Neudenker

24. November 2008 05:45

Lieber Freund

Die lachsrosa Financial Times Deutschland (FTD) ist nach eigenem Befinden, “das wegweisende Wirtschafts- und Finanzmedium für Entscheider, die neu denken.

Getreu dieser Philosophie kann es dann auch nicht ausbleiben, dass die FTD im Rahmen ihres journalistischen “Leerauftrages” den Neudenkern unter ihren Lesern auch das kleine Börsen-Einmaleins erklären darf.
Angeregt durch das aktuelle Börsengeschehen ging es diesmal um “Leerverkäufe” die im Rahmen der Reihe “Märkte im Aufruhr” näher erklärt wurden, denn so die FTD “die Finanzkrise führt zu schweren Erschütterungen an den Börsen. Von New York aus greifen die Schockwellen nach Asien genauso aus wie nach Europa und Leerverkäufer beherrschen momentan die Schlagzeilen. Dabei ist die Methode des Leerverkaufs genauso alt wie der Börsenhandel:
Investoren verkaufen eine Aktie, hoffen auf fallende Kurse und kaufen sie später billiger zurück. Eine spezielle Spielart sind ungedeckte Leerverkäufe. Dabei schließen Spekulanten keinen Leihvertrag ab, sondern verkaufen die Aktie - ohne Aussicht darauf, sich später mit dem Papier eindecken zu können”
.

Nun sollte man von einem wegweisenden Wirtschafts- und Finanzmedium für neudenkende Entscheider zumindest einen inhaltlichen Tiefgang wie bei Wikipedia erwarten können, denn offensichtlich ist in der Redaktion der FTD der kleine Unterschied zwischen Investoren und Spekulanten (noch) nicht bekannt.

Ein Investor ist (mit Geld) investiert und verkauft seinen Anteil an diesem Investment.
Ein Leerverkäufer dagegen ist nicht (mit Geld) investiert, verkauft also etwas was er sich
a. als „short seller“ nur vorübergehend geliehen hat oder
b. als „naked short seller“ gar nicht besitzt.

Im realen Leben sind derartige Geschäftspraktiken im Strafgesetzbuch (StGB) beschrieben, wobei nicht nur die handelnden Personen mit Gefängnisstrafen bis zu 10 Jahren bedacht werden, sondern auch noch die nicht ganz uneigennützigen Veranstalter von unerlaubten Glückspielen mit Gefängnisstrafen bis zu 5 Jahren nicht völlig leer ausgehen.
Man muss sich vor dem Hintergrund der “Finanzkrise” nur mal den §261 StGB durchlesen und das Wort “Bande” durch “Bank” oder “Hedgefond” ersetzen und das Wort “Mitglied” durch “Vorstand” und “Manager”.

Verbunden mit der konsequenten Anwendung des §266 StGB und des §284 StGB wurden sich die Zuchthäuser der Nation nicht nur mit den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Banken und Versicherungen füllen, sondern auch noch mit den Betreibern der “Handelsplätze“.
Aber, wie immer, steckt auch hier der Teufel wieder im Detail.
So kommt der §284 StGB natürlich nur bei “unerlaubten” Glücksspielen zur Anwendung und $263 StGB (Betrug) bezieht sich eben nur auf die Verschaffung “rechtwidriger” Vermögensvorteile durch den/die Täter.

Ja, so ist das eben in einem Rechtsstaat, der zwar Verkehrsteilnehmer die als Raser und Drängler mit zu geringem Sicherheitsabstand das Leben ihres Vordermannes gefährden mit satten Geldstrafen belegt und im Wiederholungsfall gnadenlos aus dem Verkehr zieht, aber bei Finanzmarktteilnehmer, die als Spekulanten und Zocker die Existenz ganzer Gesellschaften und Wirtschaftsysteme gefährden die Hände untätig in den Schoß legt und an das Märchen von den sich “selbstregulierenden” Kräften des Marktes glaubt.

Aber mal ehrlich, würden Sie etwas bei einem nackten Mann mit einem leeren Einkaufswagen kaufen, der Ihnen frühmorgens auf dem Parkplatz von ALDI verspricht die irische Butter, die im Laden für zwei Euro je Pfund zu haben ist, am späten Nachmittag für 1,90 Euro zu verkaufen? Natürlich nur wenn Sie sofort bezahlen?
Sicher nicht, denn Sie sind ja kein “Investor” und verstehen sicher auch nichts von “selbstregulierenden Finanzmärkten” und “globalisierten innovativen Geldgeschäften”.
Aber was nicht ist, das kann ja noch werden.
Genau deshalb lesen Sie doch auch die Financial Times Deutschland.
Sie Neudenker, Sie!

Machopan
(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 24. November 2008 um 05:45:22 und abgelegt unter Rauchzeichen, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

4 Antworten zu “Neudenker”

  1. otti meint:

    Denken, das Vorrecht von Menschen.
    Warum gibt es so wenig davon?
    Von der Neuen Asozialen Marktwirtschaft zum Neudenkerischen rheinischen Kapitalismus? Was die sich alles ausdenken!
    Ein korrupt-betrügerisches System kann man nicht neu denken, sondern nur ausmerzen - mit Stumpf und Stiel.

  2. Fred Sky meint:

    Neues Denken???
    Früher betrieb man ja in der DDR verstärkt Champignonzucht: Alles schön im Dunkeln lassen, öfters eine Fuhre Mist draufstreuen, und wenn dann helle Köpfe herausgucken - abschneiden! Heute wird das natürlich moderner und ökologisch betrieben, von darauf spezialisierten Denkfabriken. Die Bewässerung, Nährstoffzuführung und Ernte erfolgt über Breitbandkabel. Daher ist auch das “Gießkannenprinzip”, wie z.B. Radio, Fernsehen, Zeitungen u.a. nicht effizient und sollte in dieser Form abgeschafft werden. Gezielte “Förderung” durch Interaktion bringt mehr Nutzen, man kann dem Pilz quasi beim Wachsen zuschauen. Davon ernähren sich wiederum die Denkfabriken, also ein beiderseitiger Vorteil. Die Testamentsvollstrecker müssen ihre Weisheiten nicht mehr ausschließlich aus alten Schriften ableiten, z.B. das SGB aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 47, nein, dem Pharao erschließt sich die Möglichkeit, sich außer Geld, Wertgegenständen, Vieh und Land auch den Geist der Untertanen anzueignen. Gegenwärtig ist das nur sehr provisorisch über die gepeicherten Verbindungsdaten möglich. “Wir bauen für Sie” steht auf der Autobahn, da muß man schon Baustellen wie Wikipedia akzeptieren. Nur noch ein Quantensprung zum göttlichen Quantencomputer. Tipp: Schon jetzt alle nur erdenklichen Belege mit GPS-Koordinaten, Betreff, Datum und Zeit versehen, damit Gott später die Welt auch ordentlich regieren kann. Er wird dann lässig vor dem “Spieglein, Spieglein an der Wand” hocken, interessante vorhandene Datenbestände selektiv übereinander blenden und nach dem Prinzip der Fehlfarbenfotografie auswerten. Die Vergangenheit wird auf der dargestellten Erdoberfläche farblich lebendig, vor und zurück per Fernbedienung. Nach diesem Filmerlebnis weiß man, was zu erwarten ist und wird zum Propheten.

  3. Fred Sky meint:

    PS: Habe vergessen, mich zu entschuldigen.
    “Die Selbstkritik hat viel für sich.
    Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
    So hab ich erstens den Gewinn,
    Daß ich so hübsch bescheiden bin;
    Zum zweiten denken sich die Leut,
    Der Mann ist lauter Redlichkeit;
    Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
    Vorweg den andern Kritiküssen;
    Und viertens hoff ich außerdem
    Auf Widerspruch, der mir genehm.
    So kommt es denn zuletzt heraus,
    Daß ich ein ganz famoses Haus.”
    Busch (Wilhelm), nicht Joseph Saulus Paulus (Ackermann)

  4. otti meint:

    Wenn Denkfabriken zu Propaganda-Klitschen verkommen …

Eine Nachricht hinterlassen

*Notwendig
*Notwendig (wird nicht veröffentlicht)
 

Neudenker

24. November 2008 05:45

Lieber Freund

Die lachsrosa Financial Times Deutschland (FTD) ist nach eigenem Befinden, “das wegweisende Wirtschafts- und Finanzmedium für Entscheider, die neu denken.

Getreu dieser Philosophie kann es dann auch nicht ausbleiben, dass die FTD im Rahmen ihres journalistischen “Leerauftrages” den Neudenkern unter ihren Lesern auch das kleine Börsen-Einmaleins erklären darf.
Angeregt durch das aktuelle Börsengeschehen ging es diesmal um “Leerverkäufe” die im Rahmen der Reihe “Märkte im Aufruhr” näher erklärt wurden, denn so die FTD “die Finanzkrise führt zu schweren Erschütterungen an den Börsen. Von New York aus greifen die Schockwellen nach Asien genauso aus wie nach Europa und Leerverkäufer beherrschen momentan die Schlagzeilen. Dabei ist die Methode des Leerverkaufs genauso alt wie der Börsenhandel:
Investoren verkaufen eine Aktie, hoffen auf fallende Kurse und kaufen sie später billiger zurück. Eine spezielle Spielart sind ungedeckte Leerverkäufe. Dabei schließen Spekulanten keinen Leihvertrag ab, sondern verkaufen die Aktie - ohne Aussicht darauf, sich später mit dem Papier eindecken zu können”
.

Nun sollte man von einem wegweisenden Wirtschafts- und Finanzmedium für neudenkende Entscheider zumindest einen inhaltlichen Tiefgang wie bei Wikipedia erwarten können, denn offensichtlich ist in der Redaktion der FTD der kleine Unterschied zwischen Investoren und Spekulanten (noch) nicht bekannt.

Ein Investor ist (mit Geld) investiert und verkauft seinen Anteil an diesem Investment.
Ein Leerverkäufer dagegen ist nicht (mit Geld) investiert, verkauft also etwas was er sich
a. als „short seller“ nur vorübergehend geliehen hat oder
b. als „naked short seller“ gar nicht besitzt.

Im realen Leben sind derartige Geschäftspraktiken im Strafgesetzbuch (StGB) beschrieben, wobei nicht nur die handelnden Personen mit Gefängnisstrafen bis zu 10 Jahren bedacht werden, sondern auch noch die nicht ganz uneigennützigen Veranstalter von unerlaubten Glückspielen mit Gefängnisstrafen bis zu 5 Jahren nicht völlig leer ausgehen.
Man muss sich vor dem Hintergrund der “Finanzkrise” nur mal den §261 StGB durchlesen und das Wort “Bande” durch “Bank” oder “Hedgefond” ersetzen und das Wort “Mitglied” durch “Vorstand” und “Manager”.

Verbunden mit der konsequenten Anwendung des §266 StGB und des §284 StGB wurden sich die Zuchthäuser der Nation nicht nur mit den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Banken und Versicherungen füllen, sondern auch noch mit den Betreibern der “Handelsplätze“.
Aber, wie immer, steckt auch hier der Teufel wieder im Detail.
So kommt der §284 StGB natürlich nur bei “unerlaubten” Glücksspielen zur Anwendung und $263 StGB (Betrug) bezieht sich eben nur auf die Verschaffung “rechtwidriger” Vermögensvorteile durch den/die Täter.

Ja, so ist das eben in einem Rechtsstaat, der zwar Verkehrsteilnehmer die als Raser und Drängler mit zu geringem Sicherheitsabstand das Leben ihres Vordermannes gefährden mit satten Geldstrafen belegt und im Wiederholungsfall gnadenlos aus dem Verkehr zieht, aber bei Finanzmarktteilnehmer, die als Spekulanten und Zocker die Existenz ganzer Gesellschaften und Wirtschaftsysteme gefährden die Hände untätig in den Schoß legt und an das Märchen von den sich “selbstregulierenden” Kräften des Marktes glaubt.

Aber mal ehrlich, würden Sie etwas bei einem nackten Mann mit einem leeren Einkaufswagen kaufen, der Ihnen frühmorgens auf dem Parkplatz von ALDI verspricht die irische Butter, die im Laden für zwei Euro je Pfund zu haben ist, am späten Nachmittag für 1,90 Euro zu verkaufen? Natürlich nur wenn Sie sofort bezahlen?
Sicher nicht, denn Sie sind ja kein “Investor” und verstehen sicher auch nichts von “selbstregulierenden Finanzmärkten” und “globalisierten innovativen Geldgeschäften”.
Aber was nicht ist, das kann ja noch werden.
Genau deshalb lesen Sie doch auch die Financial Times Deutschland.
Sie Neudenker, Sie!

Machopan
(c) Copyright Machopan - Alle Rechte vorbehalten

Dieser Beitrag wurde geschrieben am 24. November 2008 um 05:45:22 und abgelegt unter Rauchzeichen, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft | Add to mister Wong. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Zum Ende springen und Kommentar hinterlassen. Trackbacks sind geschlossen.

4 Antworten zu “Neudenker”

  1. otti meint:

    Denken, das Vorrecht von Menschen.
    Warum gibt es so wenig davon?
    Von der Neuen Asozialen Marktwirtschaft zum Neudenkerischen rheinischen Kapitalismus? Was die sich alles ausdenken!
    Ein korrupt-betrügerisches System kann man nicht neu denken, sondern nur ausmerzen - mit Stumpf und Stiel.

  2. Fred Sky meint:

    Neues Denken???
    Früher betrieb man ja in der DDR verstärkt Champignonzucht: Alles schön im Dunkeln lassen, öfters eine Fuhre Mist draufstreuen, und wenn dann helle Köpfe herausgucken - abschneiden! Heute wird das natürlich moderner und ökologisch betrieben, von darauf spezialisierten Denkfabriken. Die Bewässerung, Nährstoffzuführung und Ernte erfolgt über Breitbandkabel. Daher ist auch das “Gießkannenprinzip”, wie z.B. Radio, Fernsehen, Zeitungen u.a. nicht effizient und sollte in dieser Form abgeschafft werden. Gezielte “Förderung” durch Interaktion bringt mehr Nutzen, man kann dem Pilz quasi beim Wachsen zuschauen. Davon ernähren sich wiederum die Denkfabriken, also ein beiderseitiger Vorteil. Die Testamentsvollstrecker müssen ihre Weisheiten nicht mehr ausschließlich aus alten Schriften ableiten, z.B. das SGB aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 47, nein, dem Pharao erschließt sich die Möglichkeit, sich außer Geld, Wertgegenständen, Vieh und Land auch den Geist der Untertanen anzueignen. Gegenwärtig ist das nur sehr provisorisch über die gepeicherten Verbindungsdaten möglich. “Wir bauen für Sie” steht auf der Autobahn, da muß man schon Baustellen wie Wikipedia akzeptieren. Nur noch ein Quantensprung zum göttlichen Quantencomputer. Tipp: Schon jetzt alle nur erdenklichen Belege mit GPS-Koordinaten, Betreff, Datum und Zeit versehen, damit Gott später die Welt auch ordentlich regieren kann. Er wird dann lässig vor dem “Spieglein, Spieglein an der Wand” hocken, interessante vorhandene Datenbestände selektiv übereinander blenden und nach dem Prinzip der Fehlfarbenfotografie auswerten. Die Vergangenheit wird auf der dargestellten Erdoberfläche farblich lebendig, vor und zurück per Fernbedienung. Nach diesem Filmerlebnis weiß man, was zu erwarten ist und wird zum Propheten.

  3. Fred Sky meint:

    PS: Habe vergessen, mich zu entschuldigen.
    “Die Selbstkritik hat viel für sich.
    Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
    So hab ich erstens den Gewinn,
    Daß ich so hübsch bescheiden bin;
    Zum zweiten denken sich die Leut,
    Der Mann ist lauter Redlichkeit;
    Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
    Vorweg den andern Kritiküssen;
    Und viertens hoff ich außerdem
    Auf Widerspruch, der mir genehm.
    So kommt es denn zuletzt heraus,
    Daß ich ein ganz famoses Haus.”
    Busch (Wilhelm), nicht Joseph Saulus Paulus (Ackermann)

  4. otti meint:

    Wenn Denkfabriken zu Propaganda-Klitschen verkommen …

Eine Nachricht hinterlassen

*Notwendig
*Notwendig (wird nicht veröffentlicht)