Verspäteter Großeinkauf

15. Oktober 2007 05:45

Lieber Freund

Kennen Sie eigentlich Trip Chowdry?
Oder anders herum gefragtt, kennen Sie den Unterschied zwischen der Financial Times Deutschland (FTD) und dem Handelsblatt?
Sie müssen nicht lange darüber nachdenken, denn ich kann es Ihnen sagen - es gibt (fast) keinen.

Die Berichterstattung in beiden „Wirtschaftszeitungen“ ist weitgehend identisch, in einigen Fällen sogar bis auf das Komma. Wer da von wem abschreibt und die Quellenangabe vergisst, ist eigentlich egal. Auf jeden Fall kann man sich das Lesen beider Presseerzeugnisse sparen. Wirtschaftliches Déjà-vu muss ja nicht unbedingt sein und außerdem kann man mit seiner knappen Zeit wirklich etwas Besseres anfangen, als abgekupferte Nachrichten zu lesen.

Zur größten Akquise der SAP in ihrer Firmengeschichte, den Erwerb von „Business Objects S.A.“ für schlaffe 4,8 Mrd. Euro melden die beiden Medien wie folgt:

FTD (SAP ringt sich zu Großeinkauf durch)
“SAP sollte mehr nach vorne schauen. Stattdessen begnügen sie sich mit den übrig gebliebenen Resten”, sagte Trip Chowdry von Global Equities Research. “Diese Übernahme hätte schon vor drei Jahren passieren müssen.” SAP müsse sich stärker auf Gebiete wie SOA konzentrieren - also auf Software, die das Zusammenspiel alter IT-Systeme mit neuen ermöglicht. “Im Krieg von morgen wird Business Objects wenig helfen.”

Handelsblatt (SAP kauft groß ein)
“SAP sollte mehr nach vorne schauen. Stattdessen begnügen sie sich mit den übrig gebliebenen Resten”, sagte Trip Chowdry von Global Equities Research. “Diese Übernahme hätte schon vor drei Jahren passieren müssen.” SAP müsse sich stärker auf Gebiete wie SOA konzentrieren - also auf Software, die das Zusammenspiel alter IT-Systeme mit neuen ermöglicht. “Im Krieg von morgen wird Business Objects wenig helfen.”

Es wird nun niemand ernsthaft behaupten wolle, dass derart gleiche Texte zufälligerweise durch die individuelle Schaffenskraft zweier Journalisten entstanden sind, wohl wurde hier eher aus dem Input einer ungenannt gebliebenen Nachrichtenagentur abgekupfert. Wer aber denkt dies würde durch reines Cut&Paste erfolgen sieht sich bei folgendem Beispiel getäuscht, denn die beiden folgenden Absätze weisen bei aller Identität doch einen gewissen Grad an journalistischer Individualität auf.
So schreibt die FTD:
„Der US-Konkurrent Oracle hatte im Bemühen, SAP den Rang abzulaufen, in den vergangenen Jahren für insgesamt 20 Mrd. $ Firmen aufgekauft, zuletzt Anfang des Jahres den Business-Objects-Rivalen Hyperion. Aus Sicht von Branchenexperten wird SAP seine Stellung mit Übernahmen wie der jetzt angekündigten aber kaum verteidigen können.“

Und das Handelsblatt:
„Der US-Konkurrent Oracle hatte im Bemühen, SAP den Rang abzulaufen, in den vergangenen Jahren für insgesamt 20 Milliarden Dollar Firmen aufgekauft, zuletzt Anfang des Jahres den Business-Objects-Rivalen Hyperion. Aus Sicht von Branchenexperten wird SAP seine Stellung mit Übernahmen wie der jetzt angekündigten aber kaum verteidigen können.“

Und jetzt raten Sie mal, wen Sie als dritten im Bunde finden, wenn Sie mit dem Text aus dem Handelsblatt googlen gehen - den FOCUS, der den völlig identischen Text (ebenfalls ohne Quellenangabe) unter dem Aufmacher „Rekordübernahme“ publiziert, was beweist, dass die FTD, zumindest was die Schreibweise von „20 Mrd. $“ angeht, ihre journalistische Selbstständigkeit unter Beweis gestellt hat.

Dass sich ein identischer Text auch im Manager Magazin findet, zeigt erneut, wie die vierte Macht im Staate durch journalistischer Schaffenskraft und unabhängige Berichterstattung zum Funktionieren unseres freiheitlich-demokratischen Gesellschaftssystems beiträgt, denn man hat immer eine eigene Meinung parat, solange man sie einfach von irgendwoher kopieren kann.

Das gilt auch für Tagesschau.de und Finanztreff.de, die allerdings angeben, dass sie das Ganze bei der FTD abgekupfert haben.

Um 11:22 Uhr taucht die (fast) wortgleiche Meldung dann auch bei Reuters auf.
Und danach geht es dann Schlag auf Schlag, und fast überall wird Trip Chowdry, der Analyst von Global Equities Research mit seinem Sprüchlein zitiert, dass „diese Übernahme schon vor drei Jahren hätte passieren müssen“.
Das ist übrigens der gleiche Trip Chowdry, der im April 2007 die Aktie von Google mit einen Kursziel von 425 US$ auf „neutral“ gestuft hatte.
Damals stand die Akte bei 475 US$, heute steht sie, wie von anderen Analysten erwartet auf knapp 600 US$.

Und jetzt spekulieren wir doch einfach mal darauf, dass der Analyst Trip Chowdry im Falle SAP mit seiner Einschätzung über die Entwicklung des Aktienkurses wieder mal genauso Recht hat.
Man gönnt sich ja sonst nichts, also machen wir doch mal das Beste aus diesem Informationsvorsprung, den uns die WELT-Online bereits im April 2007 serviert hat.

Machopan
(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 15. Oktober 2007 um 05:45:15 und abgelegt unter Rauchzeichen, Wirtschaft | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können ein Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlegen.

2 Antworten zu “Verspäteter Großeinkauf”

  1. JFK meint:

    Danke danke und nochmals danke! Sie werden immer besser. Ich für meinen Teil habe zumindest einen riesen Spaß hier.

  2. Fred Sky meint:

    Hallo Machopan,
    viele kennen Doping, aber Doppik ist was für Betriebswirte:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Doppik
    Wenn neben doppelter Buchführung auch die Presse doppelt berichtet, na, sicher ist sicher!
    Unsicher ist Doppik allerdings bei Ebay:
    http://cgi.ebay.de/Renault-Megane-Getriebe_W0QQitemZ300158725460QQihZ020QQcategoryZ61169QQssPageNameZWDVWQQrdZ1QQcmdZViewItem
    und/oder
    http://cgi.ebay.de/Getriebe-Renault-Megane-1-6_W0QQitemZ220153702555QQihZ012QQcategoryZ61169QQrdZ1QQssPageNameZWD1VQQcmdZViewItem
    Sicherlich ist irgendwo Sand im Getriebe, wie überall! Und da soll man sich zum Großeinkauf durchringen???
    MfG

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Verspäteter Großeinkauf

15. Oktober 2007 05:45

Lieber Freund

Kennen Sie eigentlich Trip Chowdry?
Oder anders herum gefragtt, kennen Sie den Unterschied zwischen der Financial Times Deutschland (FTD) und dem Handelsblatt?
Sie müssen nicht lange darüber nachdenken, denn ich kann es Ihnen sagen - es gibt (fast) keinen.

Die Berichterstattung in beiden „Wirtschaftszeitungen“ ist weitgehend identisch, in einigen Fällen sogar bis auf das Komma. Wer da von wem abschreibt und die Quellenangabe vergisst, ist eigentlich egal. Auf jeden Fall kann man sich das Lesen beider Presseerzeugnisse sparen. Wirtschaftliches Déjà-vu muss ja nicht unbedingt sein und außerdem kann man mit seiner knappen Zeit wirklich etwas Besseres anfangen, als abgekupferte Nachrichten zu lesen.

Zur größten Akquise der SAP in ihrer Firmengeschichte, den Erwerb von „Business Objects S.A.“ für schlaffe 4,8 Mrd. Euro melden die beiden Medien wie folgt:

FTD (SAP ringt sich zu Großeinkauf durch)
“SAP sollte mehr nach vorne schauen. Stattdessen begnügen sie sich mit den übrig gebliebenen Resten”, sagte Trip Chowdry von Global Equities Research. “Diese Übernahme hätte schon vor drei Jahren passieren müssen.” SAP müsse sich stärker auf Gebiete wie SOA konzentrieren - also auf Software, die das Zusammenspiel alter IT-Systeme mit neuen ermöglicht. “Im Krieg von morgen wird Business Objects wenig helfen.”

Handelsblatt (SAP kauft groß ein)
“SAP sollte mehr nach vorne schauen. Stattdessen begnügen sie sich mit den übrig gebliebenen Resten”, sagte Trip Chowdry von Global Equities Research. “Diese Übernahme hätte schon vor drei Jahren passieren müssen.” SAP müsse sich stärker auf Gebiete wie SOA konzentrieren - also auf Software, die das Zusammenspiel alter IT-Systeme mit neuen ermöglicht. “Im Krieg von morgen wird Business Objects wenig helfen.”

Es wird nun niemand ernsthaft behaupten wolle, dass derart gleiche Texte zufälligerweise durch die individuelle Schaffenskraft zweier Journalisten entstanden sind, wohl wurde hier eher aus dem Input einer ungenannt gebliebenen Nachrichtenagentur abgekupfert. Wer aber denkt dies würde durch reines Cut&Paste erfolgen sieht sich bei folgendem Beispiel getäuscht, denn die beiden folgenden Absätze weisen bei aller Identität doch einen gewissen Grad an journalistischer Individualität auf.
So schreibt die FTD:
„Der US-Konkurrent Oracle hatte im Bemühen, SAP den Rang abzulaufen, in den vergangenen Jahren für insgesamt 20 Mrd. $ Firmen aufgekauft, zuletzt Anfang des Jahres den Business-Objects-Rivalen Hyperion. Aus Sicht von Branchenexperten wird SAP seine Stellung mit Übernahmen wie der jetzt angekündigten aber kaum verteidigen können.“

Und das Handelsblatt:
„Der US-Konkurrent Oracle hatte im Bemühen, SAP den Rang abzulaufen, in den vergangenen Jahren für insgesamt 20 Milliarden Dollar Firmen aufgekauft, zuletzt Anfang des Jahres den Business-Objects-Rivalen Hyperion. Aus Sicht von Branchenexperten wird SAP seine Stellung mit Übernahmen wie der jetzt angekündigten aber kaum verteidigen können.“

Und jetzt raten Sie mal, wen Sie als dritten im Bunde finden, wenn Sie mit dem Text aus dem Handelsblatt googlen gehen - den FOCUS, der den völlig identischen Text (ebenfalls ohne Quellenangabe) unter dem Aufmacher „Rekordübernahme“ publiziert, was beweist, dass die FTD, zumindest was die Schreibweise von „20 Mrd. $“ angeht, ihre journalistische Selbstständigkeit unter Beweis gestellt hat.

Dass sich ein identischer Text auch im Manager Magazin findet, zeigt erneut, wie die vierte Macht im Staate durch journalistischer Schaffenskraft und unabhängige Berichterstattung zum Funktionieren unseres freiheitlich-demokratischen Gesellschaftssystems beiträgt, denn man hat immer eine eigene Meinung parat, solange man sie einfach von irgendwoher kopieren kann.

Das gilt auch für Tagesschau.de und Finanztreff.de, die allerdings angeben, dass sie das Ganze bei der FTD abgekupfert haben.

Um 11:22 Uhr taucht die (fast) wortgleiche Meldung dann auch bei Reuters auf.
Und danach geht es dann Schlag auf Schlag, und fast überall wird Trip Chowdry, der Analyst von Global Equities Research mit seinem Sprüchlein zitiert, dass „diese Übernahme schon vor drei Jahren hätte passieren müssen“.
Das ist übrigens der gleiche Trip Chowdry, der im April 2007 die Aktie von Google mit einen Kursziel von 425 US$ auf „neutral“ gestuft hatte.
Damals stand die Akte bei 475 US$, heute steht sie, wie von anderen Analysten erwartet auf knapp 600 US$.

Und jetzt spekulieren wir doch einfach mal darauf, dass der Analyst Trip Chowdry im Falle SAP mit seiner Einschätzung über die Entwicklung des Aktienkurses wieder mal genauso Recht hat.
Man gönnt sich ja sonst nichts, also machen wir doch mal das Beste aus diesem Informationsvorsprung, den uns die WELT-Online bereits im April 2007 serviert hat.

Machopan
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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 15. Oktober 2007 um 05:45:15 und abgelegt unter Rauchzeichen, Wirtschaft | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können ein Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlegen.

2 Antworten zu “Verspäteter Großeinkauf”

  1. JFK meint:

    Danke danke und nochmals danke! Sie werden immer besser. Ich für meinen Teil habe zumindest einen riesen Spaß hier.

  2. Fred Sky meint:

    Hallo Machopan,
    viele kennen Doping, aber Doppik ist was für Betriebswirte:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Doppik
    Wenn neben doppelter Buchführung auch die Presse doppelt berichtet, na, sicher ist sicher!
    Unsicher ist Doppik allerdings bei Ebay:
    http://cgi.ebay.de/Renault-Megane-Getriebe_W0QQitemZ300158725460QQihZ020QQcategoryZ61169QQssPageNameZWDVWQQrdZ1QQcmdZViewItem
    und/oder
    http://cgi.ebay.de/Getriebe-Renault-Megane-1-6_W0QQitemZ220153702555QQihZ012QQcategoryZ61169QQrdZ1QQssPageNameZWD1VQQcmdZViewItem
    Sicherlich ist irgendwo Sand im Getriebe, wie überall! Und da soll man sich zum Großeinkauf durchringen???
    MfG

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