Daschner - Das Urteil

23. Dezember 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Nach dem „Autobahnraser von Karlsruhe“ war es der „Frankfurter Folter Fall“ Daschner, der die bundesrepublikanischen Gemüter erregte. Es gibt wohl kaum ein Medium, kaum ein Forum in dem dieser „Fall von Menschenrechtsverletzung“ nicht heiß diskutiert und von allen Seiten ausgeleuchtet wurde.
Nun wurde im Namen des Volkes das „Urteil“ gesprochen und führt zu weiteren Diskussionen, aus denen ich mich nach den Erfahrungen der vergangenen Monate nunmehr heraushalten werde.

Denn dieser Prozess, der in den Medien wie ein Schau- oder Hexenprozess gegen den Unmenschen und Folterer Daschner dargestellt wurde und die Kommentare und Meinungen dazu haben mich mehr verändert als der schreckliche Mord an Jacob von Metzler, der vom seinen Entführer erstickt oder ertränkt wurde, damit er ihn nicht mehr identifizieren kann. Anschließend hat der Mörder, den Sack mit der Leiche des Jungen in einem See nord-östlich von Frankfurt geworfen und dort versenkt.

Für mich war der Prozess gegen den Polizeibeamten Daschner und seinen Kollegen der kollektive Verlust des Realitätssinns einer (großen?) Bevölkerungsgruppe, deren Argumente meine tiefste Abneigung finden. Es ist einfach unglaublich, wie die Verteidigung eines Kindermörders mit dem Argument der „angedrohten“ Folter des Täters, unser Rechtssystem auf den Kopf stellen und derart viele Mitstreiter finden kann.

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber bei mir haben diese Vorgänge Abscheu hervorgerufen und mehr als nur einen schlechten Beigeschmack hinterlassen.
Hier wurde aus einer Mücke (verbale Androhung von körperlichen Schmerzen) ein Elefant (durchgeführte Folterung der schlimmsten Art) gemacht und zur Übergröße (Folterstaat BRD, Zustände wie in Abu Ghraib) aufgeblasen. Und das alles nur zu dem Zweck, um den Mörder eines Kindes wegen eines juristischen Verfahrensfehlers der irdischen Gerechtigkeit entziehen zu können.
Aus Sicht der Verteidiger, mag diese Vorgehensweise eine clevere Art der Verteidigung darstellen, wobei ich mir die Frage nach den ethnischen und charakterlichen Eigenschaften eines solchen Juristen lieber nicht stelle.

Es ist sicherlich richtig, dass von einem Polizisten ein wesentlich höheres Maß an Selbstkontrolle abzuverlangen ist, gerade weil die Würde eines jeden Menschen, auch die eines Straftäters gewahrt bleiben muss. Dennoch darf man die Verhältnismäßigkeit nicht aus den Augen verlieren. Auch Opfer haben Rechte und Polizeibeamte sind die ersten Anwälte des Opfers und haben dessen Rechte wahrzunehmen.
Wer die Rechte eines geständigen Kindsentführers auf physische und psychische Unversehrtheit höher bewertet, als das Recht eines Kindes auf Leben, der führt unser Rechtssystem absurdum.
Wer von Polizisten, die einem geständigen Kindesentführer gegenüberstehen, der sich weigert den Aufenthaltsort des entführten Kindes zu nennen und die Ermittler an der Nase herumführt, in einer solchen Situation gleichzeitig Verständnis, Rücksicht, Bürgernähe und auch noch emotionale Distanz verlangt, sollte sich ernsthaft Sorgen um seinen Realitätssinn machen.

Im Februar 2004 habe ich mich erstmals zum „Fall“ Daschner geäußert, weil mich die Absicht der Verteidigung des Kindermörders Magnus Gäfgen aus der Androhung körperlicher Schmerzen während der Vernehmung ihres Mandanten durch die Polizei einen Verfahrensfehler zu konstruieren, zutiefst empört hat.
Sollte Karlsruhe mir Recht geben, ist Magnus Gäfgen in drei Jahren frei und hat Anspruch auf Haftentschädigung“, sagte damals sein Verteidiger Endres.

Mich hat diese Äußerung und die Vorstellung, dass die Verteidigung mit diesem Vorhaben erfolgreich sein könnte, spontan an den Fall Bachmeier erinnert.
Vor 20 Jahren tat ich mich schwer, die Beweggründe und die Tat von Frau Bachmeier zu verstehen und zu akzeptieren.
Dieses Problem habe ich heute nicht mehr.

Heute schäme ich mich!
Ich schäme mich, für die Geringschätzung, mit der Juristen mit den Rechten der Opfer umgehen und unsere Rechtssystem auf den Kopf gestellt haben.
Ich schäme mich vor der Familie von Jacob von Metzler, deren Sohn und Bruder auf bestialische Weise getötet wurde und dessen Recht auf Leben hinter dem Recht auf körperliche Unversehrtheit des Täters zurückstehen sollte.
Ich schäme mich für das, was dem Menschen Daschner und seiner Familie durch den Prozess angetan wurde.
Und ich schäme mich für Juristen, die unser Rechtssystem ausnützen bis zum letzten Paragraphen und bis zum letzten Rechtsmittel um aus Recht Unrecht zu schaffen.

Und ich schäme mich für die Menschen, die in Leserbriefen und Internetforen ihre jämmerlichen Schmierereien über den „Folterstaat“ BRddr und persönlichen Diffamierungen über dessen „Folterknechte“ ausgegossen haben.
Es ist absolut jämmerlich, wie man sich hier mit missionarischem Eifer in die Spurrillen einer kollektiven Staatskritik schmiegt und sich in argumentativer Ideologensülze ergießt.
Unter den Einträgen in den Internetforen befinden sich wirklich einige der widerlichsten Machwerke, die mir in letzter Zeit untergekommen sind.

Heute kann ich Frau Bachmeier verstehen.
Nicht verstehen kann ich allerdings, warum der Artikel in der Welt vom 2. März 2001 im Untertitel von dem „mutmaßlichen“ Mörder spricht.
Nur weil die Juristen ihn nach der Selbstjustiz der Mutter nicht mehr verurteilen oder freisprechen konnten?
Oder weil in unserer Gesellschaft in den letzten 20 Jahren alles „mutmaßlich“ geworden ist?

Denn eines ist sicher – der mutmaßliche Mörder wäre heute sicher wieder auf freiem Fuß.
Außer er hätte sich rechtzeitig ein weiteres Opfer gesucht, wäre dabei wieder erwischt worden und bei seiner Vernehmung wären keine „Verfahrensfehler“ gemacht worden.

Aber all das spielt im „Fall“ Daschner ja keine Rolle. So zumindest interpretiere ich die auf den Internetseiten der AG Friedensforschung an der Uni Kassel gesammelten Kommentare.
Nicht nachvollziehen kann ich aber, was der „Fall“ Daschner mit „Friedensforschung“ zu tun hat.
Außer dem Umstand, dass Jacob von Metzler durch Magnus Gäfgen auf grausamste Art und Weise seinen ewigen Frieden finden musste.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 23. Dezember 2004 um 05:45:46 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Daschner - Das Urteil

23. Dezember 2004 05:45

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Nach dem „Autobahnraser von Karlsruhe“ war es der „Frankfurter Folter Fall“ Daschner, der die bundesrepublikanischen Gemüter erregte. Es gibt wohl kaum ein Medium, kaum ein Forum in dem dieser „Fall von Menschenrechtsverletzung“ nicht heiß diskutiert und von allen Seiten ausgeleuchtet wurde.
Nun wurde im Namen des Volkes das „Urteil“ gesprochen und führt zu weiteren Diskussionen, aus denen ich mich nach den Erfahrungen der vergangenen Monate nunmehr heraushalten werde.

Denn dieser Prozess, der in den Medien wie ein Schau- oder Hexenprozess gegen den Unmenschen und Folterer Daschner dargestellt wurde und die Kommentare und Meinungen dazu haben mich mehr verändert als der schreckliche Mord an Jacob von Metzler, der vom seinen Entführer erstickt oder ertränkt wurde, damit er ihn nicht mehr identifizieren kann. Anschließend hat der Mörder, den Sack mit der Leiche des Jungen in einem See nord-östlich von Frankfurt geworfen und dort versenkt.

Für mich war der Prozess gegen den Polizeibeamten Daschner und seinen Kollegen der kollektive Verlust des Realitätssinns einer (großen?) Bevölkerungsgruppe, deren Argumente meine tiefste Abneigung finden. Es ist einfach unglaublich, wie die Verteidigung eines Kindermörders mit dem Argument der „angedrohten“ Folter des Täters, unser Rechtssystem auf den Kopf stellen und derart viele Mitstreiter finden kann.

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber bei mir haben diese Vorgänge Abscheu hervorgerufen und mehr als nur einen schlechten Beigeschmack hinterlassen.
Hier wurde aus einer Mücke (verbale Androhung von körperlichen Schmerzen) ein Elefant (durchgeführte Folterung der schlimmsten Art) gemacht und zur Übergröße (Folterstaat BRD, Zustände wie in Abu Ghraib) aufgeblasen. Und das alles nur zu dem Zweck, um den Mörder eines Kindes wegen eines juristischen Verfahrensfehlers der irdischen Gerechtigkeit entziehen zu können.
Aus Sicht der Verteidiger, mag diese Vorgehensweise eine clevere Art der Verteidigung darstellen, wobei ich mir die Frage nach den ethnischen und charakterlichen Eigenschaften eines solchen Juristen lieber nicht stelle.

Es ist sicherlich richtig, dass von einem Polizisten ein wesentlich höheres Maß an Selbstkontrolle abzuverlangen ist, gerade weil die Würde eines jeden Menschen, auch die eines Straftäters gewahrt bleiben muss. Dennoch darf man die Verhältnismäßigkeit nicht aus den Augen verlieren. Auch Opfer haben Rechte und Polizeibeamte sind die ersten Anwälte des Opfers und haben dessen Rechte wahrzunehmen.
Wer die Rechte eines geständigen Kindsentführers auf physische und psychische Unversehrtheit höher bewertet, als das Recht eines Kindes auf Leben, der führt unser Rechtssystem absurdum.
Wer von Polizisten, die einem geständigen Kindesentführer gegenüberstehen, der sich weigert den Aufenthaltsort des entführten Kindes zu nennen und die Ermittler an der Nase herumführt, in einer solchen Situation gleichzeitig Verständnis, Rücksicht, Bürgernähe und auch noch emotionale Distanz verlangt, sollte sich ernsthaft Sorgen um seinen Realitätssinn machen.

Im Februar 2004 habe ich mich erstmals zum „Fall“ Daschner geäußert, weil mich die Absicht der Verteidigung des Kindermörders Magnus Gäfgen aus der Androhung körperlicher Schmerzen während der Vernehmung ihres Mandanten durch die Polizei einen Verfahrensfehler zu konstruieren, zutiefst empört hat.
Sollte Karlsruhe mir Recht geben, ist Magnus Gäfgen in drei Jahren frei und hat Anspruch auf Haftentschädigung“, sagte damals sein Verteidiger Endres.

Mich hat diese Äußerung und die Vorstellung, dass die Verteidigung mit diesem Vorhaben erfolgreich sein könnte, spontan an den Fall Bachmeier erinnert.
Vor 20 Jahren tat ich mich schwer, die Beweggründe und die Tat von Frau Bachmeier zu verstehen und zu akzeptieren.
Dieses Problem habe ich heute nicht mehr.

Heute schäme ich mich!
Ich schäme mich, für die Geringschätzung, mit der Juristen mit den Rechten der Opfer umgehen und unsere Rechtssystem auf den Kopf gestellt haben.
Ich schäme mich vor der Familie von Jacob von Metzler, deren Sohn und Bruder auf bestialische Weise getötet wurde und dessen Recht auf Leben hinter dem Recht auf körperliche Unversehrtheit des Täters zurückstehen sollte.
Ich schäme mich für das, was dem Menschen Daschner und seiner Familie durch den Prozess angetan wurde.
Und ich schäme mich für Juristen, die unser Rechtssystem ausnützen bis zum letzten Paragraphen und bis zum letzten Rechtsmittel um aus Recht Unrecht zu schaffen.

Und ich schäme mich für die Menschen, die in Leserbriefen und Internetforen ihre jämmerlichen Schmierereien über den „Folterstaat“ BRddr und persönlichen Diffamierungen über dessen „Folterknechte“ ausgegossen haben.
Es ist absolut jämmerlich, wie man sich hier mit missionarischem Eifer in die Spurrillen einer kollektiven Staatskritik schmiegt und sich in argumentativer Ideologensülze ergießt.
Unter den Einträgen in den Internetforen befinden sich wirklich einige der widerlichsten Machwerke, die mir in letzter Zeit untergekommen sind.

Heute kann ich Frau Bachmeier verstehen.
Nicht verstehen kann ich allerdings, warum der Artikel in der Welt vom 2. März 2001 im Untertitel von dem „mutmaßlichen“ Mörder spricht.
Nur weil die Juristen ihn nach der Selbstjustiz der Mutter nicht mehr verurteilen oder freisprechen konnten?
Oder weil in unserer Gesellschaft in den letzten 20 Jahren alles „mutmaßlich“ geworden ist?

Denn eines ist sicher – der mutmaßliche Mörder wäre heute sicher wieder auf freiem Fuß.
Außer er hätte sich rechtzeitig ein weiteres Opfer gesucht, wäre dabei wieder erwischt worden und bei seiner Vernehmung wären keine „Verfahrensfehler“ gemacht worden.

Aber all das spielt im „Fall“ Daschner ja keine Rolle. So zumindest interpretiere ich die auf den Internetseiten der AG Friedensforschung an der Uni Kassel gesammelten Kommentare.
Nicht nachvollziehen kann ich aber, was der „Fall“ Daschner mit „Friedensforschung“ zu tun hat.
Außer dem Umstand, dass Jacob von Metzler durch Magnus Gäfgen auf grausamste Art und Weise seinen ewigen Frieden finden musste.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 23. Dezember 2004 um 05:45:46 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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