Sperrkassierer

26. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Kommt bei Ihnen der Strom auch aus der Steckdose?
Und das Wasser und Gas aus der Leitung?
Und nach den täglichen „Geschäftchen“ rauschen die Ausscheidung gurgelnd durchs Rohr nach Nirgendwo.

Latürnich - sonst würden sie ja nicht in Deutschland und mitten in Europa leben.
Hier sind Sie mit ihrem privaten Haushalt automatisch an eine Art städtischer Herz-/Lungenmaschine angeschlossen und haben nicht nur den Verbrauch, sondern auch noch die bloße Bereitstellung der ins Haus gelieferten Waren und Dienstleistungen zu bezahlen.
Hier wird nicht über den Balken in den Garten oder den Hinterhof gedonnert!
Hier wird nicht im Garten nach Wasser gebohrt!
Hier wird auch kein Bachwasser entnommen um das eigene Plumbsklo zu entsorgen.
Hier wird Müll nicht selbst entsorgt und Strom nur von wenigen Individualisten selbst gemacht.
Und an Gas wollen wir mal gar nicht erst denken!

Sind wir doch mal ganz ehrlich – wir wollen das doch auch so.
Zumindest was die Ver- und Entsorgung der Haushalte angeht! Haben Sie sich schon mal die Karte der Stromversorgungsbereiche in der BRddr angesehen?
Sieht aus wie Deutschland anno siebzehnhundertquetsch – überall kleine Fürstentümer und Grafschaften.
Es ist schon schwierig genug Strom aus der häuslichen Steckdose zu bekommen, der nicht vom lokalen Platzhirsch stammt. Mit Wasser brauchen Sie das erst gar nicht zu versuchen und wer mit dem Gedanken spielt, seinen Müll oder gar seine Fäkalien über andere Entsorger zu entsorgen – vergessen Sie’s!
Mülltourismus ist für Otto Normalverbraucher generell verboten. Stellen sie sich mal das Chaos auf den Autobahnen vor, wenn da die Mitbürger auf die Idee kommen würden, ihren Müll auf einen einachsigen Anhänger zu packen und mittels Familien-Audi das Zeug bei einer nicht ausgelasteten Müllverbrennungsanlage im Großraum Köln abzuliefern, die gerade eine Aktionswoche durchführt. Undenkbar sowas, da werden sie mir doch sicher Recht geben.

Also bleibt doch Otto Normalverbraucher nichts anderes übrig, als die zwangsweise Ver- und Entsorgung seines Haushalts zähneknirschend zu akzeptieren, bis ….
Ja bis ihm die Kohle ausgeht. Nein, nicht die mit Steuermitteln staatssubventionierte Kohle für die Heizung - nein die nicht. Ich meine die Kohle, die unsere Wirtschaft antreibt, die Kohle, die Ziel unseres ganzen menschlichen Strebens ist. Ich meine das Moos, die Luschen, die Knete, was auch immer, Penunzen, Taler, Deutsch Mark oder TEuro.

Wer seine Herz-/Lungenmaschine nicht mehr bezahlen kann – der wird sperrkassiert, was soviel bedeutet wie entweder Cash aus der Wäsch und BAT (Bar auf Tatze) oder der Hahn wird zugedreht.

Das berichtet der Spiegel und dokumentiert das auch noch mit einer Extrasendung bei VOX:
«Ob im eisigen Winter ohne Gasheizung oder auf der Toilette ohne Wasserspülung - für immer mehr Berliner wird dieser Albtraum zur bitteren Realität. Denn wer seine Rechnung bei den großen Energieversorgern der Hauptstadt nicht zahlt, wird von der Versorgung abgeschnitten.
Täglich rücken speziell ausgebildete Sperrkassierer aus, um Schuldnern Gas oder Wasser abzudrehen. Berlin entwickelt sich zur Hauptstadt der Armut: In der Millionenstadt leben knapp 380.000 Menschen von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe. Jeder zehnte Haushalt kann seine Forderungen nicht begleichen. Schuld daran ist nicht nur die Arbeitslosigkeit, oft ist die Überschuldung hausgemacht: Viele Produkte werden auf Pump gekauft, Verträge über Ratenzahlungen nehmen zu. Für die Energieversorger stellt die schlechte Zahlungsmoral ein immer größeres Problem dar. Allein die “Gasag” hat Außenstände in Höhe von 19,8 Millionen Euro. Ganze Inkasso-Abteilungen sind damit beschäftigt, die Schulden einzutreiben.»

Sie wissen sicher wer oder was die „Gasag“ ist?
Das sind die „Berliner Gaswerke“ in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft.
Die Berliner Gaswerke AG versorgt heute ca. 700.000 Kunden. Über 600.000 Wohnungen werden mit Erdgas beheizt. Damit hat die GasAG einen Marktanteil am Berliner Wärmemarkt von 43,5 Prozent.
Mit dem Verkauf der Aktienanteile des Landes Berlin erfolgte 1998 die vollständige Umwandlung in ein privatwirtschaftliches und damit marktwirtschaftlich geführtes Unternehmen.
Die Aktionäre der GasAG sind die

  • “Gaz de France“ mit 31,575%
  • “Vattenfall Europe AG“ mit ebenfalls 31,575 %
  • Thüga Aktiengesellschaft mit 36,85 %.

Sehen Sei sich ruhig mal ein bisschen auf den Internetseiten der Gaz de France um. Sehr interessant sind auch die Beteiligungen und die Beseitigung der Erdgasförderungspuren in der Altmark.

Zu Vattenfall Europe gehören die Tagebaue in der Lausitz, Großkraftwerke in Ost- und Norddeutschland, das Stromübertragungsnetz in Ostdeutschland, Berlin und Hamburg. Mit zum Konzern gehören die Energiedienstleister Bewag und HEW, die rund drei Millionen Kunden in Berlin und Hamburg mit Strom und Wärme versorgen.
Wussten Sie eigentlich, dass die Vattenfall AG die Instandhaltung des Brandenburger Tores übernommen hat?
Die Kosten dafür sind sicher nicht auf den Gaspreis der 700.000 Berliner Haushalte umgelegt worden.

Die Thüga ist heute Kern eines deutschlandweiten Netzwerkes lokaler und regionaler Energieversorger und ist im ganzen Bundesgebiet präsent. Durch regionale Nähe, verbunden mit überregionaler Stärke - genau darüber freuen sich die Erdgas- und Stromkunden der Thüga-Gruppe. Die Thüga-Gruppe ist bundesweit die größte kommunale Gruppe in der Energieversorgung.

Also von wegen „Gasag, der große Energieversorger der Stadt Berlin“ wie der Spiegel schreibt. Von wegen „Berliner Gas“ für „Berliner Bürger“.

Wenn Sie schon mal eh‘ online sind, dann schauen Sie doch mal nach, wie es der Thüga denn so wirtschaftlich geht, denn sie versorgt vermutlich auch Ihren Haushalt mit Energie. Nicht, dass Ihnen die Thüga wegen den Forderungsausfällen in Berlin plötzlich keine Energie mehr liefern kann oder gar den Gaspreis erhöhen muss.

Wissen Sie, dass der Preis für Erdgas an den Ölpreis gekoppelt ist?
Wissen Sie, dass sich der Preis für ausländisches Gas nach Überschreiten der deutschen Grenze verdoppelt?
Wissen Sie, dass Otto Normalverbraucher zur Zeit je Kilowattstunde Strom 2,05 Cent Ökosteuer, 0,51 Cent Wind- und Sonnenstrom-Umlage sowie 0,284 Cent KWK-Umlage (für die Kraft-Wärme-Kopplung) bezahlt? Aufs Jahr hochgerechnet, kommt da einiges zusammen. Bei einem 4-Personen-Haushalt mit 4 500 Kilowattstunden Stromverbrauch ist das bereits mehr als ein Hunderter: Für die Ökosteuer berappt die Familie 92,25 Euro, für Wind- und Sonnenstrom 22,95 Euro extra und für die KWK-Förderung 12,78. Macht alles in allem 127,98 Euro Zusatzkosten im Jahr und das bei insgesamt 735,30 Euro Stromkosten (Stadtwerke Düsseldorf, Spartarif).
Wissen Sie auch, dass wenn Mieter ihre Energiekosten nicht bezahlen (können), dann der Wohnungs- bzw. Hauseigentümer von den Energieversorgern zur Kasse gebeten wird. Der darf dann die Schulden des Mieters bezahlen und kann zusehen wie er von seinem zahlungsunfähigen Mieter, der ihm sicher auch noch die Miete schuldet, das Geld zurückbekommt.
Elegante Art der Risikoverlagerung – fast wie beim Vater Staat.
Vielleicht ist das ja auch der Grund warum so viele Politiker und beamtete Staatssekretäre nach ihrer Amtszeit in die Energiewirtschaft drängen.
Als Leiter einer vollausgelasteten Inkasso-Abteilung müssten sie noch nicht einmal umgeschult werden und auch als Sperrkassierer im Außendienst auf 1-Euro-Basis ist das ein durchaus attraktiver Job mit Zukunftsperspektiven.

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Schuldenkompass

25. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Heise-Online meldet am 16.11.2004, dass die Internetbeauftragte der CDU, Martina Krogmann jetzt Mobilfunkverträge mit eingeschränktem Leistungsumfang fordert, damit die Nutzung von sogenannten Premium-SMS nicht oder nur noch begrenzt möglich ist.
Sie tut dies vor dem Hintergrund des aktuellen Schuldenkompass der Schufa, nach dem junge Menschen insbesondere durch Ausgaben für Telekommunikation in eine Schuldenspirale geraten könnten
.
In das gleiche Horn (wieso Horn, ich denke es geht um SMS?) stößt die Verbraucherschutz-Beauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Ursula Heinen.

«Zusammen mit der Telekommunikationsbranche muss nach Mitteln und Wegen gesucht werden, die Ausgaben für die Handynutzung bei Jugendlichen begrenzbar zu halten”, fordert Krogmann. Dies dürfe jedoch nicht zu einer überzogenen Regulierung führen, die innovative Geschäftsmodelle blockiert. Zudem seien Eltern angehalten, ihre Kinder zu einem verantwortungsvollen und moderaten Umgang mit Mobilfunkdienstleistungen zu erziehen. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion will dazu im Dezember ihre Pläne vorstellen.»

Pläne?
Welche Pläne?
Vielleicht auch noch eine Gesetzesvorlage?
Wozu?
Wir ersaufen doch schon seit Jahrzehnten in Gesetzen, Verordnungen und Bevormundungen.
Wir sollten uns vielleicht mal überlegen, wie Jugendliche eigentlich an ein Handy kommen. Irgendwie scheint mir da ein kausaler Zusammenhang zwischen Handy und Telekommunikationskosten auf der Hand zu liegen, denn wie Heise-Online weiter meldet, wurden laut aktuellem Schuldenkompass (Achtung: größeres PDF-File) der Schufa «2003 aus der Telekommunikationsbranche mehr erstmalige “Zahlungsstörungen” (offene, ausreichend gemahnte und unbestrittene Forderungen) an die Schufa gemeldet als im Vorjahr. Insbesondere in der Mobilfunkbranche sei die Kundenzahl im Beobachtunszeitraum um knapp 10 Prozent von 59,3 Millionen auf 65 Millionen gestiegen.»

Bei einer Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland (ohne illegale Zuwanderer und Wirtschaftstouristen) ) in Höhe von ca. 83 Millionen (genaue Zahl hab ich jetzt demenzbedingt gerade nicht zur Hand) wären das ja etwa 78% der Bevölkerung.
Soviel Jugendliche hat die Bundesrepublik Deutschland? Mein Gott, da müssen sich ja ganze Familienclans in den letzten 9 Monaten kaninchenartig vermehrt haben. Ich hatte immer gedacht wir hätten, zumindest wird das immer erzählt, einen unerträglichen und nicht mehr finanzierbaren Rentnerüberhang.
Wie man sich täuschen (lassen) kann.

Und weil ich ein misstrauischer alter Sack bin, habe ich mir den aktuellen Schuldenkompass der Schufa mal genauer angesehen (Internet ist echt eine feine Sache) und was lese ich da im Vorwort auf Seite 4 ganz unten?
«Eine Besonderheit des Schulden-Kompasses ist sicherlich die Repräsentativität der Daten: Die anonymisierte Analyse der SCHUFA-Daten setzt auf einem Gesamtbestand von 340 Millionen Datensätzen von rund 62 Millionen volljährigen Personen auf

Äääääähhhhhhhhhhhhh – volljährig? Das ist doch ab 18 Jahren? Oder hat Rot-grün das klammheimlich auf 16 Jahre angesenkt um die Wahrscheinlichkeit einer Wiederwahl zu verbessern?

Weitere Verwirrung stiftet ein Blick auf Seite 8 des Schuldenkompass, wo die Kernergebnisse der Studie im Überblick wiedergegeben sind. Hier ein, für das Thema relevanter Auszug:

  • 20- bis 29-Jährige haben die meisten Zahlungsschwierigkeiten.
  • Zahlungsstörungen sind in der Telekommunikation und im Handel leicht gestiegen.(1)
  • Zahlungsstörungen gegenüber Kreditinstituten treten eher in älteren als in jüngeren Altersgruppen auf.

Völlige Klarheit schafft dann ein Blick in die Teilanalyse (1) auf Seite 36:
«Aus der Telekommunikationsbranche wurden 2003 deutlich mehr erstmalige Zahlungsstörungen an die SCHUFA gemeldet als im Vorjahr. Dies ließ sich über einen Großteil der Altersgruppen von 20 bis 49 Jahren beobachten. Die aus der Telekommunikationsbranche gemeldeten Zahlungsstörungen sind vor dem Hintergrund zu bewerten, dass insbesondere in der Mobilfunkbranche die Kundenzahl im Beobachtungszeitraum um knapp 10% von 59,3 Millionen auf 65 Millionen signifikant gestiegen ist. Durch den Anstieg der Kundenzahl hat folglich auch das Potenzial von Zahlungsstörungen zugenommen.»

Jetzt komm ich mir aber von der Internetbeauftragten, CDU-Politikerin und MdB Martina Krogmann und der Verbraucherschutzbeauftragten der CDU/CSU Bundestagsfraktion Ursula Heinen voll vereimert vor.
Die Damen haben doch den Schuldenbericht noch nicht einmal bis Seite 4 gelesen! Denn hätten sie ihn gelesen, dann würden sie ja lügen oder bewusst die Unwahrheit sagen und das kann man ja von keinem Politiker behaupten. Zumindest von keinem deutschen Politiker!
Und wenn sie den Schuldenbericht angeguckt haben (das ist was anderes wie lesen), dann haben sie ihn vielleicht nicht verstanden oder nur so lange angeguckt, bis sie ihre Meinung dort gefunden hatten.

Und nun bin ich natürlich äußerst gespannt, was das für ein Münchhausenpapier werden wird, mit dem die CDU/CSU Bundestagsfraktion ihre Pläne für „den verantwortungsvollen und moderaten Umgang mit Mobilfunkdienstleistungen für Eltern und Kind“ vorstellen will.
Mit dem Schuldenkompass der Schufa kann das aber nichts zu tun haben.
Und wenn die Kids zu heftig SMSen - dann wirkt eine Prepaidkarte oder die (zeitweise) Konfiszierung des Kommunikationshobels meist wahre Wunder.

Ach ja, eine interessante Erkenntnis aus dem Schuldenkompass möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.
Dort heißt es auf Seite 8 u.a. „In Nordrhein-Westfalen, Berlin und in Brandenburg ist der prozentuale Anteil der Personen mit mindestens einem Negativmerkmal vergleichsweise hoch.“

Auch mir sind da -ganz spontan- ein paar noch lebende Personen aus diesen Bundesländern mit Negativmerkmalen eingefallen. Aber ich sag jetzt nicht welche.
Sie können sich ja selber ein paar ausdenken!

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Der Regenmacher

24. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Eigentlich ist es ja nicht meine Art, mich über Menschen zu äußern, die ich persönlich kenne.
Da benütze ich lieber jede Gelegenheit zur direkten Kommunikation und das immer mit deutlichen Worten unter vier Augen und nur für die Ohren, für die es bestimmt ist.

Aber heute will ich mal davon eine Ausnahme machen, denn vor einigen Tagen ging eine Meldung durch die Presse, die eigentlich erfreulich ist und zu der man anerkennend die Mundwinkel verzieht und bewundernd mit dem Kopf nickt und „alle Achtung“ sagt.
Sowas passiert nicht alle Tage, zumindest nicht mir. Das mit den Mundwinkeln, mein ich.

Doch schön der Reihe nach.
Der Spiegel berichtet am 6. November 2004 über einen Menschen der sein Geld dafür hergibt, damit andere Menschen etwas lernen und leisten können:

Hasso Plattner lässt Euros regnen
«Vor fünf Jahren startete Hasso Plattner, Mitbegründer und Aufsichtsratvorsitzender des Softwarekonzerns SAP, in Potsdam ein Institut für Softwaresystemtechnik.
Bei 124 Millionen Mark sollten die Investitionen zunächst liegen: 24 Millionen für einen Neubau, der vor drei Jahren eingeweiht wurde, und 100 Millionen für den Lehrbetrieb der nächsten zwanzig Jahre.
Wie Plattner am Freitag in Potsdam mitteilte, wird er bis zum Jahr 2020 weitere mehr als 200 Millionen Euro aus seinem Privatvermögen aufwenden. Das Potsdamer Institut ist nicht die einzige Einrichtung, die von Plattners Zuwendungen profitiert. So hatte er im vergangenen Jahr bereits über seine Stiftung zehn Millionen Euro für den Ausbau der Mannheimer Universitätsbibliothek spendiert.»

Soweit die von mir etwas gekürzte Meldung des Spiegel, die mit einem etwas -wie ich meine- unvorteilhaften Foto des Mäzen versehen ist. Etwas grauer ist er geworden, seit ich ihn zum letzen Mal gesehen habe, aber den Krawattenknoten trägt er immer noch wie kein anderer oberhalb von “Halbmast” und auch die Kragenecken zeigten bei ihm schon immer ein etwas konträres Eigenleben.
Wie vor 25 Jahren als wir zum ersten Mal zusammentrafen. Im Herbst 1979 oder Frühjahr 1980 muss es gewesen sein, als sich unsere beruflichen Wege kreuzten und für einige Jahre synchronisierten. Reich war er damals nur an Ideen, gepaart mit einer ungeheuren Dynamik und Begeisterungsfähigkeit für alles was neu war, angeblich nicht funktionieren sollte oder vollkommen unmöglich war.

Warum schreib ich das jetzt?
Weil ich kurze Zeit später bei Heise-Online die gleiche Meldung gelesen und mir die Kommentare der (meist jungen?) Forenuser zu dieser Meldung angetan habe.
Mit PISA I und PISA II im Hinterkopf ist mir dabei der Kamm geschwollen:

Selbst die wenigen Kommentare, die nicht gleich von Anfang an mit Dummlall-Argumentation und Ideologengesabber beginnen, werden von einer anscheinend denkunfähigen, dauerpubertierenden Meute im windelfähigen Alter niedergemacht, von denen einige noch nicht einmal den Namen des Mäzen richtig schreiben können.
Es scheint eine Eigenart einer gewissen Bevölkerungsgruppe geworden zu sein, alles besser zu wissen und zu allem eine Art kollektiver Meinung zu haben, ohne sich vorher informieren zu müssen.
Macht ja eh keinen Sinn, wenn man die Weisheit und Genialität bereits rektal über die Pampers inhaliert hat und es täglich schafft, trotz unkontrollierter Abgabe großer Mengen dieser Substanz, sich wieder bis über die Augenbrauen damit abzufüllen.

Jeder vernünftige Mensch hätte sich mit wenigen Mausklicks über den Menschen und Unternehmer Hasso Plattner informieren können und erfahren, dass er sich sein Vermögen durch eigene Ideen, viel Arbeit, Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen SELBST erarbeitet hat. Hasso Plattner ist kein verwöhntes Milliardärsohnchen, das vom geerbten Vermögen ein bisschen was abgibt um von den Medien hofiert zu werden. Hasso Plattner weiß ganz genau was er tut.
Wer vor dreißig Jahren, zusammen mit Arbeitskollegen und Freunden, auf einer grünen Wiese am Waldrand bei Walldorf in Baden eine Firma für betriebswirtschaftliche Anwendungssoftware gegründet und zu einem weltweit führenden Konzern mit 30.000 Mitarbeitern aufgebaut hat, der weiß auch, was er mit der Gründung eines Forschungsinstituts auf einem brachliegenden Gelände und der Investition von mehr als 250 Millionen Euro (zur Erinnerung, das ist ca. eine halbe Milliarde DM) in seiner Geburtsstadt Berlin machen wird. Schließlich ist es sein Geld, das er dort investiert!

So, jetzt ist mir etwas besser.
Aber nur etwas, denn der Wahnsinn der dümmlichen Postings zu jeder Meldung bei Heise-Online hat Methode.
Auf welchem Niveau sich die Kommentare bei Heise-Online bewegen, zeigt folgender Snapshot aus einem Thread im Heise-Board zu einer Frage, die man sehr ausführlich bei Wikipedia beantwortet bekommt.
Das Schöne bei Heise ist aber, dass der Frager die Antwort gleich mitschickt, denn eigentlich wollte er ja nur fragen um selbst sein geballtes Knoff-Hoff zum Besten zu geben.
In den meisten Fällen reicht es jedoch noch nicht einmal für ein gefährliches Halbwissen.

«Was haben eigentlich alle mit XML?
XML als Format zum Datentransport wird vollkommen überschätzt.
Früher, da haben wir die Daten noch Fixed-Format - oder wenns hochkommt, mit Kommata separiert - übergeben. Satzstruktur dazu und fertig.
Heute muss es auf jeden Fall XML sein. Und wenn der Parser dann
bei >1Mio Datensätzen seinen Overflow bekommt, ist wieder mal die
Sch..ß-Technik dran schuld.
Denkt mal drüber nach!
floh »

Das mach ich - “floh“. (Nach eigenen Angaben die Kurzform von deflohration)
Ich denk da drüber nach!
Ich verspreche es hoch und heilig – beim Mundgeruch meines Hundes.
Ich mach ja schon fast nichts anderes mehr, als mir zu überlegen, wie man Menschen – die meinen schon alles zu wissen – zu einer Grundbildung verhelfen kann, die zumindest dem Niveau der Hauptschulreife entspricht.
Vielleicht sollten wir noch ein Institut bauen, ein HPI – Hauptschul Pildungs Institut, genau in der Bildungslücke und auf dem gleichen Grund wie die Bauabschnitte PISA I und PISA II.

Und der liebe „floh“ und seine Kohorte bekommen ein Stipendium.
Und wenn sie dann den Hauptschulanschluss (Berechtigung zum Besuch einer Hauptschule) geschafft und gelernt haben in einfachen Strukturen zu denken und dieses Gedachte, ohne fremde Hilfe auch in Schriftzeichen umsetzen können, dann dürfen sie sich auch zu Menschen wie dem Regenmacher äußern.

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Working Poor

23. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

“Working Poor” heißt frei übersetzt ins vulgärsprachliche Deutsch soviel wie „echt arme Sau“ und bezeichnet einen Menschen, bzw. eine Bevölkerungsgruppe, die trotz Erwerbstätigkeit keinen “existenzsichernden Lebensunterhalt” (living wage) verdienen kann.

Diese armen Schweine -ich bleibe jetzt bewusst bei dieser Bezeichnung, damit nicht der Eindruck entsteht es würde sich um Menschen in einem fernen, fremdsprachlichen Land handeln-, diese armen Schweine also, leben hier mitten in Europa mitten unter uns und können ackern und baggern soviel sie wollen, sie kommen nie auf einen „grünen Zweig“ und bleiben weiter arm oder werden durch Arbeit noch ärmer.
Jetzt hat mich mal die Frage beschäftigt wodurch „working poor“ bedingt ist und warum dieser offensichtliche Missstand nicht beseitigt wird. Dabei habe ich schnell herausgefunden (eigentlich hatte ich es ja geahnt), dass sich mit dieser Frage Legionen von „Experten“ aller politischen Strömungen und wissenschaftlicher Fachbereiche befassen. Ich will Ihnen die unterschiedlichen „Experten“-Ansichten ersparen und das Ergebnis meiner nächtlichen Streifzüge durch das Welde-Wide-Web in einem Satz zusammenfassen, der mir aus einem deutschsprachigen Forum ins Auge gestochen und von meinem querdenkenden Hirn mit einem sarkastischen Lacher quittiert wurde, als er sich mir Gedächtnis grub: „Mit normaler Denke eines intelligenten Wesens hat das zusammenhanglose und logikfreie Argumentationsverhalten dieser Dummfug lallenden Demenzpatienten und selbsternannten „Experten“ nun wirklich nichts mehr zu tun.“

Dabei scheint das Problem so einfach und wichtig zu sein, wie die ordentliche Ernährung eines menschlichen Organismus. Verbunden mit regelmäßigen Stuhlgang und normalem Umgang mit Alkohol, Nikotin, Koffein und Sex ist das meist schon die halbe Miete für ein gesundes Leben zum eigenen Wohle. Kommen dazu noch regelmäßige Arbeit, etwas Sport und Freizeit, sowie familiäres/gesellschaftliches/kulturelles/politisches Engagement, so wird aus dem Individuum (normalerweise) ein wichtiger, wenn nicht gar wertvoller Teil einer Gesellschaft.
Sollte ich, altersbedingt, irgendein menschliches Bedürfnis übersehen haben, so bitte ich um Nachsicht.

Also habe ich mich selbst daran gemacht um eine Definition für die „arme Sau“ zu finden und habe mich bei Wikipedia zuerst mal in den Begriff der „Armut“ eingelesen: «Armut ist die unzureichende Mittelausstattung zur Befriedigung der lebenswichtigen Grundbedürfnisse. Sie ist häufig bestimmt durch ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze. Armut schränkt die Betroffenen in der freien Ausgestaltung ihres Lebens ein. Hauptursachen von Armut sind Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sowie stark ungleiche Einkommensverteilung

„Aha“, hab ich mir gedacht, „das ist doch schon mal was! Der „armen Sau“ fehlt also Einkommen, bzw. Arbeit mit Einkommen zum Auskommen.“
«Das vom Statistischen Bundesamt errechnete monatliche Nettoäquivalenzeinkommen betrug 2002 in den alten Bundesländern 1217 Euro, in den neuen Bundesländern 1008 Euro. Nach den EU-Kriterien für die Armutsgrenze (60 %) liegen die Armutsgrenzen demnach bei 730,20 Euro für den Westen und 604,80 Euro für den Osten.
Nach ersten Zahlen für den “Armuts- und Reichtumsbericht”, den die Bundesregierung Anfang 2005 vorlegen will, galten im Jahr 2003 13 Prozent der Bevölkerung als arm. 2002 waren es nach diesen Angaben noch 12,7 Prozent. Ein Drittel der Armen sind allein Erziehende und ihre Kinder. 19 Prozent sind Paare mit mehr als drei Kindern. Die Zahl der Kinder in Deutschland, die von Sozialhilfe leben, stieg 2003 um 64 000 auf 1,08 Millionen» ©Wikipedia – Armut in Deutschland

Die derzeit laufende Debatte über Mehrarbeit ohne Lohnausgleich und der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns nimmt die bereits eingetretenen und kommenden „Erfolge“ der „Reformpolitik“ zwar zur Kenntnis, übergeht aber vollkommen, dass ein immer größerer Teil der Arbeiternehmer nicht mehr von ihrem Lohn leben kann.
Dieser (gewollte?) Effekt bezieht sich nicht nur auf das durch Hartz IV forcierte Heer der Gelegenheits-, Mini- und Ein-Euro-Jobs, deren Lohn schon definitionsgemäß keinen Bezug zum Lebensunterhalt hat, sondern betrifft zunehmend die “regulären” Beschäftigungsverhältnissen mit 40 und mehr Arbeitsstunden pro Woche. „Working Poor“ vom Feinsten eben.
Damit ist aber auch schon das Niveau angedeutet, wo die Untergrenze des Lohns für den Vollzeitarbeitsplatz eines “Working Poor” gesetzt werden wird. Gerade noch “existenzsichernd” sollte das Arbeitsentgelt nach Möglichkeit schon sein, damit diese Arbeitnehmer nicht auch noch den Sozialkassen zur Last fällt.
Dabei müsste eigentlich jeder Mensch, besonders jeder Unternehmer, verstehen, dass es wirtschaftlicher Unsinn ist, längerfristig einer Tätigkeit nachzugehen, bei der man keinen Profit macht oder keine Aussicht hat jemals Profit zu machen. Dennoch wird es von den Arbeitnehmern erwartet und verlangt.

Und jetzt geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf:
„Wenn es immer mehr arme Säue gibt, dann geraten doch (rein rechnerisch) die ‘nicht armen Säue’ in die Minderzahl und mutieren zu einer Gruppe in einer Gesellschaft, in der der Schwanz mit dem Hund wackelt, um es mal salopp auszudrücken.
Da zu befürchten steht, dass das nicht lange gut gehen wird, habe ich deshalb schon mal bei Wikipedia unter „Existenzangst“ nachgeschlagen, aber nichts gefunden.
Fündig bin ich allerdings bei „Existenz“ (Notwendigkeit für eine Lebensgrundlage) und „Angst“ geworden und bei „Angst“ habe ich gelernt, dass „Angst“ zu den sieben primären Emotionen des Menschen gehört und was mit Schweißausbrüchen, Zittern, Muskelverspannungen, Herzschmerzen, Atmungsstörungen, Durchfall und Funktionsstörungen des Blasenschließmuskels zu tun hat.
Und „Angst“ ist ein –normalerweise- in die Zukunft gerichtetes Warnsignal.

Wenn also „Existenzangst“ zu einer seuchenartigen, hochgradig ansteckenden Volkskrankheit wird, dann wird wohl jedem klar werden, warum die Krankenkassen die Beiträge ‘gar nie’ nicht senken können und das Flehen der Gesundheitsulla nicht erhören werden.
Eigentlich müsste man diese Krankheit ja der WHO melden und die Erreger dieser Seuche mit allen Mitteln bekämpfen.

Oder seh ich das jetzt zu medizinisch, - tiermedizinisch meine ich natürlich?
Ach, fast hätte ich es vergessen – neben der „armen Sau“ gibt es auch noch die „dumme Sau“. Aber über die schreib ich ein andermal, denn dieses unerschöpfliche Thema würde jetzt doch den Rahmen sprengen.

Tara ruft.

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Stabilitätspakt

22. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Eigentlich wundert es niemand mehr.
Seit wir wissen, dass mit dem Superklebstoff „Hartz IV“ die Arbeitsmarktprobleme der Republik gekittet werden können und „Mehrarbeit“ zu „mehr Arbeit“ in direkt proportionalem Verhältnis steht, Arafat das Milliardenvermögen auf Schweizer Bankkonten im Lotto gewonnen hat und Condoleezza Rice in der Lage ist, dem amerikanischen Präsidenten Dinge so erklären kann, dass es auch ein Sechsjähriger versteht (Es war einmal in Amerika), kommt es auf den Finanzhans auch nicht mehr an, der fest davon überzeugt ist mit seinem Haushalt die Defizitgrenze des Maastrichter Stabilitätspaktes zu schaffen.

Mit dem Titel „UNERSCHÜTTERLICHEN OPTIMISMUS“ würdigt der Spiegel diese heroische Haltung, nachdem es dem Finanzhans in den drei Jahren davor seine optimistischen Prognosen heftig verhagelt hat. Widrige Umstände sollen jeweils die Ursache gewesen sein, hieß es nachher. Es werden wohl eher optimistische Prognosen und Wunschdenken gewesen sein, weil eben nicht sein kann was nicht sein darf.
Also Augen zu und durch - „the same procedure as last year“.

Und seit dem griechischen Präzedenzfall weiß man ja auch, dass es sowieso wurst ist, ob man sich beim Zusammenhäkeln des Haushalts verrechnet oder verschätzt hat, oder gar beides. Wen interessiert es da noch, ob das falsche Zahlenmaterial durch Unvermögen, Dummheit, Absicht oder gar kriminelle Energie entstand?
Passieren tut doch eh nix! Also lasst doch die Hunde bellen und die Karawane weiter ziehen.

Ob Sachverständigenrat, EU-Kommission oder Wirtschaftsforschungsinstitute: Keiner erwartet, dass Deutschland im kommenden Jahr die Defizitvorgabe des Maastrichter Stabilitätspaktes einhalten kann. Lediglich der Finanzminister Hans Eichel glaubt weiter an einen vertragskonformen Bundeshaushalt.

Rein rechnerisch und auf dem Papier mag er damit vielleicht sogar recht haben.
Aber darum geht es auch schon gar nicht mehr. Sicher würde niemand über ein Defizit von „so um die 3%“ viele Worte verlieren – wenn man nicht wüsste, mit wie viel Aufwand es erkauft wurde.

Auch einen Sonderbonus hätte man sich, im Angesicht der Wiedervereinigung, für einen bestimmten Zeitraum mit der EU aushandeln können.
Aber man hat sich lieber dafür entschieden Luftschlösser zu bauen und die letzten Vermögenswerte zu verramschen, die man auf irgendeine Art noch kurzfristig zu Geld machen kann. Wie Spieler, die den letzten Bezug zur Realität verloren haben und alles auf eine Karte setzen und glauben mit dem letzten Stich das Spiel herumreißen zu können.

Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Spieler und einem Minister?
Der Spieler bringt sein Vermögen unters Volk, hebt die Hand zum Schwur und geht in die Insolvenz.
Der Minister hebt die Hand zum Schwur, bringt sein Volk ums Vermögen und geht in die Pension.

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