Rumgefragt

1. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Ich wundere mich immer wieder, wenn die Ergebnisse “repräsentativer” Umfragen durch die Medien geistern. Nicht nur das Ergebnis erstaunt, sondern auch die Schnelligkeit mit der diese Umfrageergebnisse geschaffen werden. Haben Sie sich eigentlich nie gefragt, wie man innerhalb weniger Tage eine “repräsentativen” Querschnitt unserer Bevölkerung zu einem Problem befragen und das Ergebnis erfassen und auswerten kann.

Nehmen wir mal an, Sie wollten aus aktuellem Anlass eine Umfrage zur Abschaffung der Eigenheimzulage durchführen.

Wie machen Sie das?
Wer ist denn dafür repräsentativ?

Die Eigenheimbesitzer? Die haben ihre Hütte doch schon, denen dürfte die Abschaffung verhältnismäßig egal sein. Sofern sie nicht rückwirkend erfolgen wird.

Die Unternehmer? Denen ist es doch eigentlich auch egal, außer sie haben einen Unternehmer aus der Baubranche am Telefon?

Die Besserverdienenden? Auch denen dürfte der Wegfall der Eigenheimzulage ziemlich schnuppe sein, denn die Gewährung der Zulage ist an gewisse maximale Einkommensgrenzen gebunden.

Die Senioren
etwa? Also, das ist nach meiner Meinung ein aussichtloses Unterfangen, ist doch der größte Teil dieser Bevölkerungsgruppe auf Mallorca, in ihren Schrebergärten, im Altersheim, zu Hause vor der Glotze oder liegt auf der Intensivstation. Und der Rest der freilaufenden Rentner denen Sie habhaft werden können, versteht die Frage nicht oder nicht richtig, hat bei der Antwort die Frage schon wieder vergessen, oder gibt zum besten, dass früher sowieso alles besser war.

Die Autofahrer? Die erwischen Sie doch nur kurz an der Tankstelle bei der Befüllung von Eichels Steuerschwein und – mal ganz ehrlich - glauben Sie wirklich, dass Sie von denen angesichts der derzeitigen Benzinpreise eine vernünftige Antwort zu Eigenheimzulage bekommen werden?

Die Jugendlichen? Auch da sehe ich schwarz. Halten Sie es für möglich, dass man die Frage so einfach formulieren kann, dass ein Jugendlicher sie versteht? Und Sie finden dann auch noch Jugendliche, die wissen dass “Eigenheimzulage” nichts mit “2Raumwohnung” zu tun hat?

Die Arbeitnehmer? Schwierig, schwierig dieser in ihrem Bestand gefährdeten Bevölkerungsgruppe habhaft zu werden. Momentan sehr verbiestert, verschreckt und scheu. Gehen jedem Medienkontakt aus dem Weg. Halten einfach die Klappe, ziehen den Kopf ein und verstecken sich 40 Stunden und mehr an ihrem Arbeitsplatz. Die sind durch den Psychoterror aus Steuererhöhungen, Preissteigerungen, Zuzahlungen, Lohnkürzungen, Mehrarbeit ohne Lohnausgleich und Wegfall von Sonderleistungen total gestresst. Die sehen Sie nicht mal mehr auf der Straße oder beim Einkaufen. Die erwischen Sie nur noch am Werkstor oder am Personalausgang. Und dann raten Sie mal, was Sie für Antworten bekommen, wenn Sie am Werkstor bei Opel oder am Personalausgang bei Karstadt ihre Frage nach dem Wegfall der “Eigenheimzulage” stellen wollen?

Die Passanten auf der Straße? Na ich weiß nicht. Glauben Sie wirklich, dass die Menschen, die zwischen 8:00 Uhr morgens und 18:00 Uhr Nachmittag durch die Fußgängerzone eilen oder dort ihren Tag verbringen und die Zeit tot schlagen, wirklich einen repräsentativen Durchschnitt unserer Bevölkerung darstellen?

Die Studenten? Die Idee ist gut. Das wäre sicher die ideale “repräsentative” Bevölkerungsgruppe für die Umfrage zum Wegfall der Eigenheimzulage. Meist noch keine Kinder, meist noch nicht verheiratet, meist kein eigenes gesichertes Einkommen, meist noch keine eigene Wohnung und kein eigenes Vermögen. Die ideale Zielgruppe. Alles im Fluss, täglicher Existenzkampf, unsichere Zukunft aber Flausen im Kopf, Träume von gutgehenden Rechtsanwalts- und Ärztepraxen, Visionen von Jetset-Management, global-vernetzten Industrieimperien, Business-Strategy und Shareholder-Value. Aufpassen muss man bei den Studenten nur auf das Studienfach und die Fragestellung. Sonst bekommt man als Antwort statt einem einfachen “Ja” oder “Nein” einen Vortrag über die Bedeutung der “Eigenheimzulage” aus juristischer, medizinischer, psychologischer, volkswirtschaftlicher, pharmazeutisch-chemikalischer, technisch-wissenschaftlicher, betriebswirtschaftlicher oder politsicher Sicht unter Berücksichtigung kapitalistischer und sozialistischer Aspekte.
Etwas steuern könnte man die Antworten allerdings durch die Art der Fragestellung., etwa in der Art, ob der Bildungsnotstand durch den Wegfall der Eigenheimzulage bekämpft werden sollte.
Was also wird Ihnen wohl ein Student antworten, wenn er sich durch die Fragestellung eine Verbesserung seiner Situation erhofft?

Also formulieren wir die Frage einfach so:
“Rechtfertigen zusätzliche Investitionen in die Bildung Kürzungen bei der Eigenheimzulage?”
Oder “Würden Sie auf Gehalt verzichten, um ihren Arbeitsplatz sicherer zu machen?”
Oder “Soll der Betriebsrat die Verhandlungen mit der Geschäftsleitung weiterführen und die Arbeit wieder aufgenommen werden?”

Alle Fragestellungen enthalten Unterstellungen und verknüpfen Sachverhalte, die nur vage beschrieben sind. Was sind “zusätzliche Investitionen”? Ist das soviel wie auf der anderen Seite an Eigenheimzulage gekürzt wird? Weder der Einsatz der zusätzlichen Mittel ist genauer spezifiziert, noch deren Höhe.
Was ist ein “sicherer Arbeitsplatz”? Ist der Arbeitsplatz nach dem Lohnverzicht (in welcher Höhe?) auch wirklich sicher?
Die Beantwortung der dritten Frage konnte man der Presse entnehmen. Alle waren mit der mehrheitlichen Antwort zufrieden. Nur ein großer Teil der Befragten nicht.
Sie fühlten sich bei der Befragung getäuscht!
Na sowas!

Trinken Sie zum Frühstück eigentlich Kaffee und Tee?
Na sehen Sie.
Es ist ganz einfach.

Schlimm wird es erst, wenn Sie das Ergebnis der Befragung in den Medien hören und lesen können und erfahren, dass auf Basis dieser “repräsentativen” Befragungen politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Links zum Thema
Tausend Volljährige zum Thema ” Geiz ist geil”

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Rumgefragt

1. November 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Ich wundere mich immer wieder, wenn die Ergebnisse “repräsentativer” Umfragen durch die Medien geistern. Nicht nur das Ergebnis erstaunt, sondern auch die Schnelligkeit mit der diese Umfrageergebnisse geschaffen werden. Haben Sie sich eigentlich nie gefragt, wie man innerhalb weniger Tage eine “repräsentativen” Querschnitt unserer Bevölkerung zu einem Problem befragen und das Ergebnis erfassen und auswerten kann.

Nehmen wir mal an, Sie wollten aus aktuellem Anlass eine Umfrage zur Abschaffung der Eigenheimzulage durchführen.

Wie machen Sie das?
Wer ist denn dafür repräsentativ?

Die Eigenheimbesitzer? Die haben ihre Hütte doch schon, denen dürfte die Abschaffung verhältnismäßig egal sein. Sofern sie nicht rückwirkend erfolgen wird.

Die Unternehmer? Denen ist es doch eigentlich auch egal, außer sie haben einen Unternehmer aus der Baubranche am Telefon?

Die Besserverdienenden? Auch denen dürfte der Wegfall der Eigenheimzulage ziemlich schnuppe sein, denn die Gewährung der Zulage ist an gewisse maximale Einkommensgrenzen gebunden.

Die Senioren
etwa? Also, das ist nach meiner Meinung ein aussichtloses Unterfangen, ist doch der größte Teil dieser Bevölkerungsgruppe auf Mallorca, in ihren Schrebergärten, im Altersheim, zu Hause vor der Glotze oder liegt auf der Intensivstation. Und der Rest der freilaufenden Rentner denen Sie habhaft werden können, versteht die Frage nicht oder nicht richtig, hat bei der Antwort die Frage schon wieder vergessen, oder gibt zum besten, dass früher sowieso alles besser war.

Die Autofahrer? Die erwischen Sie doch nur kurz an der Tankstelle bei der Befüllung von Eichels Steuerschwein und – mal ganz ehrlich - glauben Sie wirklich, dass Sie von denen angesichts der derzeitigen Benzinpreise eine vernünftige Antwort zu Eigenheimzulage bekommen werden?

Die Jugendlichen? Auch da sehe ich schwarz. Halten Sie es für möglich, dass man die Frage so einfach formulieren kann, dass ein Jugendlicher sie versteht? Und Sie finden dann auch noch Jugendliche, die wissen dass “Eigenheimzulage” nichts mit “2Raumwohnung” zu tun hat?

Die Arbeitnehmer? Schwierig, schwierig dieser in ihrem Bestand gefährdeten Bevölkerungsgruppe habhaft zu werden. Momentan sehr verbiestert, verschreckt und scheu. Gehen jedem Medienkontakt aus dem Weg. Halten einfach die Klappe, ziehen den Kopf ein und verstecken sich 40 Stunden und mehr an ihrem Arbeitsplatz. Die sind durch den Psychoterror aus Steuererhöhungen, Preissteigerungen, Zuzahlungen, Lohnkürzungen, Mehrarbeit ohne Lohnausgleich und Wegfall von Sonderleistungen total gestresst. Die sehen Sie nicht mal mehr auf der Straße oder beim Einkaufen. Die erwischen Sie nur noch am Werkstor oder am Personalausgang. Und dann raten Sie mal, was Sie für Antworten bekommen, wenn Sie am Werkstor bei Opel oder am Personalausgang bei Karstadt ihre Frage nach dem Wegfall der “Eigenheimzulage” stellen wollen?

Die Passanten auf der Straße? Na ich weiß nicht. Glauben Sie wirklich, dass die Menschen, die zwischen 8:00 Uhr morgens und 18:00 Uhr Nachmittag durch die Fußgängerzone eilen oder dort ihren Tag verbringen und die Zeit tot schlagen, wirklich einen repräsentativen Durchschnitt unserer Bevölkerung darstellen?

Die Studenten? Die Idee ist gut. Das wäre sicher die ideale “repräsentative” Bevölkerungsgruppe für die Umfrage zum Wegfall der Eigenheimzulage. Meist noch keine Kinder, meist noch nicht verheiratet, meist kein eigenes gesichertes Einkommen, meist noch keine eigene Wohnung und kein eigenes Vermögen. Die ideale Zielgruppe. Alles im Fluss, täglicher Existenzkampf, unsichere Zukunft aber Flausen im Kopf, Träume von gutgehenden Rechtsanwalts- und Ärztepraxen, Visionen von Jetset-Management, global-vernetzten Industrieimperien, Business-Strategy und Shareholder-Value. Aufpassen muss man bei den Studenten nur auf das Studienfach und die Fragestellung. Sonst bekommt man als Antwort statt einem einfachen “Ja” oder “Nein” einen Vortrag über die Bedeutung der “Eigenheimzulage” aus juristischer, medizinischer, psychologischer, volkswirtschaftlicher, pharmazeutisch-chemikalischer, technisch-wissenschaftlicher, betriebswirtschaftlicher oder politsicher Sicht unter Berücksichtigung kapitalistischer und sozialistischer Aspekte.
Etwas steuern könnte man die Antworten allerdings durch die Art der Fragestellung., etwa in der Art, ob der Bildungsnotstand durch den Wegfall der Eigenheimzulage bekämpft werden sollte.
Was also wird Ihnen wohl ein Student antworten, wenn er sich durch die Fragestellung eine Verbesserung seiner Situation erhofft?

Also formulieren wir die Frage einfach so:
“Rechtfertigen zusätzliche Investitionen in die Bildung Kürzungen bei der Eigenheimzulage?”
Oder “Würden Sie auf Gehalt verzichten, um ihren Arbeitsplatz sicherer zu machen?”
Oder “Soll der Betriebsrat die Verhandlungen mit der Geschäftsleitung weiterführen und die Arbeit wieder aufgenommen werden?”

Alle Fragestellungen enthalten Unterstellungen und verknüpfen Sachverhalte, die nur vage beschrieben sind. Was sind “zusätzliche Investitionen”? Ist das soviel wie auf der anderen Seite an Eigenheimzulage gekürzt wird? Weder der Einsatz der zusätzlichen Mittel ist genauer spezifiziert, noch deren Höhe.
Was ist ein “sicherer Arbeitsplatz”? Ist der Arbeitsplatz nach dem Lohnverzicht (in welcher Höhe?) auch wirklich sicher?
Die Beantwortung der dritten Frage konnte man der Presse entnehmen. Alle waren mit der mehrheitlichen Antwort zufrieden. Nur ein großer Teil der Befragten nicht.
Sie fühlten sich bei der Befragung getäuscht!
Na sowas!

Trinken Sie zum Frühstück eigentlich Kaffee und Tee?
Na sehen Sie.
Es ist ganz einfach.

Schlimm wird es erst, wenn Sie das Ergebnis der Befragung in den Medien hören und lesen können und erfahren, dass auf Basis dieser “repräsentativen” Befragungen politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden.

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Links zum Thema
Tausend Volljährige zum Thema ” Geiz ist geil”

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