Teure Gesundheit

21. Februar 2005 05:45

Mein lieber Freund!

Jetzt streiten sie wieder!
Die Dienstleister, Gewerbetreibende und ihre Interessenverbände sehen (wieder einmal) keinen Spielraum für Kostensenkungen ohne Qualitätsverluste im Gesundheitswesen.
«Eine Sprecherin von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) betonte hingegen: “Wir teilen diese Auffassung nicht.” Das Ministerium sehe ein durchschnittliches Senkungspotenzial von 0,2 Prozentpunkten.» meldet die Berliner Zeitung

Das sind wohl die teuersten 0,2 Prozentpunkte, die es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland je gegeben hat. Denn eigentlich ist die seit Jahren angekündigte Senkung der Beitragsätze, die nun endlich ab Mitte des Jahres die Beitragszahler entlasten soll, schon da. Nur dass sie sich seit Januar 2005 als mogelverpackte Beitragserhöhung im Geldbeutel bemerkbar macht.

Unterstützung erfährt das Bundesgesundheitsministerium von den Krankenkassen, was auch nicht verwundert, war es ihnen doch durch die Gesundheitsreform möglich (Praxisgebühr und Medikamentenzuzahlungen) Milliarden an Mehreinnahmen zu verbuchen und ihre Schuldenstände abzubauen. Jetzt halten die Krankenkassen weitere(?) Beitragssenkungen für möglich, wenn „sich die Wirtschaft belebt und mehr Menschen eine Arbeit haben.“

Das hört sich fast so an wie Prognose, dass es an Ostern dicke Eier gibt, wenn dieses Jahr Weihnachten auf den Tag der Deutschen Einheit fällt. Wie sonst soll man die Aussage des AOK-Sprechers Udo Barske verstehen, der meint, dass „sich die Gesundheitsreform bereits positiv für die Beitragszahler ausgewirkt habe und der durchschnittliche Beitragssatz ja bereits gesunken sei. Aber viel wichtiger sei doch, dass sonst notwendige Beitragserhöhungen vermieden werden konnten.

Für mich ist immer wieder aufs Neue erstaunlich, wie sich die an der Provinzposse des deutschen Gesundheitssystems Beteiligten ihre eigene Rolle zurechtbasteln und einer wirklichen Veränderung des Systems im Wege stehen um ihre eigenen Pfründe zu bewahren.

Ich kann die Argumentation des Präsidenten der Ärztekammer Hoppe zwar nicht teilen, aber er hat sicher Recht, wenn er sagt „Die Politik definiert einfach die Ziele um und sagt, es sei schon ein Erfolg, dass der Beitragssatz nicht auf 15 Prozent gestiegen ist. Eine erfolgreiche Reform sieht anders aus“.
Dass Hoppe vor einem Systemwechsel warnt, ist klar wenn er befürchtet, dass danach weniger Geld für die Bezahlung ärztlicher Leistungen zur Verfügung steht. Statt dessen möchte er neue Geldquellen für das bestehende System erschließen und dabei „auch Miet- und Zinseinnahmen sollten berücksichtigen”.
Diese Idee löst bei mir spontane Zustimmung aus, wenn wir uns darauf verständigen können, dass im Gegenzug „Mietzahlungen der Versicherten und deren Kosten für gesunde Ernährung“ in vollem Umfang beitragsmindernde Berücksichtigung finden.

Da das Gesundheitssystem und seine Profiteure in der Vergangenheit ihre Unfähigkeit zur Reform wiederholt unter Beweis gestellt haben, scheint es nun angebracht, dieses System durch gezielten zivilen Ungehorsam der Beitragszahlers unter Druck zu setzen.
Am Besten geht das immer noch über Geld.
Verweigern wir doch einfach beim nächsten Arztbesuch die Zahlung der Praxisgebühr unter Hinweis auf unsere anhaltend schlechte Haushaltslage.

Was denken Sie, was die Krankenkassen machen können, wenn Millionen von Beitragszahlern die Zahlung dieser Gebühr verweigern?
a. Einzelne herausgreifen und Klage erheben?
b. Alle Zahlungsverweigerer verklagen?
c. nach dem Gesetzgeber rufen und/oder Beitragserhöhungen fordern?

Dass unser System marode ist und zum Missbrauch geradezu einlädt, weiß JEDER der sich mit diesem System etwas näher beschäftigt und auch einmal eine Arztrechnung zu Gesicht bekommen hat. Wenn Sie sehen was ein Arzt für Sie abrechnet, nachdem sie ihn wegen einer leichteren Erkrankung in seinen Praxisräumen konsultiert haben, dann gehen Sie ab dem nächsten Tag grußlos an ihm vorbei.
Fragen Sie ihren Arzt doch einfach mal nach einer Kopie seiner letzten Abrechnung und lauschen Sie seinen Ausflüchten, warum das angeblich nicht möglich oder gar verboten ist.

Sollten Sie einen Arzt haben, der Ihnen tatsächlich schwarz auf weiß mitteilt, was er für seine Dienstleistung an Ihnen an die Krankenkasse abgerechnet hat, dann werden Sie auf dieser Abrechnung die wunderlichsten Dinge finden. Das garantiere ich Ihnen.
So fand mein 83-jähriger Vater (Privatpatient) für die Behandlung einer Magen-Darm-Grippe und ihrer unerfreulichen Auswirkungen u.a. die Beratung in verschiedenen Lebenslagen auf seiner Rechnung. Darunter auch eine „Beratung nach Lungendurchschuss“.
Nein, ich werde jetzt nicht behaupten, dass mein Vater gar keinen Lungendurchschuss hat. Er hat tatsächlich einen. Einen, den er sich im Alter von 20 Jahren im Jahre 1942 auf dem Balkan zugezogen hat, als er mit der Deutschen Wehrmacht in fremde Länder reisen musste.
Es ist doch richtig nett von dem Herrn Doktor, dass er jetzt, mehr als 60 Jahre später, diese alte beschwerdefreie Kriegverletzung in bares Geld umsetzen kann. Bei einem pflichtversicherten Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse hätte das kein Mensch bemerkt oder gar die Zahlung verweigert.
Das ist das eigentliche Problem unseres kranken Gesundheitssystems. Leistungen, die nicht erforderlich bzw. nicht erwünscht waren oder nicht erbracht wurden auf einfach Art und Weise am Leistungsempfänger vorbei in Geld ummünzen zu können.
Von den Personen, die sich unberechtigt Leistungen erschleichen, wollen wir erst gar nicht reden.
Und glauben Sie nur nicht, dass das „bedauerliche“ Einzelfälle sind, wie man immer wieder in den Dementis der Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen lesen kann.
Wie sonst erklären sich steigende Kosten im Gesundheitswesen bei gleichzeitig geringeren Krankenständen. Doch nur durch höhere Kosten pro Krankheitsfall.

Äußerst interessant ist in diesem Zusammenhang auch was der Präsident der Ärztekammer Hoppe dem Focus in die Feder geplaudert hat: „Patienten werden abgezockt
und das Interview unter dem Titel „Die Zitrone ist längst ausgepresst“ das in der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde. und das mit dem Satz endet:„Das Geld ist der Mittelpunkt des Gesundheitswesens. Wir tanzen um das goldene Kalb. So will es die Politik. Und ich befürchte, die Patienten haben das Ausmaß dieser Entwicklung noch gar nicht begriffen.

Solange der Beitragszahler und Versicherte in diesem System nicht die Bedeutung bekommt, die ihm zusteht und er als Auftraggeber und Kunde des Arztes ist, auch eine wirkliche Kontrollfunktion ausüben kann, wird sich an dem Selbstbedienungssystem des „Goldenen Kalbs“ mit dem sich einige Damen und Herren einen “goldenen Arsch” verdienen, sicher nichts ändern.
Vielleicht muss der Beitragszahler dazu erst 3000 Funktionäre und Interessenvertreter des Goldenen Kalbs erschlagen.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 21. Februar 2005 um 05:45:03 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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21. Februar 2005 05:45

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Jetzt streiten sie wieder!
Die Dienstleister, Gewerbetreibende und ihre Interessenverbände sehen (wieder einmal) keinen Spielraum für Kostensenkungen ohne Qualitätsverluste im Gesundheitswesen.
«Eine Sprecherin von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) betonte hingegen: “Wir teilen diese Auffassung nicht.” Das Ministerium sehe ein durchschnittliches Senkungspotenzial von 0,2 Prozentpunkten.» meldet die Berliner Zeitung

Das sind wohl die teuersten 0,2 Prozentpunkte, die es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland je gegeben hat. Denn eigentlich ist die seit Jahren angekündigte Senkung der Beitragsätze, die nun endlich ab Mitte des Jahres die Beitragszahler entlasten soll, schon da. Nur dass sie sich seit Januar 2005 als mogelverpackte Beitragserhöhung im Geldbeutel bemerkbar macht.

Unterstützung erfährt das Bundesgesundheitsministerium von den Krankenkassen, was auch nicht verwundert, war es ihnen doch durch die Gesundheitsreform möglich (Praxisgebühr und Medikamentenzuzahlungen) Milliarden an Mehreinnahmen zu verbuchen und ihre Schuldenstände abzubauen. Jetzt halten die Krankenkassen weitere(?) Beitragssenkungen für möglich, wenn „sich die Wirtschaft belebt und mehr Menschen eine Arbeit haben.“

Das hört sich fast so an wie Prognose, dass es an Ostern dicke Eier gibt, wenn dieses Jahr Weihnachten auf den Tag der Deutschen Einheit fällt. Wie sonst soll man die Aussage des AOK-Sprechers Udo Barske verstehen, der meint, dass „sich die Gesundheitsreform bereits positiv für die Beitragszahler ausgewirkt habe und der durchschnittliche Beitragssatz ja bereits gesunken sei. Aber viel wichtiger sei doch, dass sonst notwendige Beitragserhöhungen vermieden werden konnten.

Für mich ist immer wieder aufs Neue erstaunlich, wie sich die an der Provinzposse des deutschen Gesundheitssystems Beteiligten ihre eigene Rolle zurechtbasteln und einer wirklichen Veränderung des Systems im Wege stehen um ihre eigenen Pfründe zu bewahren.

Ich kann die Argumentation des Präsidenten der Ärztekammer Hoppe zwar nicht teilen, aber er hat sicher Recht, wenn er sagt „Die Politik definiert einfach die Ziele um und sagt, es sei schon ein Erfolg, dass der Beitragssatz nicht auf 15 Prozent gestiegen ist. Eine erfolgreiche Reform sieht anders aus“.
Dass Hoppe vor einem Systemwechsel warnt, ist klar wenn er befürchtet, dass danach weniger Geld für die Bezahlung ärztlicher Leistungen zur Verfügung steht. Statt dessen möchte er neue Geldquellen für das bestehende System erschließen und dabei „auch Miet- und Zinseinnahmen sollten berücksichtigen”.
Diese Idee löst bei mir spontane Zustimmung aus, wenn wir uns darauf verständigen können, dass im Gegenzug „Mietzahlungen der Versicherten und deren Kosten für gesunde Ernährung“ in vollem Umfang beitragsmindernde Berücksichtigung finden.

Da das Gesundheitssystem und seine Profiteure in der Vergangenheit ihre Unfähigkeit zur Reform wiederholt unter Beweis gestellt haben, scheint es nun angebracht, dieses System durch gezielten zivilen Ungehorsam der Beitragszahlers unter Druck zu setzen.
Am Besten geht das immer noch über Geld.
Verweigern wir doch einfach beim nächsten Arztbesuch die Zahlung der Praxisgebühr unter Hinweis auf unsere anhaltend schlechte Haushaltslage.

Was denken Sie, was die Krankenkassen machen können, wenn Millionen von Beitragszahlern die Zahlung dieser Gebühr verweigern?
a. Einzelne herausgreifen und Klage erheben?
b. Alle Zahlungsverweigerer verklagen?
c. nach dem Gesetzgeber rufen und/oder Beitragserhöhungen fordern?

Dass unser System marode ist und zum Missbrauch geradezu einlädt, weiß JEDER der sich mit diesem System etwas näher beschäftigt und auch einmal eine Arztrechnung zu Gesicht bekommen hat. Wenn Sie sehen was ein Arzt für Sie abrechnet, nachdem sie ihn wegen einer leichteren Erkrankung in seinen Praxisräumen konsultiert haben, dann gehen Sie ab dem nächsten Tag grußlos an ihm vorbei.
Fragen Sie ihren Arzt doch einfach mal nach einer Kopie seiner letzten Abrechnung und lauschen Sie seinen Ausflüchten, warum das angeblich nicht möglich oder gar verboten ist.

Sollten Sie einen Arzt haben, der Ihnen tatsächlich schwarz auf weiß mitteilt, was er für seine Dienstleistung an Ihnen an die Krankenkasse abgerechnet hat, dann werden Sie auf dieser Abrechnung die wunderlichsten Dinge finden. Das garantiere ich Ihnen.
So fand mein 83-jähriger Vater (Privatpatient) für die Behandlung einer Magen-Darm-Grippe und ihrer unerfreulichen Auswirkungen u.a. die Beratung in verschiedenen Lebenslagen auf seiner Rechnung. Darunter auch eine „Beratung nach Lungendurchschuss“.
Nein, ich werde jetzt nicht behaupten, dass mein Vater gar keinen Lungendurchschuss hat. Er hat tatsächlich einen. Einen, den er sich im Alter von 20 Jahren im Jahre 1942 auf dem Balkan zugezogen hat, als er mit der Deutschen Wehrmacht in fremde Länder reisen musste.
Es ist doch richtig nett von dem Herrn Doktor, dass er jetzt, mehr als 60 Jahre später, diese alte beschwerdefreie Kriegverletzung in bares Geld umsetzen kann. Bei einem pflichtversicherten Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse hätte das kein Mensch bemerkt oder gar die Zahlung verweigert.
Das ist das eigentliche Problem unseres kranken Gesundheitssystems. Leistungen, die nicht erforderlich bzw. nicht erwünscht waren oder nicht erbracht wurden auf einfach Art und Weise am Leistungsempfänger vorbei in Geld ummünzen zu können.
Von den Personen, die sich unberechtigt Leistungen erschleichen, wollen wir erst gar nicht reden.
Und glauben Sie nur nicht, dass das „bedauerliche“ Einzelfälle sind, wie man immer wieder in den Dementis der Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen lesen kann.
Wie sonst erklären sich steigende Kosten im Gesundheitswesen bei gleichzeitig geringeren Krankenständen. Doch nur durch höhere Kosten pro Krankheitsfall.

Äußerst interessant ist in diesem Zusammenhang auch was der Präsident der Ärztekammer Hoppe dem Focus in die Feder geplaudert hat: „Patienten werden abgezockt
und das Interview unter dem Titel „Die Zitrone ist längst ausgepresst“ das in der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde. und das mit dem Satz endet:„Das Geld ist der Mittelpunkt des Gesundheitswesens. Wir tanzen um das goldene Kalb. So will es die Politik. Und ich befürchte, die Patienten haben das Ausmaß dieser Entwicklung noch gar nicht begriffen.

Solange der Beitragszahler und Versicherte in diesem System nicht die Bedeutung bekommt, die ihm zusteht und er als Auftraggeber und Kunde des Arztes ist, auch eine wirkliche Kontrollfunktion ausüben kann, wird sich an dem Selbstbedienungssystem des „Goldenen Kalbs“ mit dem sich einige Damen und Herren einen “goldenen Arsch” verdienen, sicher nichts ändern.
Vielleicht muss der Beitragszahler dazu erst 3000 Funktionäre und Interessenvertreter des Goldenen Kalbs erschlagen.

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