Deutschlandlied Teil I

25. Dezember 2004 05:45

Heute erzähle ich mal eine Geschichte, die ich mir vor einigen Wochen aus den Fingern gesaugt habe und die seitdem der Zensur durch mehrere wohlmeinende Freunde unterlag, die bei der Lektüre die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben.
Was Sie also jetzt hier lesen können ist die entschärfte und jugendfreie Version eines ursprünglich als Weihnachtsgeschichte in zwei Akten geplanten Theaterstücks, das noch auf seine Uraufführung wartet.
Die Originalversion wurde im Beisein eines Anwalts den Flammen übergeben.

1. Akt.
Gerhard Schröder, Hans €ichel, Wolfgang Clement und Ulla Schmidt sind am Weihnachtsabend noch im Auftrag der Republik mit dem Auto auf einer einsamen Landstraße unterwegs, als
es zu einer Kollision mit einem ULO (Unbekanntes Laufendes Objekt) kommt, das kurz vor dem herannahenden Auto die Straße überqueren will.
Gerhard Schröder, der am Steuer sitzt und sich angeregt mit Hans €ichel über die fünfte vorgezogene Stufe der zweiten Jahrtausendsteuerreform unterhält, hat anscheinend den Zusammenprall nicht bemerkt und fährt weiter.

He“ sagt der Hans, „du hast gerade etwas umgefahren. Hast du den Rumpler nicht gehört?“
„Nee“, sagt der Gerhard, „da war nix. Außerdem was soll hier in dieser einsamen Gegend um diese Uhrzeit auf der Straße rumlaufen?“
„Vielleicht ein Langzeitarbeitsloser auf der Suche nach Arbeit, oder auf dem Weg zu seiner nächsten zumutbaren Arbeitstelle“, meint der Wolfgang.
Gerhard: „Da war kein Langzeitarbeitsloser. Die gibt’s hier überhaupt nicht. Nicht in dieser Gegend. Nicht hier im Westen.“
Hans: „Natürlich war da was. Ich hab es doch gesehen. Es war genau vor meinem Fenster. Ich seh doch keine Gespenster. Wenn ich sage, dass da was war, dann war da was. Ich habe mich noch nie getäuscht!“
Wolfgang (lacht): „Du und deine Täuschungen. Wenn wir die alle im Kofferraum hätten, würden wir den Deckel nicht mehr zu kriegen. Gell Ulla!“
Ulla: „Das musst gerade du sagen. Wenn wir deine 1-Euro-Jobs auch alle im Kofferraum hätten, dann wäre da noch massenhaft Platz für die Täuschungen vom Hans.“
Gerhard: „Ja das stimmt, da könnte man sogar noch die Irrtümer von der Ulla mit rein packen.“
Hans: „Das find ich jetzt aber gar nicht lustig. Du fährst da hinten auf der Straße irgendwas über den Haufen und statt nachzusehen was passiert ist, machst du dich hier über uns lustig. Dabei sitzen wir alle im gleichen Boot.“
Gerhard: „Das stimmt, aber ich bin der Kapitän und du nicht. Und außerdem ist das kein Boot sondern ein Auto und noch so eine Bemerkung und ich schalt die Kindersicherung auf deiner Seite aus.“
Wolfgang: „Jetzt hört doch auf zu streiten. Hans hat recht, wir sollten zurückfahren und nachsehen was passiert ist. Vielleicht hat der Hans ja doch recht und es hat auch noch jemand gesehen, dass wir das waren.“
Gerhard: „Mmhh.. Du meinst, dass das Dingens, das mir da ins Auto gelaufen ist, war nicht allein?“
Hans: „Du hast also doch was gesehen?“
Gerhard: „Nicht genau! Nur schemenhaft! Hab zuerst gedacht es wäre der Stolpe Manfred gewesen, der die Mauteinnahmen sucht. Den kannste fünfmal überfahren, der ist wie ne Katze, kommt immer wieder auf die Beine. Den Stolpe kannst du nur mit nem Lastwagen überfahren.“
Ulla: „Also ich bin auch dafür, dass wir zurückfahren. Vielleicht ist die Person ja verletzt und braucht medizinische Hilfe oder gar seelsorgerischen Beistand.“
Gerhard: „Soll ich jetzt vorher noch beim Johannes Rau vorbeifahren und ihn mitnehmen, dass er diesem Ding, das mir da ins Auto gerannt ist, die letzte Beichte abnehmen kann?“
Hans: „Die Idee ist gut, vielleicht verrät der Verletzte uns dann noch wo er seine Vermögensgegenstände im Ausland hat.“
Ulla: „Mensch Hans, der Mann ist vielleicht schwer verletzt und liegt im Sterben und du denkst nur an sein Vermögen.“
Wolfgang: „Das heißt nicht mehr Vermögen, das heißt jetzt Habseligkeiten. Aber Hans hat schon Recht, wir sollten wirklich zurückfahren, denn vielleicht gehört die Person, die der Gerhard da umgenietet hat, zu eine meldepflichtigen ALGII-relevanten Bedarfsgemeinschaft.“
Gerhard: „Du bist echt super, Wolli. Du willst ihn doch nicht etwa gleich ein Meldeformular an die BA unterschreiben lassen?“
Ulla: „Ihr seid echt unmöglich. Typisch Männer. Aber habt ich euch schon mal überlegt, wen wir da überfahren haben könnten. Das könnte ja eine echte Rarität sein, sowas wie der Ötzi.“
Gerhard: „Wie meinst du denn das?“
Ulla: „Ja stell dir mal vor, das war vielleicht der letzte Langzeitarbeitslose Deutschlands, der nach den Reformen überlebt hat. Und du fährst ihn einfach über den Haufen und lässt ihn auf der Straße liegen.“
Gerhardt: „Ja und, was soll ich sonst mit ihm machen? Außerdem glaube ich nicht, dass das ein Langzeitarbeitsloser ist, die haben wir doch alle weggerechnet. Oder nicht Wolli?“
Wolfgang: „Ja schon, aber Ulla hat recht. Wenn es wirklich ein Langzeitarbeitsloser ist und dazu auch noch der letzte seiner Rasse, dann müssen wir den aufheben, denn das ist doch der Beweis, dass unsere Reformen gewirkt haben. Das ist, als wäre uns der Yeti im Himalaja vor die Flinte gelaufen. Was für eine Jagdtrophäe! Mann, Gerhard hast du einen Dusel!“
Gerhard; „Du hast recht Wolli. Wir fahren zurück und sichern uns den Typ. Hans, nimm dein Handy und ruf gleich mal die Presse an. Sag ihnen sie sollen schon mal die erste Seite der führenden Tageszeitungen freihalten und sich die Termine für die Pressekonferenzen reservieren.“
Hans: „Warum immer ich? Immer muss ich mit meinem Handy telefonieren und krieg dann die Rechnung auf’s Auge gedrückt. Und dann heißt es wieder ‚ich weiß überhaupt nicht wo du das Geld immer hinbringst“.
Wolfgang: „Jetzt stell dich nicht so an. Wenn du nicht willst, dann soll halt die Ulla anrufen.“
Ulla: „Ich hab kein Handy, das verursacht nur Krebs am Gehörknorpel und seit der Gesundheitsreform werden die Behandlungskosten nicht mehr von der Kasse übernommen, ruf du doch selber an, Wolli.“
Wolfgang:: „Ich? Ich hab kein Handy. Ich geh nicht einmal mehr im Ministerium ans Telefon. Ich hab mal angeboten, dass mich Langzeitarbeitlose anrufen können, wenn sie mit dem Ausfüllen von dem ALGII-Antrag nicht zu Rande kommen.“
Gerhard (lacht): „Hab ich von gehört. Hat mir die Doris erzählt. Die hat sich dabei halb tot gelacht. Aber jetzt mal Spaß beiseite, könnt ihr euch dran erinnern, wo uns das Dingens in den Weg gelaufen ist, es muss doch hier irgendwo gewesen sein.“
Hans: „Also ich möchte jetzt einmal klarstellen, dass wir mit der Sache nichts zu tun haben. Du bist gefahren. Ich habe ja gleich gesagt, dass du anhalten und nicht weiterfahren sollst.“
Gerhard: „Du hättest ja aussteigen können.“
Hans: „Du hast ja nicht angehalten.“
Gerhard: „Noch ein Wort Hans und ich drück gleichzeitig auf die Knöpfe für die Kindersicherung und das Schiebedach. Das wirkt wie ein Schleudersitz.“
Wolfgang: „Hört auf, wir sind da. Da vorne ist es passiert. Ich glaub der Typ liegt noch genauso da, wie vor einer Viertelstunde.“
Gerhard: „Was meint ihr? Kann er seine irdischen Grundrechte noch wahrnehmen oder hat er schon eine andere Nationalität angenommen.“
Hans: „Halt doch mal an und lass uns erst mal die Gegend sondieren. Ist ja zappenduster hier. Weißt du wo wir hier sind?“
Gerhard: „Irgendwo in der Nähe von Hannover oder Kassel. Könnte auch Frankfurt oder Stuttgart sein.“
Wolfgang: „Sag mal, Gerhard, hast du die Orientierung verloren?“
Gerhard: „Ich? Ich verlier doch nicht die Orientierung. Ich doch nicht! Ich fahr immer vorwärts, da kannst du dich nicht verfahren. Immer Vollgas vorwärts. Steht doch so auch in unserer Road Map, der Agenda 2010.“
Hans: „Jetzt seid doch mal ruhig und fahr mit dem Auto so hin, dass man im Scheinwerferlicht wenigstens ein bisschen was sehen kann.“
Gerhard: „So?“
Wolfgang: „Ja, aber so dicht hätte es nun wirklich nicht sein müssen. Aber lass mal gut sein, sonst musst du noch ne halbe Stunde Umparken üben.“
Ulla (ängstlich): „Ich seh nix. Ist er tot?“
Hans: „Weiß nicht, rührt sich halt nicht.“
Gerhard: „Aber verletzt sieht er nicht aus. Liegt ganz friedlich da und tut nix. Ich hab zwar noch keinen Langzeitfaulenzer gesehen, aber ich fress einen Besen, das ist einer. Genau so hab ich mir die Kerle immer vorgestellt. Nur ein bisschen größer, bedrohlicher halt. Wie so eine Art Big Foot“
Ulla: „Jetzt sitzt du ja auch hoch oben auf dem Fahrersitz von nem Wolfsburger Geländewagen. Steig du doch erst mal aus.“
Hans (gereizt): „Haltet doch endlich mal die Klappe. Ich glaube er hat sich bewegt.“
Gerhard: „Soll ich mal den Motor ausmachen?“
Hans: „Ja, wäre vielleicht ganz hilfreich, nachdem du uns die ganze Misere eingebrockt hast.“
Gerhard. „Sei vorsichtig Hans, denk an die Kindersicherung!“
Hans: „Wir stehen Gerhard, wäre schön wenn du das auch mal zur Kenntnis nehmen würdest.“
Gerhard: „Wir stehen nicht, wir haben nur angehalten um die Lage zu sondieren. Und ich lege großen Wert auf die Tatsache, dass wir in Fahrtrichtung angehalten haben.“
Wolfgang: „Das ist alles richtig Gerhard. Aber wir sind zurückgefahren und stehen jetzt anders rum, als zu dem Zeitpunkt als du den Langzeitarbeitlosen umgenietet hast.“
Gerhard: „Dass ich einen Langzeitarbeitslosen umgenietet habe, steht noch gar nicht fest, weil das Ding da, liegt in Fahrtrichtung vor unserem Kühlergrill und das andere, das von vorhin, das lag hinter uns. Das hab ich im Rückspiegel genau gesehen. Und da hat sich das Ding auch noch bewegt.“
Ulla: „Der hat sich nicht bewegt, sondern der ist umgefallen und über die Straße gerollt.“
Gerhardt: „Und jetzt? Bewegt er sich jetzt noch?“
Wolfgang: „Ich meine ja. Ich glaube, ich hab gesehen wie er die Hand bewegt hat.“
Gerhardt: „Dann ist es kein Langzeitarbeitsloser, denn die machen noch nicht mal einen Finger krumm. Komm lass uns fahren.“
Ulla: „Selbst wenn das kein Langzeitarbeitloser, sondern vielleicht ein Sozialschmarotzer ist, dann können wir den doch nicht einfach so liegen lassen.“
Wolfgang: „Komm wir steigen aus, bringen ihn in eine stabile Seitenlage und legen ihm nen Euro hin, dann kann er sich, wenn er wieder zu Besinnung kommt, selber helfen.“
Hans: „Bist du verrückt? Das ist viel Geld. Soviel hab ich grundsätzlich nie bei mir. Kannst du ihm nicht helfen Ulla?“
Ulla: „Ich? Helfen? Weißt du was das kostet? Ich hab tagsüber alle Hände voll zu tun um die Leute von Krankenhäusern und Ärzten fernzuhalten. Da fahr ich doch nicht nachts mit euch über die Landstraßen um für behandlungsfähigen Nachschub zu sorgen. Und überhaupt könnte man ihn sowieso ohne Überweisungsschein seines Hausarztes nicht in die Klinik bringen. Glaubst du, der Verletzte kann sich in seinem Zustand überhaupt an seinen Hausarzt erinnern?“
Hans: „Oh verdammt, ich glaube da drüben stehen Leute. Die haben uns gesehen. Jetzt haben sie uns erwischt. Ich hab ja gleich gesagt, dass wir anhalten sollen und dass wir auf dieser Straße nicht ans Ziel kommen und uns mitten in der Nacht womöglich noch das Benzin ausgeht oder ….“
Gerhard: „Ach halt die Klappe Hans. Du Weichei. Du bekommst ja schon bei 3,0 Prozent Staatsdefizit das Hosenflattern. Eine schöne Mannschaft hab ich mir da zusammengebaut.“
Wolfgang: „Wie meinst du das, Gerhard?“
Gerhardt: „Du weißt genau wie ich das meine, Wolli. Ich sag nur 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum oder muss ich das noch näher erläutern.“
Wolfgang (rückwärts brummelt): „dnuhredölbudhcsramahcodhcimkcelhcA.“
Gerhard: „Komm Ulla steig mal aus und leiste Erste Hilfe.“
Ulla: „Ich hab keine Ahnung von Erster Hilfe.“
Wolfgang: „Wie bist du dann an den Job im Gesundheitsministerium gekommen?“
Hans (hämisch): „Das frag ich mich manchmal auch.“
Ulla: „Sei du bloß still, ich frag bei dir auch nicht nach deiner Qualifikation als Finanzexperte.“
Wolfgang: „Also bei mir ist es ganz anders. Ich hab den Gerhard schon vor früher gekannt.“
Gerhard: „Mein Gott, hört doch endlich auf ihr Pappnasen. Ich mach die Angelegenheit jetzt zur Chefsache. Ich fahr einfach vorwärts noch mal über das Ding drüber und fertig.“
Ulla (entsetzt): „Das kannst du doch nicht machen!“
Wolfgang: „Steig einfach aus und erklär dem Mann die Sache, der hat sicher Verständnis für seine Lage.“
Hans: „Das ist eine gute Idee. Man muss den Leuten eben die Zusammenhänge erklären.”
Ulla: „Das stimmt, das mach ich auch immer.“
Wolfgang: „Ach Ulla, bevor man die Zusammenhänge erklärt, muss man sie erst mal selber verstanden haben.“
Ulla: „Das versteh ich jetzt nicht.“
Hans (lacht): „Ist auch nicht so wichtig.“
Gerhard: „Also ihr Nulpen, jetzt ist Ende der Diskussion. Ich habe die Situation im Griff. Ich steig jetzt aus und kümmere mich um den Mann. Ist es ein toter Langzeitarbeitsloser, dann nehmen wir ihn im Kofferraum mit. Zur Beweissicherung. Und ist es ein Langzeitarbeitsloser, aber er ist noch nicht tot, dann leg ich ihm einen Euro hin und wir hauen ab. Abgemacht?“
Hans: „Na ja, einverstanden, aber muss das mit dem Euro wirklich sein?“
Ulla: „OK, aber nur weil er sicher keine Überweisung vom Hausarzt in der Tasche hat.“
Wolfgang: „Also ich bin auch dafür, dass wir das so machen. Ist er tot, ist alles klar, dann war es der letzte seiner Rasse und wir haben den Beweis für den Erfolg unserer Reformen. Oder er lebt noch, dann täuschen wir mit dem einen Euro vor, dass es ein ALGII-Empfänger ist, der während seines Heimaturlaubs vom Aufschwung niedergemäht wurde.“

Gerhard öffnet vorsichtig die Fahrertüre, steigt aus und sieht sich nach allen Seiten um, bevor er in der Dunkelheit verschwindet.

Fortsetzung folgt - hier.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

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Heute erzähle ich mal eine Geschichte, die ich mir vor einigen Wochen aus den Fingern gesaugt habe und die seitdem der Zensur durch mehrere wohlmeinende Freunde unterlag, die bei der Lektüre die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben.
Was Sie also jetzt hier lesen können ist die entschärfte und jugendfreie Version eines ursprünglich als Weihnachtsgeschichte in zwei Akten geplanten Theaterstücks, das noch auf seine Uraufführung wartet.
Die Originalversion wurde im Beisein eines Anwalts den Flammen übergeben.

1. Akt.
Gerhard Schröder, Hans €ichel, Wolfgang Clement und Ulla Schmidt sind am Weihnachtsabend noch im Auftrag der Republik mit dem Auto auf einer einsamen Landstraße unterwegs, als
es zu einer Kollision mit einem ULO (Unbekanntes Laufendes Objekt) kommt, das kurz vor dem herannahenden Auto die Straße überqueren will.
Gerhard Schröder, der am Steuer sitzt und sich angeregt mit Hans €ichel über die fünfte vorgezogene Stufe der zweiten Jahrtausendsteuerreform unterhält, hat anscheinend den Zusammenprall nicht bemerkt und fährt weiter.

He“ sagt der Hans, „du hast gerade etwas umgefahren. Hast du den Rumpler nicht gehört?“
„Nee“, sagt der Gerhard, „da war nix. Außerdem was soll hier in dieser einsamen Gegend um diese Uhrzeit auf der Straße rumlaufen?“
„Vielleicht ein Langzeitarbeitsloser auf der Suche nach Arbeit, oder auf dem Weg zu seiner nächsten zumutbaren Arbeitstelle“, meint der Wolfgang.
Gerhard: „Da war kein Langzeitarbeitsloser. Die gibt’s hier überhaupt nicht. Nicht in dieser Gegend. Nicht hier im Westen.“
Hans: „Natürlich war da was. Ich hab es doch gesehen. Es war genau vor meinem Fenster. Ich seh doch keine Gespenster. Wenn ich sage, dass da was war, dann war da was. Ich habe mich noch nie getäuscht!“
Wolfgang (lacht): „Du und deine Täuschungen. Wenn wir die alle im Kofferraum hätten, würden wir den Deckel nicht mehr zu kriegen. Gell Ulla!“
Ulla: „Das musst gerade du sagen. Wenn wir deine 1-Euro-Jobs auch alle im Kofferraum hätten, dann wäre da noch massenhaft Platz für die Täuschungen vom Hans.“
Gerhard: „Ja das stimmt, da könnte man sogar noch die Irrtümer von der Ulla mit rein packen.“
Hans: „Das find ich jetzt aber gar nicht lustig. Du fährst da hinten auf der Straße irgendwas über den Haufen und statt nachzusehen was passiert ist, machst du dich hier über uns lustig. Dabei sitzen wir alle im gleichen Boot.“
Gerhard: „Das stimmt, aber ich bin der Kapitän und du nicht. Und außerdem ist das kein Boot sondern ein Auto und noch so eine Bemerkung und ich schalt die Kindersicherung auf deiner Seite aus.“
Wolfgang: „Jetzt hört doch auf zu streiten. Hans hat recht, wir sollten zurückfahren und nachsehen was passiert ist. Vielleicht hat der Hans ja doch recht und es hat auch noch jemand gesehen, dass wir das waren.“
Gerhard: „Mmhh.. Du meinst, dass das Dingens, das mir da ins Auto gelaufen ist, war nicht allein?“
Hans: „Du hast also doch was gesehen?“
Gerhard: „Nicht genau! Nur schemenhaft! Hab zuerst gedacht es wäre der Stolpe Manfred gewesen, der die Mauteinnahmen sucht. Den kannste fünfmal überfahren, der ist wie ne Katze, kommt immer wieder auf die Beine. Den Stolpe kannst du nur mit nem Lastwagen überfahren.“
Ulla: „Also ich bin auch dafür, dass wir zurückfahren. Vielleicht ist die Person ja verletzt und braucht medizinische Hilfe oder gar seelsorgerischen Beistand.“
Gerhard: „Soll ich jetzt vorher noch beim Johannes Rau vorbeifahren und ihn mitnehmen, dass er diesem Ding, das mir da ins Auto gerannt ist, die letzte Beichte abnehmen kann?“
Hans: „Die Idee ist gut, vielleicht verrät der Verletzte uns dann noch wo er seine Vermögensgegenstände im Ausland hat.“
Ulla: „Mensch Hans, der Mann ist vielleicht schwer verletzt und liegt im Sterben und du denkst nur an sein Vermögen.“
Wolfgang: „Das heißt nicht mehr Vermögen, das heißt jetzt Habseligkeiten. Aber Hans hat schon Recht, wir sollten wirklich zurückfahren, denn vielleicht gehört die Person, die der Gerhard da umgenietet hat, zu eine meldepflichtigen ALGII-relevanten Bedarfsgemeinschaft.“
Gerhard: „Du bist echt super, Wolli. Du willst ihn doch nicht etwa gleich ein Meldeformular an die BA unterschreiben lassen?“
Ulla: „Ihr seid echt unmöglich. Typisch Männer. Aber habt ich euch schon mal überlegt, wen wir da überfahren haben könnten. Das könnte ja eine echte Rarität sein, sowas wie der Ötzi.“
Gerhard: „Wie meinst du denn das?“
Ulla: „Ja stell dir mal vor, das war vielleicht der letzte Langzeitarbeitslose Deutschlands, der nach den Reformen überlebt hat. Und du fährst ihn einfach über den Haufen und lässt ihn auf der Straße liegen.“
Gerhardt: „Ja und, was soll ich sonst mit ihm machen? Außerdem glaube ich nicht, dass das ein Langzeitarbeitsloser ist, die haben wir doch alle weggerechnet. Oder nicht Wolli?“
Wolfgang: „Ja schon, aber Ulla hat recht. Wenn es wirklich ein Langzeitarbeitsloser ist und dazu auch noch der letzte seiner Rasse, dann müssen wir den aufheben, denn das ist doch der Beweis, dass unsere Reformen gewirkt haben. Das ist, als wäre uns der Yeti im Himalaja vor die Flinte gelaufen. Was für eine Jagdtrophäe! Mann, Gerhard hast du einen Dusel!“
Gerhard; „Du hast recht Wolli. Wir fahren zurück und sichern uns den Typ. Hans, nimm dein Handy und ruf gleich mal die Presse an. Sag ihnen sie sollen schon mal die erste Seite der führenden Tageszeitungen freihalten und sich die Termine für die Pressekonferenzen reservieren.“
Hans: „Warum immer ich? Immer muss ich mit meinem Handy telefonieren und krieg dann die Rechnung auf’s Auge gedrückt. Und dann heißt es wieder ‚ich weiß überhaupt nicht wo du das Geld immer hinbringst“.
Wolfgang: „Jetzt stell dich nicht so an. Wenn du nicht willst, dann soll halt die Ulla anrufen.“
Ulla: „Ich hab kein Handy, das verursacht nur Krebs am Gehörknorpel und seit der Gesundheitsreform werden die Behandlungskosten nicht mehr von der Kasse übernommen, ruf du doch selber an, Wolli.“
Wolfgang:: „Ich? Ich hab kein Handy. Ich geh nicht einmal mehr im Ministerium ans Telefon. Ich hab mal angeboten, dass mich Langzeitarbeitlose anrufen können, wenn sie mit dem Ausfüllen von dem ALGII-Antrag nicht zu Rande kommen.“
Gerhard (lacht): „Hab ich von gehört. Hat mir die Doris erzählt. Die hat sich dabei halb tot gelacht. Aber jetzt mal Spaß beiseite, könnt ihr euch dran erinnern, wo uns das Dingens in den Weg gelaufen ist, es muss doch hier irgendwo gewesen sein.“
Hans: „Also ich möchte jetzt einmal klarstellen, dass wir mit der Sache nichts zu tun haben. Du bist gefahren. Ich habe ja gleich gesagt, dass du anhalten und nicht weiterfahren sollst.“
Gerhard: „Du hättest ja aussteigen können.“
Hans: „Du hast ja nicht angehalten.“
Gerhard: „Noch ein Wort Hans und ich drück gleichzeitig auf die Knöpfe für die Kindersicherung und das Schiebedach. Das wirkt wie ein Schleudersitz.“
Wolfgang: „Hört auf, wir sind da. Da vorne ist es passiert. Ich glaub der Typ liegt noch genauso da, wie vor einer Viertelstunde.“
Gerhard: „Was meint ihr? Kann er seine irdischen Grundrechte noch wahrnehmen oder hat er schon eine andere Nationalität angenommen.“
Hans: „Halt doch mal an und lass uns erst mal die Gegend sondieren. Ist ja zappenduster hier. Weißt du wo wir hier sind?“
Gerhard: „Irgendwo in der Nähe von Hannover oder Kassel. Könnte auch Frankfurt oder Stuttgart sein.“
Wolfgang: „Sag mal, Gerhard, hast du die Orientierung verloren?“
Gerhard: „Ich? Ich verlier doch nicht die Orientierung. Ich doch nicht! Ich fahr immer vorwärts, da kannst du dich nicht verfahren. Immer Vollgas vorwärts. Steht doch so auch in unserer Road Map, der Agenda 2010.“
Hans: „Jetzt seid doch mal ruhig und fahr mit dem Auto so hin, dass man im Scheinwerferlicht wenigstens ein bisschen was sehen kann.“
Gerhard: „So?“
Wolfgang: „Ja, aber so dicht hätte es nun wirklich nicht sein müssen. Aber lass mal gut sein, sonst musst du noch ne halbe Stunde Umparken üben.“
Ulla (ängstlich): „Ich seh nix. Ist er tot?“
Hans: „Weiß nicht, rührt sich halt nicht.“
Gerhard: „Aber verletzt sieht er nicht aus. Liegt ganz friedlich da und tut nix. Ich hab zwar noch keinen Langzeitfaulenzer gesehen, aber ich fress einen Besen, das ist einer. Genau so hab ich mir die Kerle immer vorgestellt. Nur ein bisschen größer, bedrohlicher halt. Wie so eine Art Big Foot“
Ulla: „Jetzt sitzt du ja auch hoch oben auf dem Fahrersitz von nem Wolfsburger Geländewagen. Steig du doch erst mal aus.“
Hans (gereizt): „Haltet doch endlich mal die Klappe. Ich glaube er hat sich bewegt.“
Gerhard: „Soll ich mal den Motor ausmachen?“
Hans: „Ja, wäre vielleicht ganz hilfreich, nachdem du uns die ganze Misere eingebrockt hast.“
Gerhard. „Sei vorsichtig Hans, denk an die Kindersicherung!“
Hans: „Wir stehen Gerhard, wäre schön wenn du das auch mal zur Kenntnis nehmen würdest.“
Gerhard: „Wir stehen nicht, wir haben nur angehalten um die Lage zu sondieren. Und ich lege großen Wert auf die Tatsache, dass wir in Fahrtrichtung angehalten haben.“
Wolfgang: „Das ist alles richtig Gerhard. Aber wir sind zurückgefahren und stehen jetzt anders rum, als zu dem Zeitpunkt als du den Langzeitarbeitlosen umgenietet hast.“
Gerhard: „Dass ich einen Langzeitarbeitslosen umgenietet habe, steht noch gar nicht fest, weil das Ding da, liegt in Fahrtrichtung vor unserem Kühlergrill und das andere, das von vorhin, das lag hinter uns. Das hab ich im Rückspiegel genau gesehen. Und da hat sich das Ding auch noch bewegt.“
Ulla: „Der hat sich nicht bewegt, sondern der ist umgefallen und über die Straße gerollt.“
Gerhardt: „Und jetzt? Bewegt er sich jetzt noch?“
Wolfgang: „Ich meine ja. Ich glaube, ich hab gesehen wie er die Hand bewegt hat.“
Gerhardt: „Dann ist es kein Langzeitarbeitsloser, denn die machen noch nicht mal einen Finger krumm. Komm lass uns fahren.“
Ulla: „Selbst wenn das kein Langzeitarbeitloser, sondern vielleicht ein Sozialschmarotzer ist, dann können wir den doch nicht einfach so liegen lassen.“
Wolfgang: „Komm wir steigen aus, bringen ihn in eine stabile Seitenlage und legen ihm nen Euro hin, dann kann er sich, wenn er wieder zu Besinnung kommt, selber helfen.“
Hans: „Bist du verrückt? Das ist viel Geld. Soviel hab ich grundsätzlich nie bei mir. Kannst du ihm nicht helfen Ulla?“
Ulla: „Ich? Helfen? Weißt du was das kostet? Ich hab tagsüber alle Hände voll zu tun um die Leute von Krankenhäusern und Ärzten fernzuhalten. Da fahr ich doch nicht nachts mit euch über die Landstraßen um für behandlungsfähigen Nachschub zu sorgen. Und überhaupt könnte man ihn sowieso ohne Überweisungsschein seines Hausarztes nicht in die Klinik bringen. Glaubst du, der Verletzte kann sich in seinem Zustand überhaupt an seinen Hausarzt erinnern?“
Hans: „Oh verdammt, ich glaube da drüben stehen Leute. Die haben uns gesehen. Jetzt haben sie uns erwischt. Ich hab ja gleich gesagt, dass wir anhalten sollen und dass wir auf dieser Straße nicht ans Ziel kommen und uns mitten in der Nacht womöglich noch das Benzin ausgeht oder ….“
Gerhard: „Ach halt die Klappe Hans. Du Weichei. Du bekommst ja schon bei 3,0 Prozent Staatsdefizit das Hosenflattern. Eine schöne Mannschaft hab ich mir da zusammengebaut.“
Wolfgang: „Wie meinst du das, Gerhard?“
Gerhardt: „Du weißt genau wie ich das meine, Wolli. Ich sag nur 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum oder muss ich das noch näher erläutern.“
Wolfgang (rückwärts brummelt): „dnuhredölbudhcsramahcodhcimkcelhcA.“
Gerhard: „Komm Ulla steig mal aus und leiste Erste Hilfe.“
Ulla: „Ich hab keine Ahnung von Erster Hilfe.“
Wolfgang: „Wie bist du dann an den Job im Gesundheitsministerium gekommen?“
Hans (hämisch): „Das frag ich mich manchmal auch.“
Ulla: „Sei du bloß still, ich frag bei dir auch nicht nach deiner Qualifikation als Finanzexperte.“
Wolfgang: „Also bei mir ist es ganz anders. Ich hab den Gerhard schon vor früher gekannt.“
Gerhard: „Mein Gott, hört doch endlich auf ihr Pappnasen. Ich mach die Angelegenheit jetzt zur Chefsache. Ich fahr einfach vorwärts noch mal über das Ding drüber und fertig.“
Ulla (entsetzt): „Das kannst du doch nicht machen!“
Wolfgang: „Steig einfach aus und erklär dem Mann die Sache, der hat sicher Verständnis für seine Lage.“
Hans: „Das ist eine gute Idee. Man muss den Leuten eben die Zusammenhänge erklären.”
Ulla: „Das stimmt, das mach ich auch immer.“
Wolfgang: „Ach Ulla, bevor man die Zusammenhänge erklärt, muss man sie erst mal selber verstanden haben.“
Ulla: „Das versteh ich jetzt nicht.“
Hans (lacht): „Ist auch nicht so wichtig.“
Gerhard: „Also ihr Nulpen, jetzt ist Ende der Diskussion. Ich habe die Situation im Griff. Ich steig jetzt aus und kümmere mich um den Mann. Ist es ein toter Langzeitarbeitsloser, dann nehmen wir ihn im Kofferraum mit. Zur Beweissicherung. Und ist es ein Langzeitarbeitsloser, aber er ist noch nicht tot, dann leg ich ihm einen Euro hin und wir hauen ab. Abgemacht?“
Hans: „Na ja, einverstanden, aber muss das mit dem Euro wirklich sein?“
Ulla: „OK, aber nur weil er sicher keine Überweisung vom Hausarzt in der Tasche hat.“
Wolfgang: „Also ich bin auch dafür, dass wir das so machen. Ist er tot, ist alles klar, dann war es der letzte seiner Rasse und wir haben den Beweis für den Erfolg unserer Reformen. Oder er lebt noch, dann täuschen wir mit dem einen Euro vor, dass es ein ALGII-Empfänger ist, der während seines Heimaturlaubs vom Aufschwung niedergemäht wurde.“

Gerhard öffnet vorsichtig die Fahrertüre, steigt aus und sieht sich nach allen Seiten um, bevor er in der Dunkelheit verschwindet.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 25. Dezember 2004 um 05:45:51 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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