Schmidt Schauze

17. Januar 2007 05:45

Lieber Freund

Der Ex-EX-Alt-Bundeskanzler Schmidt hat sich mit seiner geballten 88-jährigen Lebenserfahrung in die Debatte über die „neue“ Armut, das Prekariat und Hartz IV eingeschaltet.

Das Jammern über Armut in Deutschland muss endlich aufhören“, sagte er in einem Interview mit dem Tagesspiegel, „wer heute von Hartz IV lebe, habe meist einen höheren Lebensstandard, als in meiner Jugend ein Facharbeiter mit Kindern. Auch ein 18-jähriges Mädchen, das ein Kind zur Welt gebracht hat und von der Sozialfürsorge, genannt Hartz-IV oder Arbeitslosengeld II, eine Wohnung bekommt und einen Fernseher, die Miete braucht sie nicht selbst zu bezahlen -, solche Schicksale gab es immer.

Da mag der Helmut Heinrich Waldemar Schmidt, Jahrgang 1918, wohl recht haben, aber nur wenn es der Facharbeiterfamilie gelungen ist so kleine Nebensächlichkeiten wie die Preissteigerungen seit 1936 weitgehendst zu ignorieren.
Und die Schicksale junger Mädchen, die von ihren Dienstherren oder deren Söhnen geschwängert und ins Armenhaus entsorgt wurden, füllen ganze Bibliotheken.

Arbeitsloses MädchenDer von „Schmidt-Schnauze“ so daher geblubberte Satz, „so ein Mädchen gilt als arm und abgehängt, doch in Wirklichkeit geht es ihr unendlich viel besser, als es uns in ihrem Alter gegangen ist.“, hat mich dazu veranlasst die Jugend des ehemaligen Bundeskanzlers mal näher unter die Lupe zu nehmen.

Nach dem Abitur verbrachte er die Zeit bis 1945 beim Arbeitsdienst und als Soldat bei der Deutschen Wehrmacht.
Sein Erinnerungsvermögen an das Einkommen und den Lebensstandard eines Facharbeiters in dieser Zeit muss daher wohl als überdurchschnittlich bezeichnet werden.
Es kann ja durchaus sein, dass es einem Facharbeiter mit Kindern unter den Nazis schlechter ging als heute unter den Sozial- und Christdemokraten, aber Tatsache ist auch, dass es ihm unter den Nazis besser ging als zu Zeiten der Weimarer Republik.

Über die Gründe, die zum Niedergang dieser „Republik“ führten, ist viel geschrieben worden. Wer mag kann seine Geschichtskenntnisse gerne bei Wikipedia auffrischen.
Die angebliche „Machtübernahme“ durch die Nazis war wohl eher eine „Machtübergabe“ und „Bankrotterklärung“ der „Führer“ in Staat, Wirtschaft und Verwaltung, angesichts von Massenarbeitslosigkeit, Verelendung breiter Bevölkerungsteile und galoppierender Staatsverschuldung.
Macht man sich die Mühe und liest bei Wikipedia die Gründe, die zum Scheitern der Weimarer Republik führten, bis zum Ende, dann fällt eine gewisse Duplizität der Ereignisse zum Geschehen in der widerlich wiedervereinigten BRddr auf:

  1. Destabilisierung des politischen und sozialen Systems durch eine wirtschaftliche und soziale Dauerkrise (Massenarbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise)
  2. Legitimationsverlust durch Abbau des Sozialstaats
  3. Durch eine Politik der (autoritären) Wende wurden im Nachkriegsdeutschland nach dem 1. Weltkrieg willentlich demokratische Institutionen und Strukturen zerschlagen um einen obrigkeitlichen Staat zu installieren. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Tatsache, dass in Deutschland die „alten Werte“ des Kaiserreichs und die „neuen Werte“ der Republik an Bedeutung verloren.

Dazu kam noch, dass sich die Parteien, teils verblendet durch eigenen Ehrgeiz und Selbstüberschätzung, teils aus unzureichender politischer Urteilsfähigkeit , weniger dem Allgemeinwohl als vielmehr ihrer Klientel oder dem eigenen Erfolg verpflichtet fühlten

Es hat sich also offensichtlich nicht viel geändert und man hat auch nichts dazu gelernt..
Ob daher allein der „höhere Lebensstandard“ eines Facharbeiters mit Kindern die „Machtübernahme“ der Radikalen und Extremisten verhindern kann, das wage ich dann doch zu bezweifeln.
Daher gibt es von meiner Seite ein an „Schmidt Schnauze“ gerichtetes: „Schnauze Schmidt!“.

Machopan
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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 17. Januar 2007 um 05:45:46 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

4 Antworten zu “Schmidt Schauze”

  1. Bollermann meint:

    Jemand, der heute ca. 10 - 12.000 Euro Pension bekommt, soll endlich seine Schnauze halten. Die sich selbstbereichernden Verbrecher aus Politik, Wirtschaft und Beamtenstaat interessiert es einen feuchten Dreck wie die Jugend den Alten das Leben in Saus und Braus finanzieren kann.

  2. Machopan meint:

    Kettenraucher Schmidt-Schnauze kann fortan auch als Beispiel dafür dienen, dass das Alter nicht nur weise macht. Besonders wenn man jeglichen Realitätsbezug zur IST-Welt verloren hat, denn natürlich gehen an einem altgedienten Politiker mit “satter” Pension die üblichen Teuerungen des täglichen Lebens fast spurlos vorüber. Außer beim Preis für eine Stange Zigaretten merkt doch der Helmut gar nichts davon.
    Und sicher geht er auch nicht mehr aus dem Haus, um selber einkaufen zu gehen.
    Aber in einem Punkt hat er recht - mit dem Geld, das er als ehemaiger Staatsdiener bekommt, könnte eine Facharbeiterfamilie mit Kindern auch heute noch gut leben.

  3. Lazarus meint:

    Man kann sich diese, unsere Zustände eigentlich nur noch so erklären, daß unsere Vortänzer in ihrer selbstgeschaffenen virtuellen Welt leben, natürlich sehr gut von dem durch Reformeifer real erbeuteten Vermögen der hart arbeitenden Bevölkerung : Aufschwung, Terrorgefahr, Souveränität, Goldschatz der Bundesbank … alles virtuelle Worthülsen, oder ??

  4. Fenrirs Ecke » Blog Archiv » Verlinktes meint:

    […] Sinniges zu dumm rum labernden Altkanzlern, schlechten Erinnerungsvermöges und Borniertheit, Sturheit letzlich Dummheit der Mächtigen. Hier geht es lang. Es lohnt sich zu lesen. […]

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Schmidt Schauze

17. Januar 2007 05:45

Lieber Freund

Der Ex-EX-Alt-Bundeskanzler Schmidt hat sich mit seiner geballten 88-jährigen Lebenserfahrung in die Debatte über die „neue“ Armut, das Prekariat und Hartz IV eingeschaltet.

Das Jammern über Armut in Deutschland muss endlich aufhören“, sagte er in einem Interview mit dem Tagesspiegel, „wer heute von Hartz IV lebe, habe meist einen höheren Lebensstandard, als in meiner Jugend ein Facharbeiter mit Kindern. Auch ein 18-jähriges Mädchen, das ein Kind zur Welt gebracht hat und von der Sozialfürsorge, genannt Hartz-IV oder Arbeitslosengeld II, eine Wohnung bekommt und einen Fernseher, die Miete braucht sie nicht selbst zu bezahlen -, solche Schicksale gab es immer.

Da mag der Helmut Heinrich Waldemar Schmidt, Jahrgang 1918, wohl recht haben, aber nur wenn es der Facharbeiterfamilie gelungen ist so kleine Nebensächlichkeiten wie die Preissteigerungen seit 1936 weitgehendst zu ignorieren.
Und die Schicksale junger Mädchen, die von ihren Dienstherren oder deren Söhnen geschwängert und ins Armenhaus entsorgt wurden, füllen ganze Bibliotheken.

Arbeitsloses MädchenDer von „Schmidt-Schnauze“ so daher geblubberte Satz, „so ein Mädchen gilt als arm und abgehängt, doch in Wirklichkeit geht es ihr unendlich viel besser, als es uns in ihrem Alter gegangen ist.“, hat mich dazu veranlasst die Jugend des ehemaligen Bundeskanzlers mal näher unter die Lupe zu nehmen.

Nach dem Abitur verbrachte er die Zeit bis 1945 beim Arbeitsdienst und als Soldat bei der Deutschen Wehrmacht.
Sein Erinnerungsvermögen an das Einkommen und den Lebensstandard eines Facharbeiters in dieser Zeit muss daher wohl als überdurchschnittlich bezeichnet werden.
Es kann ja durchaus sein, dass es einem Facharbeiter mit Kindern unter den Nazis schlechter ging als heute unter den Sozial- und Christdemokraten, aber Tatsache ist auch, dass es ihm unter den Nazis besser ging als zu Zeiten der Weimarer Republik.

Über die Gründe, die zum Niedergang dieser „Republik“ führten, ist viel geschrieben worden. Wer mag kann seine Geschichtskenntnisse gerne bei Wikipedia auffrischen.
Die angebliche „Machtübernahme“ durch die Nazis war wohl eher eine „Machtübergabe“ und „Bankrotterklärung“ der „Führer“ in Staat, Wirtschaft und Verwaltung, angesichts von Massenarbeitslosigkeit, Verelendung breiter Bevölkerungsteile und galoppierender Staatsverschuldung.
Macht man sich die Mühe und liest bei Wikipedia die Gründe, die zum Scheitern der Weimarer Republik führten, bis zum Ende, dann fällt eine gewisse Duplizität der Ereignisse zum Geschehen in der widerlich wiedervereinigten BRddr auf:

  1. Destabilisierung des politischen und sozialen Systems durch eine wirtschaftliche und soziale Dauerkrise (Massenarbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise)
  2. Legitimationsverlust durch Abbau des Sozialstaats
  3. Durch eine Politik der (autoritären) Wende wurden im Nachkriegsdeutschland nach dem 1. Weltkrieg willentlich demokratische Institutionen und Strukturen zerschlagen um einen obrigkeitlichen Staat zu installieren. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Tatsache, dass in Deutschland die „alten Werte“ des Kaiserreichs und die „neuen Werte“ der Republik an Bedeutung verloren.

Dazu kam noch, dass sich die Parteien, teils verblendet durch eigenen Ehrgeiz und Selbstüberschätzung, teils aus unzureichender politischer Urteilsfähigkeit , weniger dem Allgemeinwohl als vielmehr ihrer Klientel oder dem eigenen Erfolg verpflichtet fühlten

Es hat sich also offensichtlich nicht viel geändert und man hat auch nichts dazu gelernt..
Ob daher allein der „höhere Lebensstandard“ eines Facharbeiters mit Kindern die „Machtübernahme“ der Radikalen und Extremisten verhindern kann, das wage ich dann doch zu bezweifeln.
Daher gibt es von meiner Seite ein an „Schmidt Schnauze“ gerichtetes: „Schnauze Schmidt!“.

Machopan
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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 17. Januar 2007 um 05:45:46 und abgelegt unter Rauchzeichen | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

4 Antworten zu “Schmidt Schauze”

  1. Bollermann meint:

    Jemand, der heute ca. 10 - 12.000 Euro Pension bekommt, soll endlich seine Schnauze halten. Die sich selbstbereichernden Verbrecher aus Politik, Wirtschaft und Beamtenstaat interessiert es einen feuchten Dreck wie die Jugend den Alten das Leben in Saus und Braus finanzieren kann.

  2. Machopan meint:

    Kettenraucher Schmidt-Schnauze kann fortan auch als Beispiel dafür dienen, dass das Alter nicht nur weise macht. Besonders wenn man jeglichen Realitätsbezug zur IST-Welt verloren hat, denn natürlich gehen an einem altgedienten Politiker mit “satter” Pension die üblichen Teuerungen des täglichen Lebens fast spurlos vorüber. Außer beim Preis für eine Stange Zigaretten merkt doch der Helmut gar nichts davon.
    Und sicher geht er auch nicht mehr aus dem Haus, um selber einkaufen zu gehen.
    Aber in einem Punkt hat er recht - mit dem Geld, das er als ehemaiger Staatsdiener bekommt, könnte eine Facharbeiterfamilie mit Kindern auch heute noch gut leben.

  3. Lazarus meint:

    Man kann sich diese, unsere Zustände eigentlich nur noch so erklären, daß unsere Vortänzer in ihrer selbstgeschaffenen virtuellen Welt leben, natürlich sehr gut von dem durch Reformeifer real erbeuteten Vermögen der hart arbeitenden Bevölkerung : Aufschwung, Terrorgefahr, Souveränität, Goldschatz der Bundesbank … alles virtuelle Worthülsen, oder ??

  4. Fenrirs Ecke » Blog Archiv » Verlinktes meint:

    […] Sinniges zu dumm rum labernden Altkanzlern, schlechten Erinnerungsvermöges und Borniertheit, Sturheit letzlich Dummheit der Mächtigen. Hier geht es lang. Es lohnt sich zu lesen. […]

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