Wollen dürfen

20. April 2005 05:45

Mein lieber Freund!

Wenn man(n) noch zu normaler Tageszeit seinem Broterwerb nachgehen darf und mindestens sechs Stunden Nachtruhe benötigt um am nächsten Morgen wieder aus den Federn, die die Welt bedeuten, kommt, wird man(n) sehr rasch von den wirklich wichtigen Ereignissen dieser Gesellschaft abgeschnitten.

So habe ich wohl versäumt, dass die Demokratie in der BRddr derzeit in heftigsten antisemistischen und rechtsextremen Tubulenzen ausgesetzt scheint. Sensibilisiert wurde ich erst durch ein Interview, das der „persönliche Beauftragte des OSZE-Vorsitzenden zur Bekämpfung von Antisemitismus“ Gert Weisskirchen (SPD) am 28.3. 2005 dem Spiegel gegeben hat.

Reiner Zufall scheint es zu ein, dass sich der Herr Prof. Gert Weisskirchen just einige Tage vorher ein weiteres Mal um eine Bundestagskandidatur beworben hat, um sich dafür stark zu machen, „dass Gerhard Schröder Kanzler bleibt und im Zentrum des politischen Handelns weiterhin die soziale Gerechtigkeit steht“.

„Ob er da wohl nicht auf das falsche Pferd setzt“, denke ich mir und betrachte nachdenklich die Aufmacher der kostenpflichtigen Dossiers auf der Internetseite des Spiegels:

Dienstleistungen: Billiglohnparadies Deutschland?
Arbeitslosigkeit: Der Kanzler und die Katastrophe
Visaaffäre: Der Schleuser-Skandal
Rechtsextremismus: Triumph im Rudel

Nun muss man(n) sich die kostenpflichtigen Dossiers des Spiegel nicht kaufen um zu wissen was drin steht. Man(n) muss nur aufmerksam und regelmäßig den Spiegel lesen, um eine leise Ahnung von dem zu bekommen, was sich da zusammenbraut. Offensichtlich hat dies der Herr Prof. Weisskirchen, bedingt durch seine vielen politischen Aktivitäten und seine Honorarprofessur an der Fachhochschule in Potsdam, wohl nicht immer geschafft.
Sonst würde er in seinem Interview auf die Frage:
„Die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftskrisen und dem Erstarken rechter Kräfte sind bekannt. Ist die momentane Situation in Deutschland gefährlich?“
nicht so einen Schwachfug antworten:
„Man kann in der Tat in einigen Regionen erschreckt sein über das Anwachsen rechtsextremer Einstellungen, etwa in Sachsen. Es kommt darauf an, dass die Mitte der Gesellschaft aufsteht gegen rechten Extremismus, und dass einfache Antworten auf komplexe soziale Lagen abgewehrt werden. Arbeitslosigkeit kann nicht mit diktatorischen Elementen bekämpft werden - in allen Diktaturen werden zuallererst Arbeitnehmer ihrer Freiheitsrechte beraubt.“

Wobei, wenn man sich die Entwicklung der Nation und speziell die Lage der Arbeitnehmer in den Jahren seit 1998 anschaut, dann könnte doch ein Funken Wahrheit in dem Satz stecken:
„in allen Diktaturen werden zuallererst Arbeitnehmer ihrer Freiheitsrechte beraubt.

Auf die Frage: „Ist Rechtsextremismus nur ein ostdeutsches Problem?“, antwortet der Prof. Weisskirchen: “Es ist nicht auszuschließen, dass eine solche Welle auch nach Westdeutschland schwappt. Es gibt keinen einfachen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus, aber bei sozialen Notlagen können einfache und populistische Erklärungen natürlich leichter Fuß fassen, und Rechtsextreme können vorstoßen. Die demokratischen Parteien müssen diese Gefahr genau erkennen und mit allen politischen Mitteln versuchen, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.”

Ja, da bin nun doch perplex.
Wenn der Herr Prof. die „komplizierten“ Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus auch nur ansatzweise erkennen kann und die Gefahr nicht ausschließen will, dass eine solche Welle von Ost nach West überschwappen kann, dann verstehe ich nicht ganz, warum die Parteien diese Gefahr erst erkennen müssen um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.
Was haben die Jungs und Mädels von SPD und B90/Die Grünen denn seit 1998 getan?
Laut Bundesschröder angetreten um die Arbeitslosigkeit zu halbieren, verzeichnen wir jetzt doppelt so viele Arbeitslose als vor Rot-Grün. Und komm mir jetzt keiner daher und behaupte, dass das an der neuen Zählweise, den nun plötzlich arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängern oder gar an der „Reform“ des Arbeitsmarktes liegen würde, wie der Superwolli das immer behauptet.

Aber für den Herrn Prof. Weisskirchen ist jetzt wichtig: „dass Gerhard Schröder Kanzler bleibt und im Zentrum des politischen Handelns weiterhin die soziale Gerechtigkeit steht und dass wir Deutsche nicht wollen dürfen, dass Diskriminierung und Rassismus unser friedliches Zusammenleben stören oder gar zur Explosion treiben. Wir müssen als Deutsche um unserer selbst Willen alles tun, damit Fremdenhass keine Chance hat.”

Nun muss man einfach einmal Menschen fragen, die durch den Rauswurf aus dem aktiven Arbeitsleben und dem Verlust des Arbeitsplatzes seit Jahren aus der Gesellschaft ausgegrenzt und als „Langzeitfaulenzer“ und „Sozialschmarotzer“ diskriminiert werden. Es ist sicher interessant, was diese Menschen von derartiger „sozialer Gerechtigkeit“ und „friedlichem Zusammenleben“, wie es dem Herrn Weisskirchen vorschwebt, halten.

Warum sollte bei dem ganzen Übel auch noch Gerhard Schröder Kanzler bleiben?
Warum, um alles in der Welt, sollten wir Deutsche denn das wollen dürfen?
Oder sollen wir das jetzt wollen müssen?
Oder dürfen können?
Oder dürfen wollen?
Oder müssen sollen?

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 20. April 2005 um 05:45:02 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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20. April 2005 05:45

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Wenn man(n) noch zu normaler Tageszeit seinem Broterwerb nachgehen darf und mindestens sechs Stunden Nachtruhe benötigt um am nächsten Morgen wieder aus den Federn, die die Welt bedeuten, kommt, wird man(n) sehr rasch von den wirklich wichtigen Ereignissen dieser Gesellschaft abgeschnitten.

So habe ich wohl versäumt, dass die Demokratie in der BRddr derzeit in heftigsten antisemistischen und rechtsextremen Tubulenzen ausgesetzt scheint. Sensibilisiert wurde ich erst durch ein Interview, das der „persönliche Beauftragte des OSZE-Vorsitzenden zur Bekämpfung von Antisemitismus“ Gert Weisskirchen (SPD) am 28.3. 2005 dem Spiegel gegeben hat.

Reiner Zufall scheint es zu ein, dass sich der Herr Prof. Gert Weisskirchen just einige Tage vorher ein weiteres Mal um eine Bundestagskandidatur beworben hat, um sich dafür stark zu machen, „dass Gerhard Schröder Kanzler bleibt und im Zentrum des politischen Handelns weiterhin die soziale Gerechtigkeit steht“.

„Ob er da wohl nicht auf das falsche Pferd setzt“, denke ich mir und betrachte nachdenklich die Aufmacher der kostenpflichtigen Dossiers auf der Internetseite des Spiegels:

Dienstleistungen: Billiglohnparadies Deutschland?
Arbeitslosigkeit: Der Kanzler und die Katastrophe
Visaaffäre: Der Schleuser-Skandal
Rechtsextremismus: Triumph im Rudel

Nun muss man(n) sich die kostenpflichtigen Dossiers des Spiegel nicht kaufen um zu wissen was drin steht. Man(n) muss nur aufmerksam und regelmäßig den Spiegel lesen, um eine leise Ahnung von dem zu bekommen, was sich da zusammenbraut. Offensichtlich hat dies der Herr Prof. Weisskirchen, bedingt durch seine vielen politischen Aktivitäten und seine Honorarprofessur an der Fachhochschule in Potsdam, wohl nicht immer geschafft.
Sonst würde er in seinem Interview auf die Frage:
„Die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftskrisen und dem Erstarken rechter Kräfte sind bekannt. Ist die momentane Situation in Deutschland gefährlich?“
nicht so einen Schwachfug antworten:
„Man kann in der Tat in einigen Regionen erschreckt sein über das Anwachsen rechtsextremer Einstellungen, etwa in Sachsen. Es kommt darauf an, dass die Mitte der Gesellschaft aufsteht gegen rechten Extremismus, und dass einfache Antworten auf komplexe soziale Lagen abgewehrt werden. Arbeitslosigkeit kann nicht mit diktatorischen Elementen bekämpft werden - in allen Diktaturen werden zuallererst Arbeitnehmer ihrer Freiheitsrechte beraubt.“

Wobei, wenn man sich die Entwicklung der Nation und speziell die Lage der Arbeitnehmer in den Jahren seit 1998 anschaut, dann könnte doch ein Funken Wahrheit in dem Satz stecken:
„in allen Diktaturen werden zuallererst Arbeitnehmer ihrer Freiheitsrechte beraubt.

Auf die Frage: „Ist Rechtsextremismus nur ein ostdeutsches Problem?“, antwortet der Prof. Weisskirchen: “Es ist nicht auszuschließen, dass eine solche Welle auch nach Westdeutschland schwappt. Es gibt keinen einfachen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus, aber bei sozialen Notlagen können einfache und populistische Erklärungen natürlich leichter Fuß fassen, und Rechtsextreme können vorstoßen. Die demokratischen Parteien müssen diese Gefahr genau erkennen und mit allen politischen Mitteln versuchen, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.”

Ja, da bin nun doch perplex.
Wenn der Herr Prof. die „komplizierten“ Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus auch nur ansatzweise erkennen kann und die Gefahr nicht ausschließen will, dass eine solche Welle von Ost nach West überschwappen kann, dann verstehe ich nicht ganz, warum die Parteien diese Gefahr erst erkennen müssen um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.
Was haben die Jungs und Mädels von SPD und B90/Die Grünen denn seit 1998 getan?
Laut Bundesschröder angetreten um die Arbeitslosigkeit zu halbieren, verzeichnen wir jetzt doppelt so viele Arbeitslose als vor Rot-Grün. Und komm mir jetzt keiner daher und behaupte, dass das an der neuen Zählweise, den nun plötzlich arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängern oder gar an der „Reform“ des Arbeitsmarktes liegen würde, wie der Superwolli das immer behauptet.

Aber für den Herrn Prof. Weisskirchen ist jetzt wichtig: „dass Gerhard Schröder Kanzler bleibt und im Zentrum des politischen Handelns weiterhin die soziale Gerechtigkeit steht und dass wir Deutsche nicht wollen dürfen, dass Diskriminierung und Rassismus unser friedliches Zusammenleben stören oder gar zur Explosion treiben. Wir müssen als Deutsche um unserer selbst Willen alles tun, damit Fremdenhass keine Chance hat.”

Nun muss man einfach einmal Menschen fragen, die durch den Rauswurf aus dem aktiven Arbeitsleben und dem Verlust des Arbeitsplatzes seit Jahren aus der Gesellschaft ausgegrenzt und als „Langzeitfaulenzer“ und „Sozialschmarotzer“ diskriminiert werden. Es ist sicher interessant, was diese Menschen von derartiger „sozialer Gerechtigkeit“ und „friedlichem Zusammenleben“, wie es dem Herrn Weisskirchen vorschwebt, halten.

Warum sollte bei dem ganzen Übel auch noch Gerhard Schröder Kanzler bleiben?
Warum, um alles in der Welt, sollten wir Deutsche denn das wollen dürfen?
Oder sollen wir das jetzt wollen müssen?
Oder dürfen können?
Oder dürfen wollen?
Oder müssen sollen?

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 20. April 2005 um 05:45:02 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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