Beflaggungstage

22. Juni 2006 05:45

Wenn Beflaggungen ihre Tage haben und besonders im derzeit durch die Republik rasenden Beflaggungsrausch müssen sich Flaggenmuffel wie ich schon mal die eine oder andere Frage nach ihrer „wahren“ nationalen Gesinnung stellen lassen.
Sei es von Nachbarn, die zur standardisierten Balkonbeflaggung extra eine Art Ortschaftsrat gegründet haben und mit Tipps und Tricks zum Anbringen der auf Natur- oder Kunstfaser gedruckten nationalen Hoheitsfarben am heimischen Geländer oder Gartenzaun, mit Rat und Tat gerne zur Verfügung stehen.
Oder sei es von anderen Verkehrsteilnehmern, die beflaggt mit ihrem Nobelhobel durch die Straßen rollen, ihre nationale Gesinnung sportlich zur Schau tragen und zur Verständigung der Völker durch das geöffnete Wagenfenster die neueste Berichterstattung aus den Stadien anbieten.
Übrigens, ist auch schon aufgefallen, dass flaggeführende Fahrzeuge wesentlicher langsamer fahren, die Fahrer im Stau weniger gestresst wirken und außerdem einen erhöhten Bedarf an Blickkontakten zu haben scheinen?
Offensichtlich wirkt sich die Beflaggung äußerst positiv auf den Straßenverkehr aus, auch wenn es ab und an auch mal zu kleineren Rangeleien mit „auslandsbeflaggten“ Fahrzeugen kommen kann. Doch stimmt es nicht versöhnlich, wenn man von einem mit der Flagge von Equador geschmückten PKW brutalst die Vorfahrt genommen bekommt, aber die deutsche Nationalmannschaft die Jungs gerade mit 3:0 nach Hause schicken konnte?

Na also, sehen Sie, Beflaggung schafft nicht nur Toleranz, sondern nützt auch noch der Völkerverständigung. Oder wussten Sie vor der WM, dass so viele Ausländer in ihrer Gegend wohnen? Also mir, als nicht repräsentativem Beispiel, ist durch die grün-weiß-rote Beflaggung jetzt erst bewusst geworden, dass es in meiner Heimatstadt ein ganzes Viertel gibt, in dem nur Italiener wohnen. Eigenartig ist nur, dass es dort keine einzige Pizzeria gibt und die Frauen alle mit Kopftüchern rumlaufen.

Doch bei aller Euphorie und Patriotismus sollte man(n) den Beschaffungsvorgang einer Flagge nicht planlos, spontan oder gar emotional aufgeladen angehen und, auch das empfiehlt sich, den Unterschied zwischen einer Flagge und einer Fahne kennen.
Sonst kann es zu nachhaltigen und über das Endspiel hinaus wirkenden Beeinträchtigungen der persönlichen Lebenslage kommen. So geschehen einem meiner Nachbarn, der sich nach dem letzten Sieg der deutschen Nationalmannschaft samt PKW und genügend Bargeld zur Befriedigung des Beflaggungsrausches durch Flaggenkauf auf den Weg machte.
Eine ordentliche, an seinen Balkon passende Flagge hat er auf seiner Einkaufstour zwar nicht gefunden, aber auf dem Nachhauseweg hat ihn die Polizei mit einer richtig anständigen Fahne erwischt.
Für die nächsten sechs Monate darf er sich nun an den Umsatzsteigerungen der öffentlichen Verkehrsbetriebe und den Mehrkosten für die Beflaggung der Fahrzeuge der Straßenkehrbetriebe mit „We kehr for you“ beteiligen.
Und wenn ihn, in dieser emotionalen Ausnahmesituation jemand fragen sollte, warum er weder seinen Balkon noch sein Fahrzeug „beflaggt“ hat, könnte zu dem Fahrverbot noch eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung dazu kommen.

Aufgeschreckt wurde ich dieser Tage in meiner nationalpatriotischfreien Idylle auch durch eine Meldung in der Netzeitung: „Schiffer nackt in deutscher Flagge“ assoziierte ich damit doch spontan

  • einen alten Seebären, der beim Untergang seinen Schiffes nur das nackte Leben und die Flagge retten konnte?
  • einen betrunkenen deutschen Fußballfan bei der Entleerung seiner Blase

denn ich konnte mir wahrlich nicht vorstellen, dass es sich dabei um ein deutsches Fotomodell gleichen Namens handelt, das sich nackt in einem schwarz-rot-senf-farbigen Tuch ablichten ließ um bei den Engländern Sympathiepunkte für die „Krauts“ zu sammeln.
Zur Tatsache warum das den Medien eine Pressemeldung wert ist, verschließt sich mir leider der intellektuelle Zugang, denn schließlich steckt doch jeder Mensch nackt in seinen Kleidern. Sofern er noch welche hat.
Und überhaupt, können Sie sich noch an die Blähungen und dicken Backen im deutschen Nationalstolz erinnern, als es die englische SUN wagte ein Foto zu veröffentlichen auf dem ein Hängestückchen von Angies unbekleideten Arschbacken zu sehen war.
Da wäre es ja fast zu einer Kriegserklärung gekommen.

Aber es besteht ja schon immer, zumindest räumlich, ein gewisse Nähe zwischen den Backen und „Foetor ex ore“.

(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 22. Juni 2006 um 05:45:15 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Beflaggungstage

22. Juni 2006 05:45

Wenn Beflaggungen ihre Tage haben und besonders im derzeit durch die Republik rasenden Beflaggungsrausch müssen sich Flaggenmuffel wie ich schon mal die eine oder andere Frage nach ihrer „wahren“ nationalen Gesinnung stellen lassen.
Sei es von Nachbarn, die zur standardisierten Balkonbeflaggung extra eine Art Ortschaftsrat gegründet haben und mit Tipps und Tricks zum Anbringen der auf Natur- oder Kunstfaser gedruckten nationalen Hoheitsfarben am heimischen Geländer oder Gartenzaun, mit Rat und Tat gerne zur Verfügung stehen.
Oder sei es von anderen Verkehrsteilnehmern, die beflaggt mit ihrem Nobelhobel durch die Straßen rollen, ihre nationale Gesinnung sportlich zur Schau tragen und zur Verständigung der Völker durch das geöffnete Wagenfenster die neueste Berichterstattung aus den Stadien anbieten.
Übrigens, ist auch schon aufgefallen, dass flaggeführende Fahrzeuge wesentlicher langsamer fahren, die Fahrer im Stau weniger gestresst wirken und außerdem einen erhöhten Bedarf an Blickkontakten zu haben scheinen?
Offensichtlich wirkt sich die Beflaggung äußerst positiv auf den Straßenverkehr aus, auch wenn es ab und an auch mal zu kleineren Rangeleien mit „auslandsbeflaggten“ Fahrzeugen kommen kann. Doch stimmt es nicht versöhnlich, wenn man von einem mit der Flagge von Equador geschmückten PKW brutalst die Vorfahrt genommen bekommt, aber die deutsche Nationalmannschaft die Jungs gerade mit 3:0 nach Hause schicken konnte?

Na also, sehen Sie, Beflaggung schafft nicht nur Toleranz, sondern nützt auch noch der Völkerverständigung. Oder wussten Sie vor der WM, dass so viele Ausländer in ihrer Gegend wohnen? Also mir, als nicht repräsentativem Beispiel, ist durch die grün-weiß-rote Beflaggung jetzt erst bewusst geworden, dass es in meiner Heimatstadt ein ganzes Viertel gibt, in dem nur Italiener wohnen. Eigenartig ist nur, dass es dort keine einzige Pizzeria gibt und die Frauen alle mit Kopftüchern rumlaufen.

Doch bei aller Euphorie und Patriotismus sollte man(n) den Beschaffungsvorgang einer Flagge nicht planlos, spontan oder gar emotional aufgeladen angehen und, auch das empfiehlt sich, den Unterschied zwischen einer Flagge und einer Fahne kennen.
Sonst kann es zu nachhaltigen und über das Endspiel hinaus wirkenden Beeinträchtigungen der persönlichen Lebenslage kommen. So geschehen einem meiner Nachbarn, der sich nach dem letzten Sieg der deutschen Nationalmannschaft samt PKW und genügend Bargeld zur Befriedigung des Beflaggungsrausches durch Flaggenkauf auf den Weg machte.
Eine ordentliche, an seinen Balkon passende Flagge hat er auf seiner Einkaufstour zwar nicht gefunden, aber auf dem Nachhauseweg hat ihn die Polizei mit einer richtig anständigen Fahne erwischt.
Für die nächsten sechs Monate darf er sich nun an den Umsatzsteigerungen der öffentlichen Verkehrsbetriebe und den Mehrkosten für die Beflaggung der Fahrzeuge der Straßenkehrbetriebe mit „We kehr for you“ beteiligen.
Und wenn ihn, in dieser emotionalen Ausnahmesituation jemand fragen sollte, warum er weder seinen Balkon noch sein Fahrzeug „beflaggt“ hat, könnte zu dem Fahrverbot noch eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung dazu kommen.

Aufgeschreckt wurde ich dieser Tage in meiner nationalpatriotischfreien Idylle auch durch eine Meldung in der Netzeitung: „Schiffer nackt in deutscher Flagge“ assoziierte ich damit doch spontan

  • einen alten Seebären, der beim Untergang seinen Schiffes nur das nackte Leben und die Flagge retten konnte?
  • einen betrunkenen deutschen Fußballfan bei der Entleerung seiner Blase

denn ich konnte mir wahrlich nicht vorstellen, dass es sich dabei um ein deutsches Fotomodell gleichen Namens handelt, das sich nackt in einem schwarz-rot-senf-farbigen Tuch ablichten ließ um bei den Engländern Sympathiepunkte für die „Krauts“ zu sammeln.
Zur Tatsache warum das den Medien eine Pressemeldung wert ist, verschließt sich mir leider der intellektuelle Zugang, denn schließlich steckt doch jeder Mensch nackt in seinen Kleidern. Sofern er noch welche hat.
Und überhaupt, können Sie sich noch an die Blähungen und dicken Backen im deutschen Nationalstolz erinnern, als es die englische SUN wagte ein Foto zu veröffentlichen auf dem ein Hängestückchen von Angies unbekleideten Arschbacken zu sehen war.
Da wäre es ja fast zu einer Kriegserklärung gekommen.

Aber es besteht ja schon immer, zumindest räumlich, ein gewisse Nähe zwischen den Backen und „Foetor ex ore“.

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