Bedarfsgewichteter Käse

30. Juni 2008 05:45

Lieber Freund

“Das schwarze Schaf” und “Er kann’s nicht lassen” waren Filme in denen der Schauspieler Heinz Rühmann die Rolle des “Pater Brown” spielte, der neben seiner Tätigkeit als Geistlicher auch noch einen unverbesserlichen Drang zur Aufklärung von Straftaten hatte.
Scharfsinn, Humor und verschmitztes Verstehen in einer originellen Verbindung” bescheinigten ihm damals die Kritiker.

Exakt diese Eigenschaften kann man einem anderen Aufklärer nicht zukommen lassen, auch wenn man bei seiner Predigten den Eindruck hat im Kino zu sitzen. Auch dieses schwarze Schaf kann es nicht lassen und zeigt bei seinen wortstarken und sinnentleerten Sonntagsschriften einen unverbesserlichen Hang zur geistigen Verklärung seiner unseligen Tätigkeit. Nun kann man nicht behaupten, dass er diesem Drang ohne Sinn und Verstand nachgeht, denn ab und an gelingt es ihm tatsächlich die Wertigkeit seiner Mission zur staatlich finanzierten Volksverarschung treffend mit Worten “bedarfsgewichteter Käse” zu beschreiben.

HansMinusWerner SinnDie Rede ist von HansMinusWerner Sinn, dem unermüdlichen Prediger wider den gesunden Menschenverstand, dem schon seit vielen Jahren kein Trick zu billig, kein Argument zu fadenscheinig und keine Formulierung zu windig ist, um sich und die Interessen seiner Auftraggeber meinungsbildend unters tumbe Volk zu bringen.

Diesmal hat sich HansMinusWerner Sinn in der für ihn typischen Art der Weismachung zum Armutsbericht der Bundesregierung geäußert und wie üblich die Lage pseudowissenschaftlich “zurecht” gerechnet.

So hat nach HansMinusWerner Sinn “ein Niedriglöhner, der 2005 für nur vier Euro die Stunde Vollzeit arbeitete, bei normalen Wohn- und Heizkosten ein Nettoeinkommen von etwa 910 Euro!“.
Ein bisschen Kopfrechnen oder, wenn das hinter der hohen Stirn auch nicht mehr so richtig klappt, ein einfacher Taschenrechner hätte genügt um zu dem Ergebnis zu kommen, dass der Vollzeit arbeitende Niedriglöhner am Monatsende ca. 640 Euro BRUTTO auf dem Lohnzettel stehen hat.
Staatliche Aufstockung über HARTZ IV, den Klebstoff für die bedürftigen Bedarfsgemeinschaften der Nation, bekommt er selbstverständlich nur, wenn er selbst kein nennenswertes Vermögen mehr besitzt, also auf gut Deutsch eine “arme Sau” ist, die vom eigenen Einkommen nicht mehr leben kann.

Laut HansMinusWerner Sinn ist es auch völliger Unsinn, dass jeder “achte Deutsche arm ist” dennoch gebe es “Indikatoren, die auf mehr Ungleichheit hindeuten. So hat sich der Anteil der Bruttolöhne am Volkseinkommen verringert. Die Spreizung der Bruttolöhne hat wie in anderen Industriestaaten zugenommen, wenngleich sie hier noch lange nicht so groß ist wie in angelsächsischen Ländern und auch nicht so schnell ansteigt. Die wachsende Ungleichheit der Markteinkommen ist das Ergebnis der Niedriglohnkonkurrenz aus den ex-kommunistischen Gebieten der Welt. Auf die Gefahren für die soziale Kohärenz der Gesellschaft und die nötigen Reformen des Sozialstaates weise ich seit anderthalb Jahrzehnten hin. Dennoch finde ich die Alarmrufe, die derzeit aus den Medien zu hören sind, unangebracht und übertrieben. Die öffentliche Diskussion leidet unter einer Begriffsverwirrung, negiert die Existenz des deutschen Sozialstaates, bezieht sich auf veraltete Zahlen und wird durch ein statistisches Artefakt in die Irre geführt.

Es ist wirklich einmalig, wie es HansMinusWerner Sinn immer wieder gelingt, seinen gequirlten Schwachsinn in hehre Worte zu fassen und ihm einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.

Genauso werthaltig sind seine weiteren Ausführungen zur Armut in Deutschland, denn laut dem Unsinn des HansMinusWerner Sinn liegt “der durchschnittliche monatliche Hartz-IV-Anspruch eines Einpersonenhaushalts bei 700 Euro, wobei die freie Krankenversicherung im Wert von 200 Euro noch nicht eingerechnet ist. Die Armutsgrenze lag bei 520 Euro.

Auch hier wird vom HansMinusWerner wieder getrickst und getäuscht, dass sich die Balken biegen, denn die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen weisen schon für das Jahr 2002 eine Armutsgrenze von etwa 730 € für die alten Bundesländer und 605 € für die neuen Bundesländer aus.
Und ganz besonders lustig ist die “freie Krankenversicherung im Wert von 200 Euro monatlich“, denn tatsächlich zahlt die Bundesagentur pro ALGII-Empfänger nur 120 Euro an die GKV, was letztendlich bedeutet dass die Krankenversicherung für jeden ALGII von den beitragzahlenden Arbeitnehmern mit 80 Euro pro Monat bezuschusst wird. Nur dadurch wird es möglich, dass die Bundesagentur für Arbeit die so von ihr “erwirtschafteten Überschüsse” an die Staatskasse abführen kann, denn 3 Mio. Arbeitslose mal 80 Euro mal 12 Monate macht nun mal satte 2,88 Mrd. Euro im Jahr, die einfach so aus den Taschen der Beitragszahler abgezwickt werden.

Doch wenden wir uns wieder dem Wahrheitsgehalt der Bergpredigt von HansMinusWerner Sinn zu, der mit zunehmender Dauer seines Vortrags zu neuen Höhen aufläuft, denn

  • weil wir einen Sozialstaat haben, signalisiert es auch nicht Armut, wenn der Anteil der Geringverdiener mit einem Stundenlohn von weniger als zwei Drittel des Mittelwertes bald so hoch ist wie in den USA, denn Lohn und Einkommen sind nicht dasselbe.
  • dass die Bruttolohnspreizung in beiden Ländern ähnlich hoch ist, erklärt sich durch das Gesetz des Faktorpreisausgleichs, das man nur um den Preis einer Massenarbeitslosigkeit unterlaufen kann.
  • in Ländern, die miteinander Handel treiben und zwischen denen Kapital frei fließen kann, müssen sich die Lohnstrukturen bezüglich der Qualifikationsstufen tendenziell angleichen, sodass Unterschiede nur noch aus der unterschiedlichen Streuung der Bildung resultieren.

Lassen wir mal die Erkenntnisse des Herrn Sinn und die anhaltende Debatte um den Mindestlohn und Langzeitarbeitslosigkeit an uns abtropfen und wenden wir uns statt dessen der Angleichung der Lohnstrukturen in Ländern zu, die miteinander Handel treiben. Denn darauf, dass das Absinken des Lohnniveaus in Deutschland etwas mit dem steigenden Bildungsniveau in China zu tun hat, darauf muss man erst mal kommen, denn sicher habe nicht nur ich gedacht, dass dies eher etwas mit dem globalisierten Gierfaktor der Unternehmen zu hat.
Aber so kann man sich halt täuschen!

Wie gut ist es da, wenn ein so schrecklich gelehrter Prediger wie der HansMinusWerner Sinn seine Gedanken in Worte fasst, den fassungslosen Zuhörern das Wort zum Sonntag erzählt und erklärt wie es kommt, dass “der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung (Grenze: 150 bis 70 Prozent vom Median) von 2002 bis 2005 um fast vier Prozentpunkte abgenommen hat und nach den Daten des sozioökonomischen Panels der Anteil der Armutsgefährdeten um zwei Punkte stieg“.
Sie werden es nicht glauben, aber es ist ein statistischer Sondereffekt, “der unmittelbar nach den Hartz-Reformen im Berichtsjahr 2005 zum Tragen kam. Durch Hartz IV wurden etwa zwei Millionen Deutsche von der Arbeitslosenhilfe auf die Sozialhilfe heruntergestuft, was das Armutsrisiko zunächst in der Tat vergrößerte. Inzwischen hat Hartz IV aber gewirkt. Allein in Westdeutschland hat der jüngste Konjunkturaufschwung mindestens 1,1 Millionen Stellen über das Maß hinaus gebracht, das man nach einer Fortschreibung früherer Konjunkturmuster erwarten konnte. Der Arbeitsplatzgewinn hat – zusammen mit Lohnzuschüssen für Niedrigverdiener – erheblich zum Rückgang der Armutsgefährdung und zur Stabilisierung der Mittelschicht beigetragen – nur sieht man das nicht in der Statistik des Jahres 2005.

Außerdem, so HansMinusWerner Sinn, würde sich die im Armutsbericht der Bundesregierung dargestellte Entwicklung nicht auf das Pro-Kopf-Einkommen, sondern auf das “bedarfsgewichtete Einkommen” beziehen und “dabei wird unterstellt, dass zwei Singles zusammen ein Drittel mehr Einkommen brauchen als ein Paar. Das ist nicht unplausibel, impliziert aber, dass die zitierten Verteilungsmaße eher die Ausweitung gesellschaftlicher Wunschvorstellungen als ökonomisch bedingte Versorgungsdefizite widerspiegeln.

Daraus folgt für die Gedankenwelt des HansMinusWerner Sinn, dass der Grund allen Übels die Einpersonenhaushalte sind, denn “wohnen beide Partner zusammen, gehören sie zur Mittelschicht und gelten nicht als armutsgefährdet. Deklarieren sie getrennte Haushalte, um mehr Geld vom Staat zu bekommen, zählt der arbeitslose Partner plötzlich als armutsgefährdet. Es ist offenkundig, dass die Bedarfsgewichtung bei der Berechnung der Verteilungsmaße zu keinen sinnvoll interpretierbaren Ergebnissen führt, wenn die Familie erodiert und der Staat diese Erosion finanziell fördert. Verhaltensänderungen, für die Menschen sich entscheiden, um ihre ökonomische Situation zu verbessern, werden als Verschlechterung der Lebenslage in den Statistiken erfasst und führen zu Alarmrufen der Politik. Dazu kann ich nur sagen: bedarfsgewichteter Käse, mehr nicht.

Da hat er allerdings mal ausnahmsweise Recht, der HansMinusWerner Sinn, der Spezialist für „bedarfsgewichteten Käse“ vom Ifo-Institut in München!

Jetzt muss man ihm nur noch verklickern, dass der offensichtlich steigendenden Armutsgefährdung allein lebender Personen durch zwangsweise Kasernierung und/oder Barackenunterbringung in Arbeitslagern erfolgreich entgegengewirkt werden könnte
Und wenn man sich über dem Eingangstor dann noch eine schöne Überschrift wie “Arbeit macht (zwar arm aber) frei” vorstellt, dann wirkt das Ganze schon fast wie eine sozialstaatliche Vorsorgemaßnahme, die man dem tumben Volk unter dem Arbeitstitel “Hartz V” verkaufen könnte.

Mir persönlich hat allerdings in dem “bedarfsgewichteten Käse” der Satz “die öffentliche Diskussion leidet unter einer Begriffsverwirrung, negiert die Existenz des deutschen Sozialstaates, bezieht sich auf veraltete Zahlen und wird durch ein statistisches Artefakt in die Irre geführt” ganz besonders angetan, sind doch darin die wichtigsten Elemente der von HansMinusWerner Sinn seit Jahren betriebenen pseudowissenschaftlichen Täuschung der Öffentlichkeit zusammengefasst:

a-tens: Ihr seid alle ziemlich dämlich und
b-tens: es geht es euch noch nicht dreckig genug und
c-tens: ihr habt keine Ahnung was hier wirklich läuft und
d-tens: kann man euch mit jeder zusammengetricksten Statistik ein X für ein U vormachen

Ich bin nicht etwa der Einzige, der dem HansMinusWerner Sinn und seinem Institut für Wirtschaftsforschung geistige Bedürftigkeit gepaart mit Auftragspopulismus vorwirft, denn schon 2006 haben 15 deutsche Ökonomen deutliche Kritik an der Forschungsqualität des Ifo-Instituts geäußert und bezweifelt, “ob alle politischen Ratschläge des Ifo-Instituts auf ausreichend rigoroser, empirischer Forschung basieren“.
Die eklatanten Schwächen seien nicht zu übersehen, kritisieren damals die Juroren, deren Votum für die weitere Finanzierung des IFO-Instituts durch Bund und Länder entscheidend ist.

Übrigens wurde Pater Brown wegen seiner Vorliebe fürs Kriminelle von seinem Bischof auf eine einsame Insel versetzt.
Für den von HansMinusWerner Sinn verzapften “bedarfsgewichteten Käse”, den dann zu allem Überfluss auch noch die Wirtschaftswoche abdruckt, wäre das jedoch schon fast ein Gnadenakt.
Statt dessen sollten wir den HansMinusWerner Sinn, wie es sich für einen richtigen Propheten gehört, einfach in die Wüste schicken und das am besten ohne Kompass.
Machopan
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Harte Arbeitswoche

23. Juni 2008 05:45

Lieber Freund

Hätte am Montag den 16. Juni 2008 während des Spiels der Deutschen Fußballnationalmannschaft im Wiener Ernst-Happel-Stadion eine Bombe eingeschlagen …
dann hätte die deutsche Nation nicht nur ihre mächtigste Bundeskanzlerin verloren, sondern auch noch das halbe schwarz-rot-senffarbige Kabinett, denn die Financial Times Deutschland meldete (für terroristische Vorbereitungen leider zu spät) …

Finanzminister Peer Steinbrück ist Montagmorgen von Bonn über Frankfurt nach Wien geflogen. Er wird begleitet von der Sicherheit, einem Kollegen aus dem Protokoll und seinem Sprecher. Die Berliner kamen aus Berlin geflogen. Seit 12.40 sind wir in Wien. Aktuell findet ein Arbeitsessen mit dem österreichischen Finanzminister Molterer statt. Dem folgt ein Gespräch im Wiener Finanzministerium, ein Empfang in der Botschaft, eine Podiumsdiskussion unter anderem mit der Wirtschaftsweisen Weder di Mauro und Minister Molterer zur ‘Perspektive Österreich’. Danach kommt es zum gemeinsamen Besuch des Spiels Österreich- Deutschland. Dienstagfrüh nimmt Minister Steinbrück an einer Sitzung des Präsidiums der Deutschen Handelskammer in Österreich teil, bevor er mittags mit Linie zurück nach Berlin fliegt.”

Außenminister Frank-Walter Steinmeier wohnt auf Einladung seiner österreichischen Kollegin Ursula Plassnik dem Fußballspiel bei. Er kommt vom Ministerrat aus Luxemburg und nimmt Frau Plassnik in seiner Luftwaffenmaschine mit nach Wien.”

Umweltminister Sigmar Gabriel ist auf Einladung seines österreichischen Amtskollegen in Wien. Sie treffen sich zu einem Austausch über Fragen der europäischen Umweltpolitik und gehen anschließend zum Fußballspiel. Zurück fliegt Gabriel gemeinsam mit der Kanzlerin in ihrer Regierungsmaschine.”

Verteidigungsminister Franz Josef Jung trifft am Montag, den 16. Juni 2008, seinen österreichischen Amtskollegen Norbert Darabos zu einem Informations- und Meinungsaustausch über die deutsch-österreichischen sicherheitspolitischen Beziehungen in Wien. Im Anschluss an das Treffen werden sich beide Minister gemeinsam das Fußballspiel Deutschland gegen Österreich im Ernst-Happel-Stadion in Wien anschauen.”

Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee ist zu bilateralen Gesprächen in Wien. Dass er anschließend zum Fußballspiel geht, ergibt sich am Rande.”

Innen- und Sportminister Wolfgang Schäuble entschied sich am Montag kurzfristig, nicht wie geplant nach Österreich zu fahren, um sich dort das Spiel anzuschauen. Er hat eine harte Arbeitswoche vor sich und wird sich das Spiel im Fernsehen ansehen, sagte eine Sprecherin Schäubles.”

Dann hat er bestimmt auch noch die Bundesangela gesehen, die nach dem Schlusspfiff die Frage nach dem Spielverlauf des eher mäßige Spiels mit den Worten kommentierte: “Es ist effizient gespielt worden. Das Resultat stimmt.”

Leider hat sie niemand danach gefragt ob es auch effizient ist wegen einem mäßigen Fußballspiel eigens mit einer Regierungsmaschine von Berlin nach Wien und zurück zu fliegen. Ach, fast hätte ich es ja vergessen, sie musste ja den dicken Bundesumweltengel Gabriel in Wien abholen.

Am besten fand ich persönlich die Ausrede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der auf Einladung seiner österreichischen Kollegin Ursula Plassnik auf der Tribüne saß und deshalb mit “seiner” Luftwaffenmaschine nicht von Luxemburg direkt nach Berlin flog, sondern einen kleinen Umweg über Wien machte. Wenn man bedenkt, was ein Linienflug von Luxemburg nach Wien kostet, so war das ein gutes Geschäft für die Österreicherin.
Und als deutscher Steuerzahler mag man bei den heutigen Spritpreisen gar nicht daran denken, was der steinmeiersche Umweg mit so einer Luftwaffenmaschine gekostet hat.
Ach übrigens, der Mann möchte mal Bundeskanzler werden

Da lob ich mir doch die harte Arbeitswoche des IM Zweirad, wobei ich mir wirklich nicht sicher bin ob der Schaden nicht größer ist, wenn man den Innenwolfgang so ganz ohne Aufsicht alleine zu Hause lässt.

Also hoffen wir, dass das nächste Mal das ganze Kabinett in EINER Maschine fliegt und der exakte Terminplan rechtzeitig in der Presse breitgetreten wird, denn auf den Internetseiten des Bundesinnenministeriums habe ich irgendwo gelesen, dass die Zahl deutschsprachiger Terroristen täglich zunimmt.
Kleiner Tipp noch am Rande - man sollte mit entsprechenden Aktionen nicht bis zum Endspiel warten, denn es ist durchaus möglich, dass sich deutsche Politiker ein Endspiel mit deutscher Beteiligung unter Umständen noch nicht einmal im Fernsehen ansehen können.
Und das nicht wegen einer „harten Arbeitswoche“.

Machopan
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(W)Irre Iren?

16. Juni 2008 05:45

Lieber Freund

Wirre Iren irren!
Iren irren wirre!
Irren wirre Iren?

“860.000 Iren haben gegen die EU-Verfassung gestimmt und die Union in die Krise gestürzt”, schreibt der SPIEGEL, wogegen Beobachter der europäischen Szene jedoch eher die Meinung vertreten, dass die Hütchenspieler der EU einfach nur endlich mal in die Grube gefallen sind, die sie sich seit Jahren selber gegraben haben.

Die Reaktionen auf das “No” der Iren zum Reformvertrag von Lissabon lassen erkennen, dass die “Politiker” beim Entnationalisierungs- und Europäisierungsprozess einer Welt- und Wirtschaftsmacht nicht im Traum an eine Demokratisierung denken und der “Bürger” den Traum von seinem „Europa der Nationen“ wohl begraben kann, den auch hier geht die Schere auf, die letzendlich Länder zu Fürstentümern und Menschen zu Leibeigenen zurechtschneiden will.
Den Iren wird vorgeworfen, sie hätten den “Reformvertrag” gar nicht gelesen, dabei wird gerne übersehen, dass sie sich damit mit den meisten Politikern Europas in bester Gesellschaft befinden. Auch seien die Iren “undankbar”, denn die Subventionen Europas hätten sie gerne genommen, aber auch hier befinden sich die Iren auf Augenhöhe mit den Politkern anderer Länder, deren primäres und teilweise auch persönliches Interesse die üppig fließenden Geldströme der EU sind.

Vergessen wird auch gerne, dass die irischen Wähler nicht die Ersten sind, die “No” sagen, sondern sich vor ihnen schon die Begeisterung der Holländer, Franzosen, Norweger, Schweizer und Dänen für ein grenzenloses Europa und seine Bevormundung in Grenzen hielt.
Kein Wunder, wenn auf europäischer Ebene ein fauler Kompromiss nach dem anderen ausbaldowert und weniger Demokratie durch ein Mehr an Bürokratie ersetzt wird

Eigentlich sahen sich die Politiker auf gutem Kurs mit ihrem in Lissabon zusammengemauschelten “Reformvertrag von Lissabon”, hatten doch die Regierungen Europas versprochen, das Volk mit derartigen Lappalien nicht zu behelligen. Nur die Iren konnten das verfassungsrechtlich nicht hinbiegen und so kam es wie es kommen musste und sicher in manch anderen Land Europas auch so gekommen wäre.

Natürlich ist ein “Nein” nicht nur ein “Nein” zu dieser Art von Europa, sondern auch ein “So Nicht” an die nationalen Regierungen, die nicht müde werden nationales Teufelswerk mit europäischer Absolution anzupreisen. Und sobald etwas, was die nationalen Agrar- und Finanzminister, die Chefs der Umwelt-, Wirtschafts- oder Verkehrsressorts in Brüssel einvernehmlich ausbaldowert haben, zu Hause unpopulär wird, scheuen sie nicht davor zurück es anschließend schamlos als Machwerk “von denen in Brüssel” zu verdammen.
Optimal ergänzt, wenn nicht gar übertroffen, wird die Doppelzüngigkeit der Politiker durch die Taschenspielertricks der Eurokraten und die hochdotierten Beschäftigungsprogramme für abgehalfterte Landespolitiker.
Bestes Beispiel aus jüngster Zeit ist die Berufung von Edmund Stoiber zum Bürokratieabbaubeauftragten der EU oder die Absicht den gelernten Theologen, politischen Blasebalg und „Rote-Socken-Spezialisten“ Peter Hintze als EU-Kommissar nach Europa zu ver- und entsorgen, als ob dort nicht schon genug nach politischer Wichtigkeit und finanzieller Alimentierung hechelndes Bodenpersonal herumirren würde.

Wie das alles weitergeht steht in den Sternen, denn ständig wird die Karre in den Dreck gefahren und irgendwie nach irgendwo weitergezerrt.
Hauptsache es geht weiter, wohin ist eigentlich egal.

Die ehrlichste Option wäre es, sich mit dem Vertragswerk der europäischen Bevölkerung zu stellen und die Wähler in allen Ländern Europas am gleichen Tag abstimmen zu lassen.
Doch dazu wird es nicht kommen, denn neben den Landespolitkern scheuen auch die Europapolitiker den Wählerwillen wie der Teufel das Weihwasser. Außerdem wäre auch das 300-seitige Machwerk viel zu kompliziert und umständlich um den Wähler darüber abstimmen zu lassen :-) .
So wird man also weiter lügen, betrügen und täuschen um die wahren Absichten und eigenen Interessen zu verschleiern.

Während schwarzafrikanische Dikatorenund Despoten wenigsten noch den Mut haben die Wahlen zu fälschen oder ganz zu annulieren, werden Europas Politiker das irische “No” ignorieren, umdeuten und umgehen. Notfalls werden dazu auch Gesetze und Verfassungen im Schnellverfahren geändert.
Für die irischen Politiker, die das auf nationaler Ebene durchziehen, wird sich danach sicher ein lukrativer Posten in Brüssel finden lassen.

Auch wenn das irische “No” nur der Hauch einer Rebellion war und der irischen Tradition in keinster Weise gerecht wird, ruft so mancher Sympathisant vom Kontinent sein „Danke Irland“ in die politische Dunkelheit über Europa, denn wir hätten das gerne auch so gemacht - wenn es uns denn erlaubt gewesen wäre.

Machopan
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Sprachspeichersystem

9. Juni 2008 08:05

Lieber Freund

Vor einigen Tagen war ein Anruf beim Amt fällig, um die lästige, jährlich wiederkehrende Zahlung von Kleinststeuerbeträgen zu regeln, denn die Ämter gehen im Rahmen des „Bürokratieabbaus“ vermehrt dazu über, Verwaltungsarbeiten auf den wehrlosen Bürger zu übertragen.

Konkret ging es in meinem Falle um einen Jahresteuerbetrag in Höhe von 16,18 Euro für eine an einen Landwirt verpachtete Streuobstwiese und den Anfang des Fiskaljahres fälligen Steuerbescheid mit 12-stelligem Buchungszeichen, in dem dann dem Steuerpflichtigen mitgeteilt wird, dass er diesen Betrag an die Stadtkasse zu überweisen habe und man ihm für diese gewaltige Summe die Möglichkeit der Ratenzahlung gewährt.
Neu war eigentlich nur der Zusatz, dass dieser Bescheid auch für die Folgejahre gilt, sofern nicht ein neuer Bescheid ergeht.
Und genau da steckt der Hase im Detail, denn die Überwachung der fristgerechten Steuerzahlung wird damit elegant auf den Steuerpflichtigen verlagert und nicht fristgerechte Steuerzahlung hat meist äußerst unangenehme Folgen mit Zwangsgeld und heftigstem Behördenärger. Man hat da so seine Erfahrungen!

Der Steuerpflichtige kann sich nun zur Erinnerung an die Steuerzahlung des nächsten Jahres einen Knoten ins Taschentuch oder einen Eintrag in den Terminkalender machen. Außerdem benötigt er eine Kopie dieses Steuerbescheides, denn das Original ist sicher zum nächsten Zahlungstermin zusammen mit der Steuererklärung für das Vorjahr noch beim Steuerberater und wird anschließend viele Wochen und Monate beim Finanzamt auf Bearbeitung harren.

Ein entsprechender Dauerauftrag bei der Bank wäre sicher nicht schlecht um das Problem zu lösen, mag der eine oder andere Steuerzahler meinen. Doch auch hier ist es die schlechte Erfahrung des Individuums, dass die Banken
1. für Daueraufträge meist Gebühren verlangen, die bei Zahlung kleiner Beträge durchaus im zweistelligen Prozentbereich des Überweisungsbetrages liegen können
2. bei der Stornierung bzw. Änderung von Daueraufträgen gewisse Fristen in Tagen oder gar Wochen vor Ultimo setzen

Sollte also im Folgejahr doch ein neuer Steuerbescheid kommen, weil sich die Behörde zur Verbesserung ihrer Einnahmensituation zu einer Erhöhung des steuerlichen Hebesatzes auf der Basis der Grundstückspreise von 1922 (oder ähnlichem) entschieden hat, dann gelingt es dem Steuerpflichtigen meist nicht mehr fristgereicht den bestehenden Dauerauftrag zu widerrufen. Die fianziellen und juristischen Folgen eines solchen Vorgangs sind nicht unerheblich.

Was also macht der ordentliche Steuerzahler, um Ärger mit dem Amte zu vermeiden und bei ständig steigenden Wochenarbeitszeiten seine knappe „freie“ Zeit nicht mit der Bewältigung des „Bürokratieabbaus“ verbringen zu müssen?
Er ruft beim Amt an und klärt die Möglichkeit eines für beide Seiten besseren Zahlungsmodus durch fristgerechte „Lastschrift“ oder „Abbuchungserlaubnis“ vom Konto des Steuerpflichtigen, der sich bei diesem Verfahren darauf beschränken kann, durch seiner Hände Arbeit bis zum Zahlungstermin für Kontodeckung zu sorgen.

Nun ist es ja nicht so, dass die Telefonnummern beim Amt in irgendeiner Relation zur Anzahl der Mitarbeiter dieses Amtes stehen muss, denn zumindest die von mir gewählten Rufnummern scheinen immer zu leeren Schreibtischen zu führen oder zu Sachbearbeitern des Amtes, die

a. gerade nicht im Raum
b. gerade auf Schulung
c. gerade in einer Besprechung
d. gerade in Urlaub oder
e. gerade krank

sind.
Dennoch scheint niemand im Amt die Einrichtung einer Telefonumleitung bzw. zumindest einer „OoO-Message“ (Out-of-Office) zu kennen oder für nötig zu halten.
Statt mehrfach vergeblich anrufen zu müssen und sich nach minutenlangem Klingeln Sorgen um das Wohlbefinden des Sachbearbeiters machen zu müssen, würde sich doch so mancher Anrufer über die Information freuen, dass der Mitarbeiter heute aus persönlichen oder gar dienstlichen Gründen leider nicht am Amtsgeschehen teilnehmen kann.

So geschehen heute bei oben eingangs erwähntem Anruf beim Amt.
Nach mehrmaligem Läuten in der Amtsstube meldet sich eine weibliche Stimme, offensichtlich vom Band und verkündete mir, dass der gewählte Teilnehmer der Nebenstelle 65 sein „Sprachspeichersystem“ aktiviert habe und man nunmehr die Möglichkeit habe eine „Sprachnachricht“ auf dem „Sprachspeichersystem“ zu hinterlassen.

SprachspeichersystemIch, der ich nun bestimmt nicht auf den Mund gefallen bin, war sprachlos und fühlte mich spontan zurückversetzt in das Jahr 1985, als die Firma IBM mit einem „Sprachspeichersystem“ die zeitlichen Grenzen aufhob und gesprochene Nachrichten verteilt und abgelegt werden konnten, ohne dass dazu ein direkter Kontakt der Gesprächspartner notwendig ist.
“Die Kommunikation kann zeitlich verschoben stattfinden - sowohl im internen Wahlverkehr als auch im öffentlichen Netz. Diese Art der Telefonkommunikation wird ermöglicht durch die Digitalisierung der analogen Sprachsignale. In Abhängigkeit vom Verkehrsvolumen und anderen Parametern sollen bis zu 3000 Benutzer auf das System zugreifen können.“ hieß es damals in der Ausgabe der Computerwoche 43/1985.

Es stimmt sicher nicht nur mich zuversichtlich, dass dieses „Sprachspeichersystem“ nunmehr in einer süddeutschen Behörde erfolgreich installiert werden konnte und fortan im Rahmen des Bürokratieabbaus zum Nutzen der Bürger zur Verfügung steht.

Bevor ich vergesse es zu erwähnen, ich war, bedingt durch eine spontan auftretende Reaktion meines eigenen „Spracherzeugungssystems“, das sich kurzfristig völlig meiner Kontrolle entzog, nicht in der Lage dem Sachbearbeiter der Behörde eine „gesprochene Sprachnachricht“ auf seinem „Sprachspeichersystem“ zu hinterlassen.
Sollten Ihnen aber jemand erzählen, dass er auf seinem „Sprachspeichersystem“ ein hirschartiges Brunftröhren vorgefunden hätte, gefolgt von schallendem Hyänengeheul und dem Grunzen eines kapitalen Warzenschweins, das nach einigen Minuten in das leise Schluchzen und Wimmern eines gerade verendenden Gremlins überging - dann verraten Sie mich bitte nicht.

Machopan
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Milchpreis

2. Juni 2008 05:45

Lieber Freund

Während die Nation fast rund um die Uhr mit aktuellen Frontmeldungen vom Kampf um einen “angemessenen” Milchpreis überschüttet wird, bejammern die Milchbauern ihre missliche Lage und schütten einige Liter der ach so kostbaren Flüssigkeit medienwirksam in den Gully.
In den Gully gehören neben den zwischen den streitenden Parteien ausgetauschten Argumenten auch die Begründungen der „Milchexperten“, die die Preissteigerungen bei Lebensmitteln mit den gleichen blödsinnigen Argumenten erklären wie die Preissteigerungen beim Rohöl, denn daran soll Mehrverbrauch der Taxifahrer im vorolympischen China schuld sein.

Gut, noch bekommt der Verbraucher ein Barrel Milch etwas günstiger als ein Barrel Rohöl, das mit 130 US$ ein Allzeithoch markierte, aber die Betonung liegt auf “noch”, denn ALDI und LIDL haben schon mal signalisiert, dass man durchaus bereit sei den Milchpreis je Liter um “faire” 5 Cent nachzubessern, wobei diese “Subvention” der heimischen Landwirtschaft (wie immer) vom heimische Verbraucher bezahlt werden soll.

Während man aus den Reihen der streikenden Milchbauern fortwährend hört, dass alsbald ein Versorgungsengpass drohe, tönt die Gegenpartei noch vollmundig, dass der Markt regelrecht mit Milch überschwemmt wäre.
Das verwundert den aufmerksamen Zeitgenossen nun doch ein wenig, sind doch die Löcher im Geldbeutel die vor Jahresfrist durch die drastischen Preissteigerungen für Milchprodukte gerissen wurden noch immer nicht endgültig gegenfinanziert.
Vielleicht erinnern Sie sich noch, dass damals die Chinesen, unter völliger Ignoranz der in China weit verbreiteten Laktoseintoleranz, den Markt für Milchprodukte leergekauft haben sollen, was Preissteigerungen zwischen 25% und 40% zur Folge hatte,

Vermutlich haben die Chinesen zwischenzeitlich bemerkt, dass es nach dem Genuss von westlichen Milchprodukten bei einem Asiaten zu übelriechenden Darmwinden und Blähungen kommt, die in vielen Fällen von Übelkeit, Erbrechen und spontanen Durchfällen begleitet werden.
Diese späte Erkenntnis muss dann zusammen mit dem sinkenden Dollarkurs dazu geführt haben, dass in China der Markt für Milchprodukte fast völlig zusammengebrochen ist.
Zusammen mit dem wegen der unverschämten Preissteigerungen geänderten Verbraucherverhalten in Deutschland führte dies zwangsläufig zu einem Überangebot an Milch in Europa und in Folge zu einem Verfall der Erzeugerpreise obwohl die Verbraucherpreise auf fast unverändert hohem Niveau stagnierten.

Zusammenfassend kann man also durchaus den Eindruck gewinnen, dass es sich bei dem “Milchstreik” nach der kollektiven Abzocke der Verbraucher lediglich um einen Bandenkrieg bei der Verteilung der Beute handelt.

Wenden Sie Ihr Augenmerk daher lieber anderen Ereignissen im Lande zu, die in Ihrer Nachhaltigkeit wesentlich gravierender sein werden, als der „faire“ Preis für einen Liter steuersubventionierter Kuhmilch.
Denn so lange Sie auf die Milch aus einem prallen Euter glotzen, werden nicht nur Sie selbst abgemolken dass Ihnen die Sinne schwinden, sondern hinter Ihrem Rücken wird, mehr oder minder offen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung dieses Landes filetiert, wobei Sie sicher sein können, dass es nicht die besten Stücke sind, die Sie zu schlucken bekommen werden.

Machopan
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