Pflanzzeit

31. Oktober 2004 05:45

Herbstzeit ist Pflanzzeit.
Jeder Hobbygärtner weiß das. Und an einem der vermutlich letzten schönen warmen Tage musste ich auch ran.
Nicht dass ich unbedingt ein Mensch mit “grünem Daumen” bin. Aber um Säcke mit Blumenerde zu schleppen und kleinere Handreichungen zu machen, bin ich schon zu gebrauchen und bemühe mich auch nach besten Kräften “den an mich gestellten Anforderungen gerecht zu werden”.
Als es darum ging, den Balkon mit Zeitungspapier vor Verschmutzungen durch die Topf- und Umtopfarbeiten zu schützen, war es meine Aufgabe in den Keller zu traben, alte Zeitungen zu besorgen und damit den Balkon auszulegen.

Damit fertig behielt ich vorsichtshalber die demütig kniende Haltung vor der vor mir stehenden in dezentes Grün gekleideten Vollblutgärtnerin und Besten aller Frauen bei und heuchelte Interesse an ihren biologischen Erläuterungen.
Vollkommen zufällig (ganz ehrlich!) schweifte dabei mein Blick ab und blieb an einem Zeitungsinserat hängen, neben dem sich meine linke Hand abstützte, damit der Rest meines von der ungewohnten Arbeit geschwächten Körpers nicht umfiel.

Sarah (8) hat im Diktat eine Fünf.
Wenn sie groß ist, will sie Lehrerin werden.
S
arah’s Rechtschreibleistungen verschlechterten sich trotz intensiven Übens.
Die Eltern standen vor einem Rätsel und auch die Lehrerin war ratlos.
Inzwischen wird Sarah seit rund sechs Monaten nach unserer neuen patentierten Lehrmethode individuell gefördert. Ihre Schreibsicherheit und ihr Wortschatz haben sich bereits spürbar verbessert und sie ist wieder motiviert.
Schließlich will sie mal Lehrerin werden – und dafür, das weiß Sarah ganz genau, braucht sie gute Noten.
Über den individuellen Förderunterricht für Ihr Kind informiert Sie …..
Termine nach Vereinbarung!

Da fiel mir ein, dass ich erst vor einigen Tagen einen Bericht im Fernsehen gesehen hatte, bei dem es um Lese- und Verständnisprobleme von “heranwachsenden” Jugendlichen ging.
Sender und Titel des Berichts habe ich (Altersdemenz oder die Gnade der frühen Geburt?) leider vergessen.

Bei ersten Test sollten die Jugendlichen einen Text aus einem Roman (F. Forsyth) vorlesen in dem das Wort “Gehenkter” vorkam. Sie haben den Text nicht verstanden, weil sie nicht wussten was das ist.
Im zweiten Versuch sollte ein klassischer Text (Schiller?) gelesen werden. Wieder Fehlanzeige, denn die Jungs und Mädels konnten ihn weder richtig lesen noch die Wörter richtig aussprechen.
Deshalb noch ein dritter Versuch mit dem Text einer Sprechblase aus einem Mickey Mouse Heft: “Da können/werden wir ja stundenlang im Dschungel herumirren”.
Der Schüler wusste nicht was “herumirren” heißt.

Leider sind solche Berichte und Meldung heutzutage ja normal.
Ich hätte das Gesehene und Gehörte auch abgehakt und vergessen, wenn – ja wenn da nicht noch die verantwortliche Deutschlehrerin interviewt worden wäre. Die zuckte, auf die katastrophale Leseleistung ihrer Schüler angesprochen, nur resignierend mit den Schultern und meinte dass man da wohl nichts dagegen machen könne. Und auf die Frage, was wohl aus ihren Schülern mal werden wird, wenn sie Texte nicht richtig lesen und nicht verstehen können, meinte die Pädagogin, dass die Schüler eben handwerkliche Berufe ergreifen müssten, bei denen es auf das Lesen und Verstehen nicht so sehr ankommt.
Auf die Frage welche Berufe das wohl sein könnten, wusste sie keine Antwort.
Die Frau hatte anscheinend “null” Interesse an ihrer Tätigkeit und war sich ihrer Rolle in unserer Gesellschaft nicht bewusst.

“Wo bist du denn mit deinen Gedanken”? Diese Frage riss mich zurück in die Gegenwart, in der ich noch immer in demütiger Haltung vor der vor mir stehenden Besten aller Frauen kniete und mit halbem Ohr ihrem Vortrag lauschte. “Es interessiert dich wohl nicht so sehr, was ich dir zu sagen habe. Du meinst wohl, du brauchst das nicht zu lernen?”, hörte ich die sonst liebliche Stimme, diesmal vermischt mit einem vorwurfsvollen Unterton.

“Doch, doch, sehr sogar, ich habe mir nur gerade überlegt, wann denn eigentlich die richtige Pflanzzeit ist”, versuchte ich mich zu verteidigen. Dabei wagte ich aus meiner demütigen Position einen verstohlenen Blick nach oben und zuckte zusammen, als es mir –ganz wie in der Schule- donnernd entgegenschlug:

“Es ist immer Pflanzzeit. Jeden Tag. Überall. Merk dir das!”

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 31. Oktober 2004 um 05:45:24 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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31. Oktober 2004 05:45

Herbstzeit ist Pflanzzeit.
Jeder Hobbygärtner weiß das. Und an einem der vermutlich letzten schönen warmen Tage musste ich auch ran.
Nicht dass ich unbedingt ein Mensch mit “grünem Daumen” bin. Aber um Säcke mit Blumenerde zu schleppen und kleinere Handreichungen zu machen, bin ich schon zu gebrauchen und bemühe mich auch nach besten Kräften “den an mich gestellten Anforderungen gerecht zu werden”.
Als es darum ging, den Balkon mit Zeitungspapier vor Verschmutzungen durch die Topf- und Umtopfarbeiten zu schützen, war es meine Aufgabe in den Keller zu traben, alte Zeitungen zu besorgen und damit den Balkon auszulegen.

Damit fertig behielt ich vorsichtshalber die demütig kniende Haltung vor der vor mir stehenden in dezentes Grün gekleideten Vollblutgärtnerin und Besten aller Frauen bei und heuchelte Interesse an ihren biologischen Erläuterungen.
Vollkommen zufällig (ganz ehrlich!) schweifte dabei mein Blick ab und blieb an einem Zeitungsinserat hängen, neben dem sich meine linke Hand abstützte, damit der Rest meines von der ungewohnten Arbeit geschwächten Körpers nicht umfiel.

Sarah (8) hat im Diktat eine Fünf.
Wenn sie groß ist, will sie Lehrerin werden.
S
arah’s Rechtschreibleistungen verschlechterten sich trotz intensiven Übens.
Die Eltern standen vor einem Rätsel und auch die Lehrerin war ratlos.
Inzwischen wird Sarah seit rund sechs Monaten nach unserer neuen patentierten Lehrmethode individuell gefördert. Ihre Schreibsicherheit und ihr Wortschatz haben sich bereits spürbar verbessert und sie ist wieder motiviert.
Schließlich will sie mal Lehrerin werden – und dafür, das weiß Sarah ganz genau, braucht sie gute Noten.
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Da fiel mir ein, dass ich erst vor einigen Tagen einen Bericht im Fernsehen gesehen hatte, bei dem es um Lese- und Verständnisprobleme von “heranwachsenden” Jugendlichen ging.
Sender und Titel des Berichts habe ich (Altersdemenz oder die Gnade der frühen Geburt?) leider vergessen.

Bei ersten Test sollten die Jugendlichen einen Text aus einem Roman (F. Forsyth) vorlesen in dem das Wort “Gehenkter” vorkam. Sie haben den Text nicht verstanden, weil sie nicht wussten was das ist.
Im zweiten Versuch sollte ein klassischer Text (Schiller?) gelesen werden. Wieder Fehlanzeige, denn die Jungs und Mädels konnten ihn weder richtig lesen noch die Wörter richtig aussprechen.
Deshalb noch ein dritter Versuch mit dem Text einer Sprechblase aus einem Mickey Mouse Heft: “Da können/werden wir ja stundenlang im Dschungel herumirren”.
Der Schüler wusste nicht was “herumirren” heißt.

Leider sind solche Berichte und Meldung heutzutage ja normal.
Ich hätte das Gesehene und Gehörte auch abgehakt und vergessen, wenn – ja wenn da nicht noch die verantwortliche Deutschlehrerin interviewt worden wäre. Die zuckte, auf die katastrophale Leseleistung ihrer Schüler angesprochen, nur resignierend mit den Schultern und meinte dass man da wohl nichts dagegen machen könne. Und auf die Frage, was wohl aus ihren Schülern mal werden wird, wenn sie Texte nicht richtig lesen und nicht verstehen können, meinte die Pädagogin, dass die Schüler eben handwerkliche Berufe ergreifen müssten, bei denen es auf das Lesen und Verstehen nicht so sehr ankommt.
Auf die Frage welche Berufe das wohl sein könnten, wusste sie keine Antwort.
Die Frau hatte anscheinend “null” Interesse an ihrer Tätigkeit und war sich ihrer Rolle in unserer Gesellschaft nicht bewusst.

“Wo bist du denn mit deinen Gedanken”? Diese Frage riss mich zurück in die Gegenwart, in der ich noch immer in demütiger Haltung vor der vor mir stehenden Besten aller Frauen kniete und mit halbem Ohr ihrem Vortrag lauschte. “Es interessiert dich wohl nicht so sehr, was ich dir zu sagen habe. Du meinst wohl, du brauchst das nicht zu lernen?”, hörte ich die sonst liebliche Stimme, diesmal vermischt mit einem vorwurfsvollen Unterton.

“Doch, doch, sehr sogar, ich habe mir nur gerade überlegt, wann denn eigentlich die richtige Pflanzzeit ist”, versuchte ich mich zu verteidigen. Dabei wagte ich aus meiner demütigen Position einen verstohlenen Blick nach oben und zuckte zusammen, als es mir –ganz wie in der Schule- donnernd entgegenschlug:

“Es ist immer Pflanzzeit. Jeden Tag. Überall. Merk dir das!”

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