Wirtschaftsweise

28. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Von einem Großteil unserer Bevölkerung unbemerkt hat sich im Rat der Wirtschaftsweisen Erstaunliches getan.
Wir haben eine Wirtschaftsweise und der Spiegel hat sie interviewt.
Jetzt werden Sie sich fragen, was ich daran jetzt schon wieder auszusetzen habe. Ich nenn jetzt einfach mal die Gründe die es nicht sind, in der Reihenfolge wie sie mir um die Ohren gehauen würden, wenn sie es denn wären.
1. Die Ökonomieprofessorin Beatrice Weder di Mauro ist eine Frau.
2. Sie ist blond
3. Sie ist jung
4. Sie ist Ausländerin
5. Sie ist mit einem Ausländer verheiratet
6. Sie ist intelligent.
7. Sie telefoniert beim Autofahren
8. Sie hat sich von den Spiegelredakteuren nicht aufs Kreuz legen lassen

Ääähhh, bevor der Punkt 7 zu Missverständnissen führt, ich habe das „verbal argumentativ“ gemeint, nicht „körperlich biologisch“. Aber ein bisschen Machogehabe muss ich mir ab und an auch mal gönnen (dürfen).

Falls Sie es nicht getan haben, ich habe das Interview bis zu Ende gelesen und bin zwar bei dem einen oder anderen Punkt einer anderen Meinung, aber dabei dürfte es sich im wesentlichen um Lebenserfahrung und einen weniger wissenschaftlichen und mehr wirtschaftlichen Werdegang meinerseits handeln.
Symptomatisch für diese Differenzen sind Aussagen dieser, sicher nicht alltäglichen jungen Frau, wie sie in einem Artikel in der Zeit vom 18.11.2004 abgedruckt wurden:
«Die Löhne für die Geringqualifizierten sind zu hoch. Weder di Mauro kann das Klagen wegen der „notwendigen“ Reformen kaum verstehen. In Deutschland seien die sozialen Netze doch eng geknüpft. Es gehe doch allen noch gut, wenn man die Verhältnisse etwa mit Lima oder São Paulo vergleiche. „80 Prozent der Menschheit“, sagt Weder di Mauro, „würden alles dafür geben, in Industrieländern zu leben.“ Keiner Korruption ausgeliefert zu sein, Eigentum erwerben und behalten zu können, ihr Schicksal selbst bestimmen zu dürfen»

Damit könnte ich ja noch umgehen, zeigt es doch die auch bei unserem Bundespräsidenten „Hotte“ Köhler vorherrschende Meinung mit Realitätsverlust, dass die Deutschen auf hohem Niveau „leiden“ und Weltmeister im Jammern sind.
Und der Vergleich eines Arbeitslosen in einer der führenden Industrienationen mit einem Tagelöhner in Lima oder einem Fakir in Neu Delhi darf dabei natürlich auch nicht fehlen. Getreu nach dem Motto, dass es angesichts der Tatsache, dass es 80% der Menschheit schlechter geht als der Masse der Deutschen, schon OK ist, wenn es 80% der Deutschen schlechter geht als den restlichen 20%.
Warum werden für diesen blödsinnigen Vergleich eigentlich immer die Arbeitnehmer und Armen herangezogen? Vielleicht deshalb weil es einem Millionär in Bolivien nicht schlechter geht als einem Millionär in Deutschland?
Und übrigens liegt, nach dem aktuellstem Bericht von OLAF, die Bundesrepublik Deutschland bei der Korruption in Europa auf einem der vorderen Plätze.

Nein, der einzige Punkt, der mich wirklich stört – für diesen Punkt kann die Frau Ökonomieprofessorin Beatrice Weder di Mauro nichts.
Gar nichts!
Sie kann nichts dafür, dass ausgerechnet Superwolli Wolfgang Clement sie gefragt/gebeten/ersucht/aufgefordert hat, im Rat der Wirtschaftsweisen mitzumachen.
Dafür kann sie nichts.

Der Kamm schwillt mir aber, wenn ich auch im Spiegel lesen muss, dass der Bundeskasper sich über die Analyse der gesamtwirtschaftlichen Lage und Prognosen für die Zukunft und das „Weiter-So-Gutachten“ der fünf Wirtschaftsweisen GEFREUT hat, weil er sonst von den fünf Ökonomen Schlimmeres gewohnt ist.

Jetzt kann man ja nicht behaupten, dass die Politik unserer Regierung in den letzten sechs Jahren (ja, ja, so lange ist das schon her) einer kontinuierlichen Verbesserung unterworfen gewesen wäre.
Und wenn sich das nicht in gleichem Umfang in der Beurteilung der Lage der Nation durch den Sachverständigenrat niederschlägt, dann könnten die Wirtschaftsweisen vielleicht ihr Gutachten an das Niveau der Bundesregierung angepasst haben.
Oder die Berufung der unabhängigen Mitglieder des renommierten Clubs der Wirtschaftsweisen scheint erste Früchte zu tragen, denn die erfolgt durch die …
Na, wen wohl!
Also, dann haben wir uns ja verstanden.

Vielleicht würde sich die Sichtweise der 39-jährigen Mutter und Ökonomieprofessorin Beatrice Weder di Mauro auf die Probleme der BRddr etwas ändern, wenn ihr Mann seinen Job bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt verlieren würde und mit den Segnungen von Hartz I bis Hartz IV in die Langzeitarbeitslosigkeit mit ALGII gehen müsste. Der Mann muss ja auch schon so um die 40 sein. Da tut man sich schon schwer als älterer, überqualifizierter Arbeitnehmer, der sicher auch ganz gut verdient hat, den Wiedereinstieg in den Job zu schaffen.
Und mit einem Euro pro Stunde kommt man nicht weit. In Lima vielleicht, aber in Deutschland nicht.

Wobei, das ist jetzt natürlich Unsinn, was ich hier schreibe, denn der Ehemann der Ökonomieprofessorin Beatrice Weder di Mauro würde doch gar kein ALG II bekommen!
Nicht als Teil einer Bedarfsgemeinschaft, in der die Ehefrau Besserverdienende ist, deren Aufgabe es dann sein wird, ihren langzeitarbeitslosen Ehepartner bis zu seiner kleinen Rente durchzufüttern.
Natürlich kann sie die Bedarfsgemeinschaft ja jederzeit gefahrlos auflösen. Das Sorgerecht für das gemeinsame Kind würde sie nach geltender deutscher Rechtsprechung sicher bekommen.

Jetzt hoffen wir halt, dass den Wirtschaftsweisen -trotz des Makels der Berufung durch die Bundesregierung-, der Blick auf die wirtschaftliche und soziale Realität, sowie die daraus resultierenden Notwendigkeiten in unserem Staat nicht durch gehorsames Wohlwollen verstellt wird.
Auch der Hund, der seinen Herrn verbellt, ist ein guter Wachhund, wenn er seinen Herrn bei sträflichem Tun erwischt.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 28. November 2004 um 05:45:23 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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28. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Von einem Großteil unserer Bevölkerung unbemerkt hat sich im Rat der Wirtschaftsweisen Erstaunliches getan.
Wir haben eine Wirtschaftsweise und der Spiegel hat sie interviewt.
Jetzt werden Sie sich fragen, was ich daran jetzt schon wieder auszusetzen habe. Ich nenn jetzt einfach mal die Gründe die es nicht sind, in der Reihenfolge wie sie mir um die Ohren gehauen würden, wenn sie es denn wären.
1. Die Ökonomieprofessorin Beatrice Weder di Mauro ist eine Frau.
2. Sie ist blond
3. Sie ist jung
4. Sie ist Ausländerin
5. Sie ist mit einem Ausländer verheiratet
6. Sie ist intelligent.
7. Sie telefoniert beim Autofahren
8. Sie hat sich von den Spiegelredakteuren nicht aufs Kreuz legen lassen

Ääähhh, bevor der Punkt 7 zu Missverständnissen führt, ich habe das „verbal argumentativ“ gemeint, nicht „körperlich biologisch“. Aber ein bisschen Machogehabe muss ich mir ab und an auch mal gönnen (dürfen).

Falls Sie es nicht getan haben, ich habe das Interview bis zu Ende gelesen und bin zwar bei dem einen oder anderen Punkt einer anderen Meinung, aber dabei dürfte es sich im wesentlichen um Lebenserfahrung und einen weniger wissenschaftlichen und mehr wirtschaftlichen Werdegang meinerseits handeln.
Symptomatisch für diese Differenzen sind Aussagen dieser, sicher nicht alltäglichen jungen Frau, wie sie in einem Artikel in der Zeit vom 18.11.2004 abgedruckt wurden:
«Die Löhne für die Geringqualifizierten sind zu hoch. Weder di Mauro kann das Klagen wegen der „notwendigen“ Reformen kaum verstehen. In Deutschland seien die sozialen Netze doch eng geknüpft. Es gehe doch allen noch gut, wenn man die Verhältnisse etwa mit Lima oder São Paulo vergleiche. „80 Prozent der Menschheit“, sagt Weder di Mauro, „würden alles dafür geben, in Industrieländern zu leben.“ Keiner Korruption ausgeliefert zu sein, Eigentum erwerben und behalten zu können, ihr Schicksal selbst bestimmen zu dürfen»

Damit könnte ich ja noch umgehen, zeigt es doch die auch bei unserem Bundespräsidenten „Hotte“ Köhler vorherrschende Meinung mit Realitätsverlust, dass die Deutschen auf hohem Niveau „leiden“ und Weltmeister im Jammern sind.
Und der Vergleich eines Arbeitslosen in einer der führenden Industrienationen mit einem Tagelöhner in Lima oder einem Fakir in Neu Delhi darf dabei natürlich auch nicht fehlen. Getreu nach dem Motto, dass es angesichts der Tatsache, dass es 80% der Menschheit schlechter geht als der Masse der Deutschen, schon OK ist, wenn es 80% der Deutschen schlechter geht als den restlichen 20%.
Warum werden für diesen blödsinnigen Vergleich eigentlich immer die Arbeitnehmer und Armen herangezogen? Vielleicht deshalb weil es einem Millionär in Bolivien nicht schlechter geht als einem Millionär in Deutschland?
Und übrigens liegt, nach dem aktuellstem Bericht von OLAF, die Bundesrepublik Deutschland bei der Korruption in Europa auf einem der vorderen Plätze.

Nein, der einzige Punkt, der mich wirklich stört – für diesen Punkt kann die Frau Ökonomieprofessorin Beatrice Weder di Mauro nichts.
Gar nichts!
Sie kann nichts dafür, dass ausgerechnet Superwolli Wolfgang Clement sie gefragt/gebeten/ersucht/aufgefordert hat, im Rat der Wirtschaftsweisen mitzumachen.
Dafür kann sie nichts.

Der Kamm schwillt mir aber, wenn ich auch im Spiegel lesen muss, dass der Bundeskasper sich über die Analyse der gesamtwirtschaftlichen Lage und Prognosen für die Zukunft und das „Weiter-So-Gutachten“ der fünf Wirtschaftsweisen GEFREUT hat, weil er sonst von den fünf Ökonomen Schlimmeres gewohnt ist.

Jetzt kann man ja nicht behaupten, dass die Politik unserer Regierung in den letzten sechs Jahren (ja, ja, so lange ist das schon her) einer kontinuierlichen Verbesserung unterworfen gewesen wäre.
Und wenn sich das nicht in gleichem Umfang in der Beurteilung der Lage der Nation durch den Sachverständigenrat niederschlägt, dann könnten die Wirtschaftsweisen vielleicht ihr Gutachten an das Niveau der Bundesregierung angepasst haben.
Oder die Berufung der unabhängigen Mitglieder des renommierten Clubs der Wirtschaftsweisen scheint erste Früchte zu tragen, denn die erfolgt durch die …
Na, wen wohl!
Also, dann haben wir uns ja verstanden.

Vielleicht würde sich die Sichtweise der 39-jährigen Mutter und Ökonomieprofessorin Beatrice Weder di Mauro auf die Probleme der BRddr etwas ändern, wenn ihr Mann seinen Job bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt verlieren würde und mit den Segnungen von Hartz I bis Hartz IV in die Langzeitarbeitslosigkeit mit ALGII gehen müsste. Der Mann muss ja auch schon so um die 40 sein. Da tut man sich schon schwer als älterer, überqualifizierter Arbeitnehmer, der sicher auch ganz gut verdient hat, den Wiedereinstieg in den Job zu schaffen.
Und mit einem Euro pro Stunde kommt man nicht weit. In Lima vielleicht, aber in Deutschland nicht.

Wobei, das ist jetzt natürlich Unsinn, was ich hier schreibe, denn der Ehemann der Ökonomieprofessorin Beatrice Weder di Mauro würde doch gar kein ALG II bekommen!
Nicht als Teil einer Bedarfsgemeinschaft, in der die Ehefrau Besserverdienende ist, deren Aufgabe es dann sein wird, ihren langzeitarbeitslosen Ehepartner bis zu seiner kleinen Rente durchzufüttern.
Natürlich kann sie die Bedarfsgemeinschaft ja jederzeit gefahrlos auflösen. Das Sorgerecht für das gemeinsame Kind würde sie nach geltender deutscher Rechtsprechung sicher bekommen.

Jetzt hoffen wir halt, dass den Wirtschaftsweisen -trotz des Makels der Berufung durch die Bundesregierung-, der Blick auf die wirtschaftliche und soziale Realität, sowie die daraus resultierenden Notwendigkeiten in unserem Staat nicht durch gehorsames Wohlwollen verstellt wird.
Auch der Hund, der seinen Herrn verbellt, ist ein guter Wachhund, wenn er seinen Herrn bei sträflichem Tun erwischt.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 28. November 2004 um 05:45:23 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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