Wahltheater

18. September 2004 19:42

Mein lieber Freund!
Eigentlich hatte ich mir ja geschworen, pro Tag nur eine Hirnblähung loszulassen.
Aber jetzt lese ich gerade in der Berliner Zeitung etwas, was mir glatt das Toupet heben würde, sofern ich eines hätte.

Da warnt doch tatsächlich die Wirtschaft vor Extremisten!
Wer bei den Wahlen in Brandenburg oder Sachsen die Rechtsradikalen oder die Linksradikalen wähle, gefährde den Standort Deutschland

«Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Ludwig Georg Braun, sagte der Berliner Zeitung: “Ich fordere die Bürgerinnen und Bürger auf: Überlassen Sie die Entscheidung über Ihr Land nicht anderen - gehen Sie wählen und bieten Sie den Extremisten auf beiden Seiten die Stirn!»
Aber das machen die Bürger doch!
Ein Teil von ihnen geht jeden Montag auf die Strasse und demonstriert dort, von Wirtschaft und Gewerkschaften allein gelassen, gegen die Extremisten in der Mitte. Ein anderer Teil geht überhaupt nicht mehr wählen, eben weil sie keine Möglichkeit mehr sehen eine Partei zu wählen, die sich die Interessen des Volkes auf ihre Fahnen geschrieben hat.
Und der Rest der Bürger hat die Nase voll und macht von seinen demokratischen Rechten Gebrauch und wählt was er für richtig hält.
Also am Wähler liegt es bestimmt nicht, wenn sich der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) jetzt besorgt über die innenpolitische Lage äußern muss. Und überhaupt muss er sich mal fragen lassen, ob er sich nicht vielleicht etwa im Ton vergriffen hat. Statt “ich fordere die Bürger auf”, hätten die Wähler vielleicht lieber ein “ich bitte die Bürger” gehört, denn der Ton macht die Musik.

«Der DIHK-Chef befürchtet zudem eine abschreckende Wirkung auf Investoren. “Wer den Extremisten die Stimme gibt, verpasst keinen Denkzettel - er schadet dem Ansehen und damit auch der wirtschaftlichen Entwicklung seiner Heimat auf Jahre”, so Braun, “Radikale hätten nur ein Ziel: sie wollten von Verunsicherung profitieren.”»
Haben Sie bemerkt, dass der Herr Braun plötzlich von “Heimat” spricht, sonst ist es immer der “Wirtschaftsstandort“. Wer dem heimatlichen Wirtschaftsstandort Deutschland schadet, ist wohl doch der, der aus Profitgier die Produktion ins Ausland verlagert und im Inland nach Mehrarbeit und Lohnkürzung schreit. Wer von der Verunsicherung um die Arbeitsplätze profitiert ist doch die Wirtschaft. Wer hier Sozialabbau mit Abrissbirne, Planierraupe und Kettensäge betreibt – der schadet der wirtschaftlichen Entwicklung und wirft das Land um Jahrzehnte zurück.
Und für die abschreckende Wirkung auf ausländische Investoren, sorgen die deutschen Unternehmen schon selber, wie man am Beispiel VW oder der Brandenburgischen Chipfabrik sehen kann. Und das war schon vor der Wahl am 19. September 2004.

«Ähnlich wie der Herr Braun äußerte sich auch der Chef des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA), Anton Börner. Er sagte, wer radikale Parteien wähle, schade dem Land, dies gelte für Deutschland, das vom Außenhandel lebe, besonders. Deshalb sehe die Wirtschaft die Entwicklung mit Sorge. Keine dieser Parteien habe Konzepte anzubieten, die zu neuen Arbeitsplätzen führen könnten. Was als Protest gegen die Regierenden gemeint sei, gehe nach hinten los und gefährde Arbeitsplätze.”»
Ja wenn die Profite aus dem florierenden Außenhandel wieder in Deutschland investiert würden und zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen mit stabilen Löhnen, Verbesserung der Kaufkraft und Stärkung der Binnennachfrage führen würden, dann würden sich die Bürger auch weniger Sorgen machen. Besonders lustig finde ich ja die Aussage, dass keine der radikalen Parteien Konzepte habe, die zu neuen Arbeitsplätzen führen. Dann wird sich ja nicht viel ändern, denn das haben die anderen Parteien auch nicht. Für einen Langzeitarbeitslosen spielt es doch keine Rolle, wer seinen Arbeitsplatz wegrationalisiert, verlagert oder nicht geschaffen hat. Für die Gefährdung der Arbeitsplätze in Deutschland brauchen wir doch keine radikalen Parteien, das macht uns doch die Wirtschaft täglich vor, das lesen wir doch schon seit Jahren in der Zeitung und erfahren es am eigenen Leib. Und die Wahl in Brandenburg und Sachsen ist doch erst morgen.

«Für den möglichen NPD-Erfolg in Sachsen machte Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) unterdessen das Bundesverfassungsgericht verantwortlich. “Eine Partei mit deutlich ausländerfeindlicher und antisemitischer Propaganda kommt in die Parlamente.”»

Ja sind denn die Karlsruher Richter in Brandenburg und Sachsen wahlberechtigt? Dürfen denn die so oft zum Wählen gehen, dass es der NPD über die 5%-Hürde reicht? Ich glaube fast, dem Herrn Schily wäre es am liebsten, wir hätten so eine Art Einheitspartei, wie zu DDR-Zeiten. Da könnte dann bei der Wahl ja nix mehr schief gehen.

Merket liebe Herren - ein mit seinen Regierenden zufriedenes Volk macht keine politischen Experimente.
Und in diesem Sinne warten wir jetzt erst mal den Ausgang der Wahl ab.

Machopan

Copyright (c) Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 18. September 2004 um 19:42:29 und abgelegt unter Rauchzeichen, Gesellschaft, Sport | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Eigentlich hatte ich mir ja geschworen, pro Tag nur eine Hirnblähung loszulassen.
Aber jetzt lese ich gerade in der Berliner Zeitung etwas, was mir glatt das Toupet heben würde, sofern ich eines hätte.

Da warnt doch tatsächlich die Wirtschaft vor Extremisten!
Wer bei den Wahlen in Brandenburg oder Sachsen die Rechtsradikalen oder die Linksradikalen wähle, gefährde den Standort Deutschland

«Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Ludwig Georg Braun, sagte der Berliner Zeitung: “Ich fordere die Bürgerinnen und Bürger auf: Überlassen Sie die Entscheidung über Ihr Land nicht anderen - gehen Sie wählen und bieten Sie den Extremisten auf beiden Seiten die Stirn!»
Aber das machen die Bürger doch!
Ein Teil von ihnen geht jeden Montag auf die Strasse und demonstriert dort, von Wirtschaft und Gewerkschaften allein gelassen, gegen die Extremisten in der Mitte. Ein anderer Teil geht überhaupt nicht mehr wählen, eben weil sie keine Möglichkeit mehr sehen eine Partei zu wählen, die sich die Interessen des Volkes auf ihre Fahnen geschrieben hat.
Und der Rest der Bürger hat die Nase voll und macht von seinen demokratischen Rechten Gebrauch und wählt was er für richtig hält.
Also am Wähler liegt es bestimmt nicht, wenn sich der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) jetzt besorgt über die innenpolitische Lage äußern muss. Und überhaupt muss er sich mal fragen lassen, ob er sich nicht vielleicht etwa im Ton vergriffen hat. Statt “ich fordere die Bürger auf”, hätten die Wähler vielleicht lieber ein “ich bitte die Bürger” gehört, denn der Ton macht die Musik.

«Der DIHK-Chef befürchtet zudem eine abschreckende Wirkung auf Investoren. “Wer den Extremisten die Stimme gibt, verpasst keinen Denkzettel - er schadet dem Ansehen und damit auch der wirtschaftlichen Entwicklung seiner Heimat auf Jahre”, so Braun, “Radikale hätten nur ein Ziel: sie wollten von Verunsicherung profitieren.”»
Haben Sie bemerkt, dass der Herr Braun plötzlich von “Heimat” spricht, sonst ist es immer der “Wirtschaftsstandort“. Wer dem heimatlichen Wirtschaftsstandort Deutschland schadet, ist wohl doch der, der aus Profitgier die Produktion ins Ausland verlagert und im Inland nach Mehrarbeit und Lohnkürzung schreit. Wer von der Verunsicherung um die Arbeitsplätze profitiert ist doch die Wirtschaft. Wer hier Sozialabbau mit Abrissbirne, Planierraupe und Kettensäge betreibt – der schadet der wirtschaftlichen Entwicklung und wirft das Land um Jahrzehnte zurück.
Und für die abschreckende Wirkung auf ausländische Investoren, sorgen die deutschen Unternehmen schon selber, wie man am Beispiel VW oder der Brandenburgischen Chipfabrik sehen kann. Und das war schon vor der Wahl am 19. September 2004.

«Ähnlich wie der Herr Braun äußerte sich auch der Chef des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA), Anton Börner. Er sagte, wer radikale Parteien wähle, schade dem Land, dies gelte für Deutschland, das vom Außenhandel lebe, besonders. Deshalb sehe die Wirtschaft die Entwicklung mit Sorge. Keine dieser Parteien habe Konzepte anzubieten, die zu neuen Arbeitsplätzen führen könnten. Was als Protest gegen die Regierenden gemeint sei, gehe nach hinten los und gefährde Arbeitsplätze.”»
Ja wenn die Profite aus dem florierenden Außenhandel wieder in Deutschland investiert würden und zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen mit stabilen Löhnen, Verbesserung der Kaufkraft und Stärkung der Binnennachfrage führen würden, dann würden sich die Bürger auch weniger Sorgen machen. Besonders lustig finde ich ja die Aussage, dass keine der radikalen Parteien Konzepte habe, die zu neuen Arbeitsplätzen führen. Dann wird sich ja nicht viel ändern, denn das haben die anderen Parteien auch nicht. Für einen Langzeitarbeitslosen spielt es doch keine Rolle, wer seinen Arbeitsplatz wegrationalisiert, verlagert oder nicht geschaffen hat. Für die Gefährdung der Arbeitsplätze in Deutschland brauchen wir doch keine radikalen Parteien, das macht uns doch die Wirtschaft täglich vor, das lesen wir doch schon seit Jahren in der Zeitung und erfahren es am eigenen Leib. Und die Wahl in Brandenburg und Sachsen ist doch erst morgen.

«Für den möglichen NPD-Erfolg in Sachsen machte Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) unterdessen das Bundesverfassungsgericht verantwortlich. “Eine Partei mit deutlich ausländerfeindlicher und antisemitischer Propaganda kommt in die Parlamente.”»

Ja sind denn die Karlsruher Richter in Brandenburg und Sachsen wahlberechtigt? Dürfen denn die so oft zum Wählen gehen, dass es der NPD über die 5%-Hürde reicht? Ich glaube fast, dem Herrn Schily wäre es am liebsten, wir hätten so eine Art Einheitspartei, wie zu DDR-Zeiten. Da könnte dann bei der Wahl ja nix mehr schief gehen.

Merket liebe Herren - ein mit seinen Regierenden zufriedenes Volk macht keine politischen Experimente.
Und in diesem Sinne warten wir jetzt erst mal den Ausgang der Wahl ab.

Machopan

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 18. September 2004 um 19:42:29 und abgelegt unter Rauchzeichen, Gesellschaft, Sport | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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