Hirntod

9. Juni 2005 05:45

Mein lieber Freund!

„Hirntod eines Steuerschätzers“ könnte nach „Tod eines Handlungsreisenden
durchaus das Zeug zu einem Bestseller und Publikumsmagnet haben.
Leider gibt es das Stück noch nicht, aber vielleicht gelingt es ja mit diesen Zeilen einen jungen, begabten Autor zum Schreiben eines solchen Stückes zu inspirieren.
Wobei die Handlung vergleichsweise banal sein könnte, aber gespickt mit Kuriositäten, die sich zu Katastrophen und gegen Ende des Stückes sogar zu Tragödien steigern.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem 1. Akt.
Ein Gespräch zwischen Hans Glans, dem Finanzmanager der fiktiven Republik Absurdistan und seinem langjährigen Berater, Karl Censor. Beide sitzen spätabends an der Hotelbar des besten Hotels in der Landeshauptstadt.

Hans: Ich muss noch den Finanzplan für das nächste Jahr aufstellen, kannst du mir sagen wie sich die Steuereinnahmen entwickeln werden?
Karl: Wie viel Geld brauchst du denn?
Hans: Mehr als letztes Jahr, du weißt ja - wir brauchen Wachstum.
Karl: Wie viel mehr?
Hans (lacht): Wir nehmen alles, das weißt du doch. Also was soll ich in den Plan reinschreiben?
Karl (lacht auch): Langsam, langsam, so einfach ist das doch nicht. Du musst mich schon ein bisschen nachdenken lassen. So einfach ist das nun auch wieder nicht. Was hatten wir den letztes Jahr für eine Steuerschätzung?
Hans: Das hab ich nicht im Kopf, du weißt doch – mein Zahlengedächtnis!
Karl (lacht): Und meins erst!
Hans: Es war auf jeden Fall zu wenig, daran kann ich mich noch erinnern. Die Ausgaben waren höher als die Einnahmen und dadurch mussten wir dann einen Nachtragshaushalt machen.
Karl: Aber das ist doch normal. Das hast du doch in den Jahren zuvor auch gemacht. Das hat doch mit meiner Steuerschätzung nichts zu tun.
Hans: Jetzt reagier doch nicht gleich eingeschnappt. Es sagt ja auch niemand, dass das was mit dir zu hatte. Deine Steuerschätzung war in Ordnung, sie hat ja auch Klasse zu meiner Ausgabenplanung gepasst. War ja auch alles paletti. Die Wirtschaft hat sich nur schlechter entwickelt, wie wir das geplant hatten. Können wir doch nix für.
Karl: Hast ja eigentlich recht. Bei uns war alles OK. Mit Steuerausfällen in dieser Höhe konnte wirklich niemand rechnen. Noch nicht einmal wir.
Hans (lacht): Steuerausfälle… ich lach mich tot. Ich find das Wort fast noch besser wie „Neuverschuldung“. Mit den beiden Wörtern kannst du alles erklären. Und wenn einer aufmuckt und nachhakt, dann wirft man noch „Steuerreform“ und „Nachhaltigkeitsfaktor der Sozialsysteme“ in die Diskussion. „Demographischer Stabilitätspakt“, „Subventionsabbau und Arbeitsmarkreform“ und „globalisierter Generationenkonflikt“ sind auch nicht schlecht.
Karl: Ja ich weiß. Manchmal tun mir die Jungs aus den Wirtschaftsredaktionen der Tageszeitungen und der Manager Magazine richtig leid. Du kannst ihnen richtig ansehen, ab wann sie den Faden verlieren. Die hatten ja schon mit der Umstellung von DM auf EURO ihre Probleme.
Hans: Also komm, schweif jetzt nicht ab, was soll ich jetzt in den Haushaltplan reinschreiben?
Karl: Gegenfrage – wie viel brauchst du denn?
Hans: Ich brauch Wachstum, das verlangt der Kanzler als Beweis für den Erfolg seiner Wirtschaftspolitik von mir.
Karl (lacht): Ich weiß ääähhm – aber ich äußere mich dazu jetzt lieber nicht. Wir hoch möchte den der Kanzler sein Wirtschaftswachstum haben?
Hans: So hoch, dass wir kein Defizit im Haushalt haben!
Karl: Ach du grüne Neune! Das kauft uns doch kein Mensch ab.
Hans: Hab ich ihm auch gesagt. Aber du kennst ihn ja. „Ihr macht das schon“, hat er gesagt
Karl: Der ist gut. Aber mit der Masche hat er ja bisher Erfolg gehabt. Also, Hans, machen wir Nägel mit Köpfen, bevor wir sie zum Nachdenken und Heißreden benützen müssen. Also wie viel Wachstum brauchst du?
Hans: Du legst vor, schließlich wirst du für deine Steuerschätzung ja auch fürstlich bezahlt.
Karl: Das war jetzt unnötig. Ich darf dich daran erinnern, dass du deinen Job auch nicht aus reiner Nächstenliebe machst.
Hans: Bist du jetzt fertig mit jammern? Kann ich jetzt eine Zahl zwischen 5 und Zehn von dir hören?
Karl (ungläubig): 5 – 10% Wirtschaftswachstum?
Hans: Logo! Das sind die Erfolge unserer kontinuierlichen Wirtschaftspolitik. Der Kanzler meint, dass sich die Reformen jetzt endlich mal auszahlen sollten. Außerdem ist bald wieder Wahl.
Karl: Wiederwahl?
Hans: Nicht Wiederwahl, sondern wieder Wahl! Du musst auf den kleinen Unterscheid achten. Über Wiederwahl reden wir erst wenn es soweit ist. Andere Kanzler waren 16 Jahre an der Regierung und DIESER Kanzler will ins Guinnessbuch der Rekorde. Also kann ich jetzt deine Zahl haben.
Karl: Ich muss jetzt erst mal pinkeln geh‘n. Sei doch so nett und bestell mir noch ein Bier.

Soviel sei noch verraten, dass sich im Laufe des Abends die Lage zuspitzt und es zu heftigen kontroversen Verbalattacken kommt. Die Lage eskaliert schließlich, als am späteren Abend der Kanzler mit Gattin eintrifft und sich mit seinem geballten wirtschaftlichen Knoff Hoff unterstützt durch mindestens 90 Kilogramm Kampfgewicht in die Diskussion einmischt.
In den frühen Morgenstunden wird die „leblose Leiche“ des Beraters Karl Censor mit heruntergelassenen Hosen sitzend auf einer der Gästetoilette gefunden, deren Wand vollgekritzelt war Notizen zu Wachstum und gegenseitiger Befruchtung.
Als Todesursache soll der „plötzliche Hirntod“, eine unter Beratern sehr häufige Krankheit, verantwortlich sein. Es handelt sich dabei um eine Fehlfunktion überlebenswichtiger Organe, die sich nicht entscheiden können, über welche Körperöffnung das Ergebnis des beraterseitigen Nachdenkens ausgeschieden werden soll.
Durch diesen Konflikt kommt es zu einer Art Verklemmung lebenswichtiger Körperteile, einem (informationstechnologischen) „Deadlock“, der schließlich zum „plötzlichen Hirntod“ führt.

Ein kleiner Tipp meinerseits noch am Rande: „Gegen Ende des letzten Aktes eskaliert die Lage und es kommt zu den wüstesten Beschimpfungen und Beschuldigungen. Echte Action, ein wahrer Politthriller, unbedingt sehenswert“.
Derzeit läuft in den abendlichen Nachrichten der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehanstalten die entschärfte, jugendfreie Version.
Einfach mal reinsehen, es ist echt zum Kringeln.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 9. Juni 2005 um 05:45:29 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Hirntod

9. Juni 2005 05:45

Mein lieber Freund!

„Hirntod eines Steuerschätzers“ könnte nach „Tod eines Handlungsreisenden
durchaus das Zeug zu einem Bestseller und Publikumsmagnet haben.
Leider gibt es das Stück noch nicht, aber vielleicht gelingt es ja mit diesen Zeilen einen jungen, begabten Autor zum Schreiben eines solchen Stückes zu inspirieren.
Wobei die Handlung vergleichsweise banal sein könnte, aber gespickt mit Kuriositäten, die sich zu Katastrophen und gegen Ende des Stückes sogar zu Tragödien steigern.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem 1. Akt.
Ein Gespräch zwischen Hans Glans, dem Finanzmanager der fiktiven Republik Absurdistan und seinem langjährigen Berater, Karl Censor. Beide sitzen spätabends an der Hotelbar des besten Hotels in der Landeshauptstadt.

Hans: Ich muss noch den Finanzplan für das nächste Jahr aufstellen, kannst du mir sagen wie sich die Steuereinnahmen entwickeln werden?
Karl: Wie viel Geld brauchst du denn?
Hans: Mehr als letztes Jahr, du weißt ja - wir brauchen Wachstum.
Karl: Wie viel mehr?
Hans (lacht): Wir nehmen alles, das weißt du doch. Also was soll ich in den Plan reinschreiben?
Karl (lacht auch): Langsam, langsam, so einfach ist das doch nicht. Du musst mich schon ein bisschen nachdenken lassen. So einfach ist das nun auch wieder nicht. Was hatten wir den letztes Jahr für eine Steuerschätzung?
Hans: Das hab ich nicht im Kopf, du weißt doch – mein Zahlengedächtnis!
Karl (lacht): Und meins erst!
Hans: Es war auf jeden Fall zu wenig, daran kann ich mich noch erinnern. Die Ausgaben waren höher als die Einnahmen und dadurch mussten wir dann einen Nachtragshaushalt machen.
Karl: Aber das ist doch normal. Das hast du doch in den Jahren zuvor auch gemacht. Das hat doch mit meiner Steuerschätzung nichts zu tun.
Hans: Jetzt reagier doch nicht gleich eingeschnappt. Es sagt ja auch niemand, dass das was mit dir zu hatte. Deine Steuerschätzung war in Ordnung, sie hat ja auch Klasse zu meiner Ausgabenplanung gepasst. War ja auch alles paletti. Die Wirtschaft hat sich nur schlechter entwickelt, wie wir das geplant hatten. Können wir doch nix für.
Karl: Hast ja eigentlich recht. Bei uns war alles OK. Mit Steuerausfällen in dieser Höhe konnte wirklich niemand rechnen. Noch nicht einmal wir.
Hans (lacht): Steuerausfälle… ich lach mich tot. Ich find das Wort fast noch besser wie „Neuverschuldung“. Mit den beiden Wörtern kannst du alles erklären. Und wenn einer aufmuckt und nachhakt, dann wirft man noch „Steuerreform“ und „Nachhaltigkeitsfaktor der Sozialsysteme“ in die Diskussion. „Demographischer Stabilitätspakt“, „Subventionsabbau und Arbeitsmarkreform“ und „globalisierter Generationenkonflikt“ sind auch nicht schlecht.
Karl: Ja ich weiß. Manchmal tun mir die Jungs aus den Wirtschaftsredaktionen der Tageszeitungen und der Manager Magazine richtig leid. Du kannst ihnen richtig ansehen, ab wann sie den Faden verlieren. Die hatten ja schon mit der Umstellung von DM auf EURO ihre Probleme.
Hans: Also komm, schweif jetzt nicht ab, was soll ich jetzt in den Haushaltplan reinschreiben?
Karl: Gegenfrage – wie viel brauchst du denn?
Hans: Ich brauch Wachstum, das verlangt der Kanzler als Beweis für den Erfolg seiner Wirtschaftspolitik von mir.
Karl (lacht): Ich weiß ääähhm – aber ich äußere mich dazu jetzt lieber nicht. Wir hoch möchte den der Kanzler sein Wirtschaftswachstum haben?
Hans: So hoch, dass wir kein Defizit im Haushalt haben!
Karl: Ach du grüne Neune! Das kauft uns doch kein Mensch ab.
Hans: Hab ich ihm auch gesagt. Aber du kennst ihn ja. „Ihr macht das schon“, hat er gesagt
Karl: Der ist gut. Aber mit der Masche hat er ja bisher Erfolg gehabt. Also, Hans, machen wir Nägel mit Köpfen, bevor wir sie zum Nachdenken und Heißreden benützen müssen. Also wie viel Wachstum brauchst du?
Hans: Du legst vor, schließlich wirst du für deine Steuerschätzung ja auch fürstlich bezahlt.
Karl: Das war jetzt unnötig. Ich darf dich daran erinnern, dass du deinen Job auch nicht aus reiner Nächstenliebe machst.
Hans: Bist du jetzt fertig mit jammern? Kann ich jetzt eine Zahl zwischen 5 und Zehn von dir hören?
Karl (ungläubig): 5 – 10% Wirtschaftswachstum?
Hans: Logo! Das sind die Erfolge unserer kontinuierlichen Wirtschaftspolitik. Der Kanzler meint, dass sich die Reformen jetzt endlich mal auszahlen sollten. Außerdem ist bald wieder Wahl.
Karl: Wiederwahl?
Hans: Nicht Wiederwahl, sondern wieder Wahl! Du musst auf den kleinen Unterscheid achten. Über Wiederwahl reden wir erst wenn es soweit ist. Andere Kanzler waren 16 Jahre an der Regierung und DIESER Kanzler will ins Guinnessbuch der Rekorde. Also kann ich jetzt deine Zahl haben.
Karl: Ich muss jetzt erst mal pinkeln geh‘n. Sei doch so nett und bestell mir noch ein Bier.

Soviel sei noch verraten, dass sich im Laufe des Abends die Lage zuspitzt und es zu heftigen kontroversen Verbalattacken kommt. Die Lage eskaliert schließlich, als am späteren Abend der Kanzler mit Gattin eintrifft und sich mit seinem geballten wirtschaftlichen Knoff Hoff unterstützt durch mindestens 90 Kilogramm Kampfgewicht in die Diskussion einmischt.
In den frühen Morgenstunden wird die „leblose Leiche“ des Beraters Karl Censor mit heruntergelassenen Hosen sitzend auf einer der Gästetoilette gefunden, deren Wand vollgekritzelt war Notizen zu Wachstum und gegenseitiger Befruchtung.
Als Todesursache soll der „plötzliche Hirntod“, eine unter Beratern sehr häufige Krankheit, verantwortlich sein. Es handelt sich dabei um eine Fehlfunktion überlebenswichtiger Organe, die sich nicht entscheiden können, über welche Körperöffnung das Ergebnis des beraterseitigen Nachdenkens ausgeschieden werden soll.
Durch diesen Konflikt kommt es zu einer Art Verklemmung lebenswichtiger Körperteile, einem (informationstechnologischen) „Deadlock“, der schließlich zum „plötzlichen Hirntod“ führt.

Ein kleiner Tipp meinerseits noch am Rande: „Gegen Ende des letzten Aktes eskaliert die Lage und es kommt zu den wüstesten Beschimpfungen und Beschuldigungen. Echte Action, ein wahrer Politthriller, unbedingt sehenswert“.
Derzeit läuft in den abendlichen Nachrichten der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehanstalten die entschärfte, jugendfreie Version.
Einfach mal reinsehen, es ist echt zum Kringeln.

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