Zuwanderung

29. Dezember 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Irgendwie bin ich heute von der Muse geküsst!
Mir geht ein Liedtext der Schweizer Gruppe „Rumpelstilz“ nicht mehr aus der angejährten Hirnrinde. Das muss schon so an die dreißig Jahre her sein, als die Jungs zu einer flotten Melodie und in schwyzerdütschem Dialekt das Lied vom Kiosk sangen und damit kurzzeitig sogar in den deutschen Charts waren:

Also, er sammle für ‘nen guten Zweck,
sagt der Fritz, der vor mir steht.
Dabei muß ich selber sammeln,
wenn das so weitergeht.
Alle wollen was von mir,
das Finanzamt sowieso.
Und an dieser Melkmaschine geht die
stärkste Kuh k.o. Später heißt’s in meiner Kneipe:
Du, zahl’ mir noch ‘n Bier.
Aber ich bin völlig abgebrannt,
ich kann doch nichts dafür.
Und da kommt schon wieder einer:
Hast ‘ne Zigarette, Mann?
Ich geb’ ihm meine letzte und ich zünd’
sie auch noch an.
Leute, bin ich denn ein Kiosk?
Oder bin ich etwa ‘ne Bank?
Oder seh’ ich aus wie ein Hotel?
Oder wie ‘n Kassenschrank?
Ja, da kommt so’n wilder Hippie mit
geflicktem Hosenbein.
Und fragt mich überfreundlich:
Kannst du mir ‘nen Fünfer leih’n?
Kaum zehn Meter weiter, da quatscht
mich jemand an:
Er hätte grad kein Kleingeld für die
Fahrt mit der Straßenbahn.
Ich schieb mir einen Lolli rein und
ein Mädchen lächelt nett.
Ihre Wimpern klimpern, und sie fragt,
ob ich noch einen hätt’.
Sie könnte nirgends schlafen und
wollte mit zu mir.
Doch hat man mir gekündigt, ich steh’
selber vor der Tür.
©1977 by Edition Taurus, Hamburg

Auch wenn sich in den letzten 30 Jahren in unserer Republik einiges geändert hat, so passt der Song doch heute wieder, wie die Faust auf Nachbars Auge.
Und zum 1. Januar 2005 wird sich noch mehr ändern, denn es häufen sich die Gerüchte, dass es um die Zukunft unserer Republik nicht zum Besten gestellt ist.
An allen Ecken und Enden wird über die wirtschaftliche und politische Situation unserer Republik gemurrt, geschimpft und geflucht.
Dabei reichen die Kommentare von schierer Verzweiflung, über sachlich konstruktive Kritik bis zu reinem Hohn und Spott, kann man doch die Erfolge unserer Regierung an den steigenden Arbeitslosenzahlen und Menschen in Armut ablesen.

In der TAZ, stand jetzt zu lesen, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland sich darüber mokiert, «dass er über die neuen Zuwanderungsregelungen für Juden aus den GUS-Staaten erst wenige Tage vor der Sitzung der Ministerpräsidenten informiert wurde. Nach Auskunft des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer protestiert der Zentralrat offiziell gegen mehrere dieser geplanten neuen Regeln.»
Dazu gehören:

  1. Haben sie eine Bescheinigung einer jüdischen Gemeinde in Deutschland, dass eine Aufnahme in die Gemeinde möglich sei?
  2. Verfügen sie über Grundkenntnisse im Deutschen?
  3. Können sie, etwa anhand eines alten sowjetischen Passe, eine jüdische Herkunft nachweisen?
  4. Bieten sie eine ausreichende Gewähr dafür, nach Einwanderung in Deutschland nicht von Sozialhilfe abhängig zu sein

Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sind seit Anfang der Neunzigerjahre fast 200.000 Juden aus den GUS-Staaten nach Deutschland eingewandert. Im Jahre 2004 waren es knapp 10.000.
Wie schreibt die TAZ:
«Die Zuwanderung der Juden hat zu einer Renaissance des jüdischen Lebens in Deutschland geführt. Noch Anfang der Achtzigerjahre drohten die jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik, langsam auszusterben. Eine neue Blüte erlebten sie in den vergangenen Jahren durch die “Russen”, wie die Zuwanderer in den Gemeinden häufig genannt werden. Allerdings sind etwa 85 Prozent der jüdischen Zuwanderer aus der GUS in der Bundesrepublik dauerhaft von Sozialhilfe abhängig
«Die Bundesrepublik muss jährlich schätzungsweise 1,8 Milliarden Euro aufbringen, um die inzwischen rund 197 000 Juden aus Osteuropa zu unterstützen.» schreibt die Berliner Zeitung in ihrem Tagesthema zum 21.12.2004

Und jetzt gehen mir zwei Dinge im Kopf rum.
Einmal, warum man den Zentralrat der Juden in Deutschland vorher darüber informieren muss, was die Ministerpräsidenten der Länder wohl beschließen könnten. Denn soweit ich in der Schule gelernt habe, gehört der Zentralrat der Juden in Deutschland NOCH nicht zu den staatlichen Organen dieser Republik, die NOCH DEUTSCHland heißen darf.
Man wird es den Millionen von Arbeitslosen, die nach dem Verlust des Arbeitsplatzes über die Stufen unserer sozialen Sicherungssysteme nach unten durchgereicht wurden und ab 1. Januar 2005 bei ALG II auf dem Sozialhilfeniveau angekommen sind, schwer erklären können, warum dieses doch so arme, arme Land auch noch zusätzlich „dauerhafte Sozialhilfeempfänger“ importiert.

Und zum anderen geht mir dieses Schweizer Lied vom Kiosk nicht mehr aus dem Sinn:
Leute sind wir denn ein Hotel?
Oder sind wir etwa ne Bank?
Oder sehn wir aus wie ein Kiosk?
Oder wie ein Kassenschrank?

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 29. Dezember 2004 um 05:45:19 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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29. Dezember 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Irgendwie bin ich heute von der Muse geküsst!
Mir geht ein Liedtext der Schweizer Gruppe „Rumpelstilz“ nicht mehr aus der angejährten Hirnrinde. Das muss schon so an die dreißig Jahre her sein, als die Jungs zu einer flotten Melodie und in schwyzerdütschem Dialekt das Lied vom Kiosk sangen und damit kurzzeitig sogar in den deutschen Charts waren:

Also, er sammle für ‘nen guten Zweck,
sagt der Fritz, der vor mir steht.
Dabei muß ich selber sammeln,
wenn das so weitergeht.
Alle wollen was von mir,
das Finanzamt sowieso.
Und an dieser Melkmaschine geht die
stärkste Kuh k.o. Später heißt’s in meiner Kneipe:
Du, zahl’ mir noch ‘n Bier.
Aber ich bin völlig abgebrannt,
ich kann doch nichts dafür.
Und da kommt schon wieder einer:
Hast ‘ne Zigarette, Mann?
Ich geb’ ihm meine letzte und ich zünd’
sie auch noch an.
Leute, bin ich denn ein Kiosk?
Oder bin ich etwa ‘ne Bank?
Oder seh’ ich aus wie ein Hotel?
Oder wie ‘n Kassenschrank?
Ja, da kommt so’n wilder Hippie mit
geflicktem Hosenbein.
Und fragt mich überfreundlich:
Kannst du mir ‘nen Fünfer leih’n?
Kaum zehn Meter weiter, da quatscht
mich jemand an:
Er hätte grad kein Kleingeld für die
Fahrt mit der Straßenbahn.
Ich schieb mir einen Lolli rein und
ein Mädchen lächelt nett.
Ihre Wimpern klimpern, und sie fragt,
ob ich noch einen hätt’.
Sie könnte nirgends schlafen und
wollte mit zu mir.
Doch hat man mir gekündigt, ich steh’
selber vor der Tür.
©1977 by Edition Taurus, Hamburg

Auch wenn sich in den letzten 30 Jahren in unserer Republik einiges geändert hat, so passt der Song doch heute wieder, wie die Faust auf Nachbars Auge.
Und zum 1. Januar 2005 wird sich noch mehr ändern, denn es häufen sich die Gerüchte, dass es um die Zukunft unserer Republik nicht zum Besten gestellt ist.
An allen Ecken und Enden wird über die wirtschaftliche und politische Situation unserer Republik gemurrt, geschimpft und geflucht.
Dabei reichen die Kommentare von schierer Verzweiflung, über sachlich konstruktive Kritik bis zu reinem Hohn und Spott, kann man doch die Erfolge unserer Regierung an den steigenden Arbeitslosenzahlen und Menschen in Armut ablesen.

In der TAZ, stand jetzt zu lesen, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland sich darüber mokiert, «dass er über die neuen Zuwanderungsregelungen für Juden aus den GUS-Staaten erst wenige Tage vor der Sitzung der Ministerpräsidenten informiert wurde. Nach Auskunft des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer protestiert der Zentralrat offiziell gegen mehrere dieser geplanten neuen Regeln.»
Dazu gehören:

  1. Haben sie eine Bescheinigung einer jüdischen Gemeinde in Deutschland, dass eine Aufnahme in die Gemeinde möglich sei?
  2. Verfügen sie über Grundkenntnisse im Deutschen?
  3. Können sie, etwa anhand eines alten sowjetischen Passe, eine jüdische Herkunft nachweisen?
  4. Bieten sie eine ausreichende Gewähr dafür, nach Einwanderung in Deutschland nicht von Sozialhilfe abhängig zu sein

Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sind seit Anfang der Neunzigerjahre fast 200.000 Juden aus den GUS-Staaten nach Deutschland eingewandert. Im Jahre 2004 waren es knapp 10.000.
Wie schreibt die TAZ:
«Die Zuwanderung der Juden hat zu einer Renaissance des jüdischen Lebens in Deutschland geführt. Noch Anfang der Achtzigerjahre drohten die jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik, langsam auszusterben. Eine neue Blüte erlebten sie in den vergangenen Jahren durch die “Russen”, wie die Zuwanderer in den Gemeinden häufig genannt werden. Allerdings sind etwa 85 Prozent der jüdischen Zuwanderer aus der GUS in der Bundesrepublik dauerhaft von Sozialhilfe abhängig
«Die Bundesrepublik muss jährlich schätzungsweise 1,8 Milliarden Euro aufbringen, um die inzwischen rund 197 000 Juden aus Osteuropa zu unterstützen.» schreibt die Berliner Zeitung in ihrem Tagesthema zum 21.12.2004

Und jetzt gehen mir zwei Dinge im Kopf rum.
Einmal, warum man den Zentralrat der Juden in Deutschland vorher darüber informieren muss, was die Ministerpräsidenten der Länder wohl beschließen könnten. Denn soweit ich in der Schule gelernt habe, gehört der Zentralrat der Juden in Deutschland NOCH nicht zu den staatlichen Organen dieser Republik, die NOCH DEUTSCHland heißen darf.
Man wird es den Millionen von Arbeitslosen, die nach dem Verlust des Arbeitsplatzes über die Stufen unserer sozialen Sicherungssysteme nach unten durchgereicht wurden und ab 1. Januar 2005 bei ALG II auf dem Sozialhilfeniveau angekommen sind, schwer erklären können, warum dieses doch so arme, arme Land auch noch zusätzlich „dauerhafte Sozialhilfeempfänger“ importiert.

Und zum anderen geht mir dieses Schweizer Lied vom Kiosk nicht mehr aus dem Sinn:
Leute sind wir denn ein Hotel?
Oder sind wir etwa ne Bank?
Oder sehn wir aus wie ein Kiosk?
Oder wie ein Kassenschrank?

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 29. Dezember 2004 um 05:45:19 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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