Tanktourismus

7. August 2006 05:45

Mein lieber Freund!

Normalerweise weicht ja ein deutscher Autofahrer nicht aus!
Nicht wenn er Recht hat!
Und Recht hat der deutsche Autofahrer eigentlich immer!
Egal ob er von rechts kommt oder links fährt, egal ob er rast oder reist, egal ob beim Einparken oder beim Ausparken.

Doch jetzt gibt es eine zunehmende Anzahl Abweichler. Ausgerechnet beim Tanken weichen die Weicheier jetzt aus. Normalerweise würden sich dafür nur die Mineralölkonzerne interessieren und bei ihren „Preisgestaltungsabsprachen“ entsprechend reagieren, um Umsatz und Profit weiterhin im tiefgrünen Bereich zu halten.
Auch dem Finanzminister wäre es vollkommen gleichgültig, welcher Sprit dem Tiger in den Tank gefüllt wird, weil Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer ja markenneutral sind.

Deutsche Autofahrer weichen beim Tanken auf das Ausland aus, weil dort Sprit deutlich billiger ist – in Polen sogar um fast 30 Cent.“ schlug mir dieser Tage die Schlagzeile einer bekannten Tageszeitung aufs aufschwunghungrige Gemüt.
Ich habe es ja gleich gewusst, dass wir mit der EU-Osterweiterung noch viel Freude haben werden. Denn mit diesem Billigsprit ist es den Polen möglich, auf mehrfache Art und Weise von der EU zu profitieren.

  • a-tens ist es einem polnischen Billiglöhner möglich mit einer Tankfüllung seines Lada bis ins Elsass oder die nordrheinische Tiefebene vorzudringen um dort die Preise deutscher Handwerker zu unterbieten und nach getaner Arbeit ohne zu tanken wieder ins Heimatland zurückzukehren.
  • b-tens wird die Kaufkraft deutscher Autofahrer mit Lockangeboten über die Grenze in die Kassen polnischer Tankstellen gesaugt, was zu höheren Steuereinnahmen und der Schaffung vieler Arbeitsplätze führt – in Polen natürlich. Auf der deutschen Seite aber bleiben die Tankstellen auf ihrem teuren Sprit sitzen und müssen zwangsläufig Arbeitsplätze abbauen.

Das ist so eine Art Miniglobalisierung im grenznahen Bereich und normalerweise hätte sich niemand (außer den betroffenen Arbeitnehmern und Tankstellenpächtern) dafür interessiert, denn den Öl-Multis ist es letztendlich egal auf welcher Seite der Grenze sie den Sprit in den Tank füllen lassen.
Dass das Thema jetzt so in den Medien hochkommt, hat nur einen einzigen Grund: „Dem klammen Finanzpeer drohen durch entgangene Ökosteuer, Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer weitere Steuerausfälle in Milliardenhöhe, denn ca. 70% des Spritabgabepreises bestehen aus Steuern. Außerdem werden durch die Ausweichmanöver der deutschen Autofahrer im grenznahen Bereich die geplanten Mehreinnahmen aus der Erhöhung der Mineralölsteuer auf Bio-Diesel und die Mehrwertsteuererhöhung auf 19% teilweise wieder aufgefressen.

Und wie immer, wenn die Steuerzahler flexibel auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren und eine logische, aber für den Staat nachteilige Verhaltensweise an den Tag legen, wird nun von amtlicher Seite laut darüber nachgedacht, wie man das Geld der Bürger wieder in die Staatskasse holt.
PKW-Maut für alle“, rufen die üblichen Scharfmacher, „damit die Fahrt zur Tankstelle generell teurer wird.“
Benzingutscheine, Tankausweise oder Chip-Karten für verbilligten Spritbezug für die Bewohner der Grenzregion“, fordern dagegen Lokalpolitiker.
Steuersenkung“ blöken bundesweit einige Unverzagte, die die Hoffnung in dieser Republik noch nicht gänzlich aufgegeben haben.

Dagegen setzt die Bundesregierung auf eine „Steuerharmonisierung innerhalb der EU“ und das kann eigentlich nur bedeuten, dass die Polen ihren Sprit verteuern müssen.
Oder glauben Sie ernsthaft daran, dass der Finanzpeer die Steuern auf Mineralöl senkt?

Aber es wird noch dauern, bis die Polen ihre Spritpreise anheben, denn die polnischen Kartoffelmoppelchen, Lech und Jaroslav, sind momentan ja nicht besonders gut auf die deutsche Bundesregierung zu sprechen. Wer hätte wohl gedacht, dass ein Artikel in der TAZ den deutschen Fiskus so richtig teuer zu stehen kommen würde.

Unter diesen Rahmenbedingungen habe ich ein Geschäftsmodell entwickelt, das dem geplagten steuerzahlenden Individuum auch in diesen schwierigen Zeiten ein Überleben ermöglicht und so ganz nebenbei die Vorteile der grenznahen Globalisierung erschließt:

Denn während ich arbeite um genügend Geld für die kranken Kassen, die öffentliche Hand, die Löcher im Staatshaushalt und die Langzeitfaulenzer zu verdienen, fährt ein extra von mir angestellter 1-Euro-Jobber mit meinem Auto nach Polen um dort den Tank (90 Liter) und einen Reservekanister (20 Liter) mit Superbenzin zu füllen.
Nicht nur, dass diese Art der Arbeitsteilung zusätzliche Arbeitsplätze schafft und sichert, allein die finanzielle Ersparnis einer Tankfüllung und der mitgebrachten Stange Zigaretten versetzt mich in die Lage die drohende Versorgungslücke bei meiner Altersvorsorge zu schließen.

Und so subventionieren die Polen mit ihren niedrigen Spritpreisen die Altersvorsorge eines älteren deutschen Arbeitnehmers.
Das ist endlich mal Globalisierung wie sie mir gefällt!
Machopan

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 7. August 2006 um 05:45:01 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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7. August 2006 05:45

Mein lieber Freund!

Normalerweise weicht ja ein deutscher Autofahrer nicht aus!
Nicht wenn er Recht hat!
Und Recht hat der deutsche Autofahrer eigentlich immer!
Egal ob er von rechts kommt oder links fährt, egal ob er rast oder reist, egal ob beim Einparken oder beim Ausparken.

Doch jetzt gibt es eine zunehmende Anzahl Abweichler. Ausgerechnet beim Tanken weichen die Weicheier jetzt aus. Normalerweise würden sich dafür nur die Mineralölkonzerne interessieren und bei ihren „Preisgestaltungsabsprachen“ entsprechend reagieren, um Umsatz und Profit weiterhin im tiefgrünen Bereich zu halten.
Auch dem Finanzminister wäre es vollkommen gleichgültig, welcher Sprit dem Tiger in den Tank gefüllt wird, weil Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer ja markenneutral sind.

Deutsche Autofahrer weichen beim Tanken auf das Ausland aus, weil dort Sprit deutlich billiger ist – in Polen sogar um fast 30 Cent.“ schlug mir dieser Tage die Schlagzeile einer bekannten Tageszeitung aufs aufschwunghungrige Gemüt.
Ich habe es ja gleich gewusst, dass wir mit der EU-Osterweiterung noch viel Freude haben werden. Denn mit diesem Billigsprit ist es den Polen möglich, auf mehrfache Art und Weise von der EU zu profitieren.

  • a-tens ist es einem polnischen Billiglöhner möglich mit einer Tankfüllung seines Lada bis ins Elsass oder die nordrheinische Tiefebene vorzudringen um dort die Preise deutscher Handwerker zu unterbieten und nach getaner Arbeit ohne zu tanken wieder ins Heimatland zurückzukehren.
  • b-tens wird die Kaufkraft deutscher Autofahrer mit Lockangeboten über die Grenze in die Kassen polnischer Tankstellen gesaugt, was zu höheren Steuereinnahmen und der Schaffung vieler Arbeitsplätze führt – in Polen natürlich. Auf der deutschen Seite aber bleiben die Tankstellen auf ihrem teuren Sprit sitzen und müssen zwangsläufig Arbeitsplätze abbauen.

Das ist so eine Art Miniglobalisierung im grenznahen Bereich und normalerweise hätte sich niemand (außer den betroffenen Arbeitnehmern und Tankstellenpächtern) dafür interessiert, denn den Öl-Multis ist es letztendlich egal auf welcher Seite der Grenze sie den Sprit in den Tank füllen lassen.
Dass das Thema jetzt so in den Medien hochkommt, hat nur einen einzigen Grund: „Dem klammen Finanzpeer drohen durch entgangene Ökosteuer, Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer weitere Steuerausfälle in Milliardenhöhe, denn ca. 70% des Spritabgabepreises bestehen aus Steuern. Außerdem werden durch die Ausweichmanöver der deutschen Autofahrer im grenznahen Bereich die geplanten Mehreinnahmen aus der Erhöhung der Mineralölsteuer auf Bio-Diesel und die Mehrwertsteuererhöhung auf 19% teilweise wieder aufgefressen.

Und wie immer, wenn die Steuerzahler flexibel auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren und eine logische, aber für den Staat nachteilige Verhaltensweise an den Tag legen, wird nun von amtlicher Seite laut darüber nachgedacht, wie man das Geld der Bürger wieder in die Staatskasse holt.
PKW-Maut für alle“, rufen die üblichen Scharfmacher, „damit die Fahrt zur Tankstelle generell teurer wird.“
Benzingutscheine, Tankausweise oder Chip-Karten für verbilligten Spritbezug für die Bewohner der Grenzregion“, fordern dagegen Lokalpolitiker.
Steuersenkung“ blöken bundesweit einige Unverzagte, die die Hoffnung in dieser Republik noch nicht gänzlich aufgegeben haben.

Dagegen setzt die Bundesregierung auf eine „Steuerharmonisierung innerhalb der EU“ und das kann eigentlich nur bedeuten, dass die Polen ihren Sprit verteuern müssen.
Oder glauben Sie ernsthaft daran, dass der Finanzpeer die Steuern auf Mineralöl senkt?

Aber es wird noch dauern, bis die Polen ihre Spritpreise anheben, denn die polnischen Kartoffelmoppelchen, Lech und Jaroslav, sind momentan ja nicht besonders gut auf die deutsche Bundesregierung zu sprechen. Wer hätte wohl gedacht, dass ein Artikel in der TAZ den deutschen Fiskus so richtig teuer zu stehen kommen würde.

Unter diesen Rahmenbedingungen habe ich ein Geschäftsmodell entwickelt, das dem geplagten steuerzahlenden Individuum auch in diesen schwierigen Zeiten ein Überleben ermöglicht und so ganz nebenbei die Vorteile der grenznahen Globalisierung erschließt:

Denn während ich arbeite um genügend Geld für die kranken Kassen, die öffentliche Hand, die Löcher im Staatshaushalt und die Langzeitfaulenzer zu verdienen, fährt ein extra von mir angestellter 1-Euro-Jobber mit meinem Auto nach Polen um dort den Tank (90 Liter) und einen Reservekanister (20 Liter) mit Superbenzin zu füllen.
Nicht nur, dass diese Art der Arbeitsteilung zusätzliche Arbeitsplätze schafft und sichert, allein die finanzielle Ersparnis einer Tankfüllung und der mitgebrachten Stange Zigaretten versetzt mich in die Lage die drohende Versorgungslücke bei meiner Altersvorsorge zu schließen.

Und so subventionieren die Polen mit ihren niedrigen Spritpreisen die Altersvorsorge eines älteren deutschen Arbeitnehmers.
Das ist endlich mal Globalisierung wie sie mir gefällt!
Machopan

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 7. August 2006 um 05:45:01 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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