Crampi Nocturni

21. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Heute Nacht war ich in Sachen Politik und Volksbegehren unterwegs.
Ich bin zum Bahnhof gegangen und nach Erwerb einer Fahrkarte mit dem Zug nach Berlin gefahren.
Dort angekommen hab ich mir ein Taxi genommen und mich zum nächsten Supermarkt fahren lassen, dessen Name ich aber nicht nennen darf, da die Sponsorenverträge noch nicht unterzeichnet sind.
Den Taxifahrer habe ich vor dem Supermarkt warten lassen und mir eine Schachtel Hühnereier gekauft. Im Sixpack! Im Angebot und aus Bodenhaltung und von glücklichen Hühnern.
Dann habe ich dem Taxifahrer gesagt er solle mich zum Kanzlerbungalow fahren, worauf der mich blöde angestarrt hat und meinte, dass es in Berlin keinen Kanzlerbungalow geben würde.
Ich hab mir gleich gedacht, dass der Taxifahrer keine Ahnung hat. Wie soll der sich auch in Berlin auskennen, wenn er noch nicht mal richtig Deutsch kann.
Aber statt mit ihm zu diskutieren und ihm einen Vortrag über die friedliche Wiedervereinigung der Deutschen Nation und dem seitdem herrschenden Kriegszustand zwischen alter Regierungsform und neuem Volk zu halten, hab ich gesagt er solle mich dahin fahren, wo die schlechte Politik herkommt.

Er hat mich dann zu einem wichtig aussehenden Gebäude gefahren, dort hab ich bezahlt und bin mit meinem Sixpack ausgestiegen.
Dann hab ich die Eier aus dem Karton genommen und vor mir auf die Straße gelegt. Alle in einer Reihe . Mit einem Ei hatte ich Probleme, denn das wollte partout nicht liegen bleiben und wollte immer den Randstein runtereiern, da hab ich ihm einen Stein in den Weg gelegt und das Problem war beseitigt.
Dann hab ich die Entfernung bis zu dem Gebäude abgeschätzt und mal probeweise einige Schritte wie beim Speerwerfen angetäuscht. Die zunehmende Aufmerksamkeit einiger Passanten hat mich dabei nicht gestört.

Und dann ging alles Schlag auf Schlag.
Das erste Ei hat zwar noch nicht da hin getroffen, wo es hin sollte, obwohl das Ei an sich ja eine hervorragende aerodynamische Form hat und auch am Flugverlauf ballistisch nichts auszusetzen war. Vielleicht lag es am Anlauf, an der Schrittsynchronisation oder am Abwurf. Vielleicht auch der Umstand, dass ich zuviel Kraft und Luft für den Schrei gebraucht habe. Obwohl, wenn ich mich recht entsinne, war zu diesem Zeitpunkt das Ei schon auf seiner Flugbahn. Genau, ich habe ihm hinterhergerufen! „das ist für die Erfolge bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“ habe ich gerufen. Ich glaube, das war auch der Zeitpunkt an dem die Sicherheitskräfte auf mich aufmerksam wurden, aber Genaues wird wohl erst die Auswertung der Videoaufnahmen ergeben.
Obwohl ich mir den Arm beim ersten Wurf etwas verzerrt hatte, denn seit dem Gewinn der Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen ist es schon ein paar Tage her, gelang es mir mit dem zweiten Ei einen Volltreffer zu landen. Paahhh, volle Kanne mitten in den Eingangsbereich und an die Tür. Das hat vielleicht gepatscht und das Eiweiß und der Dotter sind gespritzt. Sah aus der Entfernung aus wie ein sich selbstzerstörendes Bild von Salvatore Dali, als die Reste vom Dotter an der Türe herunterliefen.
Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, dass einige Passanten stehen geblieben waren, wohl aufgeschreckt von meinem zweiten Ruf „das ist für die verzogene Steuerreform“. Zumindest einige der jüngeren Sicherheitskräfte schienen sich bereits gedanklich mit dem Gesehenen zu beschäftigen. Das verschaffte mir die Zeit zum dritten Mal zum Wurf auszuholen und dem fliegenden Ei nachzurufen „und das ist für die Gesundheitsreform“. Leider hatte ich keine Zeit die Flugbahn, die diesmal wirklich perfekt gewesen sein muss, zu bewundern, denn so ein voreiliger Sicherheitsmensch schien zu Ende gedacht zu haben und begann sich in Bewegung zu setzen.
Ich zögerte kurz und überlegte ob ich ihn mit dem vierten Ei erlegen sollte, entschied mich dann aber doch für das Gebäude und den Ruf „nimm das für Hartz IV“.
Der Wurf des fünften Eies war, das muss ich zugeben, etwas überhastet. Irgendwie sind mir da die Nerven durchgegangen, denn der Sicherheitsbeamte lief mir unfairerweise genau in die Schussbahn und hat mich etwas irritiert. Dass Ei hat ihn zwar knapp verfehlt, aber er kam ins Stolpern und ist mitsamt seiner verkabelten Elektronik und Kopfhörer und was weiß ich sonst noch, einige Meter vor mir zu Boden gegangen. Er ist der Länge nach hingeknallt, hat sich dann zweimal überschlagen und ist nach einigen Metern ganz ruhig in stabiler Seitenlage liegengeblieben.
Das verschaffte mir die Zeit, mich nach dem sechsten Ei zu bücken, Anlauf zu nehmen und mich mit dem Ruf „nimm das für den maroden Staatshaushalt, für Steuerverschwendung, für ausufernde Bürokratie, für die Ökosteuer, die Kürzung der Pendlerpauschale, die Erhöhung der Mineralsteuererhöhung, der Tabaksteuer, der Versicherungssteuer und … „ erneut auf das Gebäude zu stürzen.
Zum Ruf kam ich noch, aber dann ist mir jemand in den Wurfarm gefallen und hat mich zu Boden gerissen, obwohl ich noch soviel zu sagen gehabt hätte.

Was danach kam, weiß ich nicht mehr so genau. Irgendwie hatte ich so eine Art Blackout . So in der Art wie der Altbundeskanzler Kohl, der sich ja auch nicht mehr daran erinnern kann, wer ihm das Geld für die Parteispenden gegeben hat. Also ich könnte jetzt auch nicht mehr sagen, welcher Sicherheitsbeamte sich wie und wann auf mich gestürzt hat.
Das nächste was ich weiß, ist, dass ich wild um mich geschlagen und gestrampelt habe. Dabei habe ich einen fürchterlichen Wadenkrampf in der linken Wade bekommen.
„Du hast heute morgen dein Magnesium nicht genommen“ fiel mir ein und dann …

Dann bin ich mit einem lauten Schrei auf den Lippen in meinem Bett aufgewacht.
An mehr kann ich mich wirklich nicht erinnern.
Jetzt bin ich sehr verunsichert, werde sicherheitshalber heute nicht aus dem Haus gehen und die Zeit mit meiner schmerzenden Wade lieber vor dem Fernsehapparat verbringen. Vielleicht kommt über den Vorfall in Berlin ja irgendwas in den Nachrichten.
Obwohl ich eigentlich zum Einkaufen gehen müsste.
Zu ALDI.
Ich hab nämlich komischerweise keine Eier mehr im Kühlschrank.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 21. November 2004 um 05:45:19 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Crampi Nocturni

21. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Heute Nacht war ich in Sachen Politik und Volksbegehren unterwegs.
Ich bin zum Bahnhof gegangen und nach Erwerb einer Fahrkarte mit dem Zug nach Berlin gefahren.
Dort angekommen hab ich mir ein Taxi genommen und mich zum nächsten Supermarkt fahren lassen, dessen Name ich aber nicht nennen darf, da die Sponsorenverträge noch nicht unterzeichnet sind.
Den Taxifahrer habe ich vor dem Supermarkt warten lassen und mir eine Schachtel Hühnereier gekauft. Im Sixpack! Im Angebot und aus Bodenhaltung und von glücklichen Hühnern.
Dann habe ich dem Taxifahrer gesagt er solle mich zum Kanzlerbungalow fahren, worauf der mich blöde angestarrt hat und meinte, dass es in Berlin keinen Kanzlerbungalow geben würde.
Ich hab mir gleich gedacht, dass der Taxifahrer keine Ahnung hat. Wie soll der sich auch in Berlin auskennen, wenn er noch nicht mal richtig Deutsch kann.
Aber statt mit ihm zu diskutieren und ihm einen Vortrag über die friedliche Wiedervereinigung der Deutschen Nation und dem seitdem herrschenden Kriegszustand zwischen alter Regierungsform und neuem Volk zu halten, hab ich gesagt er solle mich dahin fahren, wo die schlechte Politik herkommt.

Er hat mich dann zu einem wichtig aussehenden Gebäude gefahren, dort hab ich bezahlt und bin mit meinem Sixpack ausgestiegen.
Dann hab ich die Eier aus dem Karton genommen und vor mir auf die Straße gelegt. Alle in einer Reihe . Mit einem Ei hatte ich Probleme, denn das wollte partout nicht liegen bleiben und wollte immer den Randstein runtereiern, da hab ich ihm einen Stein in den Weg gelegt und das Problem war beseitigt.
Dann hab ich die Entfernung bis zu dem Gebäude abgeschätzt und mal probeweise einige Schritte wie beim Speerwerfen angetäuscht. Die zunehmende Aufmerksamkeit einiger Passanten hat mich dabei nicht gestört.

Und dann ging alles Schlag auf Schlag.
Das erste Ei hat zwar noch nicht da hin getroffen, wo es hin sollte, obwohl das Ei an sich ja eine hervorragende aerodynamische Form hat und auch am Flugverlauf ballistisch nichts auszusetzen war. Vielleicht lag es am Anlauf, an der Schrittsynchronisation oder am Abwurf. Vielleicht auch der Umstand, dass ich zuviel Kraft und Luft für den Schrei gebraucht habe. Obwohl, wenn ich mich recht entsinne, war zu diesem Zeitpunkt das Ei schon auf seiner Flugbahn. Genau, ich habe ihm hinterhergerufen! „das ist für die Erfolge bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“ habe ich gerufen. Ich glaube, das war auch der Zeitpunkt an dem die Sicherheitskräfte auf mich aufmerksam wurden, aber Genaues wird wohl erst die Auswertung der Videoaufnahmen ergeben.
Obwohl ich mir den Arm beim ersten Wurf etwas verzerrt hatte, denn seit dem Gewinn der Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen ist es schon ein paar Tage her, gelang es mir mit dem zweiten Ei einen Volltreffer zu landen. Paahhh, volle Kanne mitten in den Eingangsbereich und an die Tür. Das hat vielleicht gepatscht und das Eiweiß und der Dotter sind gespritzt. Sah aus der Entfernung aus wie ein sich selbstzerstörendes Bild von Salvatore Dali, als die Reste vom Dotter an der Türe herunterliefen.
Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, dass einige Passanten stehen geblieben waren, wohl aufgeschreckt von meinem zweiten Ruf „das ist für die verzogene Steuerreform“. Zumindest einige der jüngeren Sicherheitskräfte schienen sich bereits gedanklich mit dem Gesehenen zu beschäftigen. Das verschaffte mir die Zeit zum dritten Mal zum Wurf auszuholen und dem fliegenden Ei nachzurufen „und das ist für die Gesundheitsreform“. Leider hatte ich keine Zeit die Flugbahn, die diesmal wirklich perfekt gewesen sein muss, zu bewundern, denn so ein voreiliger Sicherheitsmensch schien zu Ende gedacht zu haben und begann sich in Bewegung zu setzen.
Ich zögerte kurz und überlegte ob ich ihn mit dem vierten Ei erlegen sollte, entschied mich dann aber doch für das Gebäude und den Ruf „nimm das für Hartz IV“.
Der Wurf des fünften Eies war, das muss ich zugeben, etwas überhastet. Irgendwie sind mir da die Nerven durchgegangen, denn der Sicherheitsbeamte lief mir unfairerweise genau in die Schussbahn und hat mich etwas irritiert. Dass Ei hat ihn zwar knapp verfehlt, aber er kam ins Stolpern und ist mitsamt seiner verkabelten Elektronik und Kopfhörer und was weiß ich sonst noch, einige Meter vor mir zu Boden gegangen. Er ist der Länge nach hingeknallt, hat sich dann zweimal überschlagen und ist nach einigen Metern ganz ruhig in stabiler Seitenlage liegengeblieben.
Das verschaffte mir die Zeit, mich nach dem sechsten Ei zu bücken, Anlauf zu nehmen und mich mit dem Ruf „nimm das für den maroden Staatshaushalt, für Steuerverschwendung, für ausufernde Bürokratie, für die Ökosteuer, die Kürzung der Pendlerpauschale, die Erhöhung der Mineralsteuererhöhung, der Tabaksteuer, der Versicherungssteuer und … „ erneut auf das Gebäude zu stürzen.
Zum Ruf kam ich noch, aber dann ist mir jemand in den Wurfarm gefallen und hat mich zu Boden gerissen, obwohl ich noch soviel zu sagen gehabt hätte.

Was danach kam, weiß ich nicht mehr so genau. Irgendwie hatte ich so eine Art Blackout . So in der Art wie der Altbundeskanzler Kohl, der sich ja auch nicht mehr daran erinnern kann, wer ihm das Geld für die Parteispenden gegeben hat. Also ich könnte jetzt auch nicht mehr sagen, welcher Sicherheitsbeamte sich wie und wann auf mich gestürzt hat.
Das nächste was ich weiß, ist, dass ich wild um mich geschlagen und gestrampelt habe. Dabei habe ich einen fürchterlichen Wadenkrampf in der linken Wade bekommen.
„Du hast heute morgen dein Magnesium nicht genommen“ fiel mir ein und dann …

Dann bin ich mit einem lauten Schrei auf den Lippen in meinem Bett aufgewacht.
An mehr kann ich mich wirklich nicht erinnern.
Jetzt bin ich sehr verunsichert, werde sicherheitshalber heute nicht aus dem Haus gehen und die Zeit mit meiner schmerzenden Wade lieber vor dem Fernsehapparat verbringen. Vielleicht kommt über den Vorfall in Berlin ja irgendwas in den Nachrichten.
Obwohl ich eigentlich zum Einkaufen gehen müsste.
Zu ALDI.
Ich hab nämlich komischerweise keine Eier mehr im Kühlschrank.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 21. November 2004 um 05:45:19 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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