Bakterielle Zahntaschen

27. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Im Dezember 2003 (!!!) hat mir mein Zahnarzt die Durchführung einer Behandlung gegen den bei Kassenpatienten sehr häufigen Zahnfleischschwund empfohlen.
Denn -man(n) höre und staune- die Zahnmedizin hat JETZT neue Erkenntnisse darüber, dass diese Volkskrankheit, die man bei Privatpatienten Paradentose (altdeutsch) bzw. Parodontose (neudeutsch) nennt, AUCH bakterielle Ursachen haben kann.
Das ist immer schick, wenn man(n) solche Sachen erfährt und mindestens einen Tupfer, zwei messerartige scharfkantige Gegenstände in der oralen Bakterienhöhle hat und der Zeigefinger des Zahnarztes zu allem Überfluss auch noch die Zunge nach unten in Richtung Adamsapfel drückt.
„Dall is abel danz elstaunlich“, entstöhnte sich mein Sprechapparat, während ich mit geschlossenen Augen, begleitet durch das einschläfernde Gurgeln des Speichelabsauger dem weiteren Vortrag des mich behandelnden Arztes lausche:

Da hat doch der Herr Professor (Name undeutlich) herausgefunden, dass in den entzündlichen Zahnfleischtaschen Bakterien hausen. Unterschiedliche Arten von allerbösesten, aggressiven Bakterien. Und weil der Herr Professor ja nicht einfach irgendjemand ist, sondern der Herr Professor, hat er auch gleich ein Verfahren entwickelt wie man diese bösen Bakterien in den Zahnfleischtaschen bekämpfen kann und sich das Verfahren patentieren lassen. Und weil diese komplizierte Behandlung natürlich Geld kostet, haben die Krankenkassen das auch bezahlt. Bisher! Leider aber jetzt ab Januar 2004 nicht mehr, außer man würde den Antrag noch vor dem 31.12.2003 einreichen, die Behandlung selbst könnte man dann in 2004 durchführen.
Also wenn ich einverstanden wäre, dann würde der Herr Doktor jetzt gleich eine Bakterienprobe aus den entzündlichen Zahntaschen entnehmen und an das auf die Analyse solch gefährlicher Bakterien spezialisierte Institut – das zufälligerweise dem Herrn Professor gehört- nach München zu schicken. Eine eventuell notwendige Behandlung könne man dann ja im Laufe des Jahres 2004 durchführen. Wenn ich damit einverstanden wäre …“

Mein Nackenzucken, mit dem mein Körper instinktiv versuchte mein äußerst empfindliches Rachenzäpfchen aus der Reichweite seines gummibehandschuhten Zeigefingers zu bringen, schien der Zahnmediziner als patientenseitige Zustimmungserklärung zu seinem Behandlungsangebot zu interpretieren.
Sollte man diese Art der Geschäftsanbahnung auf andere Wirtschaftsbereiche ausdehnen, würde sicher die Hälfte der Republik in ausgekotzten Verdauungsresten herumwaten.

Während ich noch damit beschäftigt war, wie jemand den man gegen seinen Willen zum Oralverkehr gezwungen hatte, durch Schlucken und Spucke sammeln den Geschmack einer toten Katze in meiner geschändeten Mundhöhle zu beseitigen, plauderte der Zahnmediziner freundlich weiter:
Ich werde also den Antrag auf Behandlung noch in 2003 bei der Kasse einreichen. Sie lassen sich von meiner Assistentin einen Termin im Januar des nächsten Jahres geben. Da ist sicher der Befund aus München vom Institut des Professors noch nicht da. Das macht aber nichts, denn ich muss Sie vor der eigentlichen Behandlung sowieso erst noch über die Bedeutung der Zahnhygiene belehren und mich dann bei einem weiteren Termin davon überzeugen, dass sie als Patient durch regelmäßige Zahnpflege am Erfolg der Behandlung aktiv mitarbeiten. Ich weiß, wir kennen uns seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten und ich weiß, dass sie ihre Zähne putzen, aber die Kasse will das so. Genau in dieser Reihenfolge. Also machen wir das auch so. Irgendwann im zweiten Halbjahr 2004 führen wir dann die genehmigte Behandlung gegen Zahnfleischschwund durch. Und jetzt wünsche ich Ihnen noch fröhliche Weihnachten und eine guten Rutsch.“

Sprach’s und verschwand im angrenzenden Behandlungszimmer.

So war das damals.
Kurz vor Weihnachten 2003.
Und am Montag gehe ich zur Behandlung.

In einigen Wochen ist wieder Weihnachten.
Mal sehen was wir dieses Jahr für einen Antrag stellen müssen, weil die Kasse nächstes Jahr für die Kosten nicht mehr aufkommt.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 27. November 2004 um 05:45:04 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Bakterielle Zahntaschen

27. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Im Dezember 2003 (!!!) hat mir mein Zahnarzt die Durchführung einer Behandlung gegen den bei Kassenpatienten sehr häufigen Zahnfleischschwund empfohlen.
Denn -man(n) höre und staune- die Zahnmedizin hat JETZT neue Erkenntnisse darüber, dass diese Volkskrankheit, die man bei Privatpatienten Paradentose (altdeutsch) bzw. Parodontose (neudeutsch) nennt, AUCH bakterielle Ursachen haben kann.
Das ist immer schick, wenn man(n) solche Sachen erfährt und mindestens einen Tupfer, zwei messerartige scharfkantige Gegenstände in der oralen Bakterienhöhle hat und der Zeigefinger des Zahnarztes zu allem Überfluss auch noch die Zunge nach unten in Richtung Adamsapfel drückt.
„Dall is abel danz elstaunlich“, entstöhnte sich mein Sprechapparat, während ich mit geschlossenen Augen, begleitet durch das einschläfernde Gurgeln des Speichelabsauger dem weiteren Vortrag des mich behandelnden Arztes lausche:

Da hat doch der Herr Professor (Name undeutlich) herausgefunden, dass in den entzündlichen Zahnfleischtaschen Bakterien hausen. Unterschiedliche Arten von allerbösesten, aggressiven Bakterien. Und weil der Herr Professor ja nicht einfach irgendjemand ist, sondern der Herr Professor, hat er auch gleich ein Verfahren entwickelt wie man diese bösen Bakterien in den Zahnfleischtaschen bekämpfen kann und sich das Verfahren patentieren lassen. Und weil diese komplizierte Behandlung natürlich Geld kostet, haben die Krankenkassen das auch bezahlt. Bisher! Leider aber jetzt ab Januar 2004 nicht mehr, außer man würde den Antrag noch vor dem 31.12.2003 einreichen, die Behandlung selbst könnte man dann in 2004 durchführen.
Also wenn ich einverstanden wäre, dann würde der Herr Doktor jetzt gleich eine Bakterienprobe aus den entzündlichen Zahntaschen entnehmen und an das auf die Analyse solch gefährlicher Bakterien spezialisierte Institut – das zufälligerweise dem Herrn Professor gehört- nach München zu schicken. Eine eventuell notwendige Behandlung könne man dann ja im Laufe des Jahres 2004 durchführen. Wenn ich damit einverstanden wäre …“

Mein Nackenzucken, mit dem mein Körper instinktiv versuchte mein äußerst empfindliches Rachenzäpfchen aus der Reichweite seines gummibehandschuhten Zeigefingers zu bringen, schien der Zahnmediziner als patientenseitige Zustimmungserklärung zu seinem Behandlungsangebot zu interpretieren.
Sollte man diese Art der Geschäftsanbahnung auf andere Wirtschaftsbereiche ausdehnen, würde sicher die Hälfte der Republik in ausgekotzten Verdauungsresten herumwaten.

Während ich noch damit beschäftigt war, wie jemand den man gegen seinen Willen zum Oralverkehr gezwungen hatte, durch Schlucken und Spucke sammeln den Geschmack einer toten Katze in meiner geschändeten Mundhöhle zu beseitigen, plauderte der Zahnmediziner freundlich weiter:
Ich werde also den Antrag auf Behandlung noch in 2003 bei der Kasse einreichen. Sie lassen sich von meiner Assistentin einen Termin im Januar des nächsten Jahres geben. Da ist sicher der Befund aus München vom Institut des Professors noch nicht da. Das macht aber nichts, denn ich muss Sie vor der eigentlichen Behandlung sowieso erst noch über die Bedeutung der Zahnhygiene belehren und mich dann bei einem weiteren Termin davon überzeugen, dass sie als Patient durch regelmäßige Zahnpflege am Erfolg der Behandlung aktiv mitarbeiten. Ich weiß, wir kennen uns seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten und ich weiß, dass sie ihre Zähne putzen, aber die Kasse will das so. Genau in dieser Reihenfolge. Also machen wir das auch so. Irgendwann im zweiten Halbjahr 2004 führen wir dann die genehmigte Behandlung gegen Zahnfleischschwund durch. Und jetzt wünsche ich Ihnen noch fröhliche Weihnachten und eine guten Rutsch.“

Sprach’s und verschwand im angrenzenden Behandlungszimmer.

So war das damals.
Kurz vor Weihnachten 2003.
Und am Montag gehe ich zur Behandlung.

In einigen Wochen ist wieder Weihnachten.
Mal sehen was wir dieses Jahr für einen Antrag stellen müssen, weil die Kasse nächstes Jahr für die Kosten nicht mehr aufkommt.

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