Sankt Kurti

27. Dezember 2006 05:45

Warum auch immer, aber es hat wohl nicht so funktioniert wie es sollte.
Nachdem der Arbeitslose Henrico Frank in angesäuseltem Zustand den Ministerpräsident Kurt Beck angemacht hatte und sich dieser zu einer flotten Bemerkung über seine Sicht der Dinge hinreißen ließ, laufen nun die üblichen Szenarien genau so lange ab, bis eine andere Sau durch’s Dorf getrieben wird.

Was war geschehen?
Auf einem Weihnachtsmarkt in Wiesbaden kam es zu einer überraschenden Begegnung zwischen einem Berufspolitiker und einem arbeitslosen Bürger dieses Landes und beiden gelang binnen Sekunden trotz einiger Bodyguards der verbale Austausch ihrer persönlichen Meinungen. „Du bist schuld an Hartz IV – und du wasch dich erst mal“.

So weit so gut.
Man hätte es damit auf sich beruhen lassen und zur Tagesordnung übergehen können.
Der Arbeitslose hätte sich in der Hoffnung auf ein Freibier bei seinen Kumpels vom Prekariat fortan damit brüsten können, endlich mal den Mut gehabt zu haben den Großkopfeten die Meinung zu sagen und der Ministerpräsident wäre in seiner Meinung gestärkt aus diesem Disput hervorgegangen und ob seiner Schlagfertigkeit von seinen Parteigenossen bewundert worden.

Aber dann muss wohl jemand im Umfeld des Herrn Ministerpräsidenten auf die Idee gekommen sein, diese Angelegenheit medientechnisch auszuschlachten und so kurz vor Weihnachten eine schöne Geschichte a la „Sankt Martin“ daraus zu bauen. Auch wenn sich aus dem Mantel des Herrn Ministerpräsidenten sicher mehrere Doppelzelte herstellen lassen würden, wäre eine solche Geste in der heutigen Zeit am fehlenden Schwert gescheitert.
Also hat man dem Vertreter des Prekariats medienwirksam einfach einige Jobs angeboten von denen in dieser Republik so viele fehlen. Das hatte zwar den Vorteil, dass St. Kurti seinen Mantel nicht zu zerschneiden brauchte, aber auch den Effekt, dass plötzlich die Arbeitslosen dieses Landes aufhorchten und sich wunderten wo denn so urplötzlich diese Jobs herkamen.
Und das gleich acht auf einen Streich!
Als hätte man einen Kanten Brot unter die hungernde Meute geworfen, heulten plötzlich alle auf und jeder baute sich die Story nach seinem eigenen Gutdünken zusammen.
Der aufmüpfige Arbeitslose Henrico verweigerte, angetrieben durch seine ebenso plötzlich auftauchende Medienberaterin, aus gesundheitlichen Gründen die Annahme der nach Gutsherrenart erteilten Almosen und aus medientechnischen Gründe jede weitere Äußerung zu Sache selbst.
Aus dem Umfeld des Ministerpräsidenten Beck war Unverständnis zu hören, hatte man sich doch die größte Mühe gegeben den Nachweis zu erbringen, dass „anständige, gewaschene Arbeitnehmer mit kurzen Haaren“ in dieser Republik auch Arbeit finden.
Und die üblichen Scharfmacher in Berlin sahen sich natürlich auch bestätigt und nahmen den unglaublichen Vorgang der „Arbeitsverweigerung“ gerne zum Anlass weitere einschneidende Maßnahmen in die „soziale Absicherung“ der Langzeitfaulenzer zu fordern. Statt „Waschen und Schneiden“ wieder mehr „Piesacken und Drangsalieren“.

So geschah es, dass die wundersame Vermehrung der offenen Stellen im Raum Wiesbaden nicht mit „Frohlocken und Jubilieren“ begrüßt wurde und auch kein „Lobet den Herren“ auslöste, sondern verursacht durch „Waschen und Schneiden“ ein wüstes „Wehklagen und Jammern“ und rufen nach mehr „Hauen und Stechen“ begann, das sicher bis zur Neujahrsansprache der mächtigsten Kanzlerin aller Zeiten anhalten wird.

Denn dann wird die Häkeloma Angela der Nation wieder das „Märchen vom Aufschwung“ vorlesen und in den Stuben des Prekariats für feuchte Augen sorgen.

Dabei kann doch wirklich jeder erkennen, dass es mit der Republik vorwärts geht, wenn auch in kleinen Schritten.
Der arbeitslose Lehrer, der anno 2004 den damaligen Bundeskanzler ohrfeigte, musste noch in die SPD eintreten um auf Armeslänge an den Bundeskasper heranzukommen.
Es spricht für mehr Bürgernähe, dass dies dem arbeitslosen Bauarbeiter in Wiesbaden gelang, ohne vorher in die Partei eintreten zu müssen.

Es besteht also durchaus noch die Hoffnung, dass die Friedfertigen der Republik nach Jahren des „stillen Ertragens“ endlich vermehrt zur direkten körperlichen Konfrontation mit der „Achse der Bösen“ übergehen.
Denn nur diese Sprache wird in dieser Republik noch verstanden.
Alles andere ist verlorene Liebesmüh.


(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 27. Dezember 2006 um 05:45:14 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Sankt Kurti

27. Dezember 2006 05:45

Warum auch immer, aber es hat wohl nicht so funktioniert wie es sollte.
Nachdem der Arbeitslose Henrico Frank in angesäuseltem Zustand den Ministerpräsident Kurt Beck angemacht hatte und sich dieser zu einer flotten Bemerkung über seine Sicht der Dinge hinreißen ließ, laufen nun die üblichen Szenarien genau so lange ab, bis eine andere Sau durch’s Dorf getrieben wird.

Was war geschehen?
Auf einem Weihnachtsmarkt in Wiesbaden kam es zu einer überraschenden Begegnung zwischen einem Berufspolitiker und einem arbeitslosen Bürger dieses Landes und beiden gelang binnen Sekunden trotz einiger Bodyguards der verbale Austausch ihrer persönlichen Meinungen. „Du bist schuld an Hartz IV – und du wasch dich erst mal“.

So weit so gut.
Man hätte es damit auf sich beruhen lassen und zur Tagesordnung übergehen können.
Der Arbeitslose hätte sich in der Hoffnung auf ein Freibier bei seinen Kumpels vom Prekariat fortan damit brüsten können, endlich mal den Mut gehabt zu haben den Großkopfeten die Meinung zu sagen und der Ministerpräsident wäre in seiner Meinung gestärkt aus diesem Disput hervorgegangen und ob seiner Schlagfertigkeit von seinen Parteigenossen bewundert worden.

Aber dann muss wohl jemand im Umfeld des Herrn Ministerpräsidenten auf die Idee gekommen sein, diese Angelegenheit medientechnisch auszuschlachten und so kurz vor Weihnachten eine schöne Geschichte a la „Sankt Martin“ daraus zu bauen. Auch wenn sich aus dem Mantel des Herrn Ministerpräsidenten sicher mehrere Doppelzelte herstellen lassen würden, wäre eine solche Geste in der heutigen Zeit am fehlenden Schwert gescheitert.
Also hat man dem Vertreter des Prekariats medienwirksam einfach einige Jobs angeboten von denen in dieser Republik so viele fehlen. Das hatte zwar den Vorteil, dass St. Kurti seinen Mantel nicht zu zerschneiden brauchte, aber auch den Effekt, dass plötzlich die Arbeitslosen dieses Landes aufhorchten und sich wunderten wo denn so urplötzlich diese Jobs herkamen.
Und das gleich acht auf einen Streich!
Als hätte man einen Kanten Brot unter die hungernde Meute geworfen, heulten plötzlich alle auf und jeder baute sich die Story nach seinem eigenen Gutdünken zusammen.
Der aufmüpfige Arbeitslose Henrico verweigerte, angetrieben durch seine ebenso plötzlich auftauchende Medienberaterin, aus gesundheitlichen Gründen die Annahme der nach Gutsherrenart erteilten Almosen und aus medientechnischen Gründe jede weitere Äußerung zu Sache selbst.
Aus dem Umfeld des Ministerpräsidenten Beck war Unverständnis zu hören, hatte man sich doch die größte Mühe gegeben den Nachweis zu erbringen, dass „anständige, gewaschene Arbeitnehmer mit kurzen Haaren“ in dieser Republik auch Arbeit finden.
Und die üblichen Scharfmacher in Berlin sahen sich natürlich auch bestätigt und nahmen den unglaublichen Vorgang der „Arbeitsverweigerung“ gerne zum Anlass weitere einschneidende Maßnahmen in die „soziale Absicherung“ der Langzeitfaulenzer zu fordern. Statt „Waschen und Schneiden“ wieder mehr „Piesacken und Drangsalieren“.

So geschah es, dass die wundersame Vermehrung der offenen Stellen im Raum Wiesbaden nicht mit „Frohlocken und Jubilieren“ begrüßt wurde und auch kein „Lobet den Herren“ auslöste, sondern verursacht durch „Waschen und Schneiden“ ein wüstes „Wehklagen und Jammern“ und rufen nach mehr „Hauen und Stechen“ begann, das sicher bis zur Neujahrsansprache der mächtigsten Kanzlerin aller Zeiten anhalten wird.

Denn dann wird die Häkeloma Angela der Nation wieder das „Märchen vom Aufschwung“ vorlesen und in den Stuben des Prekariats für feuchte Augen sorgen.

Dabei kann doch wirklich jeder erkennen, dass es mit der Republik vorwärts geht, wenn auch in kleinen Schritten.
Der arbeitslose Lehrer, der anno 2004 den damaligen Bundeskanzler ohrfeigte, musste noch in die SPD eintreten um auf Armeslänge an den Bundeskasper heranzukommen.
Es spricht für mehr Bürgernähe, dass dies dem arbeitslosen Bauarbeiter in Wiesbaden gelang, ohne vorher in die Partei eintreten zu müssen.

Es besteht also durchaus noch die Hoffnung, dass die Friedfertigen der Republik nach Jahren des „stillen Ertragens“ endlich vermehrt zur direkten körperlichen Konfrontation mit der „Achse der Bösen“ übergehen.
Denn nur diese Sprache wird in dieser Republik noch verstanden.
Alles andere ist verlorene Liebesmüh.


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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 27. Dezember 2006 um 05:45:14 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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