Ein Korken für die Geier

4. August 2006 05:45

Mein lieber Freund!

Politik ist neben Sport, Wetter, Autos, Beruf und Sex eines der beliebtesten Gesprächsthemen an den Stammtischen dieser Republik, auch wenn die Gewichtung je nach Stimmungslage, Gemütszustand und Promillegehalt der Teilnehmer stark variieren kann und auch sicher auch regionalen Schwankungen unterworfen ist.

Ab und an ist es mir aus beruflichen Gründen vergönnt, in kleineren Gaststätten oder Kneipen die ich gezwungenermaßen zwecks Nahrungsaufnahme aufsuche, von diesen Stammtischen durch reines Zuhören ein repräsentatives Bild über die Stimmungslage in unserm Lande zu erhalten.
Lassen Sie es mich kurz und prägnant auf einen Nenner bringen: „Es sieht nicht gut aus.“

Auch wenn man eher zu den gemäßigten Zeitgenossen gehört und Bürgerverdrossenheit nicht mit Volkzorn gleichsetzt, muss man an den Stammtischen einen stark zunehmenden Trend zur Gewaltbereitschaft feststellen. Das Gewaltpotenzial ist beachtlich und wenn es so weiter geht, werden wir aus den Medien bald die ersten Reisewarnungen für Politiker entnehmen können.

Bei einer der letzten Diskussionen, die ich unlängst im Großraum München mitanhören durfte und die sich innerhalb einer guten Stunde von Schicksal des Bären Bruno, der EU-Reglementierungswut, der bundesdeutschen Gesundheitsreform und der zur Gesundung der Staatsfinanzen benötigten Steuererhöhungen schließlich zur Frage bewegten: „Ticken die in Berlin eigentlich noch richtig?“
Da man sich bei der Beantwortung dieser Frage über alle Partei- und Standeszugehörigkeiten rasch einig war, konzentrierte sich der weitere Gesprächsverlauf auf die Ergründung der Ursachen und beschäftigte sich mit der Frage, warum Politiker die einfachsten Dinge nicht verstehen oder verstehen wollen.

„Stellt euch mal vor“, meinte schließlich einer der Stammtischteilnehmer, vermutlich einer der im Dorf ansässigen Arzte, „unser Staat wäre ein Mensch, ein ganz normaler Mensch mit all den Organen, Sinnen und Gefühlen die letztendlich einen Menschen vom Affen abheben. Da gibt es einen Kopf der denkt, Augen die sehen, einen Mund der spricht, eine Lunge die beatmet, eine Verdauungstrakt, der seinen Aufgaben mehr oder minder effizient nachkommt und Extremitäten die dafür sorgen, dass der Körper sich bewegen kann und nicht umfällt. Und jetzt nehmen wir mal an, dass der Mund Kaviar zu sich nimmt und dem Verdauerungstrakt zuführt. Die Sinne melden dem Kopf „wir essen Kaviar“ und der Kopf denkt „prima, uns geht es gut“. Dann rumort und rumpelt es einige Zeit im Verdauungstrakt und irgendwann wird das Ergebnis mit dem Kommentar „Hier kommt der angekündigte Kaviar“ ausgeschieden.

„Aber das ist doch Scheiße“, meinte darauf einer der Zuhörer.

„Genau!“, lachte der Arzt und fuhr fort, „biologisch und medizinisch gesehen ist das ein Stoffwechselvorgang und jeder Mensch erlebt das meist täglich. Aber unserem Staatskörper ist das nicht mehr bewusst. Der Kopf hat das vergessen, verdrängt, ignoriert, was auch immer und behauptet, dass das Ergebnis der Ausscheidungen seines Staatskörpers nach wie vor Kaviar ist. Wie sonst kann man sich Sätze aus Politikermund wie „uns kann es gar nicht schlecht gehen, schließlich sind wir Exportweltmeister“ erklären. Dabei leidet der Staatskörper seit Jahrzehnten an Störung des Verdauungstrakts, angefangen von fürchterlichen Blähungen über anhaltende Verstopfungen und chronischer Diarrhoe, die sich zunehmend zum Blutigen Durchfall verschlimmert hat.“

„Aber das ist doch eine Katastrophe“, unterbrach ihn einer der Zuhörer.

„Du sagst es“, meinte der Arzt; nahm einen großen Schluck aus seinem Bierglas und wischte sich die Mundwinkel mit dem Handrücken ab.
„Meinst du es gibt noch Hoffnung, dass der Staatskörper wieder gesund wird und weniger Scheiße produziert?“, wollte einer der Zuhörer wissen, der sich dabei fast verschwörerisch den Tisch beugte.
„Das kommt darauf an, ob dem Kopf des Staatskörpers bewusst ist, dass er krank ist“, meinte der Arzt nach eine kurzen Pause, „aus medizinischer Sicht ist es wichtig, dass der Patient seine Lage erkennt und bereit ist sich behandeln zu lassen. Gegen seinen Willen kann man keinen Patienten behandeln. Man könnte einen solchen Patienten, der offensichtlichen jeden Realitätsbezug verloren hat und dabei auch noch einen hilflosen Eindruck macht, zwar auch gegen seinen Willen in eine Psychiatrische Anstalt einweisen und unter Vormundschaft stellen. Aber mach das mal mit einem Staatskörper“.

Danach herrschte betretenes Schweigen am Stammtisch bis es aus einem der Zuhörer, der Kleidung nach offensichtlich ein Handwerker, herausbrach: „Wir brauchen einen Korken!“
„Was für einen Korken?“, wollten die anderen unisono wissen.
„Einen Korken, den wir dem Staatskörper in den Arsch stecken damit die Scheiße endlich auch mal bis zum Kopf hochsteigt.“
Mit einem „ja, genau wir verkorken die Berliner Flaschen und dann machen wir noch ….“ und mehreren Faustschlägen, die auf die Tischplatte des Stammtisches donnerten und den in der Mitte stehenden großen Aschenbecher mit der Aufschrift „Hier sitzen die, die immer hier sitzen“ zum Hüpfen brachte, verließ die Diskussionsrunde den für die Allgemeinheit erwähnenswerten Themenbereich und wandte sich lokalen Problemstellungen zu, bei denen sich mir allerdings, das muss ich zu meiner Schande gestehen, der weitere intellektuelle Zugang verschloss.

Aber die Idee mit dem Korken für die Geier in Berlin geht mir nicht mehr aus dem Kopf.
Machopan

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 4. August 2006 um 05:45:24 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Ein Korken für die Geier

4. August 2006 05:45

Mein lieber Freund!

Politik ist neben Sport, Wetter, Autos, Beruf und Sex eines der beliebtesten Gesprächsthemen an den Stammtischen dieser Republik, auch wenn die Gewichtung je nach Stimmungslage, Gemütszustand und Promillegehalt der Teilnehmer stark variieren kann und auch sicher auch regionalen Schwankungen unterworfen ist.

Ab und an ist es mir aus beruflichen Gründen vergönnt, in kleineren Gaststätten oder Kneipen die ich gezwungenermaßen zwecks Nahrungsaufnahme aufsuche, von diesen Stammtischen durch reines Zuhören ein repräsentatives Bild über die Stimmungslage in unserm Lande zu erhalten.
Lassen Sie es mich kurz und prägnant auf einen Nenner bringen: „Es sieht nicht gut aus.“

Auch wenn man eher zu den gemäßigten Zeitgenossen gehört und Bürgerverdrossenheit nicht mit Volkzorn gleichsetzt, muss man an den Stammtischen einen stark zunehmenden Trend zur Gewaltbereitschaft feststellen. Das Gewaltpotenzial ist beachtlich und wenn es so weiter geht, werden wir aus den Medien bald die ersten Reisewarnungen für Politiker entnehmen können.

Bei einer der letzten Diskussionen, die ich unlängst im Großraum München mitanhören durfte und die sich innerhalb einer guten Stunde von Schicksal des Bären Bruno, der EU-Reglementierungswut, der bundesdeutschen Gesundheitsreform und der zur Gesundung der Staatsfinanzen benötigten Steuererhöhungen schließlich zur Frage bewegten: „Ticken die in Berlin eigentlich noch richtig?“
Da man sich bei der Beantwortung dieser Frage über alle Partei- und Standeszugehörigkeiten rasch einig war, konzentrierte sich der weitere Gesprächsverlauf auf die Ergründung der Ursachen und beschäftigte sich mit der Frage, warum Politiker die einfachsten Dinge nicht verstehen oder verstehen wollen.

„Stellt euch mal vor“, meinte schließlich einer der Stammtischteilnehmer, vermutlich einer der im Dorf ansässigen Arzte, „unser Staat wäre ein Mensch, ein ganz normaler Mensch mit all den Organen, Sinnen und Gefühlen die letztendlich einen Menschen vom Affen abheben. Da gibt es einen Kopf der denkt, Augen die sehen, einen Mund der spricht, eine Lunge die beatmet, eine Verdauungstrakt, der seinen Aufgaben mehr oder minder effizient nachkommt und Extremitäten die dafür sorgen, dass der Körper sich bewegen kann und nicht umfällt. Und jetzt nehmen wir mal an, dass der Mund Kaviar zu sich nimmt und dem Verdauerungstrakt zuführt. Die Sinne melden dem Kopf „wir essen Kaviar“ und der Kopf denkt „prima, uns geht es gut“. Dann rumort und rumpelt es einige Zeit im Verdauungstrakt und irgendwann wird das Ergebnis mit dem Kommentar „Hier kommt der angekündigte Kaviar“ ausgeschieden.

„Aber das ist doch Scheiße“, meinte darauf einer der Zuhörer.

„Genau!“, lachte der Arzt und fuhr fort, „biologisch und medizinisch gesehen ist das ein Stoffwechselvorgang und jeder Mensch erlebt das meist täglich. Aber unserem Staatskörper ist das nicht mehr bewusst. Der Kopf hat das vergessen, verdrängt, ignoriert, was auch immer und behauptet, dass das Ergebnis der Ausscheidungen seines Staatskörpers nach wie vor Kaviar ist. Wie sonst kann man sich Sätze aus Politikermund wie „uns kann es gar nicht schlecht gehen, schließlich sind wir Exportweltmeister“ erklären. Dabei leidet der Staatskörper seit Jahrzehnten an Störung des Verdauungstrakts, angefangen von fürchterlichen Blähungen über anhaltende Verstopfungen und chronischer Diarrhoe, die sich zunehmend zum Blutigen Durchfall verschlimmert hat.“

„Aber das ist doch eine Katastrophe“, unterbrach ihn einer der Zuhörer.

„Du sagst es“, meinte der Arzt; nahm einen großen Schluck aus seinem Bierglas und wischte sich die Mundwinkel mit dem Handrücken ab.
„Meinst du es gibt noch Hoffnung, dass der Staatskörper wieder gesund wird und weniger Scheiße produziert?“, wollte einer der Zuhörer wissen, der sich dabei fast verschwörerisch den Tisch beugte.
„Das kommt darauf an, ob dem Kopf des Staatskörpers bewusst ist, dass er krank ist“, meinte der Arzt nach eine kurzen Pause, „aus medizinischer Sicht ist es wichtig, dass der Patient seine Lage erkennt und bereit ist sich behandeln zu lassen. Gegen seinen Willen kann man keinen Patienten behandeln. Man könnte einen solchen Patienten, der offensichtlichen jeden Realitätsbezug verloren hat und dabei auch noch einen hilflosen Eindruck macht, zwar auch gegen seinen Willen in eine Psychiatrische Anstalt einweisen und unter Vormundschaft stellen. Aber mach das mal mit einem Staatskörper“.

Danach herrschte betretenes Schweigen am Stammtisch bis es aus einem der Zuhörer, der Kleidung nach offensichtlich ein Handwerker, herausbrach: „Wir brauchen einen Korken!“
„Was für einen Korken?“, wollten die anderen unisono wissen.
„Einen Korken, den wir dem Staatskörper in den Arsch stecken damit die Scheiße endlich auch mal bis zum Kopf hochsteigt.“
Mit einem „ja, genau wir verkorken die Berliner Flaschen und dann machen wir noch ….“ und mehreren Faustschlägen, die auf die Tischplatte des Stammtisches donnerten und den in der Mitte stehenden großen Aschenbecher mit der Aufschrift „Hier sitzen die, die immer hier sitzen“ zum Hüpfen brachte, verließ die Diskussionsrunde den für die Allgemeinheit erwähnenswerten Themenbereich und wandte sich lokalen Problemstellungen zu, bei denen sich mir allerdings, das muss ich zu meiner Schande gestehen, der weitere intellektuelle Zugang verschloss.

Aber die Idee mit dem Korken für die Geier in Berlin geht mir nicht mehr aus dem Kopf.
Machopan

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 4. August 2006 um 05:45:24 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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