Haushaltsdebatte

1. März 2005 05:45

Mein lieber Freund!

Als ich früher (das ist schon lange her) noch in die Schule ging, da hatten die Jungs „Werken“ und die Mädchen „Haushaltskunde“. Jetzt habe ich ein Mädchen gefunden, das damals offensichtlich den Unterricht geschwänzt hat, aber sich heute dennoch mit ihrem geballten Wissen über das „Haushalten“ an die breite Öffentlichkeit wagt.
Manche Familie hat nicht gelernt, einen Haushalt zu führen” schrieb das schon etwas in die Jahre geratene Mädchen zum Thema „Armut“ einer großen deutschen Zeitung für bestimmte Tage, und weiter: “Entscheidend ist, ob eine Familie es versteht, mit Geld gut umzugehen“.

Jetzt weiß ja jeder Mensch mit Internetanschluss, dass er mit einem Mausklick bei Wikipedia nachsehen kann, um welches Haushaltsproblem es sich bei „Armut“ handelt:
«Armut ist die unzureichende Mittelausstattung zur Befriedigung der lebenswichtigen Grundbedürfnisse. Sie ist häufig bestimmt durch ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze. Armut schränkt die Betroffenen in der freien Ausgestaltung ihres Lebens ein.»

Durch einfaches Weiterklicken kann man ebenfalls bei Wikipedia erfahren was denn „Einkommen“ ist:
«Einkommen bezeichnet einen wirtschaftlichen Sachverhalt. Als Einkommen wird der Reinvermögenszugang einer natürlichen Person oder eines Haushaltes im volkswirtschaflichen Sinne innerhalb eines bestimmten Zeitraums verstanden.»

Auch bei so schwierigen Dingen wie der „Armutsgrenze“ weiß Wikipedia Rat:
«Die Armutsgrenze ist eine Einkommensgrenze, unterhalb derer der Erwerb aller lebensnotwendigen Ressourcen nicht mehr möglich ist, also Armut vorliegt. Es ist nicht im Interesse einer Gesellschaft, dass ein großer Anteil ihrer Mitglieder unterhalb der Armutsgrenze leben und sich dadurch negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Die Prozentzahl unter der Armutsgrenze Lebender wird als Armutsquote bezeichnet

Diesen komplizierten wirtschaftlichen Zusammenhang erlaube ich mir umgangssprachlich wie folgt auszudrücken: „Ohne Einkommen kein Auskommen“ oder etwas salopper „ Ohne Moos nix los“.

Wieder bei Wikipedia kann man dann noch erfahren, wie es so mit der Armutsquote und der „Armut in der BRddr” ausschaut:
«Nach ersten Zahlen für den “Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht”, den die Bundesregierung spätestens im März 2005 vorlegen will, galten im Jahr 2003 13,5 Prozent der Bevölkerung als arm. 2002 waren es nach diesen Angaben noch 12,7 Prozent, 1998 12,1 Prozent. Mehr als ein Drittel der Armen sind allein Erziehende und ihre Kinder. 19 Prozent sind Paare mit mehr als drei Kindern. In der Regel liegt das sozio-kulturelle Existenzminimum, das durch die Sozialhilfe definiert wird, noch unter dieser Grenze.
Kinder und Jugendliche haben in Deutschland ein hohes Armutsrisiko. 15 Prozent der Kinder unter 15 Jahren und 19,1 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren sind betroffen. Die Zahl der Kinder in Deutschland, die von Sozialhilfe leben, stieg 2003 um 64 000 auf 1,08 Millionen und hat 2004/2005 1,45 Millionen erreicht.»

Dieser „Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung «soll dazu beitragen, die Diskussion über “Armut” und “Reichtum” zu versachlichen und zu enttabuisieren. Beide Begriffe entziehen sich aufgrund ihrer Vielschichtigkeit einer allgemeingültigen Definition. Sie stehen als Synonyme für den unteren bzw. oberen Rand der Wohlstandsverteilung.»
Genauso steht das auf den Internetseiten des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung.

Wenn ich das so lese, dann entsteht bei mir (vielleicht nicht nur bei mir) der Eindruck, dass Kinder offenbar ein hohes Armutsrisiko bedeuten. In diesem Sinne habe ich mich ja schon vor einigen Wochen zur Familienplanung geäußert und mich so ganz nebenher über die „Aktivitäten“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ausgekotzt. Damals habe ich die Familienministerium Renate Schmidt mit den forschen Worten zitieren dürfen, dass „Familienpolitik nicht ein weiches Weiberthema ist, sondern ein hartes Zukunftsthema“.
Jetzt hat sie die Öffentlichkeit mit einem weiteren Ergebnis ministerieller Hirntätigkeit überrascht. “Familien müssen das Sparen lernen“, schrieb die Ministerin in einem lesenswerten Beitrag der „Bild am Sonntag“:
«Die wachsende Armut in Deutschland ist nach Ansicht von Familienministerin Renate Schmidt (SPD) auch damit zu erklären, dass viele Familien nicht mit ihrem Einkommen haushalten können. “Armut hat nicht nur mit Geld zu tun”, schrieb Schmidt in einem Gastbeitrag der “Bild am Sonntag”. “Entscheidend ist, ob eine Familie es versteht, mit Geld gut umzugehen.”
“Manche Familie hat nicht gelernt, einen Haushalt zu führen”, schrieb die Ministerin. Sie verwies auf Schnellimbissketten, in denen “Kinder und Jugendliche in Scharen für Hamburger und Pommes anstehen”. Solch ein Mittagessen sei “nicht nur weniger gesund, sondern auch erheblich teurer als ein Eintopf mit Saisongemüse”. “Diese Mahlzeit läßt sich sogar für mehrere Tage im Voraus kochen.”
Die Ministerin forderte deshalb neben der Schuldnerberatung verstärkt auch Haushaltskurse für betroffene Familien, denn dies habe eine doppelte Wirkung: “Wenn Eltern mit ihrem Geld wirtschaften lernen, lernen die Kinder den Umgang mit Geld gleich mit.”»

Dieser Artikel ist in mehrfacher Hinsicht hoch interessant, denn wie der aufmerksame Leser (sofort) bemerkt, ergibt sich aus ministerieller Sicht eine Kette kausaler Zusammenhänge mit weitreichenden wirtschaftlichen Folgen:

  1. Armut entsteht nicht durch zu wenig Einkommen und falsche Wohlstandsverteilung, sondern durch falsches Haushalten, d.h. durch falschen Umgang mit nicht vorhandenem Einkommen.
  2. Erwerb und Verzehr von Hamburgern, Pommes und Mayo sind mitverantwortlich für den sozialen Abstieg und sollten daher „besserverdienenden“ Konsumenten vorbehalten bleiben.
  3. Fehlendes Einkommen und der damit verbundene „Kohldampf“ lässt sich vortrefflich durch vorgekochten Gemüseeintopf kompensieren.
  4. Menschen mit unzureichende Mittelausstattung zur Befriedigung der lebenswichtigen Grundbedürfnisse wirken sich negativ auf das Wirtschaftswachstum aus und tragen daher die Verantwortung für das Ausbleiben des von der Bundesregierung angekündigten Aufschwungs.

Armut hat nicht nur mit Geld zu tun“, schrieb die Ministerin gerade noch rechtzeitig vor der für März 2005 angekündigten Veröffentlichung des Armutsberichts der Bundesregierung
Und wo sie Recht hat, hat sie Recht, denn manche Menschen sind auch arm an Geist.
Und daran kann offensichtlich sogar ein gutes Ministergehalt in Höhe von ca. 14.000 Euro im Monat nichts ändern

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 1. März 2005 um 05:45:14 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Als ich früher (das ist schon lange her) noch in die Schule ging, da hatten die Jungs „Werken“ und die Mädchen „Haushaltskunde“. Jetzt habe ich ein Mädchen gefunden, das damals offensichtlich den Unterricht geschwänzt hat, aber sich heute dennoch mit ihrem geballten Wissen über das „Haushalten“ an die breite Öffentlichkeit wagt.
Manche Familie hat nicht gelernt, einen Haushalt zu führen” schrieb das schon etwas in die Jahre geratene Mädchen zum Thema „Armut“ einer großen deutschen Zeitung für bestimmte Tage, und weiter: “Entscheidend ist, ob eine Familie es versteht, mit Geld gut umzugehen“.

Jetzt weiß ja jeder Mensch mit Internetanschluss, dass er mit einem Mausklick bei Wikipedia nachsehen kann, um welches Haushaltsproblem es sich bei „Armut“ handelt:
«Armut ist die unzureichende Mittelausstattung zur Befriedigung der lebenswichtigen Grundbedürfnisse. Sie ist häufig bestimmt durch ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze. Armut schränkt die Betroffenen in der freien Ausgestaltung ihres Lebens ein.»

Durch einfaches Weiterklicken kann man ebenfalls bei Wikipedia erfahren was denn „Einkommen“ ist:
«Einkommen bezeichnet einen wirtschaftlichen Sachverhalt. Als Einkommen wird der Reinvermögenszugang einer natürlichen Person oder eines Haushaltes im volkswirtschaflichen Sinne innerhalb eines bestimmten Zeitraums verstanden.»

Auch bei so schwierigen Dingen wie der „Armutsgrenze“ weiß Wikipedia Rat:
«Die Armutsgrenze ist eine Einkommensgrenze, unterhalb derer der Erwerb aller lebensnotwendigen Ressourcen nicht mehr möglich ist, also Armut vorliegt. Es ist nicht im Interesse einer Gesellschaft, dass ein großer Anteil ihrer Mitglieder unterhalb der Armutsgrenze leben und sich dadurch negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Die Prozentzahl unter der Armutsgrenze Lebender wird als Armutsquote bezeichnet

Diesen komplizierten wirtschaftlichen Zusammenhang erlaube ich mir umgangssprachlich wie folgt auszudrücken: „Ohne Einkommen kein Auskommen“ oder etwas salopper „ Ohne Moos nix los“.

Wieder bei Wikipedia kann man dann noch erfahren, wie es so mit der Armutsquote und der „Armut in der BRddr” ausschaut:
«Nach ersten Zahlen für den “Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht”, den die Bundesregierung spätestens im März 2005 vorlegen will, galten im Jahr 2003 13,5 Prozent der Bevölkerung als arm. 2002 waren es nach diesen Angaben noch 12,7 Prozent, 1998 12,1 Prozent. Mehr als ein Drittel der Armen sind allein Erziehende und ihre Kinder. 19 Prozent sind Paare mit mehr als drei Kindern. In der Regel liegt das sozio-kulturelle Existenzminimum, das durch die Sozialhilfe definiert wird, noch unter dieser Grenze.
Kinder und Jugendliche haben in Deutschland ein hohes Armutsrisiko. 15 Prozent der Kinder unter 15 Jahren und 19,1 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren sind betroffen. Die Zahl der Kinder in Deutschland, die von Sozialhilfe leben, stieg 2003 um 64 000 auf 1,08 Millionen und hat 2004/2005 1,45 Millionen erreicht.»

Dieser „Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung «soll dazu beitragen, die Diskussion über “Armut” und “Reichtum” zu versachlichen und zu enttabuisieren. Beide Begriffe entziehen sich aufgrund ihrer Vielschichtigkeit einer allgemeingültigen Definition. Sie stehen als Synonyme für den unteren bzw. oberen Rand der Wohlstandsverteilung.»
Genauso steht das auf den Internetseiten des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung.

Wenn ich das so lese, dann entsteht bei mir (vielleicht nicht nur bei mir) der Eindruck, dass Kinder offenbar ein hohes Armutsrisiko bedeuten. In diesem Sinne habe ich mich ja schon vor einigen Wochen zur Familienplanung geäußert und mich so ganz nebenher über die „Aktivitäten“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ausgekotzt. Damals habe ich die Familienministerium Renate Schmidt mit den forschen Worten zitieren dürfen, dass „Familienpolitik nicht ein weiches Weiberthema ist, sondern ein hartes Zukunftsthema“.
Jetzt hat sie die Öffentlichkeit mit einem weiteren Ergebnis ministerieller Hirntätigkeit überrascht. “Familien müssen das Sparen lernen“, schrieb die Ministerin in einem lesenswerten Beitrag der „Bild am Sonntag“:
«Die wachsende Armut in Deutschland ist nach Ansicht von Familienministerin Renate Schmidt (SPD) auch damit zu erklären, dass viele Familien nicht mit ihrem Einkommen haushalten können. “Armut hat nicht nur mit Geld zu tun”, schrieb Schmidt in einem Gastbeitrag der “Bild am Sonntag”. “Entscheidend ist, ob eine Familie es versteht, mit Geld gut umzugehen.”
“Manche Familie hat nicht gelernt, einen Haushalt zu führen”, schrieb die Ministerin. Sie verwies auf Schnellimbissketten, in denen “Kinder und Jugendliche in Scharen für Hamburger und Pommes anstehen”. Solch ein Mittagessen sei “nicht nur weniger gesund, sondern auch erheblich teurer als ein Eintopf mit Saisongemüse”. “Diese Mahlzeit läßt sich sogar für mehrere Tage im Voraus kochen.”
Die Ministerin forderte deshalb neben der Schuldnerberatung verstärkt auch Haushaltskurse für betroffene Familien, denn dies habe eine doppelte Wirkung: “Wenn Eltern mit ihrem Geld wirtschaften lernen, lernen die Kinder den Umgang mit Geld gleich mit.”»

Dieser Artikel ist in mehrfacher Hinsicht hoch interessant, denn wie der aufmerksame Leser (sofort) bemerkt, ergibt sich aus ministerieller Sicht eine Kette kausaler Zusammenhänge mit weitreichenden wirtschaftlichen Folgen:

  1. Armut entsteht nicht durch zu wenig Einkommen und falsche Wohlstandsverteilung, sondern durch falsches Haushalten, d.h. durch falschen Umgang mit nicht vorhandenem Einkommen.
  2. Erwerb und Verzehr von Hamburgern, Pommes und Mayo sind mitverantwortlich für den sozialen Abstieg und sollten daher „besserverdienenden“ Konsumenten vorbehalten bleiben.
  3. Fehlendes Einkommen und der damit verbundene „Kohldampf“ lässt sich vortrefflich durch vorgekochten Gemüseeintopf kompensieren.
  4. Menschen mit unzureichende Mittelausstattung zur Befriedigung der lebenswichtigen Grundbedürfnisse wirken sich negativ auf das Wirtschaftswachstum aus und tragen daher die Verantwortung für das Ausbleiben des von der Bundesregierung angekündigten Aufschwungs.

Armut hat nicht nur mit Geld zu tun“, schrieb die Ministerin gerade noch rechtzeitig vor der für März 2005 angekündigten Veröffentlichung des Armutsberichts der Bundesregierung
Und wo sie Recht hat, hat sie Recht, denn manche Menschen sind auch arm an Geist.
Und daran kann offensichtlich sogar ein gutes Ministergehalt in Höhe von ca. 14.000 Euro im Monat nichts ändern

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