Politische Kultur

27. August 2004 05:45


Ausgerechnet in der Frankfurter Rundschau muss ich lesen, dass Berlin sich jetzt Sorgen um die Gesundheit vom Bundesgerd macht. Mit Berlin ist natürlich nicht die Stadt Berlin oder gar deren Bürger gemeint. Nein, mit Berlin ist die Regierung in Berlin gemeint.

Berlin fürchtet sogar eine Eskalation im Osten. Nein, nicht in Osteuropa, da ist es weitgehend friedlich. Mit Osten ist der Osten der Bundesrepublik Deutschland gemeint. Der Osten, oder wie es auf Neudeutsch heißt - die Neuen Bundesländer. Das ist der Teil von Deutschland, der bisher hinter der Mauer auf der anderen Seite von Westdeutschland war. Seit der EU-Osterweiterung ist das jetzt mittenmang in Europa. Ja, und da mitten in Europa droht jetzt eine Eskalation der Gewalt, wenn man Berlin glauben darf.

In Zwickau soll der Herr Müntefering ausgebuht worden sein. Jetzt stellen Sie sich doch das mal vor! Ausgebuht und mit Trillerpfeifen und Zwischenrufen traktiert, ausgerechnet der Münte, wo der doch sonst keinen anderen zu Wort kommen lässt.

Berlin macht sich auch Sorgen wegen dem Eierwurf auf den Bundesgerd.
Nein, nicht wegen dem Ei. Auch nicht darüber, dass das Ei nicht den getroffen hat, den es eigentlich treffen sollte. Da werden die Demonstranten in den nächsten Wochen wohl noch kräftig üben müssen. Berlin macht sich auch keine Sorgen wegen der Lebensmittelverschwendung oder weil der Eierwerfer gegen die EU-Verordnung zur fachgerechten Verwendung von Produkten freilaufender Hühner verstoßen haben könnte. Berlin macht sich Sorgen –ich zitiere jetzt die Frankfurter Rundschau – Berlin macht sich Sorgen um die “politische Kultur”.

Also als ich das gelesen hatte, musste ich mich erst mal hinsetzen und tief durchatmen. “Politische Kultur”, sowas habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Oder haben Sie etwa gewusst, dass es so etwas noch gibt. Das muss schon verdammt lang her sein, als es noch “politische Kultur” gab.
Nicht nur Berlin macht sich jetzt Sorgen um die “politische Kultur”, die Sorge sei sogar parteiübergreifend, schreibt die Frankfurter Rundschau. Also so parteiübergreifend kann das nicht gewesen sein, «denn Regierungssprecher Béla Anda sprach von “hasserfüllten Reaktionen” Einzelner. Es sei nicht hinnehmbar, dass diese Proteste politisch ausgenutzt würden, “etwa von der PDS”. Die PDS profitiert offenbar immer stärker von der Anti-Hartz-Stimmung im Osten. Nach einer Forsa-Umfrage käme sie in Brandenburg auf einen Stimmenanteil von 36 Prozent und wäre damit Wahlsieger. Auch in Sachsen legt die PDS zu, dort würde sie mit 24 Prozent ihren zweiten Platz behaupten. In beiden Ländern wird am 19. September gewählt, sowohl SPD als auch CDU müssen mit Verlusten rechnen

Also wenn das die Reaktionen Einzelner waren, dann verstehe aber ich die ganze Aufregung in Berlin nicht. Und diese Einzelnen gehen dann auch so oft zum Wählen, bis die PDS 36 % der Wählerstimmen hat? Das wäre ja Wahlbetrug! Sollte man da nicht neutrale Wahlbeobachter von der UNO einfliegen lassen?

Auch der Bundesgerd zeigte sich nach den zum Teil massiven Protesten sichtlich irritiert und verärgert. Die protestierenden Teilnehmer bei einer SPD-Wahlkampfveranstaltung in Leipzig bezeichnete er «als offenbar von der PDS und den Rechtsradikalen aufgehetzte Schreihälse. Wer glaubt, einen Sozialdemokraten mundtot machen zu können, der kennt die Geschichte nicht. Wir haben uns dem immer widersetzt, und das wird auch in Zukunft so sein. Verlasst euch drauf.»

Also wenn er Recht hat, dann hat er Recht - der Bundesgerd. Das habe ja ich schon im Geschichtsunterricht gelernt, dass die Sozis sich den Mund nicht verbieten ließen. Wenn die auf die Straße gegangen sind, weil ihnen irgendwas an der Regierung in Berlin nicht gefallen hat, dann haben die das laut gesagt. Die haben sich sogar schlagen und einsperren lassen für ihre politische Überzeugung. Und jetzt fängt der Bundesgerd an zu jammern und sieht die politische Kultur gefährdet, nur weil mal ein Ei zu dicht an ihm vorbeigesegelt ist.

Wenn man dem Chef der Polizeigewerkschaft Konrad Freiberg glauben darf, dann wird sich der Bundesgerd wohl an derartige Ereignisse gewöhnen müssen. Freiberg warnte vor neuen Angriffen auf Politiker bei öffentlichen Auftritten. Die Proteste würden noch zunehmen, meinte er in der Frankfurter Rundschau.

Dann sollte ich mich vielleicht vorsorglich mit Frischeiern eindecken, bevor die Preise für die kleinen aerodynamischen Wurfgeschosse ansteigen. Obwohl, wenn Eier knapp werden, könnten die Demonstranten ja immer noch auf Tomaten ausweichen.

Die würden von der Farbe her auch viel besser zu den Genossen passen, oder nicht?

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 27. August 2004 um 05:45:38 und abgelegt unter Rauchzeichen, Politik | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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Ausgerechnet in der Frankfurter Rundschau muss ich lesen, dass Berlin sich jetzt Sorgen um die Gesundheit vom Bundesgerd macht. Mit Berlin ist natürlich nicht die Stadt Berlin oder gar deren Bürger gemeint. Nein, mit Berlin ist die Regierung in Berlin gemeint.

Berlin fürchtet sogar eine Eskalation im Osten. Nein, nicht in Osteuropa, da ist es weitgehend friedlich. Mit Osten ist der Osten der Bundesrepublik Deutschland gemeint. Der Osten, oder wie es auf Neudeutsch heißt - die Neuen Bundesländer. Das ist der Teil von Deutschland, der bisher hinter der Mauer auf der anderen Seite von Westdeutschland war. Seit der EU-Osterweiterung ist das jetzt mittenmang in Europa. Ja, und da mitten in Europa droht jetzt eine Eskalation der Gewalt, wenn man Berlin glauben darf.

In Zwickau soll der Herr Müntefering ausgebuht worden sein. Jetzt stellen Sie sich doch das mal vor! Ausgebuht und mit Trillerpfeifen und Zwischenrufen traktiert, ausgerechnet der Münte, wo der doch sonst keinen anderen zu Wort kommen lässt.

Berlin macht sich auch Sorgen wegen dem Eierwurf auf den Bundesgerd.
Nein, nicht wegen dem Ei. Auch nicht darüber, dass das Ei nicht den getroffen hat, den es eigentlich treffen sollte. Da werden die Demonstranten in den nächsten Wochen wohl noch kräftig üben müssen. Berlin macht sich auch keine Sorgen wegen der Lebensmittelverschwendung oder weil der Eierwerfer gegen die EU-Verordnung zur fachgerechten Verwendung von Produkten freilaufender Hühner verstoßen haben könnte. Berlin macht sich Sorgen –ich zitiere jetzt die Frankfurter Rundschau – Berlin macht sich Sorgen um die “politische Kultur”.

Also als ich das gelesen hatte, musste ich mich erst mal hinsetzen und tief durchatmen. “Politische Kultur”, sowas habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Oder haben Sie etwa gewusst, dass es so etwas noch gibt. Das muss schon verdammt lang her sein, als es noch “politische Kultur” gab.
Nicht nur Berlin macht sich jetzt Sorgen um die “politische Kultur”, die Sorge sei sogar parteiübergreifend, schreibt die Frankfurter Rundschau. Also so parteiübergreifend kann das nicht gewesen sein, «denn Regierungssprecher Béla Anda sprach von “hasserfüllten Reaktionen” Einzelner. Es sei nicht hinnehmbar, dass diese Proteste politisch ausgenutzt würden, “etwa von der PDS”. Die PDS profitiert offenbar immer stärker von der Anti-Hartz-Stimmung im Osten. Nach einer Forsa-Umfrage käme sie in Brandenburg auf einen Stimmenanteil von 36 Prozent und wäre damit Wahlsieger. Auch in Sachsen legt die PDS zu, dort würde sie mit 24 Prozent ihren zweiten Platz behaupten. In beiden Ländern wird am 19. September gewählt, sowohl SPD als auch CDU müssen mit Verlusten rechnen

Also wenn das die Reaktionen Einzelner waren, dann verstehe aber ich die ganze Aufregung in Berlin nicht. Und diese Einzelnen gehen dann auch so oft zum Wählen, bis die PDS 36 % der Wählerstimmen hat? Das wäre ja Wahlbetrug! Sollte man da nicht neutrale Wahlbeobachter von der UNO einfliegen lassen?

Auch der Bundesgerd zeigte sich nach den zum Teil massiven Protesten sichtlich irritiert und verärgert. Die protestierenden Teilnehmer bei einer SPD-Wahlkampfveranstaltung in Leipzig bezeichnete er «als offenbar von der PDS und den Rechtsradikalen aufgehetzte Schreihälse. Wer glaubt, einen Sozialdemokraten mundtot machen zu können, der kennt die Geschichte nicht. Wir haben uns dem immer widersetzt, und das wird auch in Zukunft so sein. Verlasst euch drauf.»

Also wenn er Recht hat, dann hat er Recht - der Bundesgerd. Das habe ja ich schon im Geschichtsunterricht gelernt, dass die Sozis sich den Mund nicht verbieten ließen. Wenn die auf die Straße gegangen sind, weil ihnen irgendwas an der Regierung in Berlin nicht gefallen hat, dann haben die das laut gesagt. Die haben sich sogar schlagen und einsperren lassen für ihre politische Überzeugung. Und jetzt fängt der Bundesgerd an zu jammern und sieht die politische Kultur gefährdet, nur weil mal ein Ei zu dicht an ihm vorbeigesegelt ist.

Wenn man dem Chef der Polizeigewerkschaft Konrad Freiberg glauben darf, dann wird sich der Bundesgerd wohl an derartige Ereignisse gewöhnen müssen. Freiberg warnte vor neuen Angriffen auf Politiker bei öffentlichen Auftritten. Die Proteste würden noch zunehmen, meinte er in der Frankfurter Rundschau.

Dann sollte ich mich vielleicht vorsorglich mit Frischeiern eindecken, bevor die Preise für die kleinen aerodynamischen Wurfgeschosse ansteigen. Obwohl, wenn Eier knapp werden, könnten die Demonstranten ja immer noch auf Tomaten ausweichen.

Die würden von der Farbe her auch viel besser zu den Genossen passen, oder nicht?

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