Verböserung

23. Oktober 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Sie werden es nicht glauben, aber heute wurde mir gedroht!
Nein, ich habe keinen Drohanruf erhalten.
Ich habe angerufen.
Weil ich einen Brief bekommen habe.
Drei Seiten maschinell erstellt. Graues Papier in grauem Umschlag mit Wappen drauf. Stilisierte Krone mit drei nach links züngelnden Löwen. Hab ich auf einem Bierdeckel auch schon mal so ähnlich gesehen. Löwenbräu war das, soweit ich mich an den Abend, trotz Filmriss, überhaupt noch erinnern kann.

Ich denk mir noch, warum die mir jetzt schreiben, nachdem der Schaden, den wir dort mit dem Kegelclub angerichtet haben, doch längst beglichen ist. Ohne Polizei und ohne Versicherung und ohne Gutachter. Na ja, wir müssen halt dieses Jahr auf unseren Kegelausflug verzichten, nächstes Jahr könnte es wieder für eine Fahrradtour um Frankfurt reichen.

Ich mach also das Schreiben auf und denk das ist von der Brauerei, da springt mich auch schon der Briefkopf an:

FINANZAMT!
EINHEITSWERTBESCHEID.
NACHFESTSTELLUNGSBESCHEID AUF DEN 1.1.2004
.

Was wollen denn die jetzt schon wieder. Sicher geht es wieder um Geld, oder haben Sie schon mal Post vom Finanzamt bekommen, wo es nicht um Geld ging. Also ich nicht.
NACHFESTSTELLUNGSBESCHEID AUF DEN 1.1. 2004.
Wir haben jetzt Oktober 2004.
Mein Gott ist der Brief aber lange unterwegs gewesen. Ich guck auf den Briefstempel. Natürlich keiner drauf. Auch keine Briefmarke. Nur so ein vorgedrucktes Ding: “Port Payé Freimachung (DV) im Fenster” steht da. Sonst nix. Port Payé, das ist wahrscheinlich so eine Hafenstadt auf den Bahamas, wo es von Briefkastenfirmen nur so wimmelt. So schaffen die Jungs also ihr Geld ins Ausland! Als Briefporto! Jetzt sind die auch noch zu faul, um mit dem Geldkoffer über die Grenze nach Luxemburg oder Liechtenstein zu fahren. Wo soll das noch enden?
Und was soll “Freimachung im Fenster” heißen. Soll ich mich etwa exhibitionistisch ins Fenster stellen und warten bis meine Nachbarin ihr Staubtuch rausschüttelt? Aber nicht mit mir!
Was wollen die denn? Die schreiben mir doch nicht nur, weil ich eine Beziehung zu meiner Nachbarin zwecks Gründung einer Hartz IV-relevanten Bedarfsgemeinschaft aufbauen soll.

Ach da steht doch was: …wird der Wert neu festgestellt. Die DM-Beträge wurden mit dem amtlichen Kurs (1 € = 1,95583 DM) in Euro-Beträge umgerechnet. Der Einheitswert wurde gem. § 30 BewG i.d.F. des Steuereuroglättungsgesetzes auf volle Euro gerundet. Die Nachfeststellung ist erforderlich, weil die wirtschaftliche Einheit (Untereinheit) neu gegründet worden ist. Rechtsbehelfsbelehrung siehe Rückseite.

Also ehrlich, an der Stelle wäre ich jetzt froh gewesen, wenn es doch ein Schreiben von der Brauerei gewesen wäre.
So aber hab ich das Schreiben umgedreht und sah mich einer DIN-A4-Seite Kleingedrucktem in einer Schriftgröße von maximal 8 Pixel gegenüber. Nur mit Lesenbrille, Lupe und viel Zeit war da was zu machen, denn die von Superwolli Clement beschworene Bürgernähe und der Bürokratieabbau hatten sich auf dieses amtliche Formular offensichtlich noch nicht ausgewirkt.

Daher hier aus dem ganzen Text nur die wichtigsten Punkte, dafür aber wortgetreu wiedergegeben::

  1. Sie können die mit diesem Bescheid bekannt gegebene Entscheidungen mit dem Einspruch anfechten.
  2. Der Einspruch ist schriftlich einzureichen oder zur Niederschrift zu erklären.
  3. Soweit diesem Bescheid Entscheidungen zugrunde gelegt sind, die im Einheitswertbescheid getroffen worden sind, kann der Bescheid nicht mit der Begründung angefochten werden, der Einheitswertbescheid sei unzutreffend. Dieser Einwand kann nur gegen den Einheitswertbescheid erhoben werden.
  4. Von der Einlegung des Einspruchs kann abgesehen werden, wenn sich die Einwendung nur gegen Entscheidungen richten, die im Einheitswertbescheid getroffen sind, und diese bereits im Einspruch gegen den Einheitswertbescheid geltend gemacht worden sind.

Nachdem ich diese Sätze entziffert hatte, verfiel ich zuerst in eine große Nachdenklichkeit, die sich trotz längerer konstanter oraler Aufnahme alkoholischer Getränke zu einer Depression dritten Grades verschlimmerte. Ein Mensch mit einer etwas schwächeren Konstitution wäre sicher in ein administratives Koma verfallen.

Aber ich nicht!
Statt dessen griff ich zum Telefon, um den Absender dieses behördlichen Drohbriefes um Erklärung des von bundesdeutschen beamteten Sprachakrobaten verfassten Silbenrätsels zu bitten.
Bereits nach wenigen “Tüüt tüüt tüüt” nahm dann auch der gewünschte Gesprächspartner das Gespräch entgegen und erkundigte sich nach meinem Begehr. Eine kurze Erläuterung der Sachlage, Nennung des Aktenzeichens, Beantwortung der Frage nach meinem Wohnort mit Postleitzahl, Straße und Hausnummer genügte und schon war der Staatsbedienstete bereit, mir mit seinem geballten verwaltungstechnischen Wissen mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen.

Doch bereits bei meiner ersten Frage zum Anlass der “Nachfeststellung des Einheitswertsbescheides wegen Neugründung einer wirtschaftlichen Untereinheit” entzündete sich sein beamtetes Gemüt und er erbrach sich in einem mir unverständlichen Wust von Vorschriften, Paragraphen, Ermessenspielräumen, Verwaltungsakten und Amtshilfeersuchen.

Als ich dann auch noch den Mut hatte, mich verbal frech in eine Lücke zu quetschen, die er zum Luft holen benötigte, war es um die von Superwolli Clement verkündete Bürgernähe geschehen. Das Gespräch wurde zunehmend obrigkeitslastiger und als ich verkündete, dass ich mich mit dem Gedanken tragen würde, diesen Einheitswertbescheid durch schriftlichen Einspruch fristgemäß anzufechten – da ist der Diener dieses Staates ausgerastet.
Er hat mich bedroht! Er hat zu mir gesagt und das habe ich mir wörtlich mitgeschrieben, um es ja nicht zu vergessen, dass für den Fall, dass ich den Einheitswertbescheid durch Einspruch anfechten würde, führe dies zu einer “VERBÖSERUNG meines Tuns”.

Und jetzt sitz ich hier, am Rande einer staatsbürgerlichen Ohnmacht, unter weiterer oraler Zuführung eines bayrischen Hopfenerzeugnisses und grüble darüber nach, wie das große weiße Pferd, das durch die Amtstuben äpfelt, denn auf die Idee gekommen ist, sich um die zum 1. Januar 2004 rückwirkende Nachfeststellung des Einheitswertes einer Streuobstwiese zu kümmern, auf der seit 20 Jahren nichts anderes als Gras und Unkraut wächst.

Sie können sich ja mal, natürlich nur bei Interesse, bei Wikipedia durch die Erklärung des Einheitswertes, des Verkehrswertes, des Beleihungswertes, des Marktwertes und des gemeinen Wertes eines Wirtschaftsgutes nach der Wertermittlungsverordnung unter Auslegung der Verkehrswertdefinition gemäß § 194 BauGB kümmern.

Und ich hol mir jetzt noch’n Bier.
Denn die Verböserung und der Suff – des reibt die Menschheit uff.
Oder so!

Prost!

Machopan

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 23. Oktober 2004 um 05:45:43 und abgelegt unter Rauchzeichen, Alltag, Persönliches | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Verböserung

23. Oktober 2004 05:45

Mein lieber Freund!

Sie werden es nicht glauben, aber heute wurde mir gedroht!
Nein, ich habe keinen Drohanruf erhalten.
Ich habe angerufen.
Weil ich einen Brief bekommen habe.
Drei Seiten maschinell erstellt. Graues Papier in grauem Umschlag mit Wappen drauf. Stilisierte Krone mit drei nach links züngelnden Löwen. Hab ich auf einem Bierdeckel auch schon mal so ähnlich gesehen. Löwenbräu war das, soweit ich mich an den Abend, trotz Filmriss, überhaupt noch erinnern kann.

Ich denk mir noch, warum die mir jetzt schreiben, nachdem der Schaden, den wir dort mit dem Kegelclub angerichtet haben, doch längst beglichen ist. Ohne Polizei und ohne Versicherung und ohne Gutachter. Na ja, wir müssen halt dieses Jahr auf unseren Kegelausflug verzichten, nächstes Jahr könnte es wieder für eine Fahrradtour um Frankfurt reichen.

Ich mach also das Schreiben auf und denk das ist von der Brauerei, da springt mich auch schon der Briefkopf an:

FINANZAMT!
EINHEITSWERTBESCHEID.
NACHFESTSTELLUNGSBESCHEID AUF DEN 1.1.2004
.

Was wollen denn die jetzt schon wieder. Sicher geht es wieder um Geld, oder haben Sie schon mal Post vom Finanzamt bekommen, wo es nicht um Geld ging. Also ich nicht.
NACHFESTSTELLUNGSBESCHEID AUF DEN 1.1. 2004.
Wir haben jetzt Oktober 2004.
Mein Gott ist der Brief aber lange unterwegs gewesen. Ich guck auf den Briefstempel. Natürlich keiner drauf. Auch keine Briefmarke. Nur so ein vorgedrucktes Ding: “Port Payé Freimachung (DV) im Fenster” steht da. Sonst nix. Port Payé, das ist wahrscheinlich so eine Hafenstadt auf den Bahamas, wo es von Briefkastenfirmen nur so wimmelt. So schaffen die Jungs also ihr Geld ins Ausland! Als Briefporto! Jetzt sind die auch noch zu faul, um mit dem Geldkoffer über die Grenze nach Luxemburg oder Liechtenstein zu fahren. Wo soll das noch enden?
Und was soll “Freimachung im Fenster” heißen. Soll ich mich etwa exhibitionistisch ins Fenster stellen und warten bis meine Nachbarin ihr Staubtuch rausschüttelt? Aber nicht mit mir!
Was wollen die denn? Die schreiben mir doch nicht nur, weil ich eine Beziehung zu meiner Nachbarin zwecks Gründung einer Hartz IV-relevanten Bedarfsgemeinschaft aufbauen soll.

Ach da steht doch was: …wird der Wert neu festgestellt. Die DM-Beträge wurden mit dem amtlichen Kurs (1 € = 1,95583 DM) in Euro-Beträge umgerechnet. Der Einheitswert wurde gem. § 30 BewG i.d.F. des Steuereuroglättungsgesetzes auf volle Euro gerundet. Die Nachfeststellung ist erforderlich, weil die wirtschaftliche Einheit (Untereinheit) neu gegründet worden ist. Rechtsbehelfsbelehrung siehe Rückseite.

Also ehrlich, an der Stelle wäre ich jetzt froh gewesen, wenn es doch ein Schreiben von der Brauerei gewesen wäre.
So aber hab ich das Schreiben umgedreht und sah mich einer DIN-A4-Seite Kleingedrucktem in einer Schriftgröße von maximal 8 Pixel gegenüber. Nur mit Lesenbrille, Lupe und viel Zeit war da was zu machen, denn die von Superwolli Clement beschworene Bürgernähe und der Bürokratieabbau hatten sich auf dieses amtliche Formular offensichtlich noch nicht ausgewirkt.

Daher hier aus dem ganzen Text nur die wichtigsten Punkte, dafür aber wortgetreu wiedergegeben::

  1. Sie können die mit diesem Bescheid bekannt gegebene Entscheidungen mit dem Einspruch anfechten.
  2. Der Einspruch ist schriftlich einzureichen oder zur Niederschrift zu erklären.
  3. Soweit diesem Bescheid Entscheidungen zugrunde gelegt sind, die im Einheitswertbescheid getroffen worden sind, kann der Bescheid nicht mit der Begründung angefochten werden, der Einheitswertbescheid sei unzutreffend. Dieser Einwand kann nur gegen den Einheitswertbescheid erhoben werden.
  4. Von der Einlegung des Einspruchs kann abgesehen werden, wenn sich die Einwendung nur gegen Entscheidungen richten, die im Einheitswertbescheid getroffen sind, und diese bereits im Einspruch gegen den Einheitswertbescheid geltend gemacht worden sind.

Nachdem ich diese Sätze entziffert hatte, verfiel ich zuerst in eine große Nachdenklichkeit, die sich trotz längerer konstanter oraler Aufnahme alkoholischer Getränke zu einer Depression dritten Grades verschlimmerte. Ein Mensch mit einer etwas schwächeren Konstitution wäre sicher in ein administratives Koma verfallen.

Aber ich nicht!
Statt dessen griff ich zum Telefon, um den Absender dieses behördlichen Drohbriefes um Erklärung des von bundesdeutschen beamteten Sprachakrobaten verfassten Silbenrätsels zu bitten.
Bereits nach wenigen “Tüüt tüüt tüüt” nahm dann auch der gewünschte Gesprächspartner das Gespräch entgegen und erkundigte sich nach meinem Begehr. Eine kurze Erläuterung der Sachlage, Nennung des Aktenzeichens, Beantwortung der Frage nach meinem Wohnort mit Postleitzahl, Straße und Hausnummer genügte und schon war der Staatsbedienstete bereit, mir mit seinem geballten verwaltungstechnischen Wissen mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen.

Doch bereits bei meiner ersten Frage zum Anlass der “Nachfeststellung des Einheitswertsbescheides wegen Neugründung einer wirtschaftlichen Untereinheit” entzündete sich sein beamtetes Gemüt und er erbrach sich in einem mir unverständlichen Wust von Vorschriften, Paragraphen, Ermessenspielräumen, Verwaltungsakten und Amtshilfeersuchen.

Als ich dann auch noch den Mut hatte, mich verbal frech in eine Lücke zu quetschen, die er zum Luft holen benötigte, war es um die von Superwolli Clement verkündete Bürgernähe geschehen. Das Gespräch wurde zunehmend obrigkeitslastiger und als ich verkündete, dass ich mich mit dem Gedanken tragen würde, diesen Einheitswertbescheid durch schriftlichen Einspruch fristgemäß anzufechten – da ist der Diener dieses Staates ausgerastet.
Er hat mich bedroht! Er hat zu mir gesagt und das habe ich mir wörtlich mitgeschrieben, um es ja nicht zu vergessen, dass für den Fall, dass ich den Einheitswertbescheid durch Einspruch anfechten würde, führe dies zu einer “VERBÖSERUNG meines Tuns”.

Und jetzt sitz ich hier, am Rande einer staatsbürgerlichen Ohnmacht, unter weiterer oraler Zuführung eines bayrischen Hopfenerzeugnisses und grüble darüber nach, wie das große weiße Pferd, das durch die Amtstuben äpfelt, denn auf die Idee gekommen ist, sich um die zum 1. Januar 2004 rückwirkende Nachfeststellung des Einheitswertes einer Streuobstwiese zu kümmern, auf der seit 20 Jahren nichts anderes als Gras und Unkraut wächst.

Sie können sich ja mal, natürlich nur bei Interesse, bei Wikipedia durch die Erklärung des Einheitswertes, des Verkehrswertes, des Beleihungswertes, des Marktwertes und des gemeinen Wertes eines Wirtschaftsgutes nach der Wertermittlungsverordnung unter Auslegung der Verkehrswertdefinition gemäß § 194 BauGB kümmern.

Und ich hol mir jetzt noch’n Bier.
Denn die Verböserung und der Suff – des reibt die Menschheit uff.
Oder so!

Prost!

Machopan

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 23. Oktober 2004 um 05:45:43 und abgelegt unter Rauchzeichen, Alltag, Persönliches | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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