Gesundheit

6. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Gesundheit” sagt man nicht mehr, wenn jemand niesen musste.
Sagt der Trainer auf dem Seminar im Arabella Sheraton Hotel in München.
Gesundheit” sagen ist out. Das macht man nicht (mehr)! Das ist schlecht für‘s Image. Das ist antiquarisch! Das ist uncool.”

Ich drehe mich um und schau in den Saal, während der Trainer oben auf dem Podium weiter moderiert. Fragende Gesichter um mich herum, bei dem einen oder anderen, meist älteren Zuhörer noch verstärkt durch leichtes Schulterzucken und hängende Mundwinkel.
Körpersprache vom Feinsten.

Gesundheit sagen, bedeutet die körperliche Schwäche eines anderen Menschen zur Kenntnis zu nehmen und ihn –das ist das Schlimme daran- auch noch darauf hinzuweisen, dass Sie es bemerkt haben”, höre ich den Trainer in meinem Rücken, “das macht man nicht, nicht im Arbeitsleben. Das ist nicht teamkonform. Das ist nicht motivierend. Das ist kontraproduktiv.”

Ich blicke wieder nach vorne zum Podium. Dort steht der Moderator breitbeinig, eine Hand in die Hüfte gestemmt, die andere Hand wie zum Nazigruß erhoben und wie ein Seher in die unendliche Ferne zeigend. Er hat die Augen geschlossen, das Kinn auf die Brust gesenkt und spricht mit mahnender Stimme in das Mikrofon seines Headsets: “Ignorieren sie die Schwäche ihres Kollegen. Geben sie im nicht das Gefühl ein Versager zu sein. Schützen sie das Team gegen Störungen von innen, stärken sie das WIR-Gefühl, seien sie solidarisch, grenzen sie niemand aus, nur weil er seine körperlichen Reaktionen -die auch auf einer chronischen Erkrankung basieren können- kurzzeitig nicht unter Kontrolle hat. Geben sie ihm nicht das Gefühl der Schwäche.”

Neben mir sitzt mit gesenktem Kopf mein langjähriger Arbeitskollege und Weggefährte Manfred. Ein guter Freund durch die Irrungen und Wirrungen eines langen und bewegten Arbeitslebens. Ich kenne ihn sehr gut und weiß, dass er so gegen 10:00 Uhr immer einen konditionellen Durchhänger hat und sich gedanklich für einige Minuten in eine Art Schlafphase zurück zieht. “Aha”, denke ich mir, “er pennt mal wieder. Typisch für ihn, fährt auf ein schweineteueres Motivationsseminar nach München und hockt sich hin und pennt”.

Während oben auf dem Podium der Moderator dem ihm ausgelieferten Publikum weitere, noch wildere Behauptungen entgegen schleudert, beobachte ich den immer heftiger zuckenden Nasenflügel meines dösenden Kollegen.
Und just in dem Moment, als der Moderator seine Vortragsleier kurz unterbricht um Luft zu holen und zum nächsten Abschnitt überzugehen, genau da reißt es Manfred ruckartig den Kopf nach hinten und inmitten einer kleinen Wolke aus Feuchtigkeitstropfen schallt ein donnerndes “Hatschi” durch den Saal.

Die folgende Stille ist nur von kurzer Dauer bevor aus fast allen Mündern, wie in der Grundschule, ein einstimmiges ernstgemeintes “Gesundheit” durch den Saal ruft.
Im dann einsetzenden Gelächter steht der Moderator wie ein begossener Pudel auf dem Podium, hat er doch gerade den Unterschied zwischen seiner Theorie und unserer Praxis kennengelernt.

Ach ja, übrigens “Gesundheit” bzw. “Salve” sagten schon die alten Römer.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 6. November 2004 um 05:45:40 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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6. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Gesundheit” sagt man nicht mehr, wenn jemand niesen musste.
Sagt der Trainer auf dem Seminar im Arabella Sheraton Hotel in München.
Gesundheit” sagen ist out. Das macht man nicht (mehr)! Das ist schlecht für‘s Image. Das ist antiquarisch! Das ist uncool.”

Ich drehe mich um und schau in den Saal, während der Trainer oben auf dem Podium weiter moderiert. Fragende Gesichter um mich herum, bei dem einen oder anderen, meist älteren Zuhörer noch verstärkt durch leichtes Schulterzucken und hängende Mundwinkel.
Körpersprache vom Feinsten.

Gesundheit sagen, bedeutet die körperliche Schwäche eines anderen Menschen zur Kenntnis zu nehmen und ihn –das ist das Schlimme daran- auch noch darauf hinzuweisen, dass Sie es bemerkt haben”, höre ich den Trainer in meinem Rücken, “das macht man nicht, nicht im Arbeitsleben. Das ist nicht teamkonform. Das ist nicht motivierend. Das ist kontraproduktiv.”

Ich blicke wieder nach vorne zum Podium. Dort steht der Moderator breitbeinig, eine Hand in die Hüfte gestemmt, die andere Hand wie zum Nazigruß erhoben und wie ein Seher in die unendliche Ferne zeigend. Er hat die Augen geschlossen, das Kinn auf die Brust gesenkt und spricht mit mahnender Stimme in das Mikrofon seines Headsets: “Ignorieren sie die Schwäche ihres Kollegen. Geben sie im nicht das Gefühl ein Versager zu sein. Schützen sie das Team gegen Störungen von innen, stärken sie das WIR-Gefühl, seien sie solidarisch, grenzen sie niemand aus, nur weil er seine körperlichen Reaktionen -die auch auf einer chronischen Erkrankung basieren können- kurzzeitig nicht unter Kontrolle hat. Geben sie ihm nicht das Gefühl der Schwäche.”

Neben mir sitzt mit gesenktem Kopf mein langjähriger Arbeitskollege und Weggefährte Manfred. Ein guter Freund durch die Irrungen und Wirrungen eines langen und bewegten Arbeitslebens. Ich kenne ihn sehr gut und weiß, dass er so gegen 10:00 Uhr immer einen konditionellen Durchhänger hat und sich gedanklich für einige Minuten in eine Art Schlafphase zurück zieht. “Aha”, denke ich mir, “er pennt mal wieder. Typisch für ihn, fährt auf ein schweineteueres Motivationsseminar nach München und hockt sich hin und pennt”.

Während oben auf dem Podium der Moderator dem ihm ausgelieferten Publikum weitere, noch wildere Behauptungen entgegen schleudert, beobachte ich den immer heftiger zuckenden Nasenflügel meines dösenden Kollegen.
Und just in dem Moment, als der Moderator seine Vortragsleier kurz unterbricht um Luft zu holen und zum nächsten Abschnitt überzugehen, genau da reißt es Manfred ruckartig den Kopf nach hinten und inmitten einer kleinen Wolke aus Feuchtigkeitstropfen schallt ein donnerndes “Hatschi” durch den Saal.

Die folgende Stille ist nur von kurzer Dauer bevor aus fast allen Mündern, wie in der Grundschule, ein einstimmiges ernstgemeintes “Gesundheit” durch den Saal ruft.
Im dann einsetzenden Gelächter steht der Moderator wie ein begossener Pudel auf dem Podium, hat er doch gerade den Unterschied zwischen seiner Theorie und unserer Praxis kennengelernt.

Ach ja, übrigens “Gesundheit” bzw. “Salve” sagten schon die alten Römer.

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