Extremer Realitätsverlust

9. Februar 2005 05:45

Mein lieber Freund!

Eigentlich hatte ich gedacht, dass es nach einer zweiwöchigen Auszeit und entsprechendem informationstechnologischem Abstand zum Tagesgeschehen in der BRddr einige Zeit benötigen würde um den Hals wieder voll zu bekommen.
Aber es hat noch nicht einmal 24 Stunden gedauert, da habe ich schon wieder diesen politische Würg- und Brechreiz im Rachen und könnte mehrfach am Tage die Schüssel umarmen.

Jetzt seiern und sabbern sie wieder aus vollem Munde, unsere Herren Politiker. Lippen die noch bei dem Thema „Nebeneinkünfte“ fest geschlossen blieben, auf bohrende Fragen meist nur mit seichten Kommentare antworteten und allenfalls von einem „möglicherweise und erst noch prüfenswerten Korrekturbedarf“ sprachen, spucken plötzlich Gift und Galle und fordern gar juristische Sofortmaßnahmen.
Auslöser war wohl Ede Stoiber, der am Wochenende erklärt hatte, dass die verfehlte Arbeitmarktpolitik eine Mitschuld am Erfolg der rechtsextremen Parteien habe. In die gleiche Kerbe hieb am Montag dann Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, der meinte, “dass die Regierung Schröder „reihenweise Versprechen gebrochen und damit das Vertrauen in die Politik untergraben hat. Dies treibe Wähler in die Arme von NPD und PDS“. Schönbohm betonte weiter: „Wer Massenarbeitslosigkeit verharmlost, stärkt die Nazis. Fünf Millionen Arbeitslose seien fünf Millionen Schicksale, die irgendwann auch politisch spürbar werden“.

Zwischenzeitlich hat wohl fast jeder Politiker der in der Sache zwar keine eigene Meinung hat, aber dennoch etwas zu sagen glaubt, den Medien etwas zum Besten gegeben. Wer sich noch dafür interessiert, was sich Politiker so denken, wenn es mal nicht um ihre eigenen Vorteile geht, darf das gerne in den Medien nachlesen. Aus meiner Sicht sind da einige ganz lustige Sachen darunter, die mir eher wie aus dem Zusammenhang gerissene Teile von Büttenreden anlässlich der „tollen Tage“ vorkommen.

Der Bundesgerd hat sich bisher (vermutlich wohlweislich) nicht zu diesem Thema geäußert. Aber heute, bei seinem Besuch in Weisswasser (Bundesland Sachsen, BRddr), hat er sein Schweigen gebrochen und Ede Stoiber als einen Mann bezeichnet, „der nicht ganz damit fertiggeworden sei, dass er die Bedeutung, die er sich für sich selber auf internationaler und nationaler Ebene vorstellt, wohl nicht mehr erhalten werde und zudem unter Realitätsverlust leide. Außerdem bestehe, wie man am Beispiel Weisswasser (Arbeitslosenquote >20% und keine Rechtsradikalen im Stadtrat) leicht erkennen könne, kein Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus. Schließlich hätten 90% der Wähler den Neonazis eine Abfuhr erteilt.“.

Und jetzt verstehe ich eigentlich nicht warum die anderen Politiker sich alle gegenseitig so angiften. Denn dann ist es ja gar nicht weiter schlimm, wenn, wie von Superwolli Clement in der ARD eingeräumt wird, „mit der aktuellen Rekordarbeitslosigkeit von gut fünf Millionen die Spitze noch nicht erreicht sei. Die Zahl werde im Februar noch drastisch ansteigen.“

Aber vielleicht ist doch was dran an dem, was der Ökonom Gustav A. Horn der Berliner Zeitung u.a. in die Feder plaudert: «Wenn die Menschen einen Verlust an sozialer Sicherung erleiden, dann ist ein Effekt, dass manche sich scheinbar leicht realisierbaren, radikalen Lösungen zuwenden. Und zweifellos gibt es in Deutschland heute eine Verunsicherung der Menschen, insofern muss man Sozialreformen sehr behutsam angehen. Soziale Sicherung ist ein sehr delikates Gut, dass auch ausstrahlt auf die politische Stabilität.»

Können Sie noch erinnern, wie hoch die Wahlbeteiligung bei der letzten Bundestagswahl war?
Wenn ich mich nicht irre waren das damals noch knapp über 50%, Tendenz vermutlich weiter fallend.
Jetzt stellen Sie sich doch einfach nur mal vor, was passiert, wenn sich ein Teil dieser Nichtwähler mit einem Teil der Menschen, die an einem „Verlust der sozialen Sicherung“ leiden und den 10% NPD-Wählern aus Sachsen zusammen tun.
Das wäre doch bei diesen Bürgern, zumindest aus der Sicht unserer rot-grün-schwarz-gelben Politiker, ein „extremer Realitätsverlust“.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 9. Februar 2005 um 05:45:59 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Extremer Realitätsverlust

9. Februar 2005 05:45

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Eigentlich hatte ich gedacht, dass es nach einer zweiwöchigen Auszeit und entsprechendem informationstechnologischem Abstand zum Tagesgeschehen in der BRddr einige Zeit benötigen würde um den Hals wieder voll zu bekommen.
Aber es hat noch nicht einmal 24 Stunden gedauert, da habe ich schon wieder diesen politische Würg- und Brechreiz im Rachen und könnte mehrfach am Tage die Schüssel umarmen.

Jetzt seiern und sabbern sie wieder aus vollem Munde, unsere Herren Politiker. Lippen die noch bei dem Thema „Nebeneinkünfte“ fest geschlossen blieben, auf bohrende Fragen meist nur mit seichten Kommentare antworteten und allenfalls von einem „möglicherweise und erst noch prüfenswerten Korrekturbedarf“ sprachen, spucken plötzlich Gift und Galle und fordern gar juristische Sofortmaßnahmen.
Auslöser war wohl Ede Stoiber, der am Wochenende erklärt hatte, dass die verfehlte Arbeitmarktpolitik eine Mitschuld am Erfolg der rechtsextremen Parteien habe. In die gleiche Kerbe hieb am Montag dann Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, der meinte, “dass die Regierung Schröder „reihenweise Versprechen gebrochen und damit das Vertrauen in die Politik untergraben hat. Dies treibe Wähler in die Arme von NPD und PDS“. Schönbohm betonte weiter: „Wer Massenarbeitslosigkeit verharmlost, stärkt die Nazis. Fünf Millionen Arbeitslose seien fünf Millionen Schicksale, die irgendwann auch politisch spürbar werden“.

Zwischenzeitlich hat wohl fast jeder Politiker der in der Sache zwar keine eigene Meinung hat, aber dennoch etwas zu sagen glaubt, den Medien etwas zum Besten gegeben. Wer sich noch dafür interessiert, was sich Politiker so denken, wenn es mal nicht um ihre eigenen Vorteile geht, darf das gerne in den Medien nachlesen. Aus meiner Sicht sind da einige ganz lustige Sachen darunter, die mir eher wie aus dem Zusammenhang gerissene Teile von Büttenreden anlässlich der „tollen Tage“ vorkommen.

Der Bundesgerd hat sich bisher (vermutlich wohlweislich) nicht zu diesem Thema geäußert. Aber heute, bei seinem Besuch in Weisswasser (Bundesland Sachsen, BRddr), hat er sein Schweigen gebrochen und Ede Stoiber als einen Mann bezeichnet, „der nicht ganz damit fertiggeworden sei, dass er die Bedeutung, die er sich für sich selber auf internationaler und nationaler Ebene vorstellt, wohl nicht mehr erhalten werde und zudem unter Realitätsverlust leide. Außerdem bestehe, wie man am Beispiel Weisswasser (Arbeitslosenquote >20% und keine Rechtsradikalen im Stadtrat) leicht erkennen könne, kein Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus. Schließlich hätten 90% der Wähler den Neonazis eine Abfuhr erteilt.“.

Und jetzt verstehe ich eigentlich nicht warum die anderen Politiker sich alle gegenseitig so angiften. Denn dann ist es ja gar nicht weiter schlimm, wenn, wie von Superwolli Clement in der ARD eingeräumt wird, „mit der aktuellen Rekordarbeitslosigkeit von gut fünf Millionen die Spitze noch nicht erreicht sei. Die Zahl werde im Februar noch drastisch ansteigen.“

Aber vielleicht ist doch was dran an dem, was der Ökonom Gustav A. Horn der Berliner Zeitung u.a. in die Feder plaudert: «Wenn die Menschen einen Verlust an sozialer Sicherung erleiden, dann ist ein Effekt, dass manche sich scheinbar leicht realisierbaren, radikalen Lösungen zuwenden. Und zweifellos gibt es in Deutschland heute eine Verunsicherung der Menschen, insofern muss man Sozialreformen sehr behutsam angehen. Soziale Sicherung ist ein sehr delikates Gut, dass auch ausstrahlt auf die politische Stabilität.»

Können Sie noch erinnern, wie hoch die Wahlbeteiligung bei der letzten Bundestagswahl war?
Wenn ich mich nicht irre waren das damals noch knapp über 50%, Tendenz vermutlich weiter fallend.
Jetzt stellen Sie sich doch einfach nur mal vor, was passiert, wenn sich ein Teil dieser Nichtwähler mit einem Teil der Menschen, die an einem „Verlust der sozialen Sicherung“ leiden und den 10% NPD-Wählern aus Sachsen zusammen tun.
Das wäre doch bei diesen Bürgern, zumindest aus der Sicht unserer rot-grün-schwarz-gelben Politiker, ein „extremer Realitätsverlust“.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 9. Februar 2005 um 05:45:59 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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