Sprachspeichersystem

9. Juni 2008 08:05

Lieber Freund

Vor einigen Tagen war ein Anruf beim Amt fällig, um die lästige, jährlich wiederkehrende Zahlung von Kleinststeuerbeträgen zu regeln, denn die Ämter gehen im Rahmen des „Bürokratieabbaus“ vermehrt dazu über, Verwaltungsarbeiten auf den wehrlosen Bürger zu übertragen.

Konkret ging es in meinem Falle um einen Jahresteuerbetrag in Höhe von 16,18 Euro für eine an einen Landwirt verpachtete Streuobstwiese und den Anfang des Fiskaljahres fälligen Steuerbescheid mit 12-stelligem Buchungszeichen, in dem dann dem Steuerpflichtigen mitgeteilt wird, dass er diesen Betrag an die Stadtkasse zu überweisen habe und man ihm für diese gewaltige Summe die Möglichkeit der Ratenzahlung gewährt.
Neu war eigentlich nur der Zusatz, dass dieser Bescheid auch für die Folgejahre gilt, sofern nicht ein neuer Bescheid ergeht.
Und genau da steckt der Hase im Detail, denn die Überwachung der fristgerechten Steuerzahlung wird damit elegant auf den Steuerpflichtigen verlagert und nicht fristgerechte Steuerzahlung hat meist äußerst unangenehme Folgen mit Zwangsgeld und heftigstem Behördenärger. Man hat da so seine Erfahrungen!

Der Steuerpflichtige kann sich nun zur Erinnerung an die Steuerzahlung des nächsten Jahres einen Knoten ins Taschentuch oder einen Eintrag in den Terminkalender machen. Außerdem benötigt er eine Kopie dieses Steuerbescheides, denn das Original ist sicher zum nächsten Zahlungstermin zusammen mit der Steuererklärung für das Vorjahr noch beim Steuerberater und wird anschließend viele Wochen und Monate beim Finanzamt auf Bearbeitung harren.

Ein entsprechender Dauerauftrag bei der Bank wäre sicher nicht schlecht um das Problem zu lösen, mag der eine oder andere Steuerzahler meinen. Doch auch hier ist es die schlechte Erfahrung des Individuums, dass die Banken
1. für Daueraufträge meist Gebühren verlangen, die bei Zahlung kleiner Beträge durchaus im zweistelligen Prozentbereich des Überweisungsbetrages liegen können
2. bei der Stornierung bzw. Änderung von Daueraufträgen gewisse Fristen in Tagen oder gar Wochen vor Ultimo setzen

Sollte also im Folgejahr doch ein neuer Steuerbescheid kommen, weil sich die Behörde zur Verbesserung ihrer Einnahmensituation zu einer Erhöhung des steuerlichen Hebesatzes auf der Basis der Grundstückspreise von 1922 (oder ähnlichem) entschieden hat, dann gelingt es dem Steuerpflichtigen meist nicht mehr fristgereicht den bestehenden Dauerauftrag zu widerrufen. Die fianziellen und juristischen Folgen eines solchen Vorgangs sind nicht unerheblich.

Was also macht der ordentliche Steuerzahler, um Ärger mit dem Amte zu vermeiden und bei ständig steigenden Wochenarbeitszeiten seine knappe „freie“ Zeit nicht mit der Bewältigung des „Bürokratieabbaus“ verbringen zu müssen?
Er ruft beim Amt an und klärt die Möglichkeit eines für beide Seiten besseren Zahlungsmodus durch fristgerechte „Lastschrift“ oder „Abbuchungserlaubnis“ vom Konto des Steuerpflichtigen, der sich bei diesem Verfahren darauf beschränken kann, durch seiner Hände Arbeit bis zum Zahlungstermin für Kontodeckung zu sorgen.

Nun ist es ja nicht so, dass die Telefonnummern beim Amt in irgendeiner Relation zur Anzahl der Mitarbeiter dieses Amtes stehen muss, denn zumindest die von mir gewählten Rufnummern scheinen immer zu leeren Schreibtischen zu führen oder zu Sachbearbeitern des Amtes, die

a. gerade nicht im Raum
b. gerade auf Schulung
c. gerade in einer Besprechung
d. gerade in Urlaub oder
e. gerade krank

sind.
Dennoch scheint niemand im Amt die Einrichtung einer Telefonumleitung bzw. zumindest einer „OoO-Message“ (Out-of-Office) zu kennen oder für nötig zu halten.
Statt mehrfach vergeblich anrufen zu müssen und sich nach minutenlangem Klingeln Sorgen um das Wohlbefinden des Sachbearbeiters machen zu müssen, würde sich doch so mancher Anrufer über die Information freuen, dass der Mitarbeiter heute aus persönlichen oder gar dienstlichen Gründen leider nicht am Amtsgeschehen teilnehmen kann.

So geschehen heute bei oben eingangs erwähntem Anruf beim Amt.
Nach mehrmaligem Läuten in der Amtsstube meldet sich eine weibliche Stimme, offensichtlich vom Band und verkündete mir, dass der gewählte Teilnehmer der Nebenstelle 65 sein „Sprachspeichersystem“ aktiviert habe und man nunmehr die Möglichkeit habe eine „Sprachnachricht“ auf dem „Sprachspeichersystem“ zu hinterlassen.

SprachspeichersystemIch, der ich nun bestimmt nicht auf den Mund gefallen bin, war sprachlos und fühlte mich spontan zurückversetzt in das Jahr 1985, als die Firma IBM mit einem „Sprachspeichersystem“ die zeitlichen Grenzen aufhob und gesprochene Nachrichten verteilt und abgelegt werden konnten, ohne dass dazu ein direkter Kontakt der Gesprächspartner notwendig ist.
“Die Kommunikation kann zeitlich verschoben stattfinden - sowohl im internen Wahlverkehr als auch im öffentlichen Netz. Diese Art der Telefonkommunikation wird ermöglicht durch die Digitalisierung der analogen Sprachsignale. In Abhängigkeit vom Verkehrsvolumen und anderen Parametern sollen bis zu 3000 Benutzer auf das System zugreifen können.“ hieß es damals in der Ausgabe der Computerwoche 43/1985.

Es stimmt sicher nicht nur mich zuversichtlich, dass dieses „Sprachspeichersystem“ nunmehr in einer süddeutschen Behörde erfolgreich installiert werden konnte und fortan im Rahmen des Bürokratieabbaus zum Nutzen der Bürger zur Verfügung steht.

Bevor ich vergesse es zu erwähnen, ich war, bedingt durch eine spontan auftretende Reaktion meines eigenen „Spracherzeugungssystems“, das sich kurzfristig völlig meiner Kontrolle entzog, nicht in der Lage dem Sachbearbeiter der Behörde eine „gesprochene Sprachnachricht“ auf seinem „Sprachspeichersystem“ zu hinterlassen.
Sollten Ihnen aber jemand erzählen, dass er auf seinem „Sprachspeichersystem“ ein hirschartiges Brunftröhren vorgefunden hätte, gefolgt von schallendem Hyänengeheul und dem Grunzen eines kapitalen Warzenschweins, das nach einigen Minuten in das leise Schluchzen und Wimmern eines gerade verendenden Gremlins überging - dann verraten Sie mich bitte nicht.

Machopan
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Dieser Beitrag wurde geschrieben am 9. Juni 2008 um 08:05:41 und abgelegt unter Rauchzeichen, Gesellschaft, Persönliches | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

2 Antworten zu “Sprachspeichersystem”

  1. Fred Sky meint:

    Hallo Machopan,
    anhand der von Dir abschließend geschilderten Geräusche könnte der Finanzbeamte schlußfolgern, daß Du Sieger bei “Deutschland sucht den Superstar” geworden bist und unversteuerte Einkünfte wittern. Bei Kunst und Kultur werden Honorarverträge voll ausgezahlt und sind selbst zu versteuern. Bei den Amis gibt es Kopfgeldjäger, sollte es auch bei uns geben (sozial ist, was Arbeit schafft). Also lasse Deine Gesangesbemühungen und lies lieber dem Sprachspeichersystem aus der Vielzahl Deiner guten Beiträge vor mit folgenden Vorteilen:
    1. ein Beamter muß es sich anhören, er weiß ja nicht, was noch zum Thema kommt
    2. Du testest die Dauer des Aufzeichnungssystems und die Dauer der Geduld des Beamten
    3. der Beamte wird lehrreich unterrichtet, darf aber nichts annehmen
    4. das Sprachspeichersystem wird künftig abgeschaltet
    5. für reuige Steuersünder erfolgt die Rückkehr zum Rosenkranz
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rosenkranz
    siehe dort Wochenschema
    MfG

  2. otti meint:

    Hoffentlich entdecken unsere Bürokraten nicht auch noch die kostenpflichtige Hotline!
    Bürokratieabbau der Verwaltung bleibt als Mehraufwand beim Bürger hängen.

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Sprachspeichersystem

9. Juni 2008 08:05

Lieber Freund

Vor einigen Tagen war ein Anruf beim Amt fällig, um die lästige, jährlich wiederkehrende Zahlung von Kleinststeuerbeträgen zu regeln, denn die Ämter gehen im Rahmen des „Bürokratieabbaus“ vermehrt dazu über, Verwaltungsarbeiten auf den wehrlosen Bürger zu übertragen.

Konkret ging es in meinem Falle um einen Jahresteuerbetrag in Höhe von 16,18 Euro für eine an einen Landwirt verpachtete Streuobstwiese und den Anfang des Fiskaljahres fälligen Steuerbescheid mit 12-stelligem Buchungszeichen, in dem dann dem Steuerpflichtigen mitgeteilt wird, dass er diesen Betrag an die Stadtkasse zu überweisen habe und man ihm für diese gewaltige Summe die Möglichkeit der Ratenzahlung gewährt.
Neu war eigentlich nur der Zusatz, dass dieser Bescheid auch für die Folgejahre gilt, sofern nicht ein neuer Bescheid ergeht.
Und genau da steckt der Hase im Detail, denn die Überwachung der fristgerechten Steuerzahlung wird damit elegant auf den Steuerpflichtigen verlagert und nicht fristgerechte Steuerzahlung hat meist äußerst unangenehme Folgen mit Zwangsgeld und heftigstem Behördenärger. Man hat da so seine Erfahrungen!

Der Steuerpflichtige kann sich nun zur Erinnerung an die Steuerzahlung des nächsten Jahres einen Knoten ins Taschentuch oder einen Eintrag in den Terminkalender machen. Außerdem benötigt er eine Kopie dieses Steuerbescheides, denn das Original ist sicher zum nächsten Zahlungstermin zusammen mit der Steuererklärung für das Vorjahr noch beim Steuerberater und wird anschließend viele Wochen und Monate beim Finanzamt auf Bearbeitung harren.

Ein entsprechender Dauerauftrag bei der Bank wäre sicher nicht schlecht um das Problem zu lösen, mag der eine oder andere Steuerzahler meinen. Doch auch hier ist es die schlechte Erfahrung des Individuums, dass die Banken
1. für Daueraufträge meist Gebühren verlangen, die bei Zahlung kleiner Beträge durchaus im zweistelligen Prozentbereich des Überweisungsbetrages liegen können
2. bei der Stornierung bzw. Änderung von Daueraufträgen gewisse Fristen in Tagen oder gar Wochen vor Ultimo setzen

Sollte also im Folgejahr doch ein neuer Steuerbescheid kommen, weil sich die Behörde zur Verbesserung ihrer Einnahmensituation zu einer Erhöhung des steuerlichen Hebesatzes auf der Basis der Grundstückspreise von 1922 (oder ähnlichem) entschieden hat, dann gelingt es dem Steuerpflichtigen meist nicht mehr fristgereicht den bestehenden Dauerauftrag zu widerrufen. Die fianziellen und juristischen Folgen eines solchen Vorgangs sind nicht unerheblich.

Was also macht der ordentliche Steuerzahler, um Ärger mit dem Amte zu vermeiden und bei ständig steigenden Wochenarbeitszeiten seine knappe „freie“ Zeit nicht mit der Bewältigung des „Bürokratieabbaus“ verbringen zu müssen?
Er ruft beim Amt an und klärt die Möglichkeit eines für beide Seiten besseren Zahlungsmodus durch fristgerechte „Lastschrift“ oder „Abbuchungserlaubnis“ vom Konto des Steuerpflichtigen, der sich bei diesem Verfahren darauf beschränken kann, durch seiner Hände Arbeit bis zum Zahlungstermin für Kontodeckung zu sorgen.

Nun ist es ja nicht so, dass die Telefonnummern beim Amt in irgendeiner Relation zur Anzahl der Mitarbeiter dieses Amtes stehen muss, denn zumindest die von mir gewählten Rufnummern scheinen immer zu leeren Schreibtischen zu führen oder zu Sachbearbeitern des Amtes, die

a. gerade nicht im Raum
b. gerade auf Schulung
c. gerade in einer Besprechung
d. gerade in Urlaub oder
e. gerade krank

sind.
Dennoch scheint niemand im Amt die Einrichtung einer Telefonumleitung bzw. zumindest einer „OoO-Message“ (Out-of-Office) zu kennen oder für nötig zu halten.
Statt mehrfach vergeblich anrufen zu müssen und sich nach minutenlangem Klingeln Sorgen um das Wohlbefinden des Sachbearbeiters machen zu müssen, würde sich doch so mancher Anrufer über die Information freuen, dass der Mitarbeiter heute aus persönlichen oder gar dienstlichen Gründen leider nicht am Amtsgeschehen teilnehmen kann.

So geschehen heute bei oben eingangs erwähntem Anruf beim Amt.
Nach mehrmaligem Läuten in der Amtsstube meldet sich eine weibliche Stimme, offensichtlich vom Band und verkündete mir, dass der gewählte Teilnehmer der Nebenstelle 65 sein „Sprachspeichersystem“ aktiviert habe und man nunmehr die Möglichkeit habe eine „Sprachnachricht“ auf dem „Sprachspeichersystem“ zu hinterlassen.

SprachspeichersystemIch, der ich nun bestimmt nicht auf den Mund gefallen bin, war sprachlos und fühlte mich spontan zurückversetzt in das Jahr 1985, als die Firma IBM mit einem „Sprachspeichersystem“ die zeitlichen Grenzen aufhob und gesprochene Nachrichten verteilt und abgelegt werden konnten, ohne dass dazu ein direkter Kontakt der Gesprächspartner notwendig ist.
“Die Kommunikation kann zeitlich verschoben stattfinden - sowohl im internen Wahlverkehr als auch im öffentlichen Netz. Diese Art der Telefonkommunikation wird ermöglicht durch die Digitalisierung der analogen Sprachsignale. In Abhängigkeit vom Verkehrsvolumen und anderen Parametern sollen bis zu 3000 Benutzer auf das System zugreifen können.“ hieß es damals in der Ausgabe der Computerwoche 43/1985.

Es stimmt sicher nicht nur mich zuversichtlich, dass dieses „Sprachspeichersystem“ nunmehr in einer süddeutschen Behörde erfolgreich installiert werden konnte und fortan im Rahmen des Bürokratieabbaus zum Nutzen der Bürger zur Verfügung steht.

Bevor ich vergesse es zu erwähnen, ich war, bedingt durch eine spontan auftretende Reaktion meines eigenen „Spracherzeugungssystems“, das sich kurzfristig völlig meiner Kontrolle entzog, nicht in der Lage dem Sachbearbeiter der Behörde eine „gesprochene Sprachnachricht“ auf seinem „Sprachspeichersystem“ zu hinterlassen.
Sollten Ihnen aber jemand erzählen, dass er auf seinem „Sprachspeichersystem“ ein hirschartiges Brunftröhren vorgefunden hätte, gefolgt von schallendem Hyänengeheul und dem Grunzen eines kapitalen Warzenschweins, das nach einigen Minuten in das leise Schluchzen und Wimmern eines gerade verendenden Gremlins überging - dann verraten Sie mich bitte nicht.

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  1. Fred Sky meint:

    Hallo Machopan,
    anhand der von Dir abschließend geschilderten Geräusche könnte der Finanzbeamte schlußfolgern, daß Du Sieger bei “Deutschland sucht den Superstar” geworden bist und unversteuerte Einkünfte wittern. Bei Kunst und Kultur werden Honorarverträge voll ausgezahlt und sind selbst zu versteuern. Bei den Amis gibt es Kopfgeldjäger, sollte es auch bei uns geben (sozial ist, was Arbeit schafft). Also lasse Deine Gesangesbemühungen und lies lieber dem Sprachspeichersystem aus der Vielzahl Deiner guten Beiträge vor mit folgenden Vorteilen:
    1. ein Beamter muß es sich anhören, er weiß ja nicht, was noch zum Thema kommt
    2. Du testest die Dauer des Aufzeichnungssystems und die Dauer der Geduld des Beamten
    3. der Beamte wird lehrreich unterrichtet, darf aber nichts annehmen
    4. das Sprachspeichersystem wird künftig abgeschaltet
    5. für reuige Steuersünder erfolgt die Rückkehr zum Rosenkranz
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rosenkranz
    siehe dort Wochenschema
    MfG

  2. otti meint:

    Hoffentlich entdecken unsere Bürokraten nicht auch noch die kostenpflichtige Hotline!
    Bürokratieabbau der Verwaltung bleibt als Mehraufwand beim Bürger hängen.

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