sie ├╝berlegte kurz und w├Ąhlte dann das Fach mit den Eineurom├╝nzen. "Nicht aufgeben, so nah vor dem Ziel", dr├╝ckte ich ihr gedanklich die Daumen. Doch da, was war das? Sie z├Âgerte, konnte sich anscheinend nicht zwischen Zweicentm├╝nzen und Eincentm├╝nzen entscheiden. Dann f├Ąllte sie ein unglaubliches, geradezu salomonisches Urteil, das ich ihr in dieser bereits weit fortgeschrittenen Phase des Geschehens nicht mehr zugetraut h├Ątte. Sie w├Ąhlte ein Zweicentst├╝ck und zwei Eincentst├╝cke aus! Gerechter h├Ątte man die Entscheidung nun wirklich nicht treffen k├Ânnen!
Der Herr hinter mir las in der Regenbogenpresse zwischenzeitlich unverhohlen einen Artikel ├╝ber die Sexpraktiken uners├Ąttlicher Hausfrauen in den neuen Bundesl├Ąndern und die Kassiererin hatte es endlich geschafft die sechs Euro und vier Cent zur├╝ckzugeben. Dame und Hund rollten nebst Einkaufswagen und Hundefutter davon.
Ein unheimliches Gl├╝cksgef├╝hl stieg in mir auf. Jetzt war ich dran!
Mein Paket Pasta lag schon l├Ąngere Zeit auf dem F├Ârderband. Ich trat noch einen Schritt weiter vor, damit die Kassiererin auch mich besser sehen konnte. In der Hosentasche zerkn├╝llte meine Hand aufgeregt einen F├╝nfeuroschein.
"Guten Tag", sagte die Kassiererin freundlich und l├Ąchelte mich an, als w├╝rde sie mich zum ersten Mal sehen. Dabei war ich doch vor Ihrer Kasse schon um Jahre gealtert. Ich zeigte mit der Hand und dem F├╝nfeuroschein auf die Packung Pasta, "nur das da", sagte ich fast entschuldigend.
Sie nahm meine Pasta mit spitzen Fingern und zog sie ├╝ber den Scanner. Nichts geschah. Die Kassiererin sah zuerst das Paket Pasta und dann mich verdutzt an. Sie versuchte es nochmals. Wieder blieb das ,Beep' aus. Ihr Blick verriet, dass sie mich f├╝r das Problem verantwortlich machte. Da ist das Regal voller Pastapackungen und dieser Depp von Kunde musste sich ausgerechnet die Packung greifen, auf der der Strichcode nicht lesbar ist. Oder hatte der Kunde diese Packung etwa absichtlich manipuliert? Sie beobachtete mich genau, als sie die Packung Pasta ein drittes mal ├╝ber den Scanner zog. Wieder nichts. Wieder kein ,Beep'. "Es kostet einsneunundachtzig", versuchte ich ihr zu helfen, aber sie h├Ârte mich nicht, sondern bog und knetete an dem Paket Pasta herum, bevor sie es mit aller Kraft auf den Scanner quetschte, der nun endlich ein ,Beep' von sich gab. Ich blickte auf das Display der Ladenkasse. Zweineunundzwanzig stand da und ich bekam ein schlechtes Gewissen, w├Ąhrend ich der Kassiererin meinen verschwitzten und zerkn├╝llten F├╝nfeuroschein hinhielt, der in der Zwischenzeit wie Drogengeld aussah, mit dem ein Junkie seinen letzten Schuss erworben hatte.
Die Kassiererin dachte nach, bevor sie sich entschloss das Geld zu nehmen und ich wusste was gleich kommen w├╝rde. "Kein Payback", sagte ich, noch bevor sie diese Frage stellen konnte.
Noch immer schien die Kassiererin ├╝ber etwas nachzudenken oder gar zu meditieren, denn sie starrte and├Ąchtig auf den F├╝nfeuroschein in ihren H├Ąnden.
"Ich hab's leider nicht kleiner", sagte ich um die Situation zu ├╝berbr├╝cken, aber das schien nicht ihr Problem zu sein. Sie wusste jetzt wieder nicht was sie tun sollte. Dabei w├Ąre es so einfach gewesen, wie von der Ladenkasse angezeigt, einfach Zweieuroeinundsiebzig aus der Kasse zu nehmen und mir noch einen ,Guten Tag' hinterher zu rufen.
Doch die Kassiererin schien meine Anwesenheit noch etwas genie├čen zu wollen und ich blickte solange scheinbar gelangweilt in der Gegend herum, um nicht den Eindruck zu erwecken, die Kassierein zeitlich unter Druck setzen zu wollen. Solche Kunden, die es immer eilig haben, k├Ânnen ja eine Kassiererin richtig nerven. Ich schlug die Augen hoch und sah zur Decke, denn vielleicht hatte ja der liebe Gott ein Einsehen und schickt eine Art g├Âttliche Erleuchtung zum Gro├čhirn der Kassiererin, sofern ER wusste in welcher Ecke ihres Sch├Ądel es sich f├╝r ein kleines Nickerchen zur├╝ckgezogen hatte. Aber Gott hatte kein Einsehen, er sprach weder mit ihr noch mit mir. Vielleicht hatte ER auch diesen Supermarkt l├Ąngst von seiner Betreuungsliste gestrichen.
Mein Blick fiel wieder auf das Schild an der Decke, das mich vor einer halben Stunde so magisch angelockt hatte, wie eine Motte das Licht.
"SCHNELLKASSE - f├╝r maximal 8 Artikel und Behinderte -", stand da.

Jetzt wurde mir alles klar.
Das hatte ich vorhin nicht gesehen.
Es war alles alleine meine Schuld.
Ich nickte der Kassiererin, die hier trotz ihrer offensichtlichen Behinderung, t├Ąglich an ihrer Integration in die Arbeitswelt der Nichtbehinderten arbeitete, freundlich und Abbitte tuend zu. Dann steckte ich kleinlaut mein Wechselgeld ein, ohne kleinlich nachzuz├Ąhlen. Wird vermutlich schon stimmen und wenn nicht, dann konnte ich ja schlecht eine Spendenquittung verlangen.
Ich w├╝nschte ihr noch "Gute Besserung und viel Gl├╝ck", weil mir gerade nichts anderes einfiel und verlie├č den Supermarkt, in dem ich f├╝r den Erwerb einer einfachen Packung Pasta gute drei├čig Minuten meines Lebens hatte verbringen d├╝rfen.
Beim Ausparken aus meinem Parkplatz erwischte ich fast noch eine Mutter mit zwei Kleinkindern an der Hand, die just in dem Moment, wo die 270 PS den Wagen r├╝ckw├Ąrts in Bewegung setzten, noch versucht hatten hinter meinem Kofferraum vorbeizukommen. "Rechts vor links, gute Frau", rief ich ihr freundlich durch das ge├Âffnete Seitenfenster zu, w├Ąhrend sie versuchte die schreienden Kinder zu beruhigen, denen noch die Todesangst im Gesicht stand.
Bevor ich wegfuhr fiel mein Blick noch auf die Schrift die beim Ausparken unter meinem Fahrzeug zum Vorschein kam. "Parken nur f├╝r Behinderte", stand da.
Na, dann passte es ja wieder!

Sind wir doch alle irgendwie, oder?
Ein bisschen behindert, meine ich.

© Rolf R. F├Âll
Frankfurt, im Oktober 2003

Schreibmaschine - Gute, alte Mechanik, laut, schwer und zuverl├Ąssig

Die Verlobte

Zimbes

Harry

Johnny I

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