Assistenzbedarf

23. August 2004 05:45

Es gibt Tage, da sollte man lieber im Bett bleiben. Tage an denen es einem einfach nicht gut geht. Obwohl man ansonsten ein guter Mensch und auch bei guter Gesundheit ist.Aber dann kommt’s Schlag auf Schlag. Man(n) oder Frau schreitet mit den Resten des langsam erkaltenden Frühstückkaffees oder Frühstückstees zum Computer, der endlich über Nacht die längst überfällige Komplettvirenprüfung nebst nachfolgender Datensicherung hinter sich gebracht zu haben scheint. Wenn, ja wenn da nicht das kleine Fensterchen auf dem Bildschirm wäre, das auf die Eingabe des Benutzers wartet: “Viren Check um 2:33 Uhr MEZ beendet – Gefundene Viren 0. Weiter mit Datensicherung? OK ESC HILFE”

Was hat sich der Programmierer dabei eigentlich gedacht? Dass der Anwender vor dem Computer sitzen bleibt und wartet bis diese Meldung kommt, um dann auf OK oder HILFE zu klicken? Oder dass der Benutzer sich den Wecker stellt und nachts aufsteht um durch Mausklick den Computer mit der Datensicherung zu beauftragen?

Vermutlich hat sich der unbekannte Softwareentwickler so viel gedacht wie meine Lieblingsfeindin Margaret von der Financial Times Deutschland. Die hatte vor ein paar Tagen wieder so ein Ding in der Zeitung stehen. Manchmal habe ich die Margaret ja im Verdacht, dass sie ihre Schreibe nicht ganz ernst oder gar ironisch meint. Allerdings habe ich dann den Zugang zu ihrem Humor noch nicht gefunden.

Was das jetzt mit meinem Computerproblem zu tun hat?
Ja die Margaret macht sich in der FTD Gedanken über die 1-Euro-Jobs die Deutschland aus der Beschäftigungslethargie reißen sollen.

Und heute nacht um 2:33 MEZ hätte ich einen Euro dafür gegeben, wenn jemand für mich auf das OK-Knöpfchen meiner Datensicherung gedrückt hätte.
Aber diese Person hätte dazu vermutlich diverse Papiere und unentbehrliche Bescheinigungen benötigt:

  • Nachtarbeiterlaubnisschein der Gewerkschaft Informationsverarbeitender Berufe
  • Qualifikationsnachweis zur Betätigung eines Microsoft zertifizierten OK-Buttons
  • Datenschutzverpflichtungserklärung des Verbandes der Peripherieoperatoren Südhessens
  • Bescheinigung der letzten Virenschutzimpfung
  • Tastaturbedienungsbefähigungsnachweis
  • aktuelles Strahlenbelastungszertifikat

Was bei weiblichen 1-Euro-OK-Knopf-Drückern noch alles an Formularen und Bescheinigungen vorgelegt werden muss, überlasse ich hiermit der Phantasie des Lesers.
Aber ich glaube dass mindestens eine Schwangerschaftsnegativerklärung benötigt wird, die aber nicht älter als drei Wochen sein darf. Und außerdem noch eine schriftliche Erklärung, dass die 1-Euro-OK-Knopf-Drückerin das Merkblatt für arbeitgeberseitige sexistische Belästigung und Mobbing gelesen und auch verstanden hat.

Unter diesen Bedingungen stünde einer Arbeitsaufnahme nichts mehr im Wege. Außer, ja außer das Wirtschaftsministerium hat kein Geld mehr, denn die sollen ja 6,3 Milliarden Euro für diese 1-Euro-Jobs zur Verfügung stellen.

Ich hab mir mal ausgerechnet, dass man damit 7.191.781 Langzeitarbeitslose an 365 Tagen je 24 Stunden lang beschäftigen könnte. Würde man die Leute an 365 Tagen nur 8 Stunden arbeiten lassen, könnten dadurch 21.575.342 Arbeitslose beschäftigt werden. Und die beste Wirkung kann man –für das gleiche Geld- erzielen, wenn die Arbeitslosen an 220 Tagen je 8 Stunden arbeiten, denn dann reicht das Geld für 35.795.455 neue Jobs.

Ich frag mich jetzt nur, warum wir das denn nicht gleich so gemacht haben. Oder hab ich da was falsch verstanden?

Also ich will mich jetzt ja nicht loben. Aber über die neuen Berufe habe ich mir schon lange vor der Margaret von der Financial Times Deutschland Gedanken gemacht.
Und jetzt ist mir gerade noch eine neue Möglichkeit für 1-Euro-Jobs eingefallen:

Kolumnist bei der Financial Times Deutschland.

Die Idee, in den Krankenhäusern auf 1-Euro-Basis Leute zu beschäftigen, die die Kranken besuchen und ihnen, um sie aufzumuntern etwas vorlesen, ist nach einem repräsentativen Feldversuch an der Universitätsklinik in Frankfurt von den Krankenhausverwaltungen abgelehnt worden, denn es hatte sich gezeigt, dass bei Frischoperierten, chronisch Kranken, Spätgebärenden und “Menschen mit Assistenzbedarf” das Vorlesen der Kolumne aus der FTD zu einer erhöhten Sterblichkeitsrate geführt hat.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 23. August 2004 um 05:45:09 und abgelegt unter Rauchzeichen, Politik | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

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23. August 2004 05:45

Es gibt Tage, da sollte man lieber im Bett bleiben. Tage an denen es einem einfach nicht gut geht. Obwohl man ansonsten ein guter Mensch und auch bei guter Gesundheit ist.Aber dann kommt’s Schlag auf Schlag. Man(n) oder Frau schreitet mit den Resten des langsam erkaltenden Frühstückkaffees oder Frühstückstees zum Computer, der endlich über Nacht die längst überfällige Komplettvirenprüfung nebst nachfolgender Datensicherung hinter sich gebracht zu haben scheint. Wenn, ja wenn da nicht das kleine Fensterchen auf dem Bildschirm wäre, das auf die Eingabe des Benutzers wartet: “Viren Check um 2:33 Uhr MEZ beendet – Gefundene Viren 0. Weiter mit Datensicherung? OK ESC HILFE”

Was hat sich der Programmierer dabei eigentlich gedacht? Dass der Anwender vor dem Computer sitzen bleibt und wartet bis diese Meldung kommt, um dann auf OK oder HILFE zu klicken? Oder dass der Benutzer sich den Wecker stellt und nachts aufsteht um durch Mausklick den Computer mit der Datensicherung zu beauftragen?

Vermutlich hat sich der unbekannte Softwareentwickler so viel gedacht wie meine Lieblingsfeindin Margaret von der Financial Times Deutschland. Die hatte vor ein paar Tagen wieder so ein Ding in der Zeitung stehen. Manchmal habe ich die Margaret ja im Verdacht, dass sie ihre Schreibe nicht ganz ernst oder gar ironisch meint. Allerdings habe ich dann den Zugang zu ihrem Humor noch nicht gefunden.

Was das jetzt mit meinem Computerproblem zu tun hat?
Ja die Margaret macht sich in der FTD Gedanken über die 1-Euro-Jobs die Deutschland aus der Beschäftigungslethargie reißen sollen.

Und heute nacht um 2:33 MEZ hätte ich einen Euro dafür gegeben, wenn jemand für mich auf das OK-Knöpfchen meiner Datensicherung gedrückt hätte.
Aber diese Person hätte dazu vermutlich diverse Papiere und unentbehrliche Bescheinigungen benötigt:

  • Nachtarbeiterlaubnisschein der Gewerkschaft Informationsverarbeitender Berufe
  • Qualifikationsnachweis zur Betätigung eines Microsoft zertifizierten OK-Buttons
  • Datenschutzverpflichtungserklärung des Verbandes der Peripherieoperatoren Südhessens
  • Bescheinigung der letzten Virenschutzimpfung
  • Tastaturbedienungsbefähigungsnachweis
  • aktuelles Strahlenbelastungszertifikat

Was bei weiblichen 1-Euro-OK-Knopf-Drückern noch alles an Formularen und Bescheinigungen vorgelegt werden muss, überlasse ich hiermit der Phantasie des Lesers.
Aber ich glaube dass mindestens eine Schwangerschaftsnegativerklärung benötigt wird, die aber nicht älter als drei Wochen sein darf. Und außerdem noch eine schriftliche Erklärung, dass die 1-Euro-OK-Knopf-Drückerin das Merkblatt für arbeitgeberseitige sexistische Belästigung und Mobbing gelesen und auch verstanden hat.

Unter diesen Bedingungen stünde einer Arbeitsaufnahme nichts mehr im Wege. Außer, ja außer das Wirtschaftsministerium hat kein Geld mehr, denn die sollen ja 6,3 Milliarden Euro für diese 1-Euro-Jobs zur Verfügung stellen.

Ich hab mir mal ausgerechnet, dass man damit 7.191.781 Langzeitarbeitslose an 365 Tagen je 24 Stunden lang beschäftigen könnte. Würde man die Leute an 365 Tagen nur 8 Stunden arbeiten lassen, könnten dadurch 21.575.342 Arbeitslose beschäftigt werden. Und die beste Wirkung kann man –für das gleiche Geld- erzielen, wenn die Arbeitslosen an 220 Tagen je 8 Stunden arbeiten, denn dann reicht das Geld für 35.795.455 neue Jobs.

Ich frag mich jetzt nur, warum wir das denn nicht gleich so gemacht haben. Oder hab ich da was falsch verstanden?

Also ich will mich jetzt ja nicht loben. Aber über die neuen Berufe habe ich mir schon lange vor der Margaret von der Financial Times Deutschland Gedanken gemacht.
Und jetzt ist mir gerade noch eine neue Möglichkeit für 1-Euro-Jobs eingefallen:

Kolumnist bei der Financial Times Deutschland.

Die Idee, in den Krankenhäusern auf 1-Euro-Basis Leute zu beschäftigen, die die Kranken besuchen und ihnen, um sie aufzumuntern etwas vorlesen, ist nach einem repräsentativen Feldversuch an der Universitätsklinik in Frankfurt von den Krankenhausverwaltungen abgelehnt worden, denn es hatte sich gezeigt, dass bei Frischoperierten, chronisch Kranken, Spätgebärenden und “Menschen mit Assistenzbedarf” das Vorlesen der Kolumne aus der FTD zu einer erhöhten Sterblichkeitsrate geführt hat.

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