Hamburger Kameralistik

15. September 2006 05:45

Allgemein begrüßt wurde die Mitteilung, dass das Bundesland Hamburg seine Kameralistik auf doppelte Buchführung umstellt.

„Ähhhhh“, mag sich nun der eine oder andere Zeitgenosse beim Lesen dieser Information denken, „haben die jetzt ihre zur diskreten Verkehrsüberwachung eingesetzten Kameras listig umgestellt und müssen jetzt darüber sogar Buch führen, weil sie die Dinger sonst nicht mehr finden, oder was?“

Diese Reaktion ist verständlich, denn die Frage nach der Bedeutung von Kameralistik würde sicher einem Großteil der Kandidaten bei „Wer wird Millionär?“ die schon sicher geglaubten Teuronen wieder entreißen. Dabei ist die Kameralistik so einfach wie das Haushaltsbuch einer ordentlichen Hausfrau zur Führung ihrer Haushaltskasse. Einfach aufschreiben wie viel Geld in die Kasse eingezahlt wurde und akribisch alle Ausgaben notieren, denn was bei einem Privathaushalt reicht um festzustellen, dass das Geld nicht reicht, das funktioniert auch bei einem Landeshaushalt.
Nur nennt man bei einem Landeshaushalt die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben etwas vornehmer „Neuverschuldung“
Nein, Spaß beiseite, denn beim Geld hört üblicherweise der Spaß auf, solche Begriffe wie Schulden, Vermögen, Erträge und Aufwendungen kennt die Kameralistik gar nicht, denn Kameralistik ist laut Wikipedia die „Wissenschaft von der staatlichen Verwaltung, wie sie in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert gepflegt wurde“.

Falls Sie es vergessen haben, das 18. Jahrhundert dauerte exakt vom 1. Januar 1701 und endete am 31. Dezember 1800 so gegen 24:00 Uhr. Unser Nachbarland Frankreich hatte sich gerade noch rechtzeitig blutig seiner Aristokratie entledigt und die Rechtsform geändert. Der kleine Korse hatte die Macht der Republik an sich gerissen und war danach damit beschäftigt die Staaten Europa heftig durcheinander zu wirbeln. Laut Wikipedia wurde damals das Modell einer modernen Staats- und Gesellschaftsordnung geschaffen und mit ihr auch die Kameralistik.

Und jetzt im Jahre 2006 revolutioniert das Bundesland Hamburg gänzlich unblutig seine Finanzverwaltung und der Erste Bürgermeister der Stadt Hamburg Ole von Beust beruft ganz stolz extra eine Pressekonferenz ein, um dem staunenden Publikum die erste Eröffnungsbilanz der Doppelten Buchführung (Doppik) vorzustellen.

KameralistikStellen Sie sich das mal vor, mehr als 200 Jahre nachdem die Franzosen ihre erste Republik ausgerufen haben, erstellt das erste deutsche Bundesland seine erste Eröffnungsbilanz und modernisiert das kameralistische System zur Verwaltung seiner Finanzen, dem nicht nur Fachleute nachsagen, dass es eine mangelnde Transparenz über Vermögen und Schulden sein eigen nennt. Was sicher einige Finanzprobleme der Vergangenheit erklärbar macht.

Voraussetzung für den Umstieg auf die Doppik ist immer das Erstellen einer Eröffnungsbilanz und davor zucken die öffentlichen Hände zurück wie der Teufel vor dem Weihwasser, denn dazu ist eine vollständige Aufnahme und Bewertung des vorhandenen Vermögens einerseits (Aktiva / Vermögensverwendung) und der Schulden andererseits (Passiva /Mittelherkunft) notwendig. Und davor scheuen selbst abgebrühte Kämmerer zurück.

„Ole“, sagte daher der von Beust anlässlich der Pressekonferenz, „künftig könne sich jeder, der eine Bilanz zu lesen verstehe, ein Urteil darüber bilden, ob Vermögen durch Politik vermehrt oder vernichtet werde. Es sei nicht mehr möglich, die Öffentlichkeit durch eine ‘geschmeidige’ Haushaltspolitik zu täuschen“.

Er ließ dabei offen, ob ihm klar ist, dass die von vielen Politikern seit vielen Jahren praktizierte „geschmeidige Finanzpolitik“ in der freien Wirtschaft unter dem Begriff „Bilanzfälschung“ oder milder „Bilanzkosmetik“ unter Strafe gestellt ist.
Bevor Sie jetzt also losjubeln, weil so ein kleines Bundesland endlich den Staub der Jahrhunderte aus seiner Verwaltung kehrt und die Darstellung der Finanzen auf Aktiva und Passiva umstellt, sollten Sie wissen, dass:

  1. In Hamburg parallel zur doppelten Buchführung die Jahrhunderte alte Kameralistik vorerst beibehalten werden soll und
  2. es bis zu einer effizienten Kosten- und Ergebnisrechung ein langer und steiniger Weg ist.

Wobei die größten Steine sicher von den Nutznießern und Befürwortern des Dezemberfiebers in den Weg geworfen werden.

Der Hamburger Finanzsenator Wolfgang Peiner ist jedoch zuversichtlich, dass die Maßstäbe zur Haushaltskonsolidierung nun enger gezogen werden müssen, um binnen sechs bis zehn Jahren einen ausgeglichenen Gesamthaushalt vorlegen zu können.
Wie schnell dieses Ziel erreicht werde, hänge von der Höhe der Steuereinnahmen ab“, verkündete er.
Sieht so aus als müsste auch dieser Mann noch viel lernen. Denn, dass eine Bilanz nicht nur eine Aufstellung über die Herkunft, sondern auch über die Verwendung des Kapitals ist, hat er wohl so noch nicht richtig verinnerlicht.
Na ja, Politiker halt.


(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 15. September 2006 um 05:45:01 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können ein Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlegen.

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Hamburger Kameralistik

15. September 2006 05:45

Allgemein begrüßt wurde die Mitteilung, dass das Bundesland Hamburg seine Kameralistik auf doppelte Buchführung umstellt.

„Ähhhhh“, mag sich nun der eine oder andere Zeitgenosse beim Lesen dieser Information denken, „haben die jetzt ihre zur diskreten Verkehrsüberwachung eingesetzten Kameras listig umgestellt und müssen jetzt darüber sogar Buch führen, weil sie die Dinger sonst nicht mehr finden, oder was?“

Diese Reaktion ist verständlich, denn die Frage nach der Bedeutung von Kameralistik würde sicher einem Großteil der Kandidaten bei „Wer wird Millionär?“ die schon sicher geglaubten Teuronen wieder entreißen. Dabei ist die Kameralistik so einfach wie das Haushaltsbuch einer ordentlichen Hausfrau zur Führung ihrer Haushaltskasse. Einfach aufschreiben wie viel Geld in die Kasse eingezahlt wurde und akribisch alle Ausgaben notieren, denn was bei einem Privathaushalt reicht um festzustellen, dass das Geld nicht reicht, das funktioniert auch bei einem Landeshaushalt.
Nur nennt man bei einem Landeshaushalt die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben etwas vornehmer „Neuverschuldung“
Nein, Spaß beiseite, denn beim Geld hört üblicherweise der Spaß auf, solche Begriffe wie Schulden, Vermögen, Erträge und Aufwendungen kennt die Kameralistik gar nicht, denn Kameralistik ist laut Wikipedia die „Wissenschaft von der staatlichen Verwaltung, wie sie in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert gepflegt wurde“.

Falls Sie es vergessen haben, das 18. Jahrhundert dauerte exakt vom 1. Januar 1701 und endete am 31. Dezember 1800 so gegen 24:00 Uhr. Unser Nachbarland Frankreich hatte sich gerade noch rechtzeitig blutig seiner Aristokratie entledigt und die Rechtsform geändert. Der kleine Korse hatte die Macht der Republik an sich gerissen und war danach damit beschäftigt die Staaten Europa heftig durcheinander zu wirbeln. Laut Wikipedia wurde damals das Modell einer modernen Staats- und Gesellschaftsordnung geschaffen und mit ihr auch die Kameralistik.

Und jetzt im Jahre 2006 revolutioniert das Bundesland Hamburg gänzlich unblutig seine Finanzverwaltung und der Erste Bürgermeister der Stadt Hamburg Ole von Beust beruft ganz stolz extra eine Pressekonferenz ein, um dem staunenden Publikum die erste Eröffnungsbilanz der Doppelten Buchführung (Doppik) vorzustellen.

KameralistikStellen Sie sich das mal vor, mehr als 200 Jahre nachdem die Franzosen ihre erste Republik ausgerufen haben, erstellt das erste deutsche Bundesland seine erste Eröffnungsbilanz und modernisiert das kameralistische System zur Verwaltung seiner Finanzen, dem nicht nur Fachleute nachsagen, dass es eine mangelnde Transparenz über Vermögen und Schulden sein eigen nennt. Was sicher einige Finanzprobleme der Vergangenheit erklärbar macht.

Voraussetzung für den Umstieg auf die Doppik ist immer das Erstellen einer Eröffnungsbilanz und davor zucken die öffentlichen Hände zurück wie der Teufel vor dem Weihwasser, denn dazu ist eine vollständige Aufnahme und Bewertung des vorhandenen Vermögens einerseits (Aktiva / Vermögensverwendung) und der Schulden andererseits (Passiva /Mittelherkunft) notwendig. Und davor scheuen selbst abgebrühte Kämmerer zurück.

„Ole“, sagte daher der von Beust anlässlich der Pressekonferenz, „künftig könne sich jeder, der eine Bilanz zu lesen verstehe, ein Urteil darüber bilden, ob Vermögen durch Politik vermehrt oder vernichtet werde. Es sei nicht mehr möglich, die Öffentlichkeit durch eine ‘geschmeidige’ Haushaltspolitik zu täuschen“.

Er ließ dabei offen, ob ihm klar ist, dass die von vielen Politikern seit vielen Jahren praktizierte „geschmeidige Finanzpolitik“ in der freien Wirtschaft unter dem Begriff „Bilanzfälschung“ oder milder „Bilanzkosmetik“ unter Strafe gestellt ist.
Bevor Sie jetzt also losjubeln, weil so ein kleines Bundesland endlich den Staub der Jahrhunderte aus seiner Verwaltung kehrt und die Darstellung der Finanzen auf Aktiva und Passiva umstellt, sollten Sie wissen, dass:

  1. In Hamburg parallel zur doppelten Buchführung die Jahrhunderte alte Kameralistik vorerst beibehalten werden soll und
  2. es bis zu einer effizienten Kosten- und Ergebnisrechung ein langer und steiniger Weg ist.

Wobei die größten Steine sicher von den Nutznießern und Befürwortern des Dezemberfiebers in den Weg geworfen werden.

Der Hamburger Finanzsenator Wolfgang Peiner ist jedoch zuversichtlich, dass die Maßstäbe zur Haushaltskonsolidierung nun enger gezogen werden müssen, um binnen sechs bis zehn Jahren einen ausgeglichenen Gesamthaushalt vorlegen zu können.
Wie schnell dieses Ziel erreicht werde, hänge von der Höhe der Steuereinnahmen ab“, verkündete er.
Sieht so aus als müsste auch dieser Mann noch viel lernen. Denn, dass eine Bilanz nicht nur eine Aufstellung über die Herkunft, sondern auch über die Verwendung des Kapitals ist, hat er wohl so noch nicht richtig verinnerlicht.
Na ja, Politiker halt.


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