Berliner Rede

17. Oktober 2007 05:45

Lieber Freund

Die Ungleichheit der Einkommensverteilung in Deutschland hat zugenommen“, sagte Bundespräsident Horst Köhler in seiner zweiten Berliner Rede und forderte weitere Reformen, denn „der breiten Mittelschicht gehe es zwar recht gut, Menschen mit geringem Einkommen kämen aber aus eigener Kraft nicht voran. Die Arbeitnehmer sollten stärker an den Erträgen der Unternehmen beteiligt werden“.

Das ist je jetzt nicht unbedingt neu und geistert in verschiedenen Variationen schon länger durch die ältere und jüngere deutsche Geschichte. Sogar die Restbestände der Sozialchaotischen Demokraten Deutschlands wollen jetzt erkannt haben, dass der Mensch mit einem Einkommen auch sein Auskommen haben sollte.
Dies hat jedoch weniger mit der Einsicht zu tun, dass stetig enger geschnallte Gürtel ihre physikalisch-biologischen Grenzen spätestens beim Erreichen des Durchmessers eines menschlichen Rückrats erreicht haben, sondern eher mit der Erkenntnis, dass es besser ist zurückzurudern, bevor man sich selbst das Wasser abgräbt.
Denn wer auf dem Wasser, mit dem sich die Wirtschaftsbosse gewaschen haben, nicht nur lustwandelt und seiner göttlichen Eingebung huldigt, sondern es nach dem Reinigen der eigenen Hände auch noch als Weihwasser für das Volk verwendet, bis es diesem bis zum Hals steht, der darf sich nicht wundern wenn er selbst nasse Füße bekommt, weil ihn „das Erbe Schröders“ in die Tiefe zieht.
Es besteht eben doch ein Unterschied zwischen „Glück auf“ und „Gluck Gluck“

Diese Befürchtung hegt wohl auch der Bundesköhler, denn er betonte, „der Aufstieg der einen darf nicht der Abstieg der anderen sein“, wobei die Wortwahl von „Aufstieg und Fall“ den Sachverhalt sicher besser beschrieben hätten.
Auch wenn, wie gewohnt, auch die zweite Berliner Rede des Bundespräsidenten von euphemistischen und dunklen Metaphern durchzogen war, wie ein Stracchino di Gorgonzola vom Schimmelpilz, gab es dennoch Lob, wenn auch von den Schäfchen im Trockenen am anderen Ufer.
So würdigte der FDP-Vorsitzende Westerwelle die Rede Köhlers als eine der „wichtigsten und besten Reden zur Globalisierung“, und Köhlers Hinweis, in der Reformpolitik nicht auf halbem Wege stehenzubleiben, sei eine ebenso „mutige wie notwendige Ermahnung der Bundesregierung“.

Angesichts dieser äußerst exakten Standortbestimmung „auf dem halben Weg“ muss man sich allerdings immer noch die Frage nach dem „wohin“ stellen, denn der Chronist mag nur erkennen, dass die Anführer die Geschwindigkeit und Beharrlichkeit ihres Strebens erhöhten, nachdem sie offensichtlich die Orientierung vollständig verloren hatten.
Derart orientierungslos wirkte da auch der Bundespräsident, der in den „mutigen Reformen der vergangenen Jahre einen wesentlichen Beitrag zum Rückgang der Arbeitslosigkeit sieht und sogar der Ansicht ist, dass Vollbeschäftigung möglich ist, wenn endlich alle Bürger gleiche Zugangschancen zu guter Bildung bekommen, denn Bildung ist die wichtigste Vorraussetzung für gesellschaftliche Gerechtigkeit und soziale Mobilität“.

Also kann es eigentlich nur besser werden, wenn wir unsere Politiker zur kollektiven Nachschulung schicken und von den Experten klären lassen, was denn konkret unter dem Begriff der „sozialen Mobilität“ zu verstehen ist.
Denn SPD-Vize Beck versteht darunter offensichtlich eine „Rolle rückwärts“, die Bundesangela einen „Trippelschritt seitwärts im Konjunktur-Cha-Cha-Cha“, Bundesfinanzminister Steinbrück den „Tanz ums goldene Kalb“ und Bundesarbeitsminister Müntefering sein jährliches wiederkehrendes Eierlaufen um die Lehrstellenplätze.

Weiter sagte Köhler: „Wir genießen heute ein so hohes Maß an Wohlstand wie nie zuvor in unserer Geschichte“, womit er sogar recht haben kann, weil er mit „wir“ ja nicht unbedingt den größten Teil unserer Bevölkerung gemeint haben muss.
Nachdem vor kurzem schon die Bundesangela darauf hingewiesen hatte, regte nun auch der Bundeshotte an „die Chancen und Lasten fair zu verteilen, denn in der Vergangenheit sei die wachsende Ungleichheit nur hingenommen worden, weil die Kurve für alle nach oben gewiesen habe“.
Das muss so bleiben“, sagte das Staatsoberhaupt in seiner Berliner Rede und der Chronist fragt sich, ob er damit nur die Verteilung der Lasten auf die eine Seite und der Chancen auf die andere Seite gemeint hat, oder die Kurven für die steigenden Unternehmensgewinne und die steigende Armut, oder alles zusammen, „denn erst das gute Miteinander hier bei uns befähigt uns zum guten Füreinander in der Welt“.

Nun geht der bundesdeutsche Trend seit Jahren ja mehr zum „Durcheinander und Gegeneinander“, aber wenn der Bundeshotte, der für seine Sicht der Dinge bekannt und seine onkelhaften Ratschläge an alle und niemand berüchtigt ist, damit recht haben sollte, dann sollte die Welt schon mal vorsichtshalber in Deckung gehen, denn der Bundeshotte neigt dazu seine „Berliner Reden“ an Orten zu halten, die er als „Brennpunkt“ und zum Thema passend erachtet.
Dieses Mal war es ein zum Kulturzentrum umgebauten Industriebau an der Spree(Kultur statt Kohle) und letztes Jahr musste die Kepler-Oberschule in Berlin-Neukölln daran glauben, als der Bundeshotte seine große Blase der „Bildung für alle“ über einer Verlierergeneration entleerte.

Wer weiß, an welchen Brennpunkten Köhler in den nächsten Jahren seine Reden schwingen wird?
Vielleicht vor der Arbeitsagentur Berlin Mitte, auf den Straßen von Wedding, Neukölln oder Kreuzberg, oder in einem Bundeswehrlazarett oder gleich auf dem Soldatenfriedhof?
Egal wo auch immer, aber etwas mehr „Berliner Schnauze“ in den „Berliner Reden“ des Herrn Bundespräsidenten, würde die Sache, zumindest für die Zuhörer, etwas erträglicher machen.

Machopan
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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 17. Oktober 2007 um 05:45:04 und abgelegt unter Rauchzeichen, Politik, Gesellschaft | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können ein Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlegen.

2 Antworten zu “Berliner Rede”

  1. veilchen meint:

    Erst einmal meinen Dank für diesen amüsanten und dennoch präzisen Kommentar. Mein Lob mag nicht sehr gewichtig sein, aber viele davon schon, oder? - Einfach super! -

    Wenn ich den Horsti so vernehme und er ständig weitere Reformen anmahnt, dann denke ich immer an Hundt und sein Rudel! - Allerdings frage ich mich ebenso, wie denn das Ende der “Reformen” aussehen mag, wenn dieser “Abschwung” jetzt schon als “Aufschwung” für uns gezählt wird? Was wird die Steigerung sein?
    Ich will dann keinen Fernseher mehr einschalten. Die bisherige Propaganda macht einen heute schon krank!
    Allerdings ist es doch recht positiv, wenn man Horsti nur sehr selten hört und sieht. Ich denke, seine Reden locken ohnehin keinen hinterm Ofen weg! Steht uns die nächste zu Weihnachten oder Neujahr bevor?
    Es ist unfair, wenn er noch rühmlich betont, dass er und seine Rotte ein hohes Mass an Wohlstand wie nie zuvor in der Geschichte erreicht haben, was man dem Volk zuvor abgeknüpft hat!
    Und Bildung für Alle? - Die Neoliberalen brauchen jede Menge auspressbares Menschenmaterial, was dumm genug ist, sich schikanieren zu lassen. Sie müssen nur ihr Maul halten und arbeiten, zu den Bedingungen, die man für sie ausguckt! Braucht man sie nicht mehr, schmeisst man sie weg! - Bei den Gebildeten hat man ja grössere Probleme, die fertigt man heute schon als “überqualifiziert” ab! SO GEBILDET SOLLEN SIE NATÜRLICH NICHT SEIN - wenn Ihr versteht, was ich meine.

  2. otti meint:

    Der bessere Horsti ist der Kabarettist Richling.

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Berliner Rede

17. Oktober 2007 05:45

Lieber Freund

Die Ungleichheit der Einkommensverteilung in Deutschland hat zugenommen“, sagte Bundespräsident Horst Köhler in seiner zweiten Berliner Rede und forderte weitere Reformen, denn „der breiten Mittelschicht gehe es zwar recht gut, Menschen mit geringem Einkommen kämen aber aus eigener Kraft nicht voran. Die Arbeitnehmer sollten stärker an den Erträgen der Unternehmen beteiligt werden“.

Das ist je jetzt nicht unbedingt neu und geistert in verschiedenen Variationen schon länger durch die ältere und jüngere deutsche Geschichte. Sogar die Restbestände der Sozialchaotischen Demokraten Deutschlands wollen jetzt erkannt haben, dass der Mensch mit einem Einkommen auch sein Auskommen haben sollte.
Dies hat jedoch weniger mit der Einsicht zu tun, dass stetig enger geschnallte Gürtel ihre physikalisch-biologischen Grenzen spätestens beim Erreichen des Durchmessers eines menschlichen Rückrats erreicht haben, sondern eher mit der Erkenntnis, dass es besser ist zurückzurudern, bevor man sich selbst das Wasser abgräbt.
Denn wer auf dem Wasser, mit dem sich die Wirtschaftsbosse gewaschen haben, nicht nur lustwandelt und seiner göttlichen Eingebung huldigt, sondern es nach dem Reinigen der eigenen Hände auch noch als Weihwasser für das Volk verwendet, bis es diesem bis zum Hals steht, der darf sich nicht wundern wenn er selbst nasse Füße bekommt, weil ihn „das Erbe Schröders“ in die Tiefe zieht.
Es besteht eben doch ein Unterschied zwischen „Glück auf“ und „Gluck Gluck“

Diese Befürchtung hegt wohl auch der Bundesköhler, denn er betonte, „der Aufstieg der einen darf nicht der Abstieg der anderen sein“, wobei die Wortwahl von „Aufstieg und Fall“ den Sachverhalt sicher besser beschrieben hätten.
Auch wenn, wie gewohnt, auch die zweite Berliner Rede des Bundespräsidenten von euphemistischen und dunklen Metaphern durchzogen war, wie ein Stracchino di Gorgonzola vom Schimmelpilz, gab es dennoch Lob, wenn auch von den Schäfchen im Trockenen am anderen Ufer.
So würdigte der FDP-Vorsitzende Westerwelle die Rede Köhlers als eine der „wichtigsten und besten Reden zur Globalisierung“, und Köhlers Hinweis, in der Reformpolitik nicht auf halbem Wege stehenzubleiben, sei eine ebenso „mutige wie notwendige Ermahnung der Bundesregierung“.

Angesichts dieser äußerst exakten Standortbestimmung „auf dem halben Weg“ muss man sich allerdings immer noch die Frage nach dem „wohin“ stellen, denn der Chronist mag nur erkennen, dass die Anführer die Geschwindigkeit und Beharrlichkeit ihres Strebens erhöhten, nachdem sie offensichtlich die Orientierung vollständig verloren hatten.
Derart orientierungslos wirkte da auch der Bundespräsident, der in den „mutigen Reformen der vergangenen Jahre einen wesentlichen Beitrag zum Rückgang der Arbeitslosigkeit sieht und sogar der Ansicht ist, dass Vollbeschäftigung möglich ist, wenn endlich alle Bürger gleiche Zugangschancen zu guter Bildung bekommen, denn Bildung ist die wichtigste Vorraussetzung für gesellschaftliche Gerechtigkeit und soziale Mobilität“.

Also kann es eigentlich nur besser werden, wenn wir unsere Politiker zur kollektiven Nachschulung schicken und von den Experten klären lassen, was denn konkret unter dem Begriff der „sozialen Mobilität“ zu verstehen ist.
Denn SPD-Vize Beck versteht darunter offensichtlich eine „Rolle rückwärts“, die Bundesangela einen „Trippelschritt seitwärts im Konjunktur-Cha-Cha-Cha“, Bundesfinanzminister Steinbrück den „Tanz ums goldene Kalb“ und Bundesarbeitsminister Müntefering sein jährliches wiederkehrendes Eierlaufen um die Lehrstellenplätze.

Weiter sagte Köhler: „Wir genießen heute ein so hohes Maß an Wohlstand wie nie zuvor in unserer Geschichte“, womit er sogar recht haben kann, weil er mit „wir“ ja nicht unbedingt den größten Teil unserer Bevölkerung gemeint haben muss.
Nachdem vor kurzem schon die Bundesangela darauf hingewiesen hatte, regte nun auch der Bundeshotte an „die Chancen und Lasten fair zu verteilen, denn in der Vergangenheit sei die wachsende Ungleichheit nur hingenommen worden, weil die Kurve für alle nach oben gewiesen habe“.
Das muss so bleiben“, sagte das Staatsoberhaupt in seiner Berliner Rede und der Chronist fragt sich, ob er damit nur die Verteilung der Lasten auf die eine Seite und der Chancen auf die andere Seite gemeint hat, oder die Kurven für die steigenden Unternehmensgewinne und die steigende Armut, oder alles zusammen, „denn erst das gute Miteinander hier bei uns befähigt uns zum guten Füreinander in der Welt“.

Nun geht der bundesdeutsche Trend seit Jahren ja mehr zum „Durcheinander und Gegeneinander“, aber wenn der Bundeshotte, der für seine Sicht der Dinge bekannt und seine onkelhaften Ratschläge an alle und niemand berüchtigt ist, damit recht haben sollte, dann sollte die Welt schon mal vorsichtshalber in Deckung gehen, denn der Bundeshotte neigt dazu seine „Berliner Reden“ an Orten zu halten, die er als „Brennpunkt“ und zum Thema passend erachtet.
Dieses Mal war es ein zum Kulturzentrum umgebauten Industriebau an der Spree(Kultur statt Kohle) und letztes Jahr musste die Kepler-Oberschule in Berlin-Neukölln daran glauben, als der Bundeshotte seine große Blase der „Bildung für alle“ über einer Verlierergeneration entleerte.

Wer weiß, an welchen Brennpunkten Köhler in den nächsten Jahren seine Reden schwingen wird?
Vielleicht vor der Arbeitsagentur Berlin Mitte, auf den Straßen von Wedding, Neukölln oder Kreuzberg, oder in einem Bundeswehrlazarett oder gleich auf dem Soldatenfriedhof?
Egal wo auch immer, aber etwas mehr „Berliner Schnauze“ in den „Berliner Reden“ des Herrn Bundespräsidenten, würde die Sache, zumindest für die Zuhörer, etwas erträglicher machen.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 17. Oktober 2007 um 05:45:04 und abgelegt unter Rauchzeichen, Politik, Gesellschaft | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können ein Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlegen.

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  1. veilchen meint:

    Erst einmal meinen Dank für diesen amüsanten und dennoch präzisen Kommentar. Mein Lob mag nicht sehr gewichtig sein, aber viele davon schon, oder? - Einfach super! -

    Wenn ich den Horsti so vernehme und er ständig weitere Reformen anmahnt, dann denke ich immer an Hundt und sein Rudel! - Allerdings frage ich mich ebenso, wie denn das Ende der “Reformen” aussehen mag, wenn dieser “Abschwung” jetzt schon als “Aufschwung” für uns gezählt wird? Was wird die Steigerung sein?
    Ich will dann keinen Fernseher mehr einschalten. Die bisherige Propaganda macht einen heute schon krank!
    Allerdings ist es doch recht positiv, wenn man Horsti nur sehr selten hört und sieht. Ich denke, seine Reden locken ohnehin keinen hinterm Ofen weg! Steht uns die nächste zu Weihnachten oder Neujahr bevor?
    Es ist unfair, wenn er noch rühmlich betont, dass er und seine Rotte ein hohes Mass an Wohlstand wie nie zuvor in der Geschichte erreicht haben, was man dem Volk zuvor abgeknüpft hat!
    Und Bildung für Alle? - Die Neoliberalen brauchen jede Menge auspressbares Menschenmaterial, was dumm genug ist, sich schikanieren zu lassen. Sie müssen nur ihr Maul halten und arbeiten, zu den Bedingungen, die man für sie ausguckt! Braucht man sie nicht mehr, schmeisst man sie weg! - Bei den Gebildeten hat man ja grössere Probleme, die fertigt man heute schon als “überqualifiziert” ab! SO GEBILDET SOLLEN SIE NATÜRLICH NICHT SEIN - wenn Ihr versteht, was ich meine.

  2. otti meint:

    Der bessere Horsti ist der Kabarettist Richling.

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