Von Zügen und Koffern

30. August 2006 05:45

Mein lieber Freund!

Können Sie sich noch an die Zeit erinnern, als der Bahnsteig noch „Perron“ hieß und zum Betreten dieses „Perron“ noch eine „Bahnsteigkarte“, die noch „Billet“ hieß, am Fahrkartenschalter erworben werden musste?
Ja, das war noch zu der Zeit als Züge, Koffer und Bahnsteige das Flair von Abenteuer, Aufbruchstimmung und Reisefieber hatten und zum Transport des Gepäcks noch ein Dienstmann und ein Gepäckwagen zur Verfügung stand.

Bestes Beispiel dafür ist der Dienstmann Alois Hingerl, Dienstmann mit der Nummer 172 in München. Dieser erledigte jedoch einst einen Auftrag mit solcher “Eile”, dass er vom Schlag getroffen zu Boden fiel und noch auf dem Münchener Hauptbahnhof verstarb.

Heute wäre so etwas undenkbar. Nicht nur, dass Ihnen heute niemand mehr einen Koffer trägt, den er nicht selbst gepackt hat. Auch der Aufenthalt auf dem „Perron“ ist zum Abenteuer geworden und das Reisefieber wurde von der Reisehysterie verdrängt.
Heute erregt ein herrenloser Koffer auf einem Bahnsteig mehr Aufmerksamkeit als ein verstorbener Dienstmann auf einem Perron.
Liefen sonst die Schaulustigen zusammen, um einen Blick auf das tragische Ende eines in Ausübung seines Berufes verstorbenen Gepäckträgers zu erhaschen, genügt heute ein einsamer Koffer auf einem Perron, um eine Massenhysterie auszulösen und den Bahnhof für Stunden aus dem Verkehr zu ziehen um den Experten für Sicherheit ein ungestörtes Arbeiten zu ermöglichen.

Auch außerhalb des Bahnhofs fühlen sich die „Experten“ berufen ihre „Gedanken“ zur Sicherheit unters Volk und an den Mann zu bringen

Der CSU-Rechtsexperte Norbert Geis sagte der Bild-Zeitung, „in Zügen seien die gleichen Sicherheitsmaßnahmen wie in Flugzeugen nötig. Deshalb sei es sinnvoll, in Zügen Sicherheitsbeamte mitfahren zu lassen“. Dieser Meinung schloss sich der CDU-Innenexperte Clemens Binninger an und forderte seinerseits „Rail-Marshalls“ in den Zügen.

Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) forderte dagegen die Wiedereinführung der Kronzeugenregelung. “Wir müssen dringend Sicherheitslücken schließen, über die schon seit Jahren diskutiert wird. Die Anti-Terrordatei sei dabei ein wichtiges Element. Darüber hinaus müssten die Sicherheitsbehörden personell und technisch besser ausgestattet werden“.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderte in der Chemnitzer Freien Presse “eine deutliche Ausweitung der Videoüberwachung auf Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Verkehrsmitteln“. “Auch die Daten des Mauterfassungssystems müssten bei schweren Straftaten der Polizei zur Verfügung stehen”, sagte der Hauptgeschäftsführer des Gemeindebundes, Gerd Landsberg.

Ja ja, jetzt glauben wir das halt alles auch noch und wenn dazu noch jeder Fahrgast beim Check-In einen nummerierten Sitzplatz bekommt, während der Fahrt kostenlos Zeitungen, Getränke und Erfrischungen gereicht bekommt und die Beförderung des Gepäcks zwischen Check-In und Check-Out von der Bahn übernommen wird, wäre das doch eine echte Verbesserung.

Aber ein Gutes hat die ganze Sicherheitshysterie ja: „Sie können heute einen Koffer am Bahnhof stehen lassen, ohne Gefahr laufen zu müssen, dass er Ihnen geklaut wird. Und Sie können sicher sein, dass er bis zur Ihrer Rückkehr gut bewacht wird und durch ein mit rot-weißen Plastikbändern markiertes Areal gekennzeichnet ist.

Aber wenn ich Terrorist wäre, dann würde ich mir soviel Arbeit, um das Gepäck selbst auf den Bahnsteig zu schleppen, gar nicht machen, sondern mein Auto mit den Koffern einfach vor dem Bahnhof parken. Oder bei Aldi auf dem Parkplatz abstellen, oder in der Tiefgarage bei Horten, oder in der Kurzparkzone vor den Ladengeschäften in der Hauptstraße oder vor der Raststelle an der Autobahn oder gleich an der Tankstelle vor der Zapfsäule oder …

Auf ein probates, allerdings nur langfristig wirkendes Mittel zur Verbesserung der Sicherheit im Innern der Republik sind die „Experten für Sicherheit“ mit Sicherheit aber noch nicht gekommen: „Die Verbesserung der Außenpolitik, unserer und der unserer Verbündeten diesseits und jenseits des Atlantiks.
Auf Dauer, so deucht es mir zumindest, scheint das der sinnvollere Weg zu sein.
Das würde uns vermutlich auch der Dienstmann Aloisius raten, wenn er es denn endlich mal schaffen würde die „göttliche Erleuchtung“ hier auf Erden abzuliefern.

Machopan
(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 30. August 2006 um 05:45:16 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Von Zügen und Koffern

30. August 2006 05:45

Mein lieber Freund!

Können Sie sich noch an die Zeit erinnern, als der Bahnsteig noch „Perron“ hieß und zum Betreten dieses „Perron“ noch eine „Bahnsteigkarte“, die noch „Billet“ hieß, am Fahrkartenschalter erworben werden musste?
Ja, das war noch zu der Zeit als Züge, Koffer und Bahnsteige das Flair von Abenteuer, Aufbruchstimmung und Reisefieber hatten und zum Transport des Gepäcks noch ein Dienstmann und ein Gepäckwagen zur Verfügung stand.

Bestes Beispiel dafür ist der Dienstmann Alois Hingerl, Dienstmann mit der Nummer 172 in München. Dieser erledigte jedoch einst einen Auftrag mit solcher “Eile”, dass er vom Schlag getroffen zu Boden fiel und noch auf dem Münchener Hauptbahnhof verstarb.

Heute wäre so etwas undenkbar. Nicht nur, dass Ihnen heute niemand mehr einen Koffer trägt, den er nicht selbst gepackt hat. Auch der Aufenthalt auf dem „Perron“ ist zum Abenteuer geworden und das Reisefieber wurde von der Reisehysterie verdrängt.
Heute erregt ein herrenloser Koffer auf einem Bahnsteig mehr Aufmerksamkeit als ein verstorbener Dienstmann auf einem Perron.
Liefen sonst die Schaulustigen zusammen, um einen Blick auf das tragische Ende eines in Ausübung seines Berufes verstorbenen Gepäckträgers zu erhaschen, genügt heute ein einsamer Koffer auf einem Perron, um eine Massenhysterie auszulösen und den Bahnhof für Stunden aus dem Verkehr zu ziehen um den Experten für Sicherheit ein ungestörtes Arbeiten zu ermöglichen.

Auch außerhalb des Bahnhofs fühlen sich die „Experten“ berufen ihre „Gedanken“ zur Sicherheit unters Volk und an den Mann zu bringen

Der CSU-Rechtsexperte Norbert Geis sagte der Bild-Zeitung, „in Zügen seien die gleichen Sicherheitsmaßnahmen wie in Flugzeugen nötig. Deshalb sei es sinnvoll, in Zügen Sicherheitsbeamte mitfahren zu lassen“. Dieser Meinung schloss sich der CDU-Innenexperte Clemens Binninger an und forderte seinerseits „Rail-Marshalls“ in den Zügen.

Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) forderte dagegen die Wiedereinführung der Kronzeugenregelung. “Wir müssen dringend Sicherheitslücken schließen, über die schon seit Jahren diskutiert wird. Die Anti-Terrordatei sei dabei ein wichtiges Element. Darüber hinaus müssten die Sicherheitsbehörden personell und technisch besser ausgestattet werden“.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderte in der Chemnitzer Freien Presse “eine deutliche Ausweitung der Videoüberwachung auf Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Verkehrsmitteln“. “Auch die Daten des Mauterfassungssystems müssten bei schweren Straftaten der Polizei zur Verfügung stehen”, sagte der Hauptgeschäftsführer des Gemeindebundes, Gerd Landsberg.

Ja ja, jetzt glauben wir das halt alles auch noch und wenn dazu noch jeder Fahrgast beim Check-In einen nummerierten Sitzplatz bekommt, während der Fahrt kostenlos Zeitungen, Getränke und Erfrischungen gereicht bekommt und die Beförderung des Gepäcks zwischen Check-In und Check-Out von der Bahn übernommen wird, wäre das doch eine echte Verbesserung.

Aber ein Gutes hat die ganze Sicherheitshysterie ja: „Sie können heute einen Koffer am Bahnhof stehen lassen, ohne Gefahr laufen zu müssen, dass er Ihnen geklaut wird. Und Sie können sicher sein, dass er bis zur Ihrer Rückkehr gut bewacht wird und durch ein mit rot-weißen Plastikbändern markiertes Areal gekennzeichnet ist.

Aber wenn ich Terrorist wäre, dann würde ich mir soviel Arbeit, um das Gepäck selbst auf den Bahnsteig zu schleppen, gar nicht machen, sondern mein Auto mit den Koffern einfach vor dem Bahnhof parken. Oder bei Aldi auf dem Parkplatz abstellen, oder in der Tiefgarage bei Horten, oder in der Kurzparkzone vor den Ladengeschäften in der Hauptstraße oder vor der Raststelle an der Autobahn oder gleich an der Tankstelle vor der Zapfsäule oder …

Auf ein probates, allerdings nur langfristig wirkendes Mittel zur Verbesserung der Sicherheit im Innern der Republik sind die „Experten für Sicherheit“ mit Sicherheit aber noch nicht gekommen: „Die Verbesserung der Außenpolitik, unserer und der unserer Verbündeten diesseits und jenseits des Atlantiks.
Auf Dauer, so deucht es mir zumindest, scheint das der sinnvollere Weg zu sein.
Das würde uns vermutlich auch der Dienstmann Aloisius raten, wenn er es denn endlich mal schaffen würde die „göttliche Erleuchtung“ hier auf Erden abzuliefern.

Machopan
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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 30. August 2006 um 05:45:16 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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