Wehrpflicht

4. September 2007 05:45

Lieber Freund

Kaum ist das Sommerloch vorbei, in dem die üblichen aus Privatzoos entflohenen Tiere wieder für Schlagzeilen sorgen mussten, und schon konzentrieren sich Politik, Wirtschaft und Medien wieder darauf „dieses Land nachhaltig zu reformieren und als vollwertiges Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft für den internationalen Wettbewerb und den Kampf gegen den Terrorismus zu stärken“.

Bei einem der Themen, die dabei mehr so nebenbei hochgepoppt scheinen, handelt es sich um die seit dem Jahre 1956 existierende Wehrpflicht für „Männer vom vollendeten 18. Lebensjahr an, die Deutsche im Sinne des Grundgesetzes sind“.
Nach den Vorstellungen der SPD und ihrem Parteivorsitzenden Beck, der das Thema für sich nach seinem Truppenbesuch in Afghanistan entdeckt hat, soll die „Verpflichtung“ das Vaterland im Falle es Angriffs mit der Waffe zu verteidigen, durch eine „freiwillige Pflicht“ ersetzt werden, denn wir haben einfach zu viele potentielle Verteidiger und zu wenig Angreifer.
Diese Diskrepanz ist offensichtlich, denn die Bundeswehr ist zur Erhaltung der Truppenmoral (viel Feind, viel Ehr) zunehmend zu „Out of Area- Einsätzen“ gezwungen und muss unsere Soldaten zur Abwehr der „drohenden Gefahr für den Bestand oder die freiheitliche demokratische Grundordnung des Bundes oder eines Landes“ bereits zu den Angreifern hinfahren.
Nur unterliegen derartige „Feindberührungen“ außerhalb der Grenzen der Bundesrepublik Deutschland, übrigens aus gutem Grund, vielfältigen Regelungen und Einschränkungen, unter anderen durch den Paragraphen 87a des Grundgesetzes.

Das Problem unserer Politiker zur Sicherstellung der „Wehrgerechtigkeit“, bei der alle
„Männer vom vollendeten 18. Lebensjahr an, die Deutsche im Sinne des Grundgesetzes sind“, zur Wehrpflicht herangezogen werden, liegt nun wohl darin, dass es bisher noch nicht gelungen ist, sich in genügend, von den Großmächten angezettelten kriegerische Auseinandersetzungen einzumischen oder hineinziehen zu lassen und zeitgleich das Grundgesetz durch einen reformierten „Entsendeparagraphen für Streitkräfte“ sinnvoll zu ergänzen.

Also arbeitet man aus Gründen der „Wehrgerechtigkeit“ am Umbau einer Verteidigungsarmee, in der die „Bürger in Uniform“ ihr Land im Falle eines Angriffs „verteidigen“, zu einer international einsetzbaren „Berufsarmee“ nach dem Vorbild der USA.
Das kann und will man aber, zumindest in der Öffentlichkeit, so nicht diskutieren und hat sich deshalb als Deckmäntelchen die „Wiederherstellung der Gerechtigkeit bei der Heranziehung zum Wehrdienst“ übergezogen.
Und unter diesem Aspekt schauen Sie jetzt mal die Medien durch.
Während die SPD mehr „Wehrgerechtigkeit“ fordert und sich deshalb für eine „freiwillige Wehrpflicht“ ausspricht, macht sich die CDU für die Bekämpfung der „Wehr-Ungerechtigkeit“ stark.
Und ich kann Ihnen heute schon (auf Anfrage) verraten, was unter dem Strich dabei heraus kommen wird.

Zum Schluss noch eine persönliche Anmerkung zur „Wehrgerechtigkeit“ seit 40 Jahren und zum Dienst mit der Waffe für das Vaterland, der zu meiner Zeit noch 18 (in Worten: achtzehn) Monate dauerte.
Die Musterung war eine Farce, denn etwa die Hälfte aller Wehrpflichtigen hatte den Abend vorher gemeinsam durchgesoffen und war am frühen Morgen im Rudel am Ort der Musterung eingetroffen. Mein Ruhepuls betrug ca. 120 bei etwa 1,4 Promille Blutalkohol. Nach sechs Kniebeugen verlor ich die räumliche Orientierung, torkelte gegen den Arzt und musste mich auf den Boden setzen. Nach dem auch damals obligatorischen Griff an den Hoden erfolgte die kollektive Urinabgabe im Herrenpissoir durch Weiterreichen der Pinkelgefäße und am Ende wusste niemand mehr so richtig welchen Mix er da als „Eigenurin“ ausgab. Musterungsergebnis: Alle Wehrpflichtigen erhielten Tauglichkeitsgrad T1 oder T2.
Ausgemustert wurde während der drei Monate dauernden Grundausbildung lediglich ein Berufsmusiker - weil er auf dem rechten Ohr „fast taub“ war.
Soviel zur „Wehrgerechtigkeit“.
Und einem „Kriegsdienstverweigerer“ aus Gewissensgründen drohte damals noch der Entzug des Führerscheins, weil er diesen unter „gewissen Umständen“ ja auch als „Lizenz zum Töten“ verwenden konnte.
Das alles lag damals im „politischen Interesse“ zur Landesverteidigung gegen die roten Horden aus dem Ostland. Und im Falle eines solchen Angriffs sollte der Feind in einer Panzerschlacht in der Norddeutschen Tiefebene von den Kräften des Nordatlantischen Bündnisses vernichtend geschlagen werden.
Soweit der Plan, in dem dann später die Panzer durch weittragende amerikanische Atomraketen ersetzt wurden, deren Verwendung sicher zur vollständigen Vernichtung der BRD und DDR geführt hätte.

Heute liegt es nun im „politischen Interesse“ für die „notwendigen“ Auslandsmissionen zur Befriedung von Krisengebieten, Bekehrung rabiater Systemveränderer und Zivilisierung der dortigen Bevölkerung nach westlichem Vorbild über eine professionelle Berufsarmee aus „Freiwilligen“ zu verfügen, ohne dabei immer Rücksicht auf die „wehrpflichtigen Luschen“ und Bürger in Uniform nehmen zu müssen.
Übrigens stammen circa 40% der eingezogenen Wehrpflichtigen und 30% der Berufssoldaten aus den Neuen Bundesländern. Bei den Nachwuchsoffizieren sind es sogar 60% und beim Unteroffiziersnachwuchs 80%. „Der Grund für das starke Übergewicht Ostdeutschlands liegt an der Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber für Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit.“, schreibt dazu die TAZ.

Na das macht ja dann auch richtig Sinn für die Auslandseinsätze der Bundeswehr möglichst viele Ossis in der Berufsarmee zu haben, denn wie man den zahlreichen Medienberichten entnehmen kann, haben die doch schon als jugendliche Berufseinsteiger bereits ausgiebige Erfahrungen im Umgang mit Ausländern gemacht.
Soviel zur „Berufsarmee“.

Machopan
(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 4. September 2007 um 05:45:58 und abgelegt unter Rauchzeichen, Politik, Gesellschaft | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können ein Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlegen.

Eine Antwort zu “Wehrpflicht”

  1. Minotaurus meint:

    Das Problem einer Berufsarmee scheint mir ein völlig anderes zu sein.
    Vermutlich kennt jeder von uns den “Gammeldienst” bei der Bunten Wehr unseres Vaterlandes? Eine Berufsarmee wäre bei Weitem motivierter, effektiver (und möglicherweise sogar billiger?) als eine Armee von demotivierten Wehrpflichtigen.
    Das eigentliche Problem scheint mir nicht die vermeintliche Wehrgerechtigkeit (die es ohnehin nie gab), sondern eher eine mangelhafte Verankerung einer Berufsarmee im kollektiven Verständnis der Bevölkerung zu sein. Zu groß ist die Gefahr, daß eine eigenständige, weitgehend autonome Macht im bestehenden Machtapparat der jeweiligen Regierung entstehen könnte. Die (Putsch-)Erfahrungen aus anderen Bananenrepubliken spielen dabei sicher eine große Rolle. Und das wäre wohl das Allerwenigste, was eine funktionierende Parteiendemokratur wie die unserer wiedervereinigten BRDDR Täuschland brauchen könnte.
    Bei diesen grundsätzlichen Erwägungen spielen die Auslandseinsätze vermutlich nur eine sehr untergeordnete Rolle, obwohl auch diese mit einer reinen Berufsarmee wesentlich leichter zu bewerkstelligen wären.
    Im Grunde sollten wir - trotz aller Nachteile - froh sein, noch eine allgemeine Wehrpflicht zu haben. Die Alternative wäre möglicherweise eine Militärdiktatur.
    Wehrhafte Grüße vom Mino.

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4. September 2007 05:45

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Kaum ist das Sommerloch vorbei, in dem die üblichen aus Privatzoos entflohenen Tiere wieder für Schlagzeilen sorgen mussten, und schon konzentrieren sich Politik, Wirtschaft und Medien wieder darauf „dieses Land nachhaltig zu reformieren und als vollwertiges Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft für den internationalen Wettbewerb und den Kampf gegen den Terrorismus zu stärken“.

Bei einem der Themen, die dabei mehr so nebenbei hochgepoppt scheinen, handelt es sich um die seit dem Jahre 1956 existierende Wehrpflicht für „Männer vom vollendeten 18. Lebensjahr an, die Deutsche im Sinne des Grundgesetzes sind“.
Nach den Vorstellungen der SPD und ihrem Parteivorsitzenden Beck, der das Thema für sich nach seinem Truppenbesuch in Afghanistan entdeckt hat, soll die „Verpflichtung“ das Vaterland im Falle es Angriffs mit der Waffe zu verteidigen, durch eine „freiwillige Pflicht“ ersetzt werden, denn wir haben einfach zu viele potentielle Verteidiger und zu wenig Angreifer.
Diese Diskrepanz ist offensichtlich, denn die Bundeswehr ist zur Erhaltung der Truppenmoral (viel Feind, viel Ehr) zunehmend zu „Out of Area- Einsätzen“ gezwungen und muss unsere Soldaten zur Abwehr der „drohenden Gefahr für den Bestand oder die freiheitliche demokratische Grundordnung des Bundes oder eines Landes“ bereits zu den Angreifern hinfahren.
Nur unterliegen derartige „Feindberührungen“ außerhalb der Grenzen der Bundesrepublik Deutschland, übrigens aus gutem Grund, vielfältigen Regelungen und Einschränkungen, unter anderen durch den Paragraphen 87a des Grundgesetzes.

Das Problem unserer Politiker zur Sicherstellung der „Wehrgerechtigkeit“, bei der alle
„Männer vom vollendeten 18. Lebensjahr an, die Deutsche im Sinne des Grundgesetzes sind“, zur Wehrpflicht herangezogen werden, liegt nun wohl darin, dass es bisher noch nicht gelungen ist, sich in genügend, von den Großmächten angezettelten kriegerische Auseinandersetzungen einzumischen oder hineinziehen zu lassen und zeitgleich das Grundgesetz durch einen reformierten „Entsendeparagraphen für Streitkräfte“ sinnvoll zu ergänzen.

Also arbeitet man aus Gründen der „Wehrgerechtigkeit“ am Umbau einer Verteidigungsarmee, in der die „Bürger in Uniform“ ihr Land im Falle eines Angriffs „verteidigen“, zu einer international einsetzbaren „Berufsarmee“ nach dem Vorbild der USA.
Das kann und will man aber, zumindest in der Öffentlichkeit, so nicht diskutieren und hat sich deshalb als Deckmäntelchen die „Wiederherstellung der Gerechtigkeit bei der Heranziehung zum Wehrdienst“ übergezogen.
Und unter diesem Aspekt schauen Sie jetzt mal die Medien durch.
Während die SPD mehr „Wehrgerechtigkeit“ fordert und sich deshalb für eine „freiwillige Wehrpflicht“ ausspricht, macht sich die CDU für die Bekämpfung der „Wehr-Ungerechtigkeit“ stark.
Und ich kann Ihnen heute schon (auf Anfrage) verraten, was unter dem Strich dabei heraus kommen wird.

Zum Schluss noch eine persönliche Anmerkung zur „Wehrgerechtigkeit“ seit 40 Jahren und zum Dienst mit der Waffe für das Vaterland, der zu meiner Zeit noch 18 (in Worten: achtzehn) Monate dauerte.
Die Musterung war eine Farce, denn etwa die Hälfte aller Wehrpflichtigen hatte den Abend vorher gemeinsam durchgesoffen und war am frühen Morgen im Rudel am Ort der Musterung eingetroffen. Mein Ruhepuls betrug ca. 120 bei etwa 1,4 Promille Blutalkohol. Nach sechs Kniebeugen verlor ich die räumliche Orientierung, torkelte gegen den Arzt und musste mich auf den Boden setzen. Nach dem auch damals obligatorischen Griff an den Hoden erfolgte die kollektive Urinabgabe im Herrenpissoir durch Weiterreichen der Pinkelgefäße und am Ende wusste niemand mehr so richtig welchen Mix er da als „Eigenurin“ ausgab. Musterungsergebnis: Alle Wehrpflichtigen erhielten Tauglichkeitsgrad T1 oder T2.
Ausgemustert wurde während der drei Monate dauernden Grundausbildung lediglich ein Berufsmusiker - weil er auf dem rechten Ohr „fast taub“ war.
Soviel zur „Wehrgerechtigkeit“.
Und einem „Kriegsdienstverweigerer“ aus Gewissensgründen drohte damals noch der Entzug des Führerscheins, weil er diesen unter „gewissen Umständen“ ja auch als „Lizenz zum Töten“ verwenden konnte.
Das alles lag damals im „politischen Interesse“ zur Landesverteidigung gegen die roten Horden aus dem Ostland. Und im Falle eines solchen Angriffs sollte der Feind in einer Panzerschlacht in der Norddeutschen Tiefebene von den Kräften des Nordatlantischen Bündnisses vernichtend geschlagen werden.
Soweit der Plan, in dem dann später die Panzer durch weittragende amerikanische Atomraketen ersetzt wurden, deren Verwendung sicher zur vollständigen Vernichtung der BRD und DDR geführt hätte.

Heute liegt es nun im „politischen Interesse“ für die „notwendigen“ Auslandsmissionen zur Befriedung von Krisengebieten, Bekehrung rabiater Systemveränderer und Zivilisierung der dortigen Bevölkerung nach westlichem Vorbild über eine professionelle Berufsarmee aus „Freiwilligen“ zu verfügen, ohne dabei immer Rücksicht auf die „wehrpflichtigen Luschen“ und Bürger in Uniform nehmen zu müssen.
Übrigens stammen circa 40% der eingezogenen Wehrpflichtigen und 30% der Berufssoldaten aus den Neuen Bundesländern. Bei den Nachwuchsoffizieren sind es sogar 60% und beim Unteroffiziersnachwuchs 80%. „Der Grund für das starke Übergewicht Ostdeutschlands liegt an der Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber für Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit.“, schreibt dazu die TAZ.

Na das macht ja dann auch richtig Sinn für die Auslandseinsätze der Bundeswehr möglichst viele Ossis in der Berufsarmee zu haben, denn wie man den zahlreichen Medienberichten entnehmen kann, haben die doch schon als jugendliche Berufseinsteiger bereits ausgiebige Erfahrungen im Umgang mit Ausländern gemacht.
Soviel zur „Berufsarmee“.

Machopan
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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 4. September 2007 um 05:45:58 und abgelegt unter Rauchzeichen, Politik, Gesellschaft | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können ein Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlegen.

Eine Antwort zu “Wehrpflicht”

  1. Minotaurus meint:

    Das Problem einer Berufsarmee scheint mir ein völlig anderes zu sein.
    Vermutlich kennt jeder von uns den “Gammeldienst” bei der Bunten Wehr unseres Vaterlandes? Eine Berufsarmee wäre bei Weitem motivierter, effektiver (und möglicherweise sogar billiger?) als eine Armee von demotivierten Wehrpflichtigen.
    Das eigentliche Problem scheint mir nicht die vermeintliche Wehrgerechtigkeit (die es ohnehin nie gab), sondern eher eine mangelhafte Verankerung einer Berufsarmee im kollektiven Verständnis der Bevölkerung zu sein. Zu groß ist die Gefahr, daß eine eigenständige, weitgehend autonome Macht im bestehenden Machtapparat der jeweiligen Regierung entstehen könnte. Die (Putsch-)Erfahrungen aus anderen Bananenrepubliken spielen dabei sicher eine große Rolle. Und das wäre wohl das Allerwenigste, was eine funktionierende Parteiendemokratur wie die unserer wiedervereinigten BRDDR Täuschland brauchen könnte.
    Bei diesen grundsätzlichen Erwägungen spielen die Auslandseinsätze vermutlich nur eine sehr untergeordnete Rolle, obwohl auch diese mit einer reinen Berufsarmee wesentlich leichter zu bewerkstelligen wären.
    Im Grunde sollten wir - trotz aller Nachteile - froh sein, noch eine allgemeine Wehrpflicht zu haben. Die Alternative wäre möglicherweise eine Militärdiktatur.
    Wehrhafte Grüße vom Mino.

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