Christiansen

1. Dezember 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Die Christiansen hatte geladen und es kamen – die üblichen Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft mitsamt ihren Ideologienköfferchen und Halbwahrheiten.
Da waren

  • der Herr Beck Stellv. SPD-Vorsitzender; Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz
  • die Frau Antje Hermenau Haushaltsexpertin B’90/Grüne
  • Hans Rudolf Wöhrl, Unternehmer
  • mein spezieller Freund und Kupferstecher Friedrich Merz Unions-Fraktionsvize
  • und last but not least der Wirtschaftsweise Professor Peter Bofinger.

Den politischen Background der Kandidaten und deren bisher begangenen „Heldentaten“ setze ich als bekannt voraus und komme gleich zur Sache.

Frohes Fest trotz leerer Kassen? war der Arbeitstitel der Sendung, die ich leider nicht von Beginn an gesehen habe, denn nach dem Krimi auf Pro7 bin ich noch etwas durch die Kanäle gezappt und hier und da kurzzeitig hängen geblieben, bis ich schließlich bei Sabine Christiansen gelandet bin.

Irgendwie wirkte die Stimmung sofort vertraut. Wäre da nicht das andere Outfit der Moderatorin, könnte man fast meinen, es wäre eine Wiederholung vom vorvorherigen Sonntag. Auch muss man das aktuelle Thema der Sendung nicht kennen, man ist sofort mitten drin in den üblichen Dampfplaudereien und gegenseitigen Nettigkeiten der geladenen Personen, die man auch meist schon von vorvorvorhergegangenen Sendungen zur Genüge kennt. Lediglich das Lager der Arbeitgeber war diesmal personell etwas unterbesetzt, wobei man den Unionsfraktions-Vize Merz eventuell der Arbeitgeberseite zurechnen könnte. Auf jeden Fall argumentierte Merz mit seinem geballten Wirtschafts-Knoff-Hoff gegen die Regierungspolitik, die von Beck und Hermenau angesichts des neuen Armutsreports nur schwach verteidigt werden konnte.
Ist halt schon schlecht, wenn sich nach sechs Jahren rot-grüner Politik zeigt, dass es mehr Arme gibt als zuvor. Da wirkte das Argument, dass man nicht sagen könnte wie viele Arme es ohne rot-grüne Politik geben würde, schon etwas weit hergeholt. Wobei mich natürlich wundert, warum man die Zahl der Armen in Deutschland ausgerechnet mit dem Jahr der rot-grünen Machtübernahme vergleicht. Viel mehr würde mich interessieren, ob sich dieser Verarmungsprozess in den letzten drei oder vier Jahren beschleunigt hat.

Neben allem Geplänkel, gegenseitigen Schuldzuweisungen und Halbwahrheiten hatten einige Teilnehmer der spätabendlichen Plauderstunde teilweise auch helle Momente:

Wöhrl:

  • „Die Zerstrittenheit ist wirklich nicht gut für dieses Land, aber eines steht zweifellos fest und da hat die Opposition Recht: Dieses Land ist von der wirtschaftlichen Seite her nicht mehr gesund.“
  • „Ich glaube in der Tat, dass der Konsum anspringt. Die Leute möchten wieder konsumieren, aber das tun sie sehr preisbewusst. Ob es in der Summe wirklich viel mehr gibt, wage ich zu bezweifeln.“

Bofinger:

  • „Nachdem wir nun jahrelang diese Lohnzurückhaltung gemacht haben, können wir mal zu dem wieder zurückkehren, was in Deutschland eigentlich über Jahrzehnte hinweg unstrittig war, dass die Löhne mit dem Produktivitätsfortschritt steigen.“
  • „Wir haben in den letzten Jahren in Deutschland eine Lohnpolitik gehabt, die hinter dem Verteilungsspielraum zurückgeblieben ist. Die Produktivitätsgewinne in der Wirtschaft sind nun nicht in vollem Maße bei den Arbeitnehmern gelandet.

Beck:

  • „Ich glaube, dass wir den Armutsbegriff natürlich relativieren müssen. Es ist einer, der sich auf die Lebenssituation in der Bundesrepublik Deutschland bezieht.“
  • „Wir müssen eben auch wieder ein Stück reale Zuversicht wecken, damit die Menschen auch wieder den Mut haben privat zu investieren.“

Merz:

  • „Die nächste Regierung in Deutschland muss vorbereitet sein auf die Regierungsverantwortung und muss in den ersten zwei Jahren die Weichen neu stellen, sonst habe ich wirklich große Sorgen um die Zukunft dieses Landes. Daran werde ich mich auch in Zukunft beteiligen. Nicht immer in der ersten Reihe, nicht immer bei Sabine Christiansen, aber sehr wohl in den Sachfragen. Da werden sie von mir hören.“
  • „Wir müssen institutionelle Regeln haben, damit alle in der Politik, und das gilt für die Regierung wie für die Opposition, einfach eine objektive Obergrenze haben, wo diese Verschuldung gestoppt wird.

Hermenau:

  • „Es ist notwendig, dass öffentliche Gelder deutlich klarer mit ihren Zweckbindungen ausgegeben werden, dass nicht so viel zum hin und herschieben da ist.“
  • „Unser größtes wirtschaftliches Problem und Haushaltsproblem ist nicht die Binnennachfrage. Unser größtes Problem ist das demographische Problem. Die Pensionslasten sind ein Problem und der Zuschuss zur Rentenversicherung. Das ist das Kernproblem, das wir haben. Hätten wir diese 50 Milliarden Euro nicht für Rentenversicherungen ausgeben müssen, ständen wir jetzt blendend da.“

Wir könnten die Rentner ja erschießen oder verhungern lassen, damit in der Kasse mehr Geld zum hin und her schieben bleibt. Oder wir könnten die Ostrentner ja ganz aus der Rentenversicherung rausnehmen und deren Renten komplett, als Kosten der Wiedervereinigung, über Steuern finanzieren. Dann braucht man nicht immer den Eindruck zu erwecken als wären die Rentner das Problem und der Staat müsste die ganzen Soziallasten aus der eigenen Tasche aufbringen.
Und vielleicht schnallt es auch die Frau Hermenau irgendwann mal, dass die staatlich geförderte Frühverrentung und die Ausgrenzung älterer Arbeitnehmer aus dem Arbeitsleben neben einer verfehlten Familienpolitik das „demographische“ Problem mit verursacht haben.

Die Drohung von CDU-Vize Merz, dass die nächste Regierung neue Weichen stellen muss und er sich daran beteiligen will, hatte ich ja schon befürchtet, als er bei Angie “Missgriff” Merkel das Handtuch zerschnitten hat.
Am besten hat mir aber der Spruch vom Herrn Beck gefallen, dass wir “den Armutsbegriff auf die Lebenssituation in der Bundesrepublik Deutschland relativieren müssen”.
Auch gut war der Vorschlag vom Unternehmer Wöhrl, dass alle Arbeitnehmer 6% mehr arbeiten sollten und dafür 3% mehr Lohn bekommen, weil dann …

Aber die Lösung erhalten Sie erst am nächsten Sonntag bei „Saaaabiiiiineeeee Christiansen“ und dem heiteren Frage- und Ratespiel mit Kandidaten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft.
Ich persönlich frag mich nach der Sendung immer wer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wohl die Verantwortung dafür trägt, dass die Frau Christiansen und ihre Produktionsgesellschaft TV21 für eine derart platte Labersendung auch noch Geld bekommt.
Und ich frage mich, warum ich immer wieder so blöd bin, vor der Glotze sitzen bleibe und mich ärgere, statt einfach ins Bett zu gehen.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 1. Dezember 2004 um 05:45:26 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Christiansen

1. Dezember 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Die Christiansen hatte geladen und es kamen – die üblichen Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft mitsamt ihren Ideologienköfferchen und Halbwahrheiten.
Da waren

  • der Herr Beck Stellv. SPD-Vorsitzender; Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz
  • die Frau Antje Hermenau Haushaltsexpertin B’90/Grüne
  • Hans Rudolf Wöhrl, Unternehmer
  • mein spezieller Freund und Kupferstecher Friedrich Merz Unions-Fraktionsvize
  • und last but not least der Wirtschaftsweise Professor Peter Bofinger.

Den politischen Background der Kandidaten und deren bisher begangenen „Heldentaten“ setze ich als bekannt voraus und komme gleich zur Sache.

Frohes Fest trotz leerer Kassen? war der Arbeitstitel der Sendung, die ich leider nicht von Beginn an gesehen habe, denn nach dem Krimi auf Pro7 bin ich noch etwas durch die Kanäle gezappt und hier und da kurzzeitig hängen geblieben, bis ich schließlich bei Sabine Christiansen gelandet bin.

Irgendwie wirkte die Stimmung sofort vertraut. Wäre da nicht das andere Outfit der Moderatorin, könnte man fast meinen, es wäre eine Wiederholung vom vorvorherigen Sonntag. Auch muss man das aktuelle Thema der Sendung nicht kennen, man ist sofort mitten drin in den üblichen Dampfplaudereien und gegenseitigen Nettigkeiten der geladenen Personen, die man auch meist schon von vorvorvorhergegangenen Sendungen zur Genüge kennt. Lediglich das Lager der Arbeitgeber war diesmal personell etwas unterbesetzt, wobei man den Unionsfraktions-Vize Merz eventuell der Arbeitgeberseite zurechnen könnte. Auf jeden Fall argumentierte Merz mit seinem geballten Wirtschafts-Knoff-Hoff gegen die Regierungspolitik, die von Beck und Hermenau angesichts des neuen Armutsreports nur schwach verteidigt werden konnte.
Ist halt schon schlecht, wenn sich nach sechs Jahren rot-grüner Politik zeigt, dass es mehr Arme gibt als zuvor. Da wirkte das Argument, dass man nicht sagen könnte wie viele Arme es ohne rot-grüne Politik geben würde, schon etwas weit hergeholt. Wobei mich natürlich wundert, warum man die Zahl der Armen in Deutschland ausgerechnet mit dem Jahr der rot-grünen Machtübernahme vergleicht. Viel mehr würde mich interessieren, ob sich dieser Verarmungsprozess in den letzten drei oder vier Jahren beschleunigt hat.

Neben allem Geplänkel, gegenseitigen Schuldzuweisungen und Halbwahrheiten hatten einige Teilnehmer der spätabendlichen Plauderstunde teilweise auch helle Momente:

Wöhrl:

  • „Die Zerstrittenheit ist wirklich nicht gut für dieses Land, aber eines steht zweifellos fest und da hat die Opposition Recht: Dieses Land ist von der wirtschaftlichen Seite her nicht mehr gesund.“
  • „Ich glaube in der Tat, dass der Konsum anspringt. Die Leute möchten wieder konsumieren, aber das tun sie sehr preisbewusst. Ob es in der Summe wirklich viel mehr gibt, wage ich zu bezweifeln.“

Bofinger:

  • „Nachdem wir nun jahrelang diese Lohnzurückhaltung gemacht haben, können wir mal zu dem wieder zurückkehren, was in Deutschland eigentlich über Jahrzehnte hinweg unstrittig war, dass die Löhne mit dem Produktivitätsfortschritt steigen.“
  • „Wir haben in den letzten Jahren in Deutschland eine Lohnpolitik gehabt, die hinter dem Verteilungsspielraum zurückgeblieben ist. Die Produktivitätsgewinne in der Wirtschaft sind nun nicht in vollem Maße bei den Arbeitnehmern gelandet.

Beck:

  • „Ich glaube, dass wir den Armutsbegriff natürlich relativieren müssen. Es ist einer, der sich auf die Lebenssituation in der Bundesrepublik Deutschland bezieht.“
  • „Wir müssen eben auch wieder ein Stück reale Zuversicht wecken, damit die Menschen auch wieder den Mut haben privat zu investieren.“

Merz:

  • „Die nächste Regierung in Deutschland muss vorbereitet sein auf die Regierungsverantwortung und muss in den ersten zwei Jahren die Weichen neu stellen, sonst habe ich wirklich große Sorgen um die Zukunft dieses Landes. Daran werde ich mich auch in Zukunft beteiligen. Nicht immer in der ersten Reihe, nicht immer bei Sabine Christiansen, aber sehr wohl in den Sachfragen. Da werden sie von mir hören.“
  • „Wir müssen institutionelle Regeln haben, damit alle in der Politik, und das gilt für die Regierung wie für die Opposition, einfach eine objektive Obergrenze haben, wo diese Verschuldung gestoppt wird.

Hermenau:

  • „Es ist notwendig, dass öffentliche Gelder deutlich klarer mit ihren Zweckbindungen ausgegeben werden, dass nicht so viel zum hin und herschieben da ist.“
  • „Unser größtes wirtschaftliches Problem und Haushaltsproblem ist nicht die Binnennachfrage. Unser größtes Problem ist das demographische Problem. Die Pensionslasten sind ein Problem und der Zuschuss zur Rentenversicherung. Das ist das Kernproblem, das wir haben. Hätten wir diese 50 Milliarden Euro nicht für Rentenversicherungen ausgeben müssen, ständen wir jetzt blendend da.“

Wir könnten die Rentner ja erschießen oder verhungern lassen, damit in der Kasse mehr Geld zum hin und her schieben bleibt. Oder wir könnten die Ostrentner ja ganz aus der Rentenversicherung rausnehmen und deren Renten komplett, als Kosten der Wiedervereinigung, über Steuern finanzieren. Dann braucht man nicht immer den Eindruck zu erwecken als wären die Rentner das Problem und der Staat müsste die ganzen Soziallasten aus der eigenen Tasche aufbringen.
Und vielleicht schnallt es auch die Frau Hermenau irgendwann mal, dass die staatlich geförderte Frühverrentung und die Ausgrenzung älterer Arbeitnehmer aus dem Arbeitsleben neben einer verfehlten Familienpolitik das „demographische“ Problem mit verursacht haben.

Die Drohung von CDU-Vize Merz, dass die nächste Regierung neue Weichen stellen muss und er sich daran beteiligen will, hatte ich ja schon befürchtet, als er bei Angie “Missgriff” Merkel das Handtuch zerschnitten hat.
Am besten hat mir aber der Spruch vom Herrn Beck gefallen, dass wir “den Armutsbegriff auf die Lebenssituation in der Bundesrepublik Deutschland relativieren müssen”.
Auch gut war der Vorschlag vom Unternehmer Wöhrl, dass alle Arbeitnehmer 6% mehr arbeiten sollten und dafür 3% mehr Lohn bekommen, weil dann …

Aber die Lösung erhalten Sie erst am nächsten Sonntag bei „Saaaabiiiiineeeee Christiansen“ und dem heiteren Frage- und Ratespiel mit Kandidaten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft.
Ich persönlich frag mich nach der Sendung immer wer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wohl die Verantwortung dafür trägt, dass die Frau Christiansen und ihre Produktionsgesellschaft TV21 für eine derart platte Labersendung auch noch Geld bekommt.
Und ich frage mich, warum ich immer wieder so blöd bin, vor der Glotze sitzen bleibe und mich ärgere, statt einfach ins Bett zu gehen.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 1. Dezember 2004 um 05:45:26 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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